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Am Telephon Juli 25, 2006, 21:20

Posted by Lila in Bloggen, Land und Leute.
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regelt man jetzt vieles, was man in friedlicheren Zeiten von Angesicht zu Angesicht besprochen hätte. So rief mich vorhin der neue Schulleiter unseres Zentrums für Hochbegabte an. Mit der vorherigen Schulleiterin hatte ich einen ausgezeichneten Draht, und ich dachte, „na wer weiß“, als es hieß, sie hört auf. Der neue Schulleiter ist jung und – Mathematiker. Würde er mich weiter beschäftigen wollen, mit meinen ganz und gar geisteswissenschaftlichen Themen?

Eine Besprechung fiel aus, wegen „der Lage“. Ein persönliches Treffen fand nicht statt – „die Lage“. Die Hochschule, an der sich unser Zentrum befindet, ist geschlossen. So rief er mich eben an, um mir zu sagen, daß er nichts verändert, daß ich genauso wie im vergangenen Jahr mein kleines Plätzchen unter all den Meeresbiologen, Astronomen und Physikern finde. Erfreuliche Neuigkeiten! Als er meinte, wegen „der Lage“ könnte er vieles nicht rechtzeitig schaffen, fragte ich ihn, wo er denn wohnt. „In Hod ha Sharon“, meinte er. Die Sharonebene ist in der Nähe von Tel Aviv, also kein gefährdetes Gebiet. Ich meinte, „da mußt du dir ja keine großen Sorgen machen“, und er sagte, „das sagst du so einfach. Erinnerst du dich, als vor ein paar Tagen im Sharon-Gebiet ein potentieller Selbstmordattentäter gejagt wurde?“ Oh ja, wie könnte ich das vergessen, der riesige Stau legte den ganzen Großraum Tel Aviv lahm – und das ist immerhin ein großer Teil des Landes!

„Also“, sagte der Schulleiter, „sie haben den Mann auch gefunden, und weißt du auch, wo? Unter meinem Haus! Wir wohnen nämlich in einem Neubaugebiet, und um unser Haus herum sind jede Menge Baustellen. Da arbeiten auch viele illegale Arbeiter aus den besetzten Gebieten. Die haben wohl den Mann reingeschmuggelt, der einen Anschlag verüben sollte. Er hat sich ein Versteck gesucht, und weil mein Haus noch nicht ganz fertig ist, kann man sich da ganz gut verstecken. Ich war nicht zuhause, aber mein Sohn. Wegen „der Lage“ mit dem ganzen Alarm und so hatte ich ihn zu Hause gelassen, damit er in Sicherheit war. Meine Frau und ich kamen kaum ins Haus rein, so voll war alles mit Polizisten.“

Das war natürlich eine spannende Geschichte, und wer mich kennt, wird sich nicht wundern, daß meine erste Reaktion lautete, „oh, darf ich diese Geschichte auf deutsch bloggen?“ Er gab mir die Erlaubnis und ich glaube, er dachte, ich bin ein bißchen kukku, was ja auch stimmt. Und dann fragte er mich, „und wo wohnst du, habt ihr Katyushot?“

Ja, das war ein unerwartet herzliches Gespräch. Ist schon ein verrücktes Leben, das wir hier haben. Ich bin froh, wenn wieder stillere Zeiten einkehren, aber der Stoff zum Bloggen geht mir hier nicht so schnell aus.

Kommentare»

1. Mela - Juli 25, 2006, 22:48

Ja, nicht umsonst gilt der Wunsch „Mögest du in interessanten Zeiten leben“ als besonders perfide Form eines Fluchs…

Gute Nerven.

Daumendrückend,

Mela


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