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Ärger Juli 24, 2006, 22:25

Posted by Lila in Uncategorized.
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Viele Leute in Israel ärgern sich, weil der Staat noch nicht offiziell den Kriegszustand ausgerufen hat. Dabei sind wir im Krieg. Aber solange noch offiziell Frieden ist, muß der Staat keine Entschädigungen zahlen für Leute, die ihre Arbeitsplätze verloren haben, weil sie aus Furcht vor Raketen zuhause geblieben sind. Chabib Issa Awad, der gestern gestorben ist, war auf dem Weg zur Arbeit, ein anderer Toter starb am Arbeitsplatz. Es ist also kein Wunder, daß die Leute zuhause bleiben. Aber sie tun es auf eigene Verantwortung. Wenn sie Glück haben, hat der Arbeitgeber Verständnis. Oder eben nicht.

Viele Häuser, Wohnungen und Autos sind kaputt, zerlöchert von Splittern. (Von den Menschenleben möchte ich gar nicht erst reden, und Hunderte von Verletzten). Keiner weiß, ob und wie entschädigt wird, zumindest beklagen sich viele Bürger, daß alles viel zu lange dauert. Das ist ja auch verständlich, wir waren ja gar nicht auf einen Krieg eingerichtet, und die Versicherungen kommen ja gar nicht mit der Arbeit hinterher.

Der Norden, der auf Tourismus aufgebaut hat, ist menschenleer. Firmen verlieren Millionen. Eigentlich müßte sich in so einer Situation der Finanzminister starkmachen und versuchen, Lösungen zu finden. Aber er ist unsichtbar, keiner weiß, wie es weitergehen soll. Ein Drittel des Landes liegt still, besonders für kleine und mittlere Betriebe fast unmöglich, diese Lage weiter durchzuhalten. Wir haben Glück, daß Y. in der Fabrik unseres Kibbuz arbeitet, nah an zuhause, nur einen Sprung mit dem Mofa entfernt. Und ich kann mir leisten, während der Semesterferien hier zu bleiben, manches geht per Telefon, anderes wird schlicht verschoben. Der Kibbuz fängt manches auf. Hier gibt es Lebensmittel, unsere Kibbuzbank, die sogenannte „Hauskasse“, funktioniert.

Aber was machen Leute in der Stadt? Die Eltern meiner liebsten Freundin sitzen seit Tagen in einem überfüllten Bunker in einem nicht wohlhabenden Viertel in Haifa. Der Bunker macht auch keinen sehr stabilen Eindruck. Es hat schon Einschläge ganz in ihrer Gegend gegeben. Meine Freundin wohnt in der Nähe von Tel Aviv, kann gerade nicht weg, macht sich große Sorgen. Die Eltern haben Probleme, einkaufen zu gehen, aber sie wollen auch nicht weg aus Haifa. Besonders der Vater hat erklärt, er geht nirgendwo anders hin. Aber sie sind Rentner, was machen Leute, die noch arbeiten?

Wer aus dem Norden flüchtet, kommt bei Freunden unter, bei Freiwilligen oder in Hotels. Die haben natürlich die Preise erhöht, sie wollen vermutlich die Zeit nutzen, bis sie selbst unter Beschuß kommen – außerdem haben viele ausländische Gäste abgesagt. Haben die Evakuierten das Recht, diese Ausgaben mal wiederzubekommen?

Es gibt viele wohltätige Einrichtungen, die Essen an Bunkerbewohner verteilen, ihnen helfen, Geld abzuheben oder mit Behörden zu verhandeln. Ja es gibt sogar Freiwillige, die sich um zurückgelassene Haustiere kümmern. Aber zumindest durch die Medien (die sich natürllich auch auf solche Geschichten stürzen) geht der Eindruck, daß für die Menschen nicht gesorgt ist.

Irgendwann wird sich dieser Ärger entladen, weil er keine klare Adresse hat. Es rächt sich nun, daß Olmert Schlüsselfunktionen mit blassen Unbekannten wie Hirschson besetzt hat, die zwar seine zuverlässigen Freunde sind und vielleicht auch sehr tüchtig, die aber keinerlei Kontakt zu den Leuten herstellen können, die jetzt Hilfe brauchen. Selbst wenn es nur eine richtig gute Show wäre – es würde die Moral heben.

Oh, schon wieder eine Rakete in Galiläa.  Waldbrände. Ich bin unkonzentriert und übermüdet, lasse die Kinder nur abends raus (nachts wird bis jetzt wenig geschossen), bin mit den Nerven ziemlich fertig. Die Kinder löchern sich und mich den ganzen Tag über, puh. Zwar gehen mir die Ideen noch nicht aus, was man alles zuhause machen kann, mir gehen die Nerven aus, sie den ganzen Tag auf recht engem Raum so zu sortieren, daß sie sich nicht total nerven. Sie sind ja normalerweise mit Schule, Tennis, Fußball, Zoo, Töpferkurs, Kinderhauskursen und Reitstunden recht ausgefüllt. Das fällt nun alles weg. Freunde aus anderen Kibbuzim und Yokneam kommen nicht mehr, jeder sitzt am liebsten zuhause (außerdem haben die Leute in Yokneam Schutzräume im Haus, die wollen ihre Kinder hier bestimmt nicht hinschicken…). Tertia wollte ihre beste Freundin besuchen, die in den Norden gezogen ist, ha ha.

Abends gehen die Kinder also raus, mit den Nachbarn und Nachbarsenkel durchs Teleskop Sterne beobachten, Fußball spielen oder einfach nur mit Freunden draußen sitzen. Ich hoffe, die nächtliche relative Ruhe hält weiter an.

Es sind Luxusprobleme, aber trotzdem nagen sie an mir.  Und an den Kindern wohl auch.

Kommentare»

1. Leo - Juli 24, 2006, 23:21
2. problematik.net » war ciaries — blogging the war - Juli 25, 2006, 9:47

[…]   noch keine kommentare zu’war ciaries — blogging the war‘ RSS feed fuer kommentare und trackback URI fuer ‚war ciaries — blogging the war‘   […]

3. problematik.net - Juli 25, 2006, 9:47

war diaries — blogging the war

bloggers are giving the world a firsthand look at the situation in lebanon and israel [nyt]Take the town you live in. Imagine the hot spots, where people usually go to party and chill and just have fun. Imagine it effervescing with life, people all dr…

4. Boche - Juli 25, 2006, 11:26

Sag mal, Lila, kannst du nicht eine Hilfsorganisation oder ähnliches empfehlen, bei der man für Israels Kinder oder die Opfer der Angriffe spenden kann?
Du sitzt doch nah dran und kannst vielleicht am besten einschätzen, wer vertrauenswürdig ist. Oder?

5. stefan - Juli 25, 2006, 12:27

ich denke zur zeit benötigen eher menschen im libanon jede mögliche spende:

http://www.caritas.at/presse/presse_183_1646.html

6. Lila - Juli 25, 2006, 12:28

Hm, ich hab Spenden an palästinensische Familien immer privat gemacht, über FreundInnen. Und innerhalb Israels ist unser Kibbuz in Kontakt mit Pitchon Lev, da spenden wir für die Armen hier im Land, von denen es ja auch eine ganze Menge gibt.
http://www.givingwisely.org.il/cgi-bin/xGWexpandF.pl?language=E&amuta=472

Übrigens führt Giving Wisely alle gemeinnützigen Vereine Israels auf,
http://www.givingwisely.org/AmutotFull.htm

Da bin ich also überfragt. Ich glaube aber, es gibt vertrauenswürdige Organisationen oder die Kirche, an die man sich wenden kann. Zum Beispiel die Erlöserkirche in Jerusalem und Amman (wo ich Gemeindeglied bin), ich weiß, daß die sehr viel Gutes tun.
http://www.ekd.de/jerusalem/988.html

Und wenn in Deiner Nähe eine maronitische Gemeinde ist, kannst Du ja mal bei ihnen anfragen, ob sie Spenden weiterleiten. Mir scheint, von allen Angeschmierten sind die maronitischen Christen im Südlibanon am schlimmsten angeschmiert.

Irgendwie vertraue ich Kirchen instinktiv, ich weiß auch nicht warum 😉

7. Lila - Juli 25, 2006, 12:29

Stefan, da haben wir gleichzeitig gepostet, danke.

8. Boche - Juli 25, 2006, 12:39

@Stefan

Meine Spende soll gleichzeitig meine Solidarität mit dem angegriffenen Israel ausdrücken. Deshalb.
Aber die Libanesen brauchen natürlich auch Unterstützung. Nur vermute ich, dass sie die auch eher bekommen. Werden sie doch weltweit als Opfer der israelischen Agression dargestellt.

@Lila

Danke für die Links! Ich schaue mich da mal um.

9. Lila - Juli 25, 2006, 12:50

Boche, Dir wird aufgefallen sein, daß ich, im Gegensatz zu Stefan, an BEIDE Seiten gedacht habe.

10. Boche - Juli 25, 2006, 14:11

Ist mir aufgefallen, Lila.
Letztlich werde ich wohl auch meine Spende aufteilen.


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