Update Betancourt-Befreiung Juli 20, 2008, 16:52
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Wieder ein neuer Bericht über die israelische Verbindung:
Vanguardia’s correspondent in Tel Aviv said the Mossad operation consisted of two agents unknown to each other separately infiltrating FARC.
The pair managed to penetrate the Marxist guerrilla group so effectively that they ultimately controlled what FARC did or didn’t know, the Catalan newspaper said.
The Israeli and US secret services used unmanned spy drones to locate the camp where the hostage were held, Vanguardia said.
Ich gebe zu, daß das Lesen eines solchen Berichts eher qualvoll als alles andere ist. Ich wünschte, es würde eine solche Aktion auch für Gilad Shalit eingefädelt. Der Gedanke daran macht mich krank, daß er nach wie vor in einem Erdloch sitzt, seinen Bewachern hilflos ausgeliefert, und das schon mehr als zwei Jahre! Oh ich hoffe und wünsche, daß sie jemanden da einschleusen können… und bald, bitte.
Armer Libanon Juli 19, 2008, 23:06
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Ich möchte unseren nördlichen Nachbarn nichts unterstellen. Es gibt dort viele Menschen, die mutig gegen Syrien demonstriert haben, die israelische Musik hören, es gibt dort sehr viele verschiedene ethnische und religiöse Gruppen und interessante Blogger. Ich möchte gern zwischen Tätern und Opfern unterscheiden, und auch stumme Mitläufer möchte ich nicht einfach so verurteilen, bis ich selbst nicht mal ähnliche Courage bewiesen habe und unter Lebensgefahr das Maul aufgemacht habe. Es waren Südlibanesen, die mit Israel ein Bündnis geschlossen haben und in der Südlibanesischen Armee dafür kämpften, daß Nordisrael ruhig schlafen konnte. Fern sei von mir jede Verallgemeinerung, Y. hat Jahre im Libanon verbracht und sagt immer, daß es ein interessantes und vielschichtiges Land ist und das Nachbarland, mit dem er am liebsten einen Friedensvertrag sehen möchte.
Trotzdem muß dieses Bild einem zu denken geben.
Welches Druckmittel hat Nasrallah in der Hand, wie kann er den Präsidenten Michel Suliman zwingen, Samir Kuntar die Hand zu schütteln, unter den sehenden Augen des Parlamentspräsidenten Nabi Beri und des Premierministers Fouad Siniora? Entweder Nasrallah hat die gesamte politische Führung des Libanon als Geisel genommen. Oder aber sie haben sich freiwillig ergeben. Oder ein aus beiden Szenarios gemischtes Modell. Auf jeden Fall ist der Schluß unausweichlich, daß der nächste Angriff der Hisbollah auf uns, der ja schon angekündigt ist, ein Angriff des Libanon auf Israel ist.
Der letzte Krieg war so schwer zu führen, weil er kein “normaler” Krieg zwischen zwei Staaten war, sondern ein Krieg zwischen einem Staat und einer Terrororganisation, die einen anderen Staat als Operationsbasis mißbrauchte, mitsamt Zivilbevölkerung, unter die sich die Terroristen fröhlich mischten.
Der nächste Krieg wird nicht einfacher, aber ich glaube, wir müssen begreifen, daß Nasrallah heute nicht mehr in Opposition zur politischen Führung des Libanon steht. Siniora hat die Chance vertan, sich deutlich zu positionieren. Die UNIFIL hat es versäumt, die Hisbollah deutlich in die Schranken zu weisen und anderen libanesischen Kräften den Rücken zu stärken.
Was daraus folgert? Ich weiß nicht, was unsere Regierung und Armeeführung im nächsten Krieg anfangen werden. Aber mir scheint, die Situation für die Libanesen verschlechtert sich ständig. Für uns auch, zweifellos - aber wäre ich Libanesin, diese Bilder würden mir verdammt zu denken geben. Das ist eine Kapitulation, die die Bürger der Zedernproteste eigentlich nicht verdient haben. Halten sie still, nur weil es gegen Israel geht und dieser Zweck jedes Mittel zu heiligen scheint? Wissen sie, wie gefährlich das ist? Für uns, für sie?
Manchmal scheint es, als ob wir weiter wie Alice durchs Kaninchenloch rasten, immer dem Boden zu, doch aufgeschlagen sind wir noch lange nicht. Ja manchmal kommt es mir so vor, als sei dieses Loch bodenlos, als seien wir schon längst an den Antipoden rausgeplumpst und zögen nun eine sausend schnelle Umlaufbahn irgendwo im All. Ohne Ziel, ohne Ende.
Zum Thema:
Jerusalem Post, The new Libanon
Jerusalem Post, Hisbollah moves into every town in South Lebanon
Haaretz, What does Nasrallah mean by “defensive strategy”?
Israel Matzav
Sprachlähmung Juli 19, 2008, 12:42
Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.10 comments
Es ist wie verhext. Normalerweise habe ich mit dem Hebräischen keine Probleme. Im Laufe der Jahre habe ich mir einen ganz ordentlichen Wortschatz zurechtgelegt, was gar nicht so einfach ist, denn das Hebräische ist sehr sparsam mit Adjektiven, und wo andere Sprachen ein ganzes Arsenal auffahren, um Schönheit zu beschreiben, beschränkt sich das Hebräische auf ein knappes “yafe”.
Außerdem schnitze ich ja bekanntlich dauernd an meiner Sprache, höre besonders gut zu, wenn jemand redet, und beschließe, mir besonders elegante Redewendungen, Zitate und Überleitungen anzueignen. Dazu noch mein aussichtsloser Kampf gegen den bleifüßigen germanischen Akzent, der die falschen Silben betont, die falschen Vokale dehnt oder öffnet und die Konsonanten vorn im Mund plattmacht, statt sie hübsch in den Rachen fallen zu lassen. Ich sehe es schon als eindeutiges Kompliment an, wenn man mich nach dem Vortrag fragt, “woher kommst du eigentlich, bestimmt aus Europa?”, statt sofort Deutsch mit mir zu sprechen.
Doch nie fühle ich mich der Härte dieser Sprache hilfloser ausgeliefert als beim Spiel “eretz ir”, mir als “Stadt Land Fluß” bekannt. Da ich das Glück hatte, in einer spielverrückten Familie aufzuwachsen, habe ich mir immer was auf meine Fähigkeiten bei Stadt Land Fluß und Wortzerlegen zugutegetan - wir haben nächtelang Wörter zerlegt, daß es nur so eine Art hatte, und die kreativen Berufe, die besonders mein Stiefvater beim Stadt Land Fluß zu Papier brachte, waren legendär. Ich bewahre ein paar der alten Blätter auf, die seine Brillanz beweisen, und wir waren seine würdigen Mitstreiter.
Aber was nützt vergangener Ruhm?
Hier und heute wird das Blatt eingeteilt in “eretz, ir, chai, zomeach, domem, yeled, yalda, mikzoa” - also Land, Stadt, Tier, Pflanze, Gegenstand, Junge, Mädchen, Beruf. Gut. Ich nehme mir jedesmal eisern vor, nur hebräische Begriffe aufzuführen, doch sobald die Kinder den Buchstaben rufen, um den es in dieser Runde geht, tritt bei mir akute Sprachlähmung auf.
He???? Ich zermartere mir das Hirn, bis ich Hungaria hinschreibe. Eine Stadt mit he? Mir fällt nur Hamburg ein. Tier? Hobbit. Pflanze? Hibiskus. Junge? Hugo. Mädchen? Hildegard. Ja verflixt noch mal, gibt es sowas nicht auf Hebräisch? Die Kinder lassen es durchgehen, lachen über Hugo und gehen in die nächste Runde. “Mama, jetzt aber auf Hebräisch!” Ja ja schon gut.
Lamed! Ein einfacher Buchstabe. Latvia, Los Angeles. (”Mama, in Stadt und Land bist du gut”) Pflanze? Louisa, eine Art Zitronenmelisse. Tier? Löwin, oh, levia, das klingt so ähnlich. Und schon ist es aus. Ein Mädchenname mit lamed? Louisa. Geht Louisa auch als Beruf?
Chet? Keine Chance. Wer bitte ist schon so entartet, ein Land mit chet anfangen zu lassen? Mir fällt gar nichts mehr ein.
Mem! Das sollte doch einfach sein. Mem, mem… Mexiko. Marburg. Murmeltier. Mimi. Michael, oh gut, das gibts auch auf Ivrit. (”Mama, in allem anderen bist du aber gar nicht so gut!”) Murmeltier geht nicht? Maus vielleicht? Beruf Meckerfritze? Maurermeister? Me-me-mechaniker, oh - mechonai! Mechonai geht.
Shin! Kinder, das ist die letzte Runde, Mama kann nicht mehr. Shin, shin, oh Gott. Shvedia, gut. Shtrasburg, okay. Und nun? Gilt Shishlik als Pflanze? “Mama! Das ist doch was zu essen!” Gut, dann als Tier? Bitte? Auch ein Shishlik hat mal gelebt? Nichts da, zwei Punkte für Mama, nicht viel.
Die Kinder ziehen im Triumph ab, sie haben mich haushoch besiegt. Ich bleibe zurück und zermartere mein Gedächtnis nachträglich auf der Suche nach einem Gegenstand mit Vav. Oh, der vav selbst, das heißt nämlich Haken. Mensch, bin ich blöd, aber ich kann das Spiel einfach nicht auf Hebräisch spielen.
Mein einziger Trost: der EinzigWahre neben mir. Er hat sich in sein Sprachwerk von Berlitz vertieft, “Germanit für ewige Anfänger”. Er nimmt die Kopfhörer ab und sieht mich verzweifelt an. Warum die Deutschen immer nur an S*x denken, denn ohne den kann man kein Deutsch lernen, alles muß männlich, weiblich, sächlich sein, und warum? Warum der Auto, aber das Wagen? Er zerbricht sich die Zähne daran, “hier steht: klassisches Musik, klassisches Katze, sag du das doch mal, wie kann man sowas aussprechen?” Ich sage ganz lässig, “spätklassizistisches Kunsthandwerk”, er vergräbt wimmernd den Kopf im Sofakissen.
Das Shishlik ist gerächt!
Grenzen des Edelmuts Juli 18, 2008, 21:57
Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Land und Leute.16 comments
Freitagabendnachrichten. Alles voll mit Reportagen über Familie Regev, Familie Goldwasser, Trauer, Tod, ehemaligen Schulkameraden, die Journalisten holen auch den letzten Zentimeter Material heraus und quetschen jeden Zufall des Schicksals gründlichst aus. So die Tatsache, daß Goldwasser praktisch neben dem Haus, wo die Familie Haran gewohnt hat, zur Schule gegangen ist.
Y. und ich sehen uns an. Es sind vor zwei Jahren außer den beiden, diesen sehr tragischen Fällen, 119 Soldaten ums Leben gekommen. Kann keiner denn mal auch an die erinnern, die mit Regev und Goldwasser beim selben Überfall ums Leben gekommen sind, ganz zu schweigen die vielen anderen? Und was ist mit den Zivilisten, die gestorben sind in dem Krieg, von dem wir alle reden, sind die keine Erinnerung wert? Es ist zwei Jahre her, sollten wir nicht mal an alle Opfer denken? Vielleicht auch mal die von der anderen Seite, mal analysieren, wie Entscheidungen zustande kamen, ob man rückblickend nicht vielleicht Lehren zieht fürs nächste Mal und so weiter? Ob und wie man Zivilisten in Zukunft wirksamer schonen kann? Zwei Jahre Libanonkrieg II, das ist mehr als Regev und Goldwasser, so sehr ich mir ihr Schicksal zu Herzen nehme.
Nun, am Ende dieser Trauerorgie nimmt Y. meine Hand und meint mit komischem Ernst: ich danke dir, daß du aus dem ruhigen, schönen Deutschland (er liebt D.) in dieses schwierige Land gekommen bist, und alles nur wegen mir ahabal (unübersetzbares Wort, ähnlich wie Tembel, aber noch tembeliger). Und ich, mit grenzenlosem Edelmut: ach, für dich hätte ich gern noch viel schwierigere Sachen gemacht, ich bin doch gern hier und fühle mich als Israelin. Und er küßt mir die Hand und verschwindet, geht unter die Dusche.
Schön? Schön.
Drei Minuten später brummt ein fetter, brauner, geflügelter, wipphörniger, unendlich ekliger Kakerlak durch die Luft - direkt auf mich zu. Ich springe auf, er knallt direkt auf meinen Laptop und zappelt auf den Tasten. Ich hole die mörderische Dose Spray und meine Rufe holen den heroischen Gatten aus der Dusche. Im Laufe der Jahre habe ich sterbende Schlangen eigenhändig von der Straße getragen, Skorpione unter der Schmutzwäsche erschlagen, Heere von Läusen von Kinderköpfen (und unter Grausen von meinem eigenen) gekämmt und Generationen von Kakerlaken ausgelöscht. Doch wenn sie die Luftwaffe gegen mich einsetzen, das ist zuviel.
Während Y. mir zuruft, überlaß ihn mir!, und schaumbedeckt die Gefahr von Weib und Kind abwendet, bricht es aus mir heraus: mir reicht´s! Nasrallah und Haniya, meinetwegen, aber bei fliegenden Djukim hörts bei mir auf! Warum hab ich bloß einen Israeli geheiratet???!!!
Ehrenwort, genauso wars.
Interessante Hypothese Juli 18, 2008, 10:24
Posted by Lila in Land und Leute, Presseschau.8 comments
zum Fall Gilad Shalit. Die Hamas ist unzufrieden mit den Ägyptern, weil die ihnen zu pro-israelisch sind. Die Hamas möcht es mal miit deutschen Vermittlern versuchen, weil die besser wissen als die Ägypter, wie man Druck auf Israel ausübt.
Aus den Fingern gesogen? Aber nicht doch. Ist nicht mal eine Hypothese.
Several Hamas officials have been quoted over the past 24 hours as expressing deep disappointment with the way the Egyptians have been handling the Schalit mediation effort.
“The Egyptians have proved that they are unable to put enough pressure on Israel to accept our demands,” one Hamas official reportedly said.
Another Hamas official said his movement was under the impression that the Egyptians “were on Israel’s side more than on our side.”
Osama Hamdan, Hamas’s representative in Lebanon, confirmed there were growing demands in his movement to use the good offices of the Germans to reach an agreement with Israel.
However, he said that as of now Hamas had not held any official discussion on replacing the Egyptians with Germans.
Was nicht ist, kann ja noch werden…
Artikel aus der JPost, Verweis bei Jihad Watch gefunden.
Auf dem Nestrand Juli 17, 2008, 19:51
Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.5 comments
hockt mein Großer, schlägt aufgeregt mit den Flügeln. So ist das im Kibbuz, man hilft den Kindern, selbständig zu werden.
Ich habe ja schon öfter erwähnt, daß der Kibbuz als Gemeinschaft den Kibbuzkindern an wichtigen Stellen des Lebens begegnet. Natürlich wird jede Geburt am Schwarzen Brett angezeigt. Das erste Shavuot-Fest nach der Geburt: die Eltern tragen die Babies auf die Bühne, mit Blumenkränzchen geschmückt, die Baby-Metapelet hält eine schöne Rede und der Sekretär des Kibbuz begrüßt die Kinder offiziell als bnei und bnot kibbutz. Im Eingang zum Dining Room hängen Bilder aller Eltern und Kinder aus.
Der Übergang vom Kindergarten in die Schule: im Dining Room hängt ein großes Plakat der zukünftigen Schulkinder. Früher war es so, daß jede Mutter ein Stück Stoff ausgehändigt bekam, um darauf ein Motiv und den Namen des Kindes zu sticken, und das wurde im Kindergarten aufgehängt, eine bunte Wand mit Namen. Ich mochte dieses Ritual gern und habe mir immer gern die Stickbilder angeguckt, die viele Jahre zurückgingen. Als der Kindergarten von der Aufsichtsbehörde übernommen wurde, hat die “Schulrätin” der Umgebung gesagt, sie findet die Dinger häßlich und sie gehören abgehängt. Das hat viele Kibbuzeltern vergrätzt, diese Städterin soll uns was zu sagen haben? Sie hat sich dann durchgesetzt, leider.
Traditionell haben die Kinder bei den Festen besondere Aufgaben: die Kindergärten feiern mit den Alten im Altersheim, die Erstkläßler singen jedes Jahr Ma nishtana beim großen Seder im Dining Room, und die Sechstkläßler suchen jedes Jahr den Afikoman, der mit einem Rätsel verbunden wird.
Dann der Übergang von der sechsten Klasse, der letzten Grundschulklasse, auf die höhere Schule. Ein großes Fest jedes Jahr, der Sekretär des Kibbuz kommt, hält wieder eine Rede und schenkt jedem Kind einen Schulranzen. Als nächstes Bar bzw Bat Mitzva, das bis vor kurzem auch in der Gruppe gefeiert wurde. Inzwischen hat man die Familienfeiern und die Gruppenfeier getrennt, es wurde einfach zu riesig. Aber auch zu dieser Gelegenheit stehen die Kinder wieder auf der Bühne und werden herzlich und persönlich vom Sekretär beglückwünscht, und wieder ein Poster im Dining Room. (All diese Poster, Plakate und Bilder werden im Archiv aufbewahrt.)
Zur Abschlußfahrt nach Polen und zum Führerschein tut der Kibbuz Geld dazu, fast die volle Summe, wenn die Jugendlichen eine bestimmte Anzahl von Arbeitsstunden ableisten.
Und dann mit 18. Diesmal keine Rede und kein Handschlag. Der Kibbuz lädt die volljährig Gewordenen zu einem Treffen ein, bei dem sie über ihre Rechte und Pflichten aufgeklärt werden. Sie bekommen ihr eigenes Budget, das Geld, das sie verdienen, und das Budget, das der Kibbuz jedem Kind einräumt, kommen ihm jetzt direkt zugute. Jeder bekommt in der “jugendlichen Gegend” des Kibbuz eine eigene kleine Einzimmerwohnung (Bilder werden folgen, versprochen) mit eigenem Telefonanschluß und für Leute, die noch die Wäscherei nutzen, eigener Wäschenummer und eigenem Fach. Sie bekommen eine eigene Magnetkarte zum Einkaufen, ein eigenes Bankkonto (das wir noch über den Kibbuz führen, wir sind bestimmt die letzten Kibbuzniks ohne Konto) und, wenn sie den Führerschein haben, eine eigene Auto-Magnetkarte.
Und so ist mein Primus also zum Geburtstag von uns ausgestattet worden. Er hat seine Wohnung übernommen, saubergemacht, eingerichtet. Er kocht in der letzten Zeit oft, hilft freiwillig im Haus mit, fragt mich, wie man dies oder jenes macht, und überlegt, welche Bücher er mitnimmt. Zwischendurch kommt er immer wieder zu mir, gibt mir einen Kuß und sagt, “die kleine deutsche Mama mag das nicht”.
Nein, ehrlich, die kleine deutsche Mama mag das nicht wirklich, sie würde ihn gern wieder in den himmelblauen Schlafanzug mit den Füßchen stecken, und mit dem Reißverschluß vom Nacken bis an den dicken Zeh. Neee, er sah so süß darin aus. Aber er wird erwachsen, er wird den Rest des Sommers arbeiten und im November eingezogen (gius kravi), und kein Weg führt mehr in den Schlafanzug zurück. Das ist ja auch gut so. Und er wohnt weiterhin im Kibbuz, der Kibbuz ist unser Zuhause und seines auch. Der Auszug ist eine Tradition, die nicht von Machtkämpfen, Diskussionen oder Unsicherheiten begleitet wird, weil er bei ihm und seinen Freunden gleichzeitig stattfindet. Seine Freunde seit dem Babyhaus sind auch seine Nachbarn, sie kennen sich, sie verstehen sich größtenteils ganz gut. Er wird das Doppelhaus mit dem Mädchen teilen, mit dem er schon im Babyhaus in einem Zimmer war - er am Fenster, sie an der Tür.
Warum also mag ich das nicht? Ach, ich mag es ja, ich bin ja stolz auf ihn und auf sein problemloses Reinwachsen in die erwachsene Welt von Verantwortung und Selbständigkeit. Aber ich mag es nicht, daß die Zeit so schnell vergeht und ein Meilenstein nach dem anderen hinter uns liegt, mit unserem Ältesten. Ich sage jeden Tag zum Augenblick, verweile doch, du bist so schön! Es hilft leider nicht.
Zwei, nein, vier Links Juli 17, 2008, 16:25
Posted by Lila in Land und Leute, Presseschau.15 comments
1. Für all die Phantasten unter meinen Lesern, die tatsächlich sich selbst und der Welt weismachen wollen, daß die arabische Welt im Grunde nicht weiter als Frieden will - den ihr Israel grausam und hartnäckig verweigert.
Samir Kuntar an Mughniyas Grab:
”We swear by God… to continue on your same path and not to retreat until we achieve the same stature that God bestowed on you,” said Samir Kuntar.
….
”This time yesterday I was in the hands of the enemy (Israelis). But at this moment, I am yearning more than before to confront them,” Kuntar said. Hizbullah’s weapons are ”a red line” that no one should be allowed to cross, he told reporters.
Kuntar referred to Mughniyeh’s ”martyrdom,” saying, ”This is our great wish. We envy you and we will achieve it, God willing.”
Beneidet Mughniyah? Ich würde an seiner Stelle die Worte mit größerer Vorsicht wählen.
2. Den Hinweis auf die arabische Presse verdanke ich Carl in Jerusalem.
The Radwan deal,” the headline of Ashark Alawsat on Thursday cynically ran, “cost Hizbullah over $7 billion, more than 1,200 dead and 4,500 wounded Lebanese citizens.”
The paper referred to the exchange by the name given to it by the guerilla group. Radwan was the nom de guerre of Imad Mughniyeh, Hizbullah’s terror mastermind who was killed several months ago. While Hizbullah blamed Israel for the assassination, Israel maintains it was not involved.
The Saudi paper Al Wattan pointed out that Hizbullah has yet to disarm and that UN Resolution 1701, which ended the war, has not been implemented.
In Lebanon, Al Anwar carried an editorial piece which said it was “shameful to see members of the government in Beirut join the celebrations of Hizbullah.”
Immerhin ermutigend, daß sich nicht alle vor Nasrallahs Karren spannen lassen. Und die Spannungen zwischen Sunniten und Shiiten und Wahabiten hat Israel nun wirklich nicht zu verantworten. (Oder ist das auch nur eine Intrige des Mossad?)
3. Die Rede von Ofer Regev am Grab seines Bruders:
Brother of fallen IDF Master Sergeant Eldad Regev, Ofer Regev noted the cruel dichotomy between the IDF and Israel’s enemies. “We thought our enemies were like us.. human beings, who only want to love, to smell a flower, but our enemies are a cruel mirror image, the opposite of our own humanity..”
Ofer’s words expressed his pride in the efforts to return his fallen brother home. ”I am proud of our country who fought for you, I am proud that the IDF commanders would not give up until you came home, and I am proud of all the citizens who felt they were your brother just like me.”
Ofer recalled that his brother had, before returning to reserve duty, given him a CD, and specifically said:”check out song 11…it’s worthwhile.” The song was entitled:”I have a brother.”
4. Die Leichen waren übel mißhandelt.
As Israel buries her fallen sons, harsh questions and details are arising from the exchange which took place yesterday. According to Israeli officials, the bodies were received in a severely-damaged state which may have lengthened the confirmation of their identities. Former IDF Medical Corps and Chief Military Rabbinate officials have noted the tragic expertise Israel has gathered in years of conflict, but remained shocked by what they saw yesterday at the Rosh HaNikra border crossing.
Rabbi Yisrael Weiss, former Chief Rabbi of the IDF, who was present during the transfer of the fallen soldiers yesterday, said that “the verification process yesterday was very slow, because, if we thought the enemy was cruel to the living and the dead, we were surprised, when we opened the caskets, to discover just how cruel. And I’ll leave it at that.”
Was zeigt, daß Ofer Regev die schmerzliche Wahrheit ausgesprochen hat. Leider.
Kama tov Juli 17, 2008, 14:12
Posted by Lila in Land und Leute.1 comment so far
she-bata habaita.
Wie gut, daß du nach Hause gekommen bist.
Auch wenn wir ein anderes Ende gewünscht hätten, auch wenn es nicht die Rückkehr nach einer schönen Reise ist. Und hoffen wir, daß wir das Lied singen können, wenn Gilad Shalit wiederkommt.
Wie Y. Samir Kuntar befreit hätte Juli 17, 2008, 5:17
Posted by Lila in Land und Leute.12 comments
“Samir Kuntar hat 29 Jahre im Gefängnis gesessen. Ich hätte ihn freigelassen, ohne jeden Bezug zu einem Handel, ohne ihn gegen andere abzuwiegen. Ich hätte die Familien der Opfer in aller Stille informiert, daß Kuntar eine Belastung für Israel ist und uns erpreßbar macht, und daß wir ihn loswerden müssen. Und dann hätte ich ihn entweder mit einem Fallschirm über Naquoura abgesetzt, oder ihm eine Kommando-Uniform und ein Schlauchboot geschenkt, und ihn auf See ausgesetzt. Da ist der Libanon, guck, daß du hinpaddelst, und tschö. Ohne Lärm, ohne Presse, ohne Deal, ohne Preisschild, ohne Klagen. Ihn einfach über die Grenze schieben. Da sollen sie ihn feiern, wenn sie wollen.
Das hätten wir schon vor langer Zeit machen sollen, hätte uns viel Ärger erspart.”
Also sprach mein Mann überm Morgenkaffee.
Assoziationen Juli 16, 2008, 21:04
Posted by Lila in Presseschau.28 comments
Ich benutze wirklich nicht oft das Wort faschistisch, weil ich es für ungenau und mißbraucht halte. Es verleitet einen dazu, alle Arten von Gewaltherrschaft und -verherrlichung in einen blubbernden Topf zu werfen, umzurühren und den Trunk in Flaschen abzufüllen, die zu jeder Diskussion gereicht werden.
Doch das Spektakel heute… es war von der ästhetischen Klasse nicht mit Riefenstahl zu vergleichen, aber erinnerte doch fatal an den Blut- und Opferrausch von Regimes, die man gemeinhin faschistisch nennt. Ich wollte nicht zu spezifisch werden. Aber das Wort rutschte mir dann doch aus der Tastatur.
Doch der Hauptdarsteller selbst des Tages zeigt ganz deutlich, welche Antwort er auf die Frage “Lieblingsheld der Geschichte?” geben würde…
Noch kein Ende Juli 16, 2008, 17:47
Posted by Lila in Land und Leute, Presseschau.9 comments
Noch ist der Tag nicht zu Ende. Ich habe fast den ganzen Tag den Fernseher laufen, um genau zu wissen, was vorgeht. Es ist alles so nah bei uns, Nahariya kenn ich so gut, da ist Tertia zur Welt gekommen. Kiriat Motzkin, ein Vorort von Haifa, ist auch so nah. Wir kennen die Familie von Smadar Haran, einige der Offiziere, die immer wieder interviewt werden, und um ein paar Ecken kennt sich ja das ganze Land.
In Beirut wird jetzt gefeiert. Kuntar schreitet über den roten Teppich. Man fremdschämt sich beim Zusehen. Das kann doch nicht der Libanon sein, diese todessüchtige Orgie, dieser… oh, ich sage das gar nicht oft und gar nicht gern… ja, dieser faschistische Stil. Eine pompöse Inszenierung. Ehud Yaari und Miri Eisen sagen beide: alle arabischen Medien stehen dahinter, kein kritisches Wort wird laut. Diese Inszenierung, diese Jubelfeier, dieser Verherrlichung der shahada ist in der ganzen arabischen Welt heute kritiklos hingenommen worden, sagen sie.
Im Laufe des Tages habe ich viele Meinungen gehört - empörte, die meinen, wir hätten niemals diesen Deal eingehen sollen, der Nasrallah die Gelegenheit zum Feiern gibt (obwohl auch die Libanesen weiß Gott keinen Grund dazu haben). Ein Beispiel für eine solche Stimme ist David, dessen Argumenten ich nichts entgegensetzen kann, obwohl ich trotzdem letzendlich sage: der Deal mußte gemacht werden.
Mein Mann sagt nicht viel dazu, er ist gegen all diese Deals und meint aber, nach dem Tennenbaum-Sündenfall (oder dem Jibril-Sündenfall) blieb keine andere Wahl mehr. Ich muß ihn mal getrennt zu diesem Fall interviewen, scheint mir. Wäre interessant, das mit Davids Ansicht zu vergleichen - Y. ist ein linker Kibbuznik, David Siedler, und ich schätze, sie liegen in diesem Falle nahe beineinander.
Emanuel Rosen , einer der Journalisten, die von Anfang an deutlich für den Deal waren und zum öffentlichen Druck beigetragen hat, der den Deal schließlich bis durch die Knesset getragen hat, vertrat die Ansicht, daß unser eigentlicher Fehler war, die Sache so hoch aufzuhängen. Wir selbst haben Kuntar zu einem Symbol gemacht, meint er, er ist eigentlich ein obskurer kleiner Verbrecher aus einer Organisation, die es längst nicht mehr gibt, und als Druse hat er sich der schiitischen Hisbollah aus reinem Opportunismus als Galionsfigur zur Verfügung gestellt - weil sie ihn freipressen kann. Er meint, es ist absurd, daß Nasrallah jubelt, denn Israel hat den Preis soweit wie es nur ging gedrückt.
Und zwei deutsche Kommentare.
Ulrike Pütz hat entweder einen Ghostwriter oder die Medikamente gewechselt oder einen israelischen Freund - sie schreibt einen Kommentar ohne eine einzige Spitze gegen Israel, in dem tatsächlich Israelis als lebenswertes Leben vorkommen. Ich bin angenehm überrascht. (Sie verwechselt zwar Kibbuznikim und Kibbuzim, aber hey, nur Kibbuznikiot wie ich sind so kleinlich, daß ihnen das auffällt!) Sie erwähnt sogar die oft unterschlagenen Todesopfer bei dem Überfall der Hisbollah.
Zwei Jahre lang hatten die Familien Goldwasser und Regev, hatte ganz Israel gehofft, die beiden am 12. Juli 2006 von der Hisbollah verschleppten Soldaten lebend heimkehren zu sehen. Doch zuletzt war durchgesickert, dass zumindest einer die Kommandoaktion gegen ihre Einheit vermutlich nicht überlebt hatte – so wie acht Kameraden, die bei dem Angriff umkamen.
Noch erschröcklicher: sie hat das T-Wort gelernt.
Die Hisbollah trieb bis zuletzt ein Spiel mit der Frage nach Leben oder Tod der beiden Soldaten. Es war Psychoterror. Der Hisbollah-Unterhändler triumphierte noch bei der Übergabe im Beisein peinlich berührt dreinblickender Repräsentanten des Roten Kreuzes: “Wir haben es bis zum Schluss geschafft, im Unklaren zu lassen, ob die Soldaten noch leben.” Dann öffneten sich die Heckklappen zweier Pickup-Trucks, mit denen die Delegation der Terrororganisation zum Austausch vorgefahren war. Erst zogen Hisbollah-Männer einen schwarzen Sarg heraus. Dann, nach einer Art Kunstpause, den zweiten.
Tatsächlich, sie hat TERRORorganisation zur Hisbollah gesagt. Ich zweifle, daß ihre Kontakte zur Hamas das sehr charmant finden. Aber die Beschreibung ist fair und korrekt. Ich nehme an, sie hat mit Israelis die Bilder gesehen und mitgekriegt, wie um sie herum die Leute in Tränen ausbrechen.
Letztlich aber kulminierte die Debatte immer wieder in einer Frage: Darf man einen Mörder, einen Terroristen wie Kuntar freilassen, nur damit zwei Israelis ordentlich bestattet werden können?
Der Libanese Kuntar war 1979 nach Nordisrael eingedrungen, hatte einen Polizisten und einen jungen Vater und dessen vierjährige Tochter brutal getötet. Zu 524 Jahren Haft wurde er für seine Untat verurteilt. Am Nachmittag wurde er mit den vier weiteren Libanesen in sein Heimatland überstellt, als freier Mann.
Sie sagt Untat, sie sagt brutal. Tatsächlich, sie benutzt Worte mit wertender Bedeutung. Die Stimme der Frau namens Merav, die sie zitiert, klingt authentisch. Ich bin froh, daß sie im Gegensatz zu Bettina Marx oder diesem Kühntopp die Fähigkeit zur Empathie nicht verloren hat, auch wenn es sich um Israelis handelt, die sie bis vor kurzem nur als Täter auf dem Kieker hatte. Der Artikel ist ein fairer Kommentar, der tatsächlich versucht, deutschen Lesern klarzumachen, was hier vorgeht. Wenn sie hier mitliest, ist sie zu einem berühmten israelischen Labberkaffee bei mir auf der Wiese eingeladen.
So sind wir das von Gisela Dachs gewöhnt; über viele Jahre hinweg schreibt sie sehr treffende Schilderungen der Atmosphäre und des Lebens hier.
Natürlich stellt sich wie - immer bei solchen Tauschaktionen - die Frage nach dem Preis. Denn Israel bekommt zwei tote Soldaten zurück; im Gegenzug liefert es 199 ebenfalls tote Hisbollah-Kämpfer. Aber Israel lässt zusätzlich auch fünf lebende Libanesen frei, darunter Samir Kuntar.
Seine Taten vergisst kein Israeli, dessen Erinnerung in den April 1979 zurückreicht. Kuntar drang damals mit anderen Terroristen mitten in der Nacht in das Haus einer jungen israelischen Familie in Naharihya ein. Er entführte den Vater sowie dessen vierjährige Tochter.
Als die ersten Polizisten auftauchten, erschoss Kuntar den Vater aus nächster Nahe. Den Schädel des Mädchens ließ er an einem Felsbrocken zerschellen. Die Mutter, die sich mit ihrem Baby Zuhause vor den Terroristen versteckt hatte, musste feststellen, dass der Säugling bei dem Versuch, ihn am Schreien zu hindern, erstickt war.
Dass das israelische Kabinett dem Austausch dennoch mit einer Mehrheit von 22 zu 3 Ministern zustimmte, lässt sich mit einem generellen Verantwortungsgefühl gegenüber den Familien erklären, aber auch als Botschaft an alle künftigen Pflichtsoldaten und Reservisten werten: Dass der Staat weiterhin alles ihm Mögliche tun wird, um seine Soldaten nach Hause zu bringen. In jüngster Zeit hatte sich in der Bevölkerung immer mehr das Gefühl breitgemacht, dass man dieser Pflicht weniger als früher nachgekommen sei.
Dieses Gefühl passt zur allgemeinen Kritik an der Regierung und deren Management des Libanonkriegs. Dass Hisbollah den Austausch nun als ihren “Sieg” feiern kann, ist ebenso ernüchternd wie die Tatsache, dass Hisbollah trotz aller internationaler Maßnahmen heute wieder gut gerüstet ist.
Ja, und Israel Hasson meint, bald schon werden wir die Quittung kriegen. Seit dem Krieg vor zwei Jahren hat die Hisbollah sich ja mehr rhetorisch als militärisch hervorgetan; sie hat sich bewaffnet, um in den nächsten Waffengang mit besseren Karten zu ziehen. Ich hoffe, Hasson hat Unrecht. Aber Nasrallah hat heute die Drusen im Libanon vereinnahmt und damit Jumblat besiegt, er hat Siniora zu einer Marionette degradiert, und ich denke mir, in Teheran merkt man schön auf.
Nein nein, das ist nur ein Tag in einer langen Auseinandersetzung, und sie ist noch nicht zu Ende.
Glückwünsche Juli 16, 2008, 13:50
Posted by Lila in Land und Leute.24 comments
von Abbas, unserem angeblichen Friedenspartner, an die Familie des Mörders Kuntar.
Er erspart uns wenigstens das heuchlerische Schauspiel, unseren Familien zu kondolieren.
Seine Rivalen von der Hamas lassen sich auch nicht lumpen.
Hamas´prime minister in the Gaza Strip, Ismail Haniyeh, congratulated Kuntar and Hizbullah for “the great victory of the resistance, which proved the rightness of our way.”
Resistance? Rightness? Was ist daran Widerstand, einer Vierjährigen den Schädel zu zerschmettern? Was ist daran richtig?
Der Libanon feiert
Die Menschen in Gaza sind derselben Meinung, Kuntar ist ein Held, seine Tat purer Heroismus, seine Freilassung ein Anlass zu einer lautstarken Feier.
Shortly after the implementation of the Israel-Hizbullah prisoner exchange deal, candy was handed out to residents in Gaza
Aber in Europa glauben manche Menschen, die Palästinenser dürsten nach Frieden. Wenn man schon uns nicht glaubt, warum dann nicht einfach den Palästinensern selbst glauben? Es reicht, aufmerksam hinzuhören und zuzugucken, um zu verstehen, daß wir keinen Partner für den Frieden, welch anspruchsvolles Wort!, haben.
Wir leben einfach in vollkommen verschiedenen Welten, unsere Werte sind nicht ihre Werte, unser Ziel ist nicht ihr Ziel, ich glaube heute weniger denn je an eine Verständigung, einen gültigen Vertrag, einen historischen Kompromiß.
Natürlich mag es im palästinensischen Volk Menschen geben, mit denen wir einen Friedensprozeß führen könnten, die ähnliche Ziele haben wie wir. Nur: wo sind sie? wo hört man ihre Meinung? Wenn es sie gibt, ist ihre Einstellung jedenfalls lebensgefährlich, und sie behalten sie für sich. Die große Masse der arabischen Welt ist trunken von Haß gegen uns. Nichts, was Israel getan oder angeblich getan hat, rechtfertigt diesen Haß.
Was die arabische Welt heute macht, nennt man auf Ivrit “auf dem Blut tanzen”, “lirkod al ha-dam”. Es ist kein schöner Anblick, aber wir sind es gewöhnt und werden es ertragen. Schlimmer ist, daß sich die gesamte Zukunftsplanung der arabischen Welt darauf erstreckt, auf unserem Blut zu tanzen. Das läßt sich beim besten Willen nicht optimistisch umlügen.
Trauriger Tag, traurige Bilder, düstere Zukunft.
Zwei Särge Juli 16, 2008, 8:41
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Ich wußte es die ganze Zeit. Trotzdem ein schrecklicher Anblick. Der Albtraum der Ungewißheit ist vorbei.
Wackersteine Juli 15, 2008, 22:20
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Niemandem ist leicht ums Herz, wenn wir an morgen denken. Die Klippschliefer werden wieder Unruhe haben morgen, aber diesmal richtig. Israel schickt tote und lebendige Terroristen rüber in den Libanon, darunter Samir Kuntar, dessen Namen man kaum aussprechen möchte. Kuntar hat im Gefängnis studiert, er hat einen B.A. gemacht bei den unmenschlichen Israelis. Er hat Jahrzehnte abgesessen, und wäre er auf normalem Wege wie mancher andere Mörder irgendwann in aller Stille entlassen worden, wäre das schlimm genug. Aber zu sehen, wie in Beirut Bühnen gebaut werden für die Jubelfeier, wie die libanesischen Zeitungen titeln: Israel trauert, der Libanon feiert - das gibt einem schon zu denken. Samir Kuntar ist also ein Held? Was für Menschen sind sie, daß sie Kuntar als Helden feiern?
Nasrallah demütigt morgen nicht nur uns, mit seinen allen internationalen Gepflogenheiten ins Gesicht schlagende, ja spuckende Katz-und-Maus-Spiel. Er demütigt auch den Libanon, er zeigt, wer dort heute herrscht. Alle sind Statisten in der großen Siegesfeier der Hisbollah. Obwohl die Hisbollah mit ihren Abenteuern das Leben von Tausenden libanesischer Bürger aufs Spiel gesetzt und geopfert hat. Das soll morgen alles vergessen sein. Der Feind ist natürlich Israel, und morgen wird ein Sieg zelebriert. Ein Sieg, den es nicht gegeben hat - ein Sieg, den die UNO mit ihrer ritterlichen Nachsicht der Hisbollah erst geschenkt hat.
Ich sehe es einerseits, wie stets, als Stärke Israels, daß wir das Spiel “Gesicht wahren um jeden Preis” nicht mitspielen. Das Gesetz der Schande und Ehre, das in der arabischen Welt oft das Handeln bestimmt, hat hier nicht dasselbe Gewicht. Peres und das Kabinett und Olmert und wir alle haben abgewogen und eigentlich keine richtige Entscheidung treffen können. Wie kann man Leid gegen Leid abwägen, Blut gegen Blut?
Auf der einen Seite das zynische Spiel Nasrallahs, zu dem man, wäre man denn konsequent, einfach sagen müßte: wir spielen nicht mit, such dir jemand anders, behalt was du hast und wir behalten, was wir haben. Doch ein Blick in die gequälten Gesichter der Familien Regev und Goldwasser reicht, und wir wissen wieder: Regev und Goldwasser sind wir alle. Heute sind sie es, morgen wir, die eine Nummer wählen, und keiner hebt mehr ab. Wir können uns ihrem Leid nicht verschließen, es ist auch unseres.
Und so gehen wir den unteren Weg, beugen uns, hören noch heute die höhnischen Anspielungen, daß einer der Soldaten noch lebte… und hängen den Gedanken nach, welcher von ihnen es wohl gewesen sein mag und was dann mit ihm passiert ist. Nasrallah und seine Leute kennen keine Menschlichkeit, sein sattes Lächeln wird morgen auf allen Fernsehschirmen der Welt zu sehen sein.
Dabei hat er einen Teil des Vertrags bereits gebrochen, das Papier über Ron Arad ist wertlos; Leute, die es gesehen haben, sagen, es ist ein Hohn. Sie sagen, er hätte genausogut leere Blätter abgeben können. Warum machen wir diese Farce trotzdem mit? Warum haben wir nicht einfach gesagt: bis es eine Lösung des Rätsels Ron Arad gibt, gibt es auch keinen Deal? Aus vielen Gründen, einer davon mag auch sein, daß keiner mehr bei Null anfangen wollte und vermutlich auch der deutsche Unterhändler nicht in eine weitere Runde gehen konnte oder wollte.
Wir sind angeschmiert worden - oder auch nicht, oder haben wir etwa vorher geglaubt, der Bericht gibt mehr her? Nein, wir wußten es. Wir gehen sehenden Auges in eine fürchterliche öffentliche internationale Niederlage, die weitere Entführungen und Morde herausfordert, die das Schicksal von Gilad Shalit vielleicht, chas ve chalila, besiegelt (warum einen Mann durchfüttern, wenn seine Leiche so viel wert ist?), eine Niederlage, die die Toten des Kriegs wie überflüssige Anstrengung aussehen läßt - und alles, damit die Familien Regev und Goldwasser Gräber haben, die sie besuchen können. Ist es das wert? Nach dem israelischen Ethos: ja. Ohne wenigstens ein Grab im Land Israel versprechen zu können, kann man nicht Generation um Generation Söhne und Töchter ins Feld schicken. Ohnehin keine sehr verlockende Aussicht - aber im schlimmsten Falle, ja, ein Grab.
Es ist aber nicht allein unsere Niederlage, es ist die Niederlage der westlichen Welt, die gedacht hat, mit Genfer Konvention und Rotem Kreuz ein Mindestmaß an Menschlichkeit zu garantieren. Nasrallahs Sieg über die Genfer Konvention ist doppelt und dreifach. Erst mißachtet er sie selbst, dann zwingt er uns durch seine Geiselnahme ganzer Wohnbezirke in Beirut und ganzer Landstriche im Libanon, sie zu mißachten, und dann kann er sich die Hände reiben, wenn die Welt Israel dafür verurteilt, ihm gegenüber aber nachsichtig ist. Man erwartet ja nicht von ihm, daß er Zivilisten und Kombattanten getrennt hält oder daß er Kriegsgefangene vom Roten Kreuz besuchen läßt. Als Terrororganisation unterliegt er diesen lästigen Beschränkungen nicht. Die Folgen tragen der Libanon und Israel.
Wie haben wir uns so benutzen und manipulieren lassen? Wie hätten wir es verhindern können? Hätte Olmert nicht so großmundig ein unmögliches Kriegsziel verkündet, wäre es nicht so leicht für Nasrallah gewesen, einen Sieg zu verkünden. Hätte die westliche Welt an ihn dieselben Maßstäbe angelegt wie an uns, hätte er sich nicht wiederbewaffnen können. Hätte, hätte, wäre, wäre. Meine Prophezeiung, die mir mehrere Leser bis zur persönlichen Vendetta übelgenommen haben, ist wahrgeworden. Ich zitiere sie hier nicht zum ersten Mal, hoffentlich zum letzten Mal.
31. Juli 2006:
Ich hatte heute das Gefühl, wir werden uns an diesen Tag lange erinnern. Nicht unsere Opfer haben uns besiegt, sondern die der anderen Seite. Man wird uns nun zu einem einseitigen Waffenstillstand zwingen, keiner hat die Weitsicht, zu erkennen, was das bedeutet - die Hisbollah bewaffnet und durch unsere Torheit gestärkt zu belassen, wo sie ist. Die nächste Runde wird die Hisbollah mit dem Kredit der Welt, schönen neuen Waffen und einem kalten Lächeln beginnen. Wann? Das ist doch egal. Ich habe das Gefühl, die Uhr tickt. Wir hätten uns weiter, wie die letzten sechs Jahre, beschießen und beschimpfen lassen müssen. Wir hätten gleich die weiße Flagge hissen müssen oder einen von Achmedinidjads kreativen Vorschlägen annehmen sollen. Denn gegen Leute, die sich hinter Kinderbettchen verstecken, kann man nicht gewinnen. Und wenn man es versucht, dann ist der Versuch so bitter, daß man am liebsten die Augen schließen möchte und sein eigenes Leben im Tausch bieten möchte.
Es kann gut sein, daß auch die beiden Soldaten ihr Leben im Tausch bieten würden und auf ein Grab verzichten würden - ich kenne sehr viele Soldaten und Soldatinnen, von denen jeder sofort sagen würde: um DEN Preis - nein. Laßt meine Leiche in einem Keller in Beirut oder Teheran verrotten, aber laßt Kuntar nicht frei und gebt der Hisbollah keinen Anlaß zu einem Propagandasieg, der den nächsten Krieg näher heranrückt. Laßt keine Terroristen frei, die schon morgen wieder Anschläge auf das Leben von israelischen Zivilisten planen und sie übermorgen durchführen.
Doch es sind die Familien, denen wir nicht ins Auge sehen können.
Am wenigsten vielleicht der Familie von Ron Arad, für den wir nicht genug getan haben, der gestorben ist, unter wer weiß was für Qualen, und dessen Mutter gestorben ist, ohne ihn noch einmal zu sehen. Mit dem Pseudo-Bericht, für den wir im Gegenzug lebende Terroristen freilassen, haben wir Ron Arad noch einmal totgeschlagen.
Am Eingang zur Uni hängt ein großes Plakat mit den drei Gesichtern, und ein Zitat aus Jeremias, “ve-shavu banim le-gvulam”. Morgen werden vielleicht zwei der Gesichter von der Wand genommen. Ich habe diese Bilder und diese Inschrift nicht mal angucken können, ich weiß nur von ferne, wo ich den Blick abwenden muß, um irgendwie daran vorbeizukommen.

Meine Gedanken gehen im Kreis, ich habe hier auch nichts Neues gesagt, nur ein bißchen Luft gemacht. Ach ach, morgen wird ein schwerer Tag. Ich kann mir nicht ausmalen, wie ihn die Menschen überstehen, die unmittelbar betroffen sind.
Vorbei Juli 13, 2008, 15:34
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Die knappen zwei Wochen an der PH mit dem hochkonzentrierten Blockseminar sind schon vorbei, heute war die letzte Doppelstunde. Damit ist der zweijährige Kurs heute für den ersten Jahrgang zu Ende.
Die Studenten schickten den nettesten und witzigsten Vertreter vor, mir 20 Minuten von der letzten Stunde abzuhandeln. Sie haben eine kleine Überraschung geplant. Ich sehe die beiden Frauen, die für die Verpflegung zuständig sind, hektisch tuscheln - eine streng verschleierte junge Frau mit Engelsgesicht und eine hochschwangere Christin mit verrückter Frisur.
Die Gruppe ist weniger konzentriert als sonst, bis endlich alle aufatmen: einer der ewigen Zuspätkommer kommt herein, in der Hand eine Art Baby-Badewanne. Die beiden Frauen verschwinden sofort mit Sack und Pack und Wanne, werfen mir einen entschuldigenden Blick zu. Aber die anderen hören jetzt besser zu.
Nach Ende der Stunde, die ich auch wirklich kürze, kommen die beiden Frauen mit der Badewanne wieder, sie ist bis obenhin mit griechischem Salat gefüllt. Wieder wird ein Büffet aufgeschlagen, ich kriege die erste Portion serviert. Wie haben die beiden so schnell eine so ungeheure Menge Salat gemacht?
Dann bittet der Nette um Ruhe. Er hat uns was zu sagen, er hat mit einer der Frauen etwas vorbereitet. Ein paar Studenten fragen, warum denn der Leiter des Fachbereichs oder andere Lehrer nicht geladen sind? Nein nein, meint er, mit denen feiern wir später, jetzt feiern wir uns als Gruppe, und da wollen wir außer Lila niemanden dabei haben.
Dann legt er los. Er hat sich den Text auf PowerPoint-Dias geschrieben, in rasantem Tempo und angeboren perfektem Timing hält er eine Rede auf die Klasse. Zuerst auf die drei Juden, die sich in die Gruppe verirrt haben. “Die PH wollte für den Studiengang ja eigentlich fifty-fifty Juden und Araber. Es haben sich nur drei Juden gemeldet, nu, wurden die eben genommen. Versteht ihr”, feixt er, “wir wurden ausgewählt, euch mußten sie nehmen”. Alle lachen.
“Ja da saßen sie nun mit einem Kurs, lauter Araber. Moslems, Islamisten von der nördlichen Partei und südlichen Partei! Christen! Beduinen! Wie an der Universität von Gaza! Aber im nächsten Jahr wollten sie schlau sein, dachten, schicken wir einen Drusen dazu, der verstärkt die Juden. Schiefgegangen! Der Druse hat sich sofort zu den Arabern gesellt!” Der Druse dreht sich zu mir um und weist auf sich selbst: er ist gemeint! Ja ja, ich weiß!
Der Sprecher erinnert an eine Episode mit einem inzwischen ausgeschiedenen Fahrlehrer, “wißt ihr noch, Assad, der immer nur an Autos gedacht hat und in der Stunde über Hirnforschung Lioras Gedanken lesen sollte? Und sie dachte an alles mögliche, und er sah immer nur Verkehrsschilder?” Alles brüllt vor Lachen, Liora hat sich über den Tisch geworfen und kichert. Ich kenne den Fahrlehrer nicht, aber die Nennung seines Namens sorgt für nicht versiegende Heiterkeit und einen Strauß arabischer Zwischenrufe. Note to self: muß Arabisch lernen.
Doch dann wird er ernster und spricht die Juden einzeln an. “Ihr könnt jetzt sofort im Fernsehen bei Survival mitmachen. Wer zwei Jahre in einer Klasse fast nur mit Arabern überlebt hat, überlebt alles andere auch.” Und er zieht eine nette, herzliche Bilanz der guten Atmosphäre, die sie alle miteinander aufgebaut haben, und bedankt sich ausdrücklich bei allen. Und alle bedanken sich bei einander.
Dann geht die PowerPoint-Präsentation weiter, jetzt individuell. Jeder Student kriegt ein Dia und kriegt sein Fett weg.
Die Jungens von den Golanhöhen, die nur den halben Kurs mitgemacht haben, weil sie jeden Tag erst zur dritten Stunde gekommen sind. Der schläfrige Kunstlehrer, den man in meinem Kurs zum ersten Mal etwas sagen hörte. Die hübsche Russin, “unsere Prinzessin Diana, die zum ersten Mal Araber in freier Wildbahn sah”. Die mütterliche Christin (mein Nachbar raunt mir ins Ohr, “das ist ihre zweite Schwangerschaft in zwei Jahren, die hat schon drei Kinder!”), die Madonna des Kurses. Die Frau, deren Schwiegervater eine große Firma für Knabberzeug hat und anscheinend die ganze Klasse durchgefüttert hat. Die schöne Nofretete, Königin des Kurses, mit ihrem Ehrgeiz und der lauten Stimme. Der muskulöse Macho, den diese Nofretete fest in der Hand hatte (ich saß neben ihm, und er zischte mir zu: ich hatte keine Wahl, ich hab einfach Angst vor ihr!).
Als die Klasse sich beruhigt hat, sind die Lehrer dran. Der Dozent für Philosophie, “der uns erbarmungslos mit Dilemmata gequält hat, dabei ist er selbst das größte Dilemma”, und die esoterisch angehauchte Dozentin, die den Studenten was über Chakras erzählte, aber “sowas haben wir nicht, haben wir ihr erklärt”. (Mein muskulöser Nachbar klopft sich mit verzweifelter Miene auf den Scheitel und sagt: da ist nichts!)
Es war eine Atmosphäre wie in der Schule, dabei sind das alles gestandene Lehrer. Man merkte richtig, wie die Spannung von ihnen abfiel. Ganz ähnlich drehten gestern Primus und seine Freunde auf, als ihre Abschlußfeier über die Bühne ging (worüber ich auch noch schreiben will).
Über mich sagten sie übrigens nichts weiter, auf dem Dia stand nur “die Venus unseres Kurses”, er verbeugte sich in meine Richtung und das Publikum pfiff anerkennend
Noch mal davongekommen! (Er verschickt die Präsentation an alle, auch an mich, versprochen.)
Der Student, der diese ganze feurige, schnelle und witzige Rede hielt, ist übrigens der einzige Beduine der Gruppe und hat echtes Charisma. Bei fast allen arabischen Studenten, die ich bisher unterrichtet habe, hat mich ihre flüssige Zweisprachigkeit beeindruckt, wie auch bei vielen Neueinwanderern, die ständig hin- und her wechseln. Dieser Student ist auf dem Weg zum Schulleiter, und ich glaube, er wird das ausgezeichnet machen. Ich habe ihm hinterher gratuliert und gemeint, wenn die Schule ihn nicht will, wartet eine große Karriere als “standupist” auf ihn. Er grinste und meinte, das weiß er. Weil ihm im Matheunterricht sein Unterhaltungstalent sehr nützlich ist. Na, da wäre ich ja gern mal dabei.
Hinterher rief ich den Mann an, der das Ganze leitet, um mich zu verabschieden. Er meinte, den Job habe ich auch nächstes Jahr, wenn ich will. Puh, ich würde mich gern auf meinen Lorbeeren ausruhen, aber morgen geht es schon weiter. Schön und intensiv war es aber doch.






