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Wochenende, regnerisch April 21, 2013, 9:39

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Regen, Segen, wie banal sich das reimt. Und ist trotzdem wahr. Auf Ivrit reimt sich der Segen-Regen wenigstens nicht: gishmey bracha. Das hatten wir die ganzen letzten Tage, vollkommen unerwartet, nachdem uns schon die ersten Hitzewellen genervt hatten. Seit Dienstag regnet es immer wieder, mal leicht, mal schwer, zwischendurch sind Pausen, damit das Wasser einsickern kann. Mein Garten jubelt förmlich vor Glück, und das Unkraut, dem ich ständig auf den Hacken bin, wuchert unbezwingbar. Keine Ahnung, wie ich da wieder Ordnung reinkriegen soll, aber es ist mir auch egal. Es ist zu schön, aus dem Fenster zu gucken und dicke Wolken zu sehen, oder Regenschleier vor Abendsonne, oder einen blankgeputzten Himmel und nasse Blätter, die in der Sonne glänzen.

Zu dieser friedlichen Idylle paßte unser Wochenende perfekt. Immer öfter kommt es vor, daß mein Schwager freitags anruft und brummt: “die Kinder wollen zu euch, paßt es euch?” Na klar, wir lieben die Kinder und Schwager und Schwägerin auch, das paßt immer. Als wir noch im Kibbuz wohnten, waren sie auch jedes Wochenende bei uns, aber das war mehr Pflicht, weil mein Schwiegervater einfach eingeführt hatte, daß man sich am Shabat bei uns trifft. So wie früher bei ihm. Und noch früher bei seiner Mutter. Wir haben uns zwar immer gefreut, uns zu sehen, aber es ist doch viel schöner, zu hören “die Kinder WOLLEN zu euch”, als “na dann Shabat bei euch, wie immer”.

Weil es draußen so geregnet hat, konnten wir nicht raus. Die Nichten und der Neffe wissen genau, wo das Spielzeug zu finden ist, und liefen sofort die Treppe rauf. Und dann haben wir gespielt. Monopoly, Mensch ärger dich nicht, Memory. Nichts macht mehr Spaß, als gegen meine so süß kichernde Nichte zu verlieren – sie hat so eine Freude daran.

Ihr Bruder liebt Mancala,das Steinchen- oder Bohnenspiel, und hat von meinem Mann ein sehr schönes zum Geburtstag bekommen. Auch mein Mann hat das Spiel als Kind geliebt. Ich kannte es nicht, kann es aber sehr empfehlen. Sowohl Kinder als auch Erwachsene finden es interessant. Die Fassung für Erwachsene ist empfehlenswerter – viele Steine, so daß auch ein kluges Kind nicht sofort erkennt, daß es nur als erster Spieler anfangen muß, um zu gewinnen…

Mein Neffe liebt Secundus besonders, und als es dieses Jahr in seiner Klasse hieß, daß Päckchen für Soldaten gepackt werden (für den Unabhängigkeitstag), da erklärte er der Lehrerin, daß er seinen eigenen Soldaten hat und sein Päckchen selbst hinbringen wird. (Nur kämpfende Einheiten kriegen solche Päckchen, und auch längst nicht alle, aber Secundus bewahrt immer noch den Brief eines kleinen Jungen aus Jerusalem auf, der seinem ersten Päckchen vor drei Jahren beilag…)

Als die Sonne rauskam, wollte die kleinste Nichte, ein unbeschreiblich niedliches und energisches Kind von zweieinhalb Jahren, unbedingt raus. “Ums Haus rumlaufen” ist ihre besondere Freude. Sie findet es toll, daß man an der fensterlosen Seite von Büschen verborgen wird und nicht zu sehen ist. An der Seite wohnt der Nachbar mit den vielen Tieren, und sie hat mit Jubeln den Hahn und die Tauben begrüßt, die sie dort sehen konnte. Dann fingen die Kinder an, ums Haus herum Verstecken zu spielen, während ihre erschöpften Eltern es sich auf der Couch gemütlich machten. Die großen Geschwister sind sehr lieb zu der Kleinen.

Ich hatte beim Aufräumen neulich noch einen ganzen Schwung meiner bunten Haargummis mit selbstgehäkelten Blümchen gefunden, mit denen ich vor ein paar Jahren die Welt beglückt habe. (Muß ich eigentlich wieder machen – zehn Minuten pro Blümchen, und immer ein nettes Geschenk….) Die habe ich der kleinsten Nichte geschenkt, und sie hat gejubelt vor Freude. Ihre Mutter mußte ihr Zöpfe machen und ALLE Blümchen mußten rein. Dann lief sie ganz glücklich herum und ließ sich bewundern.

Es war zu schön, die Kinder sind überhaupt nicht schwierig, und ich habe riesige Freude daran zu sehen, wie sie sich entwickeln.

Ja, das war gestern, da war das Haus voll mit großen und kleinen Kindern, und ich war glücklich. Jetzt bin ich wieder ganz allein. Sie sind alle weg. Nicht als ob es mir schwerfiele, allein zu sein – ich bin gern allein, gehe auch gern durchs Haus und bereite alles für den nächsten Besuch vor. Aber diese Stille. Ich laß sie ungern gehen. Tertia ging als Letzte, ich habe noch lang auf dem Balkon gestanden und ihr hinterhergeguckt. Jetzt warte ich wieder aufs nächste Wochenende.

Marsch geblasen April 20, 2013, 16:11

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In der ZEIT kriegen wir unser Fett weg, wir Babyboomer. Unbestreitbar ist da was dran – meine Altersgruppe plus minus zehn Jahre beherrscht nicht nur in Deutschland, sondern auch in Israel die Welt. Obwohl ich durch meine eigenen Lebenentscheidungen (Geisteswissenschaft studieren, Ausländer heiraten, ins Ausland ziehen, vier Kinder kriegen) meinen Platz an der Tafel des Wohlstands und der Sicherheit geräumt habe, sehe ich an meinen gleichaltrigen Vettern und Cousinen und Geschwistern, wie das aussieht.

Es schmeckt ihnen, das Leben. Sie sind ausnahmslos erfolgreich im Beruf, tüchtig, und sie leben tatsächlich in einem Wohlstand, den vermutlich ihre Kinder nicht so leicht erreichen oder werden halten können (trotz Erbschaften). Auch wenn ich persönlich ausgestiegen bin, gehöre ich mental zu dieser Generation der Selbstzufriedenen, der Gewinner, sicher aufgewachsen, was kostet die Welt.

Meine Kindheitswelt habe ich in Erinnerung als unendlich optimistisch. Ein Verdiener pro Familie reichte für bescheidenen, aber sicheren Wohlstand, alle bauten oder kauften irgendwann, jedes Auto, das der Papa kaufte, war besser als das vorige. Ich erinnere mich nicht daran, daß in unserem Milieu jemand arbeitslos wurde, sich etwas nicht leisten konnte, Angst vor der Zukunft hatte. Die Großeltern hatten sich abgerackert, damit unsere Eltern studieren konnten, bei uns wurde das vorausgesetzt. Wir erwarteten nicht anders, als daß das so weitergehen würde. Daß die Welt unsere Ansprüche erfüllt, daß wir selbst sie erfüllen.

Wir, unsere Generation, legen schwere Lasten auf die schmalen Schultern der nachfolgenden Generation.

Vom Jahr 2015 an werden so viele Deutsche in Rente gehen, so wenige Junge ins Arbeitsleben eintreten wie nie zuvor. Mit der Zahl der Erwerbstätigen sinkt aber fast immer auch die Wirtschaftskraft eines Landes. “Wenn wir Deutschen es schaffen, trotz erheblich schrumpfender Bevölkerung wirtschaftlich zu wachsen, wären wir die Ersten, die diese Logik aushebelten”, sagt Steffen Kröhnert.

Selbst wenn die Wirtschaft weiter wachse, sagt Kröhnert, werde dies ein Scheinwachstum sein, weil der Wohlstand von steigenden Kosten aufgefressen werde. “Bis 2040 werden wir doppelt so viele Menschen über 80 haben – und mit ihnen Demenz- und Alzheimer-Patienten.” Die meisten Immobilien würden an Wert verlieren, viele würden sogar unverkäuflich. Es bestehe die Gefahr eines “Asset Meltdown”: Die Älteren lösen massenhaft ihre Wertpapier-Depots auf, und weil es nicht mehr genug Junge gibt, die Aktien und Anleihen kaufen können, sinken die Kurse.

….

In deutschen Unternehmen sitzen Ältere, die großzügige Betriebsrenten kassieren werden – neben Jüngeren, denen jeglicher Anspruch verwehrt bleibt. Die Einstiegsgehälter sinken oder stagnieren, während die Einkommen der über 50-Jährigen weiter steigen. Inzwischen verdienen 50- bis 60-jährige Arbeitnehmer rund fünfzig Prozent mehr als ihre 20- bis 30-jährigen Kollegen. Unter den unter 35-Jährigen gibt es viermal so viele befristet Beschäftigte wie unter den über 50-Jährigen.

Früher waren es die Kinder, die eine Party schmissen, und die Eltern, die das Desaster beseitigten. Die Babyboomer haben es geschafft, das Verhältnis umzukehren.

Zu jeder Zeit ihres Lebens profitierten sie von gut finanzierten Staatsprogrammen: Als sie jung waren, wurden für sie die Universitäten ausgebaut, das Bafög wurde erfunden. Als Berufstätige freuten sie sich über massive Steuersenkungen. Als Ältere kommen sie in den Genuss eines historisch einmaligen Versorgungswesens. Zum Dank haben sie den Staat zurückgebaut, wo sie nur konnten.

Dabei dominieren wir das kulturelle Leben, den Alltag, die Medien.

Die Popkultur war immer auch ein Spiegel, in den die Jungen schauten, um sich selbst zu erkennen. Heute betrachten sich darin meist Menschen, die über 50 sind. Längst habe ich mich daran gewöhnt, dass der größte Popstar der Welt Madonna (54) heißt – und sie ihren Thron für Lady Gaga (27) nicht räumen wird. War früher James Dean (24) das globale Sexsymbol, ist es heute George Clooney (51). In den sechziger Jahren stieg die 26-jährige Ursula Andress als Bond-Girl aus den Fluten, ihre Nachfolgerin im Jahr 2002 hieß Halle Berry und war 36 Jahre alt.

“Wir haben uns daran gewöhnt, Frauen unter 30 als halbe Kinder zu betrachten und Männer in diesem Alter als Grünschnäbel”, schreibt der Kulturjournalist Claudius Seidl in seinem Buch Schöne junge Welt. “Man muss die 35 schon überschritten haben, wenn man überhaupt ernst genommen werden will, und mit welchem Alter die Jugend endet, war noch nie so ungewiss wie heute.”

Bräsig, selbstbewußt und ohne Rücksicht auf unsere Nachkommen, so sehen wir aus in diesem Artikel. Und wie eine subtile Quittung kommt mir dann, bei ganz anderem Thema,  diese Meldung vor:

Großtrend bleibt die Wiederkehr von Namen aus der Großväter- oder Urgroßvätergeneration: Anton (21), Emil (23) oder Karl (34) verbesserten ihre Ränge. Namen der Nachkriegsgeneration wie Uwe, Jürgen und Horst sind derzeit nicht gefragt, ebenso wenig die Spitzenreiter jüngerer Jahrzehnte wie Christian oder Sebastian.

Wer seine Kinder lieber Emma und Felix nennt als Stefan  und Sabine, der geht tatsächlich mindestens eine Generation in die Vergangenheit. Wenn erstmal Heinz und Günther, Erika und Elfriede ebenfalls ein Comeback machen und auf Spielplätzen zu hören sind, dann hat die junge Generation uns endgültig den Rücken zugekehrt. Dann sind die 60er und 70er Jahre wirklich nur ein opulenter Schlenker gewesen.

Bändeweise April 20, 2013, 0:02

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Bei meinem Stöbern nach noch mehr, noch mehr, NOCH VIEL MEHR Kindle-Büchern entdecke ich ein Genre, das mich an meine Schulzeit erinnert, und zwar an die Spätphase, als die vielen Bände von der Berufsberatung kreisten – Studienfächer, Ausbildungsberufe, für jeden denkbaren Beruf gab es so ein Heftchen. Natürlich, da wir eine Mädchenklasse waren, lauter weibliche Berufe. In der Schülerbücherei war eine ganze Ecke mit diesen Büchlein gefüllt. Und jetzt sehe ich ganz viele Romane, die genau in diese Ecke passen würden.

Die Weißnäherin. Die Kübelmacherin. Die Sockenstrickerin. Die Kräuternonne. Die Imkerin. Die Handschuhmacherin. Manche dieser karg-vielversprechenden Titel werden mit geographischen Bezeichungen veredelt: Die Müllerin vom Westerwald. Die Salbenrührerin von der Norddeutschen Tiefebene. Die Korbflechterin von Hildesheim. Die Marmeladenköchin von Lüneburg. Die Waffelbäckerin vom Niederrhein. Die Spitzenklöpplerin von Domburg. Die Posamentiererin von Köln. Die Stillberaterin vom Bodensee.

Ich hätte geradezu Lust, für jedes dieser Bücher einen edlen, undeutlich mittelalterlich-renaissancehaften Umschlag zu entwerfen, auf dem eine hübsche junge Frau von Cranach, Tizian oder Holbein sinnig mittels Photoshop verfremdet und dann mit  Kräutern, Bienen, Marmeladen, Kübeln oder Waffeln kombiniert wird. Hätte ich nur mehr Zeit, würde ich außerdem glatt versuchen, sowas selbst zu schreiben. Aus den Beschreibungen der Bücher (und den Erinnerungen an meine Angelique-Lektüre vor 35 Jahren) konnte ich schon Anhaltspunkte für notwendige Handlungslemente entnehmen.

Die Heldin müßte natürlich schön, empanzipiert, temperamentvoll, rothaarig mit grünen Augen, magisch attraktiv, mit einem exotischen Namen begabt (ein Y muß drin sein)  und unglaublich talentiert sein. Mindestens einmal wird versucht, sie zu vergewaltigen, sie als Hexe anzuzeigen, sie gegen ihren Willen zu verheiraten oder sie an der Ausbildung ihres übermenschlichen Talents zu hindern. Je ein Krieg, eine Epidemie, ein Brand, ein Pogrom oder eine Naturkatastrophe müssen vorkommen – und ihr natürlich in die Schuhe geschoben werden.

Ich bin fasziniert von diesem Genre, das so üppig blüht und das mir gänzlich unbekannt ist. Oh, und nichts für ungut. Bestimmt gibt es auch in dieser Fülle gute Bücher. Ich weiß nur nicht, wie ich sie bei der Größe des Angebots finden könnte.

Mein Beileid April 16, 2013, 22:45

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haben die Opfer des Anschlags in Boston. Solche Bomben mit vielen Metallteilen sind hier ja auch während der Terrorwelle täglich, manchmal zweimal täglich, hochgegangen – entsetzlich. Die Opfer sind für ihr Leben gezeichnet, und noch Jahre später tauchen aus ihrem Körper Schrapnellteilchen auf, die sich langsam den Weg durchs Gewebe gebahnt haben – anschaulich und unumwunden geschildert von Gila Weiss, deren Blog ich unregelmäßig gelesen habe, bevor er einschlief.

Unless the shrapnel is causing damage, doctors will leave it where it is. Unfortunately there appear to be some differences between “causing damage” as defined by doctors and “causing damage” as defined by the average layman. For instance, many doctors do not define shrapnel which makes one’s face numb in parts and lumpy to the touch as “causing damage”.

But enough of the bad stuff, now it is time for what makes shrapnel fun. After it goes in (not the fun part), it comes out! All by itself! What I have learned is that shrapnel often slowly but surely works its way up to the surface and is expelled from the body. Every day I check my body for objects which, like lounge lizards slinking out late at night from a singles event, are starting to emerge. I then do the following:

  1. I examine the item, and try to guess what it is. Metal? Glass? Plastic?
  2. I brush it gently with my fingers, to see if it will dislodge. If it does, and it isn’t really, really teensy-weensy and non-impressive, and if it doesn’t fall from my finger onto the floor and get lost, I put it into my “Official Machane Yehuda Bombing Shrapnel Collection Test-Tube”.
  3. If it doesn’t dislodge, I gently feel the area around the shrapnel to check for swelling, edges, etc. This gives me some indication as to the size of the piece, and whether it is going to require medical assistance to remove.
  4. Size and/or swelling be damned, I try to remove the item myself. I jiggle it a bit, push around it like you do with splinters and try to pull it out with my eyebrow tweezers.
  5. I smack myself on the hand and tell myself to stop playing with the shrapnel and to let it come out on its own. Bad BAD Gila!!!!!
  6. If my cooler friends are around (cooler being defined as anyone who find this whole process fascinating as opposed to disgusting”), I call them over, and show them. If no friends are present, I make a mental note to show them the next time I see them.
  7. I put a glop of iodine ointment on the area and cover it with gauze and tape. The combination of iodine ointment, gauze and tape is wonderful, and has become my standard medical treatment for just about everything.

Every day is a new adventure as I find all sorts of foreign objects emerging from my body

Von den seelischen Wunden will ich gar nicht sprechen, die auch körperlich Unverletzte davontragen. An das Leid der Angehörigen, die Menschen begraben müssen, kann man nicht denken, ohne daß einem die Augen brennen.

Wie krank muß jemand sein, einen Schnellkochtopf mit extra bösartigen Metallteilchen zu füllen, damit sie in die Körper von Menschen eindringen, dort Tod und Schmerzen anrichten, aus was immer für Gründen?

Wir wissen noch nicht, was für ein Mensch das war, ob er sich als Teil einer Bewegung verstand, ob er auf eigene Faust gehandelt hat, warum er die Läufer und Zuschauer bei diesem Marathon so gehaßt hat, was sie für ihn bedeuten.

Bei jeder Nachricht über solche Anschläge wende ich die Augen ab, mit Grauen und Mitleid, und es gibt ja dauernd solche Anschläge. Wenn es aber im Irak oder in Pakistan oder Somali geschieht, halten die Medien sich mehr zurück – vielleicht aus der zynischen Erwartung heraus, daß wir solche schlimmen Nachrichten besser “wegstecken”, wenn sie in Ländern passieren, wo wir niemanden kennen, vermutlich noch nie waren, wo die Menschen sowieso so “anders” sind, so daß unser Empathiequotient in den einstelligen Zahlen liegt. Und es ist ja wirklich so, daß man nicht mit allen mitleiden kann, nicht jedes Unglück eines anderen mitempfinden kann wie das eigene, sonst wäre niemand von uns lebensfähig. Wie schon Dorothea Brooke in einer ihrer stärksten Szenen sagt: ”If we had a keen vision and feeling of all ordinary human life, it would be like hearing the grass grow and the squirrel’s heart beat, and we should die of that roar which lies on the other side of silence.”

Für mich sind diese Nachrichten kaum erträglich, sie erinnern mich einfach zu sehr an diese Jahre, in der ein durchdringender Terror-Gestank über jeder Alltags-Routine lag, in der jede Nachrichtensendung neue Greuel, neue Namen, neue Schrecken brachte. Ich schäme mich dafür, daß ich diese Nachrichten nach kurzem Hochschnellen des Grauens wegschiebe – ich kann mir ungefähr denken, wie die Menschen in Ländern leben, in denen man jederzeit gewärtig sein muß, daß der nächste Passant sich neben einem in die Luft sprengt, und sie tun mir so leid.

Aber wenn es Boston ist, wo man liebe Menschen hat, der Marathon, wo man Läufer kennt (auf deren Mail man dann beklommen wartet), dann ist das Interesse groß, die Berichterstattung dramatisch und bildreich, und es ist unmöglich, die Nachricht wegzuschieben.

Kriege sind schlimm genug. Ich kann die Ostermarschierer und die ganze Friedensbewegung schon verstehen, wenn sie gegen die Perversität kämpfen, die darin liegt, einen ganzen Industriezweig und eine ganze professionelle Tötungs-Industrie zu betreiben, während wir gleichzeitig mit allen Mitteln für die Erhaltung und Verbesserung des Lebens kämpfen. Aber verglichen mit Terror ist Krieg geradezu zivilisiert. Krieg ist brutal und tötet Menschenleben, aber Krieg hat sich Regeln gegeben, Staaten müssen sich daran halten, Kriege sind beendbar. Sie sind Mittel zum Zweck. Häßliche und grauenhafte Mittel, aber nach jedem Krieg kommt der Friedensschluß, das Verhandeln, und dann zwei Generationen später ein Händedruck über Gräbern. Oder, wie Zuckmayer beschreibt, schon in der Generation der ehemaligen Feinde ein Gefühl der Schicksalsvebundenheit. Viele Jahre nach dem Krieg erzählt er:

Vor wenigen Jahren ging ich an einem Frühlingstag in Paris auf den Champs Elysees spazieren. Plötzlich stockte der Verkehr, die Leute blieben auf der Straße stehen, alle Männer nahmen die Hüte ab. Man hörte eine rhythmisch näherkommenden Trommelschlag und sah auf dem Fahrdamm einen Trupp von Zivilisten marschieren (…) Ich fragte einen Herrn neben mir, was das für ein Aufmarsch sei. “Les vieux combattants”, antwortete er mir, “de la grande guerre”. Er meinte natürlich den Krieg von 1914-18. Die alten Kriegsteilnehmer…

Auch ich nahm den Hut ab, hätte es auch getan, wenn die anderen es mir nicht vorgemacht hätten.

Voran ging ein Kahlkopf mit weißem Schnurrbart, der die Fahne trug. (…)

Ich hatte das Gefühl, ich müßte mitmarschieren, mich anschließen, zu jenem “Grabmal des unbekannten Soldaten” hin (…). Ich hatte das Gefühl, ich müßte hingehen und sie umarmen, diese Groß- und Kleinbürger, Pesionäre und Handwerker, und müßte zu ihnen sagen: “Hier bin ich! der auf euch geschossen hat, dem ihr nach dem Leben trachten mußtet.” Ich hatte das Gefühl, ich gehöre zu ihnen, mehr als zu allen anderen auf der Welt. Denn sie waren die “Feinde”. Ich mußte weinen.

Ich habe diesen Absatz ewig nicht mehr gelesen, aber sofort gefunden und endlich abgeschrieben(Als wär´s ein Stück von mir, 245).

Ja, Krieg ist schlimm, und vielleicht ist es nicht richtig zu sagen: Terror ist schlimmer. Aber man kann sich vorstellen, daß Soldaten einander respektieren und persönlich nichts Böses wünschen, daß sie einen Sinn dafür gewinnen oder wiedergewinnen oder bewahren, daß auch der “Feind” eigentlich lieber zuhause wäre und auf der Terrasse säße. Mein Mann hat für den toten “Feind”, neben dem er in einem Hof irgendwo im Libanon geschlafen ist, ein Gedicht geschrieben und sehr stark empfunden, wie leicht es andersrum hätte sein können.

Rabin und König Hussein haben beide betont, daß es einen Frieden der ehemaligen Feinde gibt, der auf Respekt beruht. Ja, auch im Krieg gibt es Abgründe der Menschenverachtung, Leichenschändung und Brutalität. Nichts beschönigen! Aber trotz allem ist eben denkbar, daß ein Veteran dem anderen eines Tages Reverenz erweisen kann.

Aber der Terrorist? Ob Einzeltäter oder organisiert, US-Amerikaner oder Ausländer, es ist nicht vorstellbar, daß er die Menschen, denen der die Schrauben und Metallkugeln zudenkt, die er in den Schnellkochtopf füllt, je als Menschen sieht, als seine Spiegelbilder, als seine Brüder und Schwestern, vor denen er den Hut abnehmen kann.

Es ist die banalste Aussage der Welt und man muß sie eigentlich nicht wiederholen. Aber für mich ist Terror der Abschaum der Welt, und wer gegen Krieg protestiert, aber Terror rechtfertigt, irgendwie, der ist für mich ein Mensch ohne moralische Maßstäbe. Krieg kann man zumindest potentiell  eindämmen, regulieren, in Vertragwerke einbinden, beenden. Aber Terror? Unkontrollierbar, unmenschlich. Da gibt es keine Brücke mehr.

Dem Terror ins Gesicht sehen ist schwer und unerträglich. Es ist leichter, gegen die Rüstungsindustrie und die Armeen zu sein, denn die gucken unbewegt zu, wie die Menschheit Geld, Zeit und Kreativität an Drohnen und Kanonen wendet, um Interessen durchzusetzen, die man eigentlich genausogut in einem offenen Gespräch lösen könnte, wenn die Welt nicht so arm und der Mensch nicht so schlecht wäre. Aber zu erkennen, daß es blanken Haß gibt, daß diese Schrauben und Nägel auch für uns zubereitet sind – das geht weit darüber hinaus und ist erschreckend. Es fällt mir schwer, diesen Schrecken abzuschütteln.

Fahrerflucht April 15, 2013, 15:05

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Gerade las ich es mit Schrecken in Ynet: ein Radfahrer wurde in Katzir heute beim Radfahren angefahren und schwer verletzt. Der Fahrer, ein Palästinenser, ließ ihn am Straßenrand sterben und setzte sich in die Westbank ab (wo er sich der palästinensischen Polizei stellte, nachdem die sein blutbeflecktes Auto entdeckt hatte).

Und während ich noch über die Schrecken eines solchen Tods nachdachte, rief mich Y. an. Es ist Gabi. Gabi, der in der Familie von Y.s Kindheitsfreund Dror aufwuchs, Gabi, der als Waise im Kibbuz aufgenommen wurde und in der Gruppe von Y.s Schwester war. Gabi ist tot.

Und dann traf es mich mit Wucht. Drors Familie wird die Nachricht auf dem Friedhof bekommen haben. Es ist eine Familie, die zwei Gefallene zu beklagen hat. Drors Onkel fiel im Sechstagekrieg – seine Eltern (die ich beide im Altersheim gepflegt habe) haben sich nie davon erholt. Auch Drors Mutter Rachel hat den Tod ihres kleinen Bruders (der eigentlich ihr Halbbruder war) nie verwunden.

Für Rachel und ihre Mutter war es besonders hart, weil schon Rachels Vater gefallen war – noch vor dem Unabhängigkeitskrieg, 1946, in der “Nacht der Brücken“, einer Aktion der Palmach gegen die Briten (übrigens einer höchst umstrittenen Aktion). Hier ganz in der Nähe, an der Achziv-Brücke, wurde er bei einer Explosion getötet. Yizhak hießen beide Gefallenen. Rachels Mutter hatte ihren Sohn aus zweiter Ehe nach ihrem ersten Mann benannt.

(Der Grenzgänger, der mich im Kibbuz besucht hat, kann sich vielleicht noch daran erinnern, daß wir zusammen einen besonders netten einarmigen alten Herrn getroffen haben? Das war der Bruder des 1946 gefallen Yizhak.)

Rachel selbst lebt nicht mehr. Sie hat ihren Vater nie kennengelernt, ihren Bruder im Krieg verloren, war durch Kinderlähmung behindert und hatte als junge Mutter eine Tochter durch eine schwere Krankheit verloren (woran Y. sich noch deutlich erinnert). Sie hatte kein leichtes Leben. Und heute wird ihr geliebter Adoptivsohn begraben. Ich kann es kaum glauben. So ein netter Kerl war er, immer freundlich. Viele Jahre arbeitete er am Flughafen, war verantwortlich für die Sicherheitsüberprüfungen. Er brachte in die von Tod und Trauer überschattete Familie Fröhlichkeit und lebte sich im Kibbuz gut ein, wo er seine Schulzeit verbrachte und auch später noch oft zu Besuch war. Gabi, Dror und die jüngeren Schwestern verließen den Kibbuz, die Großeltern und Eltern blieben. Nur Drors Vater ist noch im Kibbuz, allein. Was für ein Schlag.

Gabi wird in Karkur begraben, in einer halben Stunde. Ich kann nicht dabeisein, leider. Y. fährt allein zu der Familie, die heute, am Gedenktag für ihre Toten, ein weiteres Mitglied begraben muß.

(Ob der palästinensische Fahrer Gabi mit Absicht umgefahren hat – das wird die Polizei herausfinden müssen, und ich will es ihm nicht unterstellen. Er hat ihn jedenfalls ohne Hilfe sterben lassen. Vielleicht wäre er noch zu retten gewesen.)

Ganz schwieriger Tag April 14, 2013, 18:20

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mal wieder. Heute abend fängt der Gedenktag für die Gefallenen an. (Den Vortag des Holocaust-Gedenktags haben wir in Berlin auf dem Friedhof Weißensee kurz begangen, die Sirene riß mich dann bei Schwiegervater aus dem Bett und ich taumelte ans Fenster – ich fühle bei der Sirene gern den Himmel über mir).

Heute abend also die Sirene, morgen noch einmal.

Seit Tagen schon liegt es in der Luft. Dieses Jahr ist keines meiner Kinder einer Familie “zugeordnet”, um dort die Armee zu vertreten – Secundus ist im Dienst, Tertia hat ein paar Tage frei. Diesmal haben wir keine Zeit, bis zum Kibbuz zu fahren, wo allein dieser Tag sich richtig “anfühlt”.

Wir werden wohl hier im Yishuv die Zeremonie mitmachen. Immerhin wohnen wir im Haus eines jungen Mannes, der nie älter als Mitte 30 werden wird – 1972 geboren, 2006 gefallen. Alles, was mir an diesem Haus gefällt, was gemütlich und pfiffig ist, hat er entworfen und selbst gebaut. Seine Familie ist vermutlich an seinem Grab, in seiner Geburtsstadt. Aber auch in diesem winzigen Nest mit nur 40 Häusern wird heute abend der Gedenktag begangen – vier Tote hat Granot zu beklagen.

Morgen dann werden wir Y. auf seinem jährlichen Weg an Odeds Grab begleiten.

Mehr als 23.000 Menschen sind im Laufe der Jahre gefallen und fehlen. Möge kein Name mehr hinzukommen, nicht im nächsten Jahr und überhaupt nicht mehr, nirgends.

Im Konzerthaus April 14, 2013, 6:31

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Wir hatten die Studenten auf diesen Abend vorbereitet, weil wir wußten, daß wir mit einer gemischten Gruppe zu tun haben. Manche spielen seit Jahren ein Instrument, kennen und lieben klassische Musik und freuen sich auf einen Abend mit Brahms und Mendelssohn besonders. Andere waren noch nie in einem solchen Konzert und sind nervös, haben Angst, sich zu langweilen oder sich danebenzubenehmen.

Ich hatte mir extra ein schönes Kleid mitgebracht, auch meine Kollegen, die Kibbuzniks, waren feiner angezogen als sonst üblich. Wir hatten vor dem Konzert den Studenten ein paar Stunden freie Zeit gegeben, mit genauen Angaben, wie sie zum Hotel und vom Hotel zum Konzerthaus kommen. Es ist ja nicht schwer zu finden. Wir hatten ihnen nicht gesagt, daß man vor einem Konzert Mäntel, Schals, Mützen, Handschuhe und große Taschen an der Garderobe abgibt – wir hatten ja nicht mit solcher Kälte gerechnet. Ein Teil der Studenten, die keine Zeit gehabt hatten, sich umzuziehen oder ihre Einkäufe ins Hotel zu bringen, erschienen also im Konzertsaal mit Sack und Pack und verbreiteten um sich herum Seminar-Atmosphäre. Meine Kollegen und ich sahen uns an: noch ein Punkt für die Liste “Dinge, die wir bei der nächsten Vorbereitung erwähnen oder beachten sollten”.

Wir hatten den Unerfahrenen empfohlen, erst dann zu klatschen, wenn das ganze Haus klatscht, und das klappte auch tadellos. Eben diese Erst-Konzert-Besucher zeigten sich sehr beeindruckt von der Husten-Räusper-Welle zwischen den Sätzen. “Willst du mir sagen, daß die sich das Husten verkneifen, bis eine Pause ist?,” fragten sie. “Und wenn jemand sehr doll erkältet ist?” “Dann geht man eben nicht ins Konzert, man will ja anderen nicht den Abend verderben,” meinte ich. Diese Rücksichtnahme der Hustenden fiel allen sehr positiv auf, auch meine Kollegen wurden darauf angesprochen.

Das Konzerthaus ist ein perfekter klassizistischer Rahmen, ich war noch nie dort und hatte das Gebäude immer nur von außen bewundert. Meine sechs Studentinnen sahen sich alles an, erkannten Orpheus und mehrere olympische Götter, sie konnten das ikonographische Programm des Hauses “lesen”. Da war ich erfreut und auch ein bißchen stolz, denn manches haben sie bei mir gelernt, und in Israel gibt es einfach keine solchen Gebäude, wo sie ihr Wissen hätten erproben oder anwenden können. Es gefiel mir, wie sie sich umguckten und einander aufmerksam machten. “Guck mal, das müßte Apollo sein, ist ja auch logisch….” Immerhin hatte ich in einer Vorbereitungsstunde viel über Schinkel gesprochen und ihnen auch Schinkel-Gartenstühle gezeigt – Schinkel war ja nicht nur Architekt und Maler, sondern auch Designer, der eine Umgebung bis in kleinste Einzelheiten planen konnte. Ich muß mal in meinen Büchern über Schinkel nachgucken, wie viel von diesem Programm wirklich auf ihn zurückgeht, und was hinzugefügt wurde. Auf jeden Fall ist der Saal stimmig, und meine Studentinnen erkannten das.

Ein Teil meines Stolzes ging dann kurzfristig baden, als ich eine Gruppe unserer Studenten in der Pause sah – sie saßen in einer Nische im Vorraum, auf den Boden gefläzt, drumherum ihren ganzen Kram, und verglichen ihre Einkäufe. Zwei vertilgten mitgebrachtes Fastfood. Ich wandte schnell den Blick ab, um nicht mal aufzunehmen, wer sich gerade danebenbenahm, und übergab das Problem einem Kollegen, der fragte: “was macht ihr denn da?” “Wir haben die Frau da vorne gefragt, und die hat gemeint, draußen dürfte man essen”. Mein Kollege hat ihnen dann erklärt, daß zwischen dem diskreten Verzehr eines mitgebrachten Butterbrots und einem Picknick zwischen Schals und Mänteln und DM-Tüten ein Unterschied besteht, und sie erröteten.

Da fiel mir wieder ein, warum ich schon vor Jahren aufgehört habe, meine Kinder in Theateraufführungen für Kinder mitzunehmen. Die Mütter, die sofort die Bamba-Tüten hervorholen, bevor der Vorhang hochgeht, haben mich einfach zu sehr genervt, und ich wollte nicht, daß meine Kinder eine ähnliche Konditionierung abkriegen. Vielleicht ist es das Kino, wo man ja heutzutage einerweise überteuertes Popcorn in sich hineinstopft, das die Sitten verdirbt. Den konzert-geübten Studenten jedenfalls wäre das wohl nicht unterlaufen.

Am nächsten Tag jedenfalls beim Frühstück fragte der Kollege, dessen Tochter Cellistin in England ist, für wen dieses Konzert das erste dieser Art war. Ein großer Teil hob die Hand. Bevor ich noch meine Gesichtszüge unter Kontrolle bringen konnte, rief eine Studentin, “Lila, was guckst du so, in Israel gehört das eben nicht dazu….” Aber ich konnte nicht lachen, sondern mußte einfach schnell eine Predigt anbringen. “Berlin ist voll von israelischen Musikern, klassischen und nicht-klassischen, und Israel ist voll von ausgezeichneten Orchestern und Musikern. Ich bin fast sicher, daß auch im Orchester von gestern abend ein Israeli saß. Fangt an, in Israel Konzerte zu besuchen, damit israelische Musiker nicht auswandern müssen!”

Jedoch mußte ich mir wie Anne Elliot eingestehen, daß ich auch in Israel viel zu selten ins Konzert gehe. Wir haben schon ewig kein Abo mehr, es ist einfach zu schwierig, sich von allem einfach loszueisen, vielleicht sind Karten auch zu teuer für unsere Studenten, oder sie fühlen sich deplaziert. Oder sie meinen, wie bei der Kunst, das ist eben nichts für sie, sondern nur für “feine Leute”. Immerhin, dann haben wir hoffentlich einen Schritt getan, damit sie sehen, daß man ein klassisches Konzert genießen kann. Na ja, ich habe es jedenfalls genossen.

Unbeschreiblich müde April 10, 2013, 21:49

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Letzte Woche, in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch, ging die Reise los – nachts um eins mit dem Zug zum Flughafen, irgendwann gegen Morgen der Flug, vormittags in Berlin…. und unser Programm war vollgestopft von Anfang bis Ende. In den ersten Tagen hielten wir die Studenten beisammen und in unserer Nähe, damit sie sich erstmal an Berlin gewöhnen, später dann ließen wir sie mehr und mehr von der Leine, aber sehr oft mit Aufgaben. Es gibt viele Geschichten zu erzählen – diese Exkursion war die bisher intensivste und auch anstrengendste, weil die Studenten jünger waren als bei den anderen Exkursionen und manche von ihnen noch nie außerhalb von Israel waren, noch nie eine Flugreise gemacht hatten und dementsprechend verwirrt und auch überfordert waren.

Die Tage fingen früh an, wir sind stundenlang gelaufen, die Verantwortung war schwer, und abends, wenn die Studenten durch die Berliner Nachtwelt zogen oder ins Bett fielen, saßen die Kolleegen und ich noch zusammen und feilten am Plan für den nächsten Tag. Übrigens waren wir ein ausgezeichnetes Team und obwohl wir nicht immer einer Meinung waren, waren die  Gespräche interessant und anregend. Unsere Gruppe war gemischt – Kunst, Geschichte, jüdische Philosophie, Literatur, Sonderpädagogik und Frühpädagogik. Alles zukünftige Lehrer. Von den Kollegen war einer Historiker, der andere Philosoph (jüdische Philosophie) und eben ich, Kunsthistorikerin. Den Studenten fiel es anfangs etwas schwer, den multidisziplinären Ansatz zu verstehen, mit dem manche überfordert waren. Die akademische Gewohnheit des Fach-Schubladen-Denkens ist ihnen so selbstverständlich, daß sie sich erstmal dran gewöhnen mußten, mit Wissen außerhalb ihres Fachs konfrontiert zu werden – was aber schon am zweiten Tag ganz einfach war.

Ich hatte nur zwei Stunden “Privatleben” – mein Treffen mit Indica, und auch das mußte ich mir aus den Rippen schneiden. Gern hätte ich noch andere liebe Menschen gesehen, aber es war einfach kein Denken dran. Ich hab es nicht mal geschafft, sie anzurufen.

Sonntag ging der Tag für mich besonders früh los, weil zwei Studenten Geburtstag hatten und ich mich auf den Weg machte, um Kuchen für sie zu besorgen. Der ganze Tag war verplant, gegen Abend dann ging es zum Flughafen, wo ich eine Schrecksekunde hatte – mein verflixter Paß war nicht aufzufinden. Ganz ehrlich: ich dachte für ein paar Minuten, “jetzt bleibe ich einfach in Berlin und rufe Indica an und…”, aber dann fand ich ihn doch. Ein Nachtflug ist eine elende Sache, wenn man am anderen Tag nicht ausruhen kann. Ich konnte auch nicht schlafen, ich fliege ungern und wenn ich an die ganze Luft unter meinen Füßen denke, wird mir unbehaglich. (So geht es Y. auf dem Meer – er findet Wassermassen unter sich beklemmend, aber ich vertraue dem Wasser viel mehr als der Luft.) Aus dem Fenster konnte ich wunderschönes Wetterleuchten sehen, es muß über der Türkei gewesen sein, weit weg von uns.

Montag früh gegen drei landeten wir, gegen fünf waren wir mit dem Bus an der Hochschule, und es lohnte sich nicht für mich, nach Hause zu fahren. Y. erwartete mich und brachte mich mit einer Tasche, die er extra vorbereitet hatte, zum Haus seines Vaters (der nah an der Hochschule wohnt). Dort war ein Gästezimmer für mich vorbereitet – dankbarer bin ich nie in ein gemachtes Bett gefallen. Nach ein paar Stunden Schlaf und einem guten Frühstück war ich dann wieder im Dienst und hatte bis sieben Uhr abends volles Programm. Zu meiner Stunde kamen viele Studenten gar nicht, weil sie dachten, ich halte sie bestimmt nicht ab – aber eine der Studentinnen von der Berlin-Fahrt erschien.

Als ich gegen neun Uhr abends endlich zuhause war, war ich so müde, daß ich nicht mehr geradeaus gucken konnte. Den Dienstag habe ich verschlafen, und heute habe ich morgens unterrichtet, eine Besprechung abgesagt, und bin nach Hause gefahren, um weiter zu schlafen. Y. und Quarta meinen, so fertig haben sie mich noch nie erlebt. Die langen, intensiven Tage, die endlosen Fußmärsche durch die frische Luft (die ich genossen habe – ich fand das Wetter in Berlin perfekt, man muß sich nur warm genug anziehen), die Spannung der Verantwortung und ob auch alles reibungslos klappt – der unruhige Schlaf, immer in Angst, nicht rechtzeitig aufzuwachen, und in Sorge um die Lieben zuhause – das war alles ein bißchen viel.

Ich bin also noch nicht wieder in vollem Aktionsmodus. Morgen, hoffe ich, kann ich den Hebel umlegen und wieder summen und brummen. Dann kann ich vielleicht auch ein paar Geschichten erzählen. Und das nächste Mal fahre ich ganz privat nach Berlin, einfach nur so.

Barbaren in Aubin März 29, 2013, 0:20

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Yariv Horowitz ist ein israelischer Filmemacher, der einen Film gegen die Besatzung gedreht hat. Für den Mob junger Araber, die Horowitz bewußtlos geprügelt haben, ist es egal, ob der Regisseur für oder gegen die Besatzung ist – er ist ein Feind und muß zusammengeschlagen werden. Das war bei einem Film-Festival in Aubin in Frankreich. Haaretz vermerkt, daß man nicht weiß, ob die Araber wußten, daß sie einen Israeli verprügeln. Das fällt für sie wohl in die Kategorie “teuflischer Zufall”. In der Jerusalem Post heißt es, die französischen Behörden gehen von einem rassistischen Hintergrund aus. Horowitz hat sich schnell erholt, aber findet Ihr nicht, daß die Angriffe auf israelische Kulturschaffende langsam unangenehm überhand nehmen? Ich werde wohl tatsächlich nicht um eine Blogkategorie Barbaren herumkommen.

Noch immer nicht repariert März 24, 2013, 15:22

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2013-03-24 11.12.48

Die Schäden in unserer abgehängten Decke aus Rigipsplatten – die Druckwelle der Explosion in Goren ist zehn Tage her. Der Mann von der Versicherung, der die Schäden schätzen kam, meinte, wir können von Glück sagen, daß uns das Ding nicht auf den Kopf gerasselt ist (was mir allein schon wegen der dort lebenden extragroßen Spinnen sehr contre coeur ginge). Inzwischen wissen wir auch, daß der Schwerverletzte noch immer auf der Intensivstation ist, Brandverletzungen, der arme Mann, und daß nur durch ein Wunder die Arbeiter dem Tod entkommen sind – sie warteten alle draußen auf ihre Fahrgelegenheiten. Die Schicht war gerade fünf Minuten vorher beendet.

Angeblich gab es noch ein zweites Lager, viel größer. Wenn das in die Luft geflogen wäre, sähe es aber ganz anders aus bei uns. Keiner in der Gegend wußte überhaupt, daß es diese Fabrik gibt. Die Gerüchte kann man sich vorstellen.

Mal gucken, wie lange es dauern wird, bis das magische Dreieck Versicherung – Hausbesitzerin – Handwerker uns von diesem häßlichen Riß (und vielen anderen, kleineren) erlöst.

So sieht es jedenfalls an der Unfallstelle, nur wenige hundert Meter von uns entfernt, aus:

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Ende März März 23, 2013, 11:24

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ist es jetzt, und seit ich mich kenne, fange ich spätestens Mitte März an, an Papas Geburtstag zu denken. Besonders in den letzten Jahren, als er krank, an sein Zimmer und Bett gefesselt war, wurde es mir immer wichtiger, etwas zu finden, was ihn interessiert, ablenkt, erfreut. Nicht immer liegt man mit einem Geschenk richtig, aber ich glaube, ich kannte meinen Vater gut genug, um zu wissen, was er wirklich mag.

papa 1956

1953

Er hat im Laufe der Jahre von mir Bücher und Filme über Skandinavien, Schifffahrt, Fußball (besonders im Ruhrgebiet seiner Jugend), deutsche Geschichte und sogar Modelleisenbahnen bekommen. Themen, von denen ich nicht unbedingt was verstehe, aber dank Internet konnte ich die besten, auf meinen Vater maßgeschneiderten Geschenke sammeln. Es hat mich getröstet, wenn ich an ihn dachte und daran, wie schlecht es ihm geht, daß er vielleicht jetzt gerade einen Film sieht oder ein Buch liest, die ich ihm geschenkt habe, und damit im Geiste mit Hornblower oder Captain Cook über die Meere fahren kann, oder wieder wie als kleiner Junge seinem bewunderten Torwart von Rotweiß Oberhausen zujubeln kann, oder sich in die schönsten Modell-Lokomotiven versenken kann.

1964

Als Kinder waren wir wenig einfallsreich im Beschenken unseres Vaters, aber der 10. April war immer ein großer Tag. Für mich besonders, weil Papas Geburtstag der Auftakt war: am 21. April kam dann Omas Geburstag, und am 27. endlich meiner.

Ich kann es nicht fassen, daß er nicht mehr da ist. Das erstaunt mich fast selbst, denn ein Vater im klassischen Sinne war er schon lange nicht mehr. Er hat seine Vaterrolle mit der Scheidung aufgegeben, das war 1976, und war seitdem ein seltener Gast in unserem Leben. Verantwortung hat er nicht mehr übernommen. Einmal im Jahr wurde von uns erwartet, daß wir ihn besuchen kommen – am zweiten Weihnachtstag. Er bekam ein Geburtstagspaket von mir. An meinem Geburtstag rief er mich an. Ansonsten hörten wir nicht oft voneinander. Ob hier Krieg war, ich im Krankenhaus war oder eines der Kinder krank – er rief nie an. Er erwartete, daß wir den Kontakt aufrechterhielten, und war gekränkt, wenn wir das nicht taten.

Wenn es in meinem Leben eine Krise gab, oder auch im Leben meines Bruders – wir hätten uns nie an ihn gewandt, so wie andere sich an ihre Väter wenden. Erst nach seinem Tod fiel uns das auf. Andere Menschen besetzten in unserem Leben die Nothelfer-Ratgeber-Vorbildfunktion, die bei vielen Menschen der Vater besetzt. Bei der Beerdigung meines Stiefvaters (den er respektierte) fiel ihm das auf. Er hörte meine Grabrede und sagte hinterher ziemlich bitter zu meinem Bruder: man könnte meinen, daß das ihr Vater gewesen wäre. Und mein Bruder antwortete: das war er auch. Mit mir sprach er das nicht an, wir waren beide höflich-distanziert, das Minenfeld unserer Beziehung betraten wir nicht.

Er hat uns auch materiall gründlich enterbt, obwohl er keine anderen Kinder als uns hatte, aber außer den Familienpapieren, seinen alten Tagebüchern, einer Henlein-Uhr, die in meiner Kindheit auf seinem Nachttisch stand, und einem Spielzeug, das er als Kind geliebt hat, habe ich nichts geerbt. Eigentlich ist es aber auch genug und gar nicht so wenig. Seine zweite Frau ist nicht unsere Mutter und schuldet uns nichts. Er hätte, wenn er es denn gewollt hätte, für uns sorgen sollen, aber es war ihm wichtiger, sie versorgt zu sehen – und sie hat ihn ja auch die ganzen Jahre gepflegt und oft genug gerettet. Ich kann zwar nicht verstehen, wie man Kinder und Enkelkinder systematisch und rechtlich wasserdicht enterben kann, sie aber gleichzeitig jedes Jahr zu Weihnachten erwartet. Irgendwie paßt das nicht ganz zusammen. Oder mir kommt es so vor.

Jedoch, wie gesagt, die Vaterrolle hat er abgschlossen, als wir ihn “böswillig verlassen” haben. Er hat den Zusammenbruch seiner Ehe nie anders gesehen und nie darüber nachgedacht, wie fair oder unfair es war, zwei Kindern unter 12 Jahren zuzumuten, sich zu entscheiden – weil es ein “sowohl als auch” beim Stand der Feindseligkeiten nicht gab. Auch rückblickend fand er es vollkommen logisch, von uns zu erwarten, uns auf seine Seite zu schlagen, ohne Wenn und Aber. Daß die Eltern es waren, die ihre Ehe nicht mehr führen konnten, daß sie die Verantwortung trugen für die Situation und es uns leichter hätten machen sollen statt schwerer  - das weiß meine Mutter längst, aber mein Vater hat es nie so gesehen.

Für ihn war klar, daß Kinder, die ihren Vater im Stich lassen, um bei ihrer Mutter zu leben, jeden Anspruch auf väterliche Sorge verwirkt haben. Auch die Enkelkinder haben weder zur Geburt noch zum Geburtstag je etwas geschenkt bekommen, nur zu Weihnachten, wenn wir zu Besuch kamen. Wenn ein Kind wegen seines Armeediensts nicht mitkommen konnte, bekam es auch nichts geschenkt – die zweite Frau meines Vaters hat dagegen protestiert, aber mein Vater war konsequent. Wer nicht kommt, der kriegt auch nichts. Meinen Kindern geht nichts ab, es ist ihnen nicht mal aufgefallen, aber großvatertypisch ist es eigentlich nicht. Jedoch, er sah sich nicht als Opa, und meine Kinder nannten ihn auch nicht so, sondern bei seinem Namen.

1965

“Du warst ja immer auf Seiten deiner Mutter,” hat seine zweite Frau mir einmal gesagt, als Erklärung für seine emotionale Distanz. Ich habe sie gefragt, was das für Eltern waren, die uns Kinder gezwungen haben, eine Seite zu wählen. Sie hatte das nicht bedacht und hatte seitdem mehr Verständnis für uns, glaube ich. Ich wiederum habe meinen Vater im Laufe der Jahre besser verstehen gelernt. Er war kein Typ für Kompromisse, in keinem Lebensbereich, warum also ausgerechnet in Bezug auf seine Ehe und Familie? Für ihn waren das Verträge, die wir gebrochen hatten, und damit waren seine Verpflichtungen am Ende.

Er hat damit viel verloren, denn von seinem Charakter her war er eigentlich ein Patriarch. Wir haben väterliche Liebe von unserem Stiefvater erfahren dürfen, der zuverlässig zu uns stand, und ich habe mit meinem Schwiegervater eine weitere Vaterfigur gewonnen. Im Leben meines Vaters gab es zwar jüngere Familienmitglieder, aber an die Stelle seiner Kinder trat eigentlich niemand. Er übte auch Nichten und Neffen gegenüber beißende Kritik und hielt sie auf Abstand. Keiner von ihnen erschien zur Gedenkfeier oder Bestattung.

Daß wir es trotzdem fertiggebracht haben, gegen Ende seines Lebens eine Art Einverständnis zu erlangen, rechne ich uns beiden hoch an, ihm höher als mir, denn ich bin jünger und hatte mehr Glück im Leben als er und habe mehr Liebe erfahren.

Es ist ja widersinnig, aber ich habe ihn tatsächlich mein Leben lang aus der Perspektive gesehen, die ich etwa mit fünf Jahren hatte, immer ein schlechtes Gewissen und immer in Angst vor der nächsten messerscharfen Bemerkung oder Ohrfeige. Daß ein Vater zu solchen Mitteln aus Hilflosigkeit greift, weil er Angst hat, sonst die Kontrolle über die Kinder zu verlieren, verstehe ich heute. Damals bedeutete es, daß wir um fünf Uhr, wenn der Papa von der Arbeit wiederkam, Angst hatten. Sind die Hausaufgaben gemacht, das Zimmer ordentlich, die Fingernägel nicht angeknabbert?

Andere Kinder warteten am Fenster auf ihren Papa, wenn alle Väter aus der “Kerschungsforanlage” wiederkamen. Wir wohnten ja im Nordviertel, wo alle Väter Physiker, Chemiker oder Mathematiker waren und alle Mütter Lehrerinnen (höchstens Teilzeit natürlich). Heute tut mir das für meinen Vater leid, denn er hätte es auch gern gehabt, daß wir mit Freude auf ihn warten, aber das hat nicht geklappt, und ich glaube nicht, daß mein Vater wußte, warum nicht.

Unser Vater war eine Autorität, und das war zwar meistens höchst unbequem, jedoch manchmal kam es uns zupaß. Es gab Situationen, in denen ein hochgewachsener Mann mit funkelnden Augen, der nie um eine schlagfertige oder beißende Antwort verlegen war, ein nützlicher Verbündeter war. Auch unsere Lehrer ließen sich vom strafenden Blick unseres Vaters und von seinem Sarkasmus beeinflussen, und bei der Arbeit war er der Chef mit riesengroßem C. Er kümmerte sich um seine Untergebenen, beriet sie und sprang auch für sie in die Bresche. Er wäre gern Lehrer geworden, wie seine Mutter, und war ein guter Ausbilder und nebenbei auch Lehrer.

Er war eigentlich schon als junger Mann alt. Manchmal wurde er jung, beim Fußballspielen, im Urlaub, am Meer und auf See. Dann zeigte er uns, wie er aus Zigarettenrauch Ringe blasen kann, wie hoch er einen Ball in die Luft schießen oder fausten kann, und erklärte uns, wie ein Schiff seinen Weg findet, warum man in Epidauros ein auf der Bühne geflüstertes Wort bis in die obersten Ränge hören kann,  und warum es am Nordkap im Sommer nicht dunkel wird. Die großen Momente einer Einsicht in meinem Leben habe ich in deutlicher Erinnerung, und nicht wenige davon sind Papa-Erinnerungen.

Wenn er entspannt war, wenn er die Kontrolle mal ein bißchen losließ und uns von seinen Niederlagen erzählte, oder mit uns tobte, oder ein schallendes Gelächter ausbrach (das Primus haargenau von ihm geerbt hat – wenn ich ihn lachen höre, kriege ich jedesmal eine Gänsehaut, denn es ist unverkennbar Papas Lachen), wenn er uns abends Geschichten und Märchen erzählte und dabei richtig in Schwung geriet  - dann waren das seltene, gute Momente. Besonders im Urlaub kamen sie vor. Aber nach 1976 war er nie mehr entspannt mit uns. Er hatte das Vertrauen in uns verloren. Und er war ein Mann, der nicht leicht vertrauen konnte. Wir hatten sein Vertrauen ein für alle Mal verloren. In einem Moment der Bitterkeit nannte er uns einmal treulos. So sah er uns, und das für ihn vielleicht bitterer als für uns.

Ich habe es versäumt, vor seinem Tod eine wirkliche Versöhnung zustandezubringen, und ich glaube auch nicht, daß er daran interessiert war. Er fand es leichter, mit meinen Kindern zu kommunizieren als mit mir. Sehr selten hat er mal etwas Positives sagen können – er gehörte zu der Generation, die sich mit dem Loben schwertat. Aber über meine Kinder hat er sich öfter lobend ausgesprochen, ja, er hat mir gesagt, daß ich sie gut erzogen hätte und stolz sein könnte auf die Kinder. Das hat mich bewegt, denn ich hätte nicht erwartet, daß er es ausspricht. Er hat auch Y. sehr geschätzt und respektiert (und sich gewundert, meinem Bruder gegenüber, was so ein Mann an mir findet – er war bemerkenswert frei von väterlicher Subjektivität).

Es tröstet mich, daß mein guter, goldener Primus ihn zum Schluß noch besucht hat. Primus, der ihm ein bißchen ähnlich sieht, der ihn immer gemocht hat und der vor Krankheit und Leid und nahendem Tod keine Scheu hat, sondern ihm herzlich in die Augen gesehen hat und ihm gesagt hat, daß wir ihn lieben. Was mein Vater nicht oft im Leben gehört hat, da bin ich sicher. Primus ist meine Brücke in die letzten Tage meines Vaters, und ich bin so froh, daß er auch bei der Seebestattung dabei war.

papa

2001

Als die “Forelle” in Sichtweite des Marine-Ehrenmals ihren Kreis um seine Urne drehte, die auf den Meeresboden sank, hatte ich das sichere Gefühl, daß mein Vater seinen Frieden gefunden hat. Das war ein stimmiger Abschluß, wie er schöner nicht hätte sein können. Mein Bruder und ich sind und waren uns sicher, daß unser Bestehen auf einer Seebestattung, wie er sie gewollt hätte, in der geliebten Ostsee, nicht weit von “seiner” Werft, das beste Geschenk war, das wir ihm hätten machen können. Wir kannten ihn eben doch sehr gut.

2012

Aber jetzt sitze ich mit meinen Ideen für Papas Geburtstag da und keiner ist mehr da, dem ich sie schicken könnte. Meine Hände auf der Tastatur sind seine, und ich habe sein Erbgut weitergegeben, wer weiß, was davon in späteren Generationen auftauchen wird. Die Geschichte von meinem Vater und mir ist eine Geschichte der verpaßten Gelegenheiten, das wußte ich schon, als er noch lebte, und konnte es doch nicht ändern. In vieler Hinsicht lebe ich in meinem Leben weiter, was er auch gern gelebt hätte – Ehe, Familie, Meeresnähe. Andere seiner Träume lebt mein Bruder weiter – Autos, Fußball, Reisen.

Die Linien des Lebens sind verschieden,

Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen.

Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen

Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.

Und wieder März 20, 2013, 21:54

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werden verwundete Syrer in Israel behandelt.

Obama ist in Israel – jedes seiner Worte wird zur Schlagzeile. Es war nett, daß er einer Kipat-barzel-Batterie einen Besuch abgestattet hat (die übrigens von einer jungen Offizierin befehligt wird), denn für seine Hilfe bei der schnellen Entwicklung dieses Projekts sind ihm alle in Israel dankbar. Ich bin froh, daß die Atmosphäre zwischen Bibi und Obama sich entspannt hat und sich nüchterner Optimismus breitmacht, zumindest als Streifen am Horizont. Viele kluge Analysen habe ich gehört und viele überflüssige – ich bin zu müde, sie zu rekapitulieren.

In seiner Rede erwähnte Obama auch, daß lange kein Israeli mehr durch Terror ums Leben gekommen ist – was stimmt und hoffentlich so bleibt. Die kleine Adele Biton kämpft um ihr Leben. Ich hoffe, daß sie überlebt und keine irreperablen Schäden davonträgt. Wer an die Kraft von Gebeten glaubt, möchte vielleicht mitbeten – die Eltern haben darum gebeten.

 

Noch eine Frage an meine Berliner Leser März 10, 2013, 9:54

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Hat jemand einen Tip für ein Restaurant, in dem man Kabalath Shabat feiern kann, zu 30 Leuten? und was nicht furchtbar teuer ist – für Studenten eben? Ein Leichtes, nicht wahr…? Seufz.

Secundus´ Abendmusik März 10, 2013, 9:20

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Wenn der Junge hier ist, bin ich so froh.

Ethnix, Ha-chaim kol kach yafim – Das Leben ist so schön

Er war auf einer “Kriegswoche”, einer regelmäßig abgehaltenen Woche, bei der unter Kriegsbedingungen trainiert wurde. Diesmal wirklich hart: in den abscheulichen Ostwinden eine Woche lang durch die Wüste laufen, nur mit kurzen Pausen, Tag und Nacht (insgesamt über die Woche verteilt haben sie nur sehr wenig geschlafen, und das auf dem nackten Boden), Secundus mit 35 Gepäck auf dem Buckel… die ganze Sani-Ausrüstung, Wasser und Essen… 100 km zu Fuß.

Mashina, Ba-rechovot shelanu – Auf unseren Straßen

(Idiotischer Clip, na ja, 80er Jahre halt :-) )

Er hat sich ausgeschlafen, aber er ist ganz vergnügt. Das war vermutlich, hoffentlich, seine letzte Übung dieser Härte.

Mashina, Tachzor, tachzor – komm zurück, komm zurück (das hab ich reingeschummelt, ist nun mal mein Liebstes von Mashina – besonders wegen Yossi Banai, der schon nicht mehr lebt und der ein viel größerer Sänger war als Yuval, sein Sohn, der Frontmann von Mashina )

Jetzt hört er Musik, und ich frage ihn, ob er Tips für meine Blogleser hat. Alles, was er vorschlägt, beantworte ich mit bescheidenem Stolz “ach, das Lied von Ninette hab ich letzte Woche schon verlinkt”, “Efrat Gosh – hab ich auch schon im Blog gehabt”, jawohl, ich kenne mich aus! und ich höre Secundus feixen. “Mama, du bist aber schwierig”.

Asaf Amdurski, Yekirati – mein Liebling

Trotzdem kommen wir noch auf ein paar Sachen, die noch nicht dabei waren.

Harel Moyal, Kmo ohavim – wie Liebende

Secundus ist ein Moyal-Fan der ersten Stunde – vor vielen Jahren hab ich meine Blogleser mal in Secundus´ Namen zu einer Abstimmung im Internet geschickt, als Moyal an dem israelischen Äquivalent einer Talentshow teilnahm. Moyal gewann tatsächlich, und Secundus war stolz. Das waren bestimmt die Stimmen aus Deutschland, die wir herangeschafft hatten! Oh, ganz bestimmt.

Yehuda Saado, Sadot shel irusim – Felder voll Iris

Ebenfalls bei dieser Talent-Sendung, nur ein paar Jahre später, gewann Yehuda Saado mit einem Lied voll Sehnsucht und Nostalgie. Sonst nicht unser Fall, der orientalische Sing-Stil, oder nur in kleinen Dosen, aber er sang das Lied mit echtem Gefühl. Wer es auf “ashkenasisch” hören will, bitte, es ist für alle gesorgt.

Shlomo Arzi, Sadot shel irusim – Felder voll Iris

Shlomo Arzi und Dudu Tassa, Latet ve-lakachat – Geben und Nehmen

Mei Feingold, Raziti lashir – ich wollte singen

Morgen ist er wieder weg.

Tomer Yosef, Ka-elu milim – Solche Worte

Zum dritten Mal März 9, 2013, 0:04

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ist die Wasserleitung des Solarboilers geplatzt – dabei ist die ganze Anlage nagelneu. Das Thermostat funktioniert anscheinend nicht, obwohl es korrekt eingestellt ist. Mit einem richtig mordsmäßigen Knall ist das Ding kaputtgegangen, von mir nur durch eine Wand getrennt – neben meinem Arbeitszimmer ist ein niedrigeres Dach, da wohnt der Boiler. Erst kriegte ich einen Riesenschrecken, aber dann hörte ich das wütende Sprudeln und Zischen des heißen Wassers, das bald die Wand entlang rauschte. Nicht schon wieder!

Ich raste die Treppe runter, und als ich aus dem Haus fegte, kam mir unser Nachbar schon entgegen. “Ich dachte ja zuerst, das wäre ne Katyusha,” meinte er, “aber mir scheint, mit eurem Thermostat stimmt was nicht”. Gemeinsam mit Y. kletterte er aufs Dach und sie reparierten das Ding. Ich dachte so bei mir, “wir leben schon in einer verrückten Gegend, Moshe hat vermutlich schon mehr Katuyshas explodieren gehört als Solarboiler-Zuleitungen”…

Einen Tag später. Ich sitze gegen Abend im Arbeitszimmer und picke auf meinem Laptop rum. Auf einmal höre ich wieder Wasser heftig an die Wand schlagen, dann wild rauschen. Wieder stürze ich die Treppe runter, in Secundus´Zimmer, denn von seiner kleinen Terrasse aus, die unter dem Solarboiler liegt, kann man am besten beurteilen, was da oben auf dem Dach passiert.

Ach herrje, welche Blamage. Y. und Quarta lachen mich aus. Es regnet. Ein richtig heftiger, kurzer Wolkenbruch.

Also ehrlich. Wenn Moshe bei einer Explosion als erstes an Katuyashas denkt und ich beim Prasseln von Wasser an einen Solarboiler – dann stimmt aber wirklich was nicht…

Grübel, grübel März 5, 2013, 20:39

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Bin ich die einzige, die wie besessen nach etwas sucht und fast wahnsinnig wird, wenn sie es nicht findet? Herrje. Doch wozu habe ich meinen Blog? mit lauter intelligenten, rundum gebildeten, feinsinnigen Menschen?

Also. Vor sehr vielen Jahren hat mir mal eine sehr nette Frau aus Süddeutschland ein Geschenk zu Quartas Geburt geschickt – oder war es zu Tertias? Nein, Quatsch, zu Quartas Geburt oder davor, na es war so Ende der 90er Jahre.

Es waren zwei CDs mit Klaviermusik für Kinder, eingespielt von einem mir bis dato unbekannten, jedoch meiner laienhaften Meinung nach sehr begabten und sensiblen Pianisten. Es muß eine kleine Auflage gewesen sein. Eine CD war Musik für den Tag und fürs Spiel, in fröhlichen, lebhaften Farben gehalten auch der Umschlag. Die andere CD war natürlich beruhigende Musik zur guten Nacht, und der Umschlag war dunkelblau. Schumann, Chopin, ich kann mich nicht mehr genau an die Musik erinnern, es ist zu lange her, und ich hatte damals die bekannte postnatale temporäre Gehirnerweichung, so daß ich mich eigentlich nicht an viel erinnern kann außer daran, daß die Kinder diese CDs geliebt haben. Und ich auch.

Wo mögen sie hingekommen sein? Mehrere Umzüge haben bei uns den größeren und bösartigeren Vetter des Sockenmonsters entfesselt – es sind Dinge spurlos verschwunden, die man eigentlich eingepackt hatte. Darunter ist der schmerzhafteste Verlust diese beiden CDs. Falls es bei jemandem mental klingelt und er sich daran erinnert, sie gekannt zu haben – falls noch jemand den Namen des Pianisten erinnert –

Lauf deinen Träumen nach… März 5, 2013, 14:39

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Bet ha Bubot, Ki im lo … az bishvil ma? 

תן, תן לי את הכוח
תן, תן את האמת
אחרי הכול אני עדיין לומד

קח, קח את השנאה
קח את הספק
כדי שאוכל יותר להתאפק

כי אם לא, אז בשביל מה?

לא לא לוותר
לא לשקר
תפתח ת’לב תזכור להיזכר

תעמוד לבד ובגאון
אל תיכנע לקלות הדיכאון

כי אם לא , אז בשביל מה?
כי אם לא, אז מי אתה?

שים הכול בצד לא להתכחש
ותדאג טוב טוב לא לפספס
רק לקוות ולבנות תקוות
תמיד תרוץ אחרי חלומות

כי אם לא, אז בשביל מה?
כי אם לא, אז מי אתה?

Gib, gib mir die Kraft

Gib, gib die Wahrheit

Schließlich lerne ich noch

Nimm, nimm den Haß

Nimm den Zweifel

Damit ich mich besser beherrschen kann

Denn nicht – wozu dann [das alles]?

Nicht, nicht aufgeben

Nicht lügen

Öffne dein Herz, vergiß nicht, dich zu erinnern

Steh stolz allein

Gib der Verführung der Depression nicht nach

Denn wenn nicht – wozu dann [das alles]?

Denn wenn nicht – wer bist du dann?

Laß alles beiseite, streit nichts ab

Achte darauf, nichts zu verpassen

Nur hoffen und auf Hoffnung bauen

Lauf immer deinen Träumen nach

Denn wenn nicht – wozu dann [das alles]?

Denn wenn nicht – wer bist du dann?

WordPress kann Hebräisch nicht leiden, weil das die Zeilenrichtung verwirrt… macht nichts

Musik März 3, 2013, 12:50

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Ein bißchen Musik, überwiegend weibliche Stimmen, für einen schönen Wochen-Beginn.

Karolina, Af echad lo ba li – Keiner kommt

Banot Nechama, So far

Efrat Gosh, Tamid kshe ata ba – Immer wenn du kommst

Dana Berger, Chamimut cholefet – Vorübergehende Wärme

Ninette Tayib, Hi yodaat – Sie weiß

Keren Peles, Im ele ha-chaim – Wenn das das Leben ist

Miri Mesika, Achshav at chozer be chazera – Und jetzt kommst du zurück

Yehudit Ravitz, Bach lo nogea – Dich berührt es nicht

Miriam Toukan und Inbal Avnaim, Lamouni la ghara meni (tunesisches Arabisch, hab ich leider keine Übersetzung von gefunden, ist ein Lied von Ishtar)

Saar Badishi, Af echad lo roäh – Niemand sieht es

Durchwachsen Februar 25, 2013, 9:22

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Meine Mutter war eine Woche lang zu Besuch. Da sie von rastlosem Tätigkeitsdrang besessen ist, hat sie in dieser Zeit unseren Garten und die ganze Umgebung des Hauses picobello in Ordnung gebracht. Dabei hat sie leider auch gesehen, was ich lieber vor ihren Augen verborgen hätte – die Unsitte der Nachbarn, Schrott und Gerümpel über die Böschung zu entsorgen. Da entsteht eine Art wilder Müllkippe, gegen die die Behörden bisher gar nichts tun. Wir finden es schrecklich, meine Mutter noch viel mehr.

Idan Raichel, Träume von anderen

Natürlich war ausgerechnet zum Besuch meiner sonnenhungrigen Mutter das Wetter bewölkt und kühl, und da unser Haus über keine vernünftige Heizung verfügt, sondern wir uns mit Radiatoren behelfen (weil ich die heiße Luft der Klimaanlage als Heizung vollkommen unbefriedigend finde) hat sie gefroren. Dann brach das Auto wieder zusammen, aber so richtig dramatisch, und auch ein neuer Motor hat es nicht richtig geheilt. Wir hatten also ein paar aufregende Fahrten, fanden uns plötzlich in einer Qualmwolke wieder und erhielten übergroße Aufmerksamkeit von anderen Verkehrsteilnehmern, die uns mitteilten, daß unser Auto qualmt.

Ethnix, Gott existiert

Meine kleine Quarta ist jetzt vierzehn, kann das sein? Die Jahre sind aber schnell vergangen, war sie nicht neulich noch im Kindergarten? Ihren Älteren begegnet sie mit einer Mischung aus Nachsicht und Ungeduld, und meine Mutter wies mich daraufhin, daß ich selbst mit 14 kein bißchen anders war, eher schlimmer.

Arkadi Duchin, Wer liebt dich mehr als ich

Es ist immer schön, wenn meine Mutter hier ist. Jeden Abend wird Romme gespielt, die Kinder erzählen ihr, was sie uns nicht erzählen würden, und sie interessiert sich für alles, was wir so tun. Telefon ist doch nicht genug.

Ich lasse sie ungern gehen und falle immer hinterher in ein Loch, wie auch nach jedem Besuch in Deutschland. Klar, SO weit ist es nicht, und heutzutage auch wesentlich bezahlbarer als vor ein paar Jahren, aber es ist eben doch eine andere Welt. Morgens wird es früher hell, zur Freude meiner morgenmunteren Mutter, jedoch abends wird es auch sehr schnell und früh dunkel. Das Wetter ist anders, die Sonnenstrahlen fühlen sich anders an, die Leute sprechen Hebräisch und obwohl man dasselbe kaufen kann wie in Deutschland, ist es alles teurer. Meine Mutter findet aber das Angebot an Obst, Gemüse, Gewürzen und exotischen Zutaten größer als in den Läden, in denen sie einkauft. Und sie kennt Israel und die Israelis ganz gut.

Shlomo Artzi und Shalom Hanoch, Ich sehe dich

Nachdem wir sie bis zur letzten möglichen Schwelle am Flughafen begleitet hatten, fuhren wir in Richtung Kibbuz. Dort war ein Kindergeburtstag, auf dem wir eingeladen waren. Ich war lange nicht mehr im Kibbuz, und es war wirklich ein so seltsames Gefühl. Wir liefen mit den Mädchen die wohlbekannten Pfade entlang, und die Wucht der Erinnerungen war fast zu viel für mich. Nein, wir bereuen nicht, aus dem Kibbuz weggegangen zu sein, aber wir standen vor dem Dining Room – wo Y.s Großvater eines Tages tot vom Fahrrad fiel, als Y. so alt war wie Quarta jetzt. Wo wir uns kennengelernt haben, wo wir jedes Jahr Pessach gefeiert haben, wo wir zu Purim getanzt haben, wo ich mit den Kindern jeden Tag hingegangen bin, um ihnen vor der Brotmaschine Knäppchen rauszusuchen, die beim Zahnen halfen, wo wir jeden Abend mit meiner Schwiegermutter zusammensaßen, Primus in seinem Stühlchen…

Tislam, Geh, geliebtes Mädchen

Auch die Mädchen begrüßten jede Ecke und staunten, wie klein ihnen jetzt alles vorkommt. “Weißt du noch – hier haben wir gespielt, die Mauer haben wir bemalt, hier haben wir uns immer runtergerollt, hier hat der P. gewohnt und hier bin ich mal doll hingefallen…”

Meine Schwiegereltern, an denen ich sehr hänge, waren krank und selbst mein unverwüstlicher Schwiegervater hatte vor zwei Wochen eine sehr erschreckende Episode, aus der er etwas erschüttert hervorgegangen ist. Y. war zu seinem Krankenlager geeilt. Er hatte seinen Vater noch nie so gesehen. Jetzt geht es ihm wieder gut, aber er muß vorsichtig sein.

Arik Einstein, Liebe

Auch meine Schwiegermutter hat dieses Jahr, zum ersten Mal in den letzten Jahrzehnten, zu Purim nicht für alle Kinder Kostüme genäht und das von ihr liebevoll, kreativ und ordentlich aufgebaute Kostüm-Magazin einfach offengelassen, mit einem Zettel an der Tür, daß sie gesundheitlich nicht auf der Höhe ist und darum bittet, daß sich die chaverim selbst bedienen. Besonders die Soldaten, die sich jedes Jahr abenteuerlich herausputzen, wollte sie nicht enttäuschen. Eine Soldatin hat ihr ein bißchen geholfen, aber meine Schwiegermutter lachte selbst, als sie uns erzählte, wie diese ihr erklärte, wie sie auf die Ordnung achtete, nur keine Sorge!, und gleichzeitig ein Kostüm unordentlich zusammenwurschtelte und ins Regal stopfte. Ins falsche.

Wenn es meiner Schwiegermutter wieder besser geht, wird sie als erstes ihre geliebte Kostümsammlung wieder in Ordnung bringen, soviel ist klar. Leider können wir ihr dabei nicht helfen.

Ivri Lider, Immer Liebe

Auf dem Rückweg in den hohen Norden dachten wir darüber nach, wie wir ihr besser zur Seite stehen können. Ich erinnere mich an die Zeiten, als ich Hilfe brauchte. Da war meine Schwiegermutter immer für mich da. Wenn ich krank war, kam sie mittags und brachte mir vom Dining Room Essen mit. Wenn ich liegen mußte oder nicht heben durfte, weil ich Probleme in der Schwangerschaft hatte, kam sie abends und half mir, die Kinder zu baden und ins Bett zu bringen. Sie hat mich beim Stillen unterstützt und bei Erziehungsproblemen und hat ihre Ideen nie aufgedrängt, sondern sich immer fragen lassen. Sie hat nie schlechte Laune und unendliche Geduld für Kinder, Kranke und Ratsuchende. Und jetzt braucht sie Hilfe, und ich bin so weit weg.

Shalom Hanoch und Arik Einstein, Jeder möchte Sänger sein… 

Meine Schwiegereltern sind, wie meine Mutter, eine wichtige Konstante in meinem Leben. Ich bin immer wieder dankbar, daß es bei uns keine Schwieger-Stänkereien gibt. Meine Mutter hat Y. ins Herz geschlossen und er sie – das war von Anfang an so. Und ich hänge an seinen Eltern. Sein Vater hat mir bei der Hochzeit versprochen: du hast keinen Vater in Israel, deswegen werde ich dein Vater sein. Und das hat er auch gehalten. Ich habe in den Jahren seither meinen Stiefvater verloren, der uns nunmehr seit 13 Jahren schmerzlich fehlt, und im letzten Sommer meinen Vater, der wenig Präsenz in meinem Leben hatte. Eigentlich hat er seine Vaterrolle nach der Scheidung abgelegt und hat sehr große Distanz zu uns gehalten. Um so dankbarer bin ich für meinen Schwiegervater, mit seiner unbedingten Zuverlässigkeit.

Man heiratet ja eine ganze Familie mit, und wenn ich sehe, wie viele Konflikte es in anderen Familien gibt, bin ich froh, daß uns das erspart bleibt. Mißverständnisse gibt es immer, jeder hat seinen eigenen Stil, aber Klatschereien hinterrücks und Gegeneinander-Ausspielen gibt es auf keiner Seite.

Rami Fortis und Shlomi Bracha, Sand

Tja, und der Kibbuz. Wir bedauern nicht, weggegangen zu sein – aber wie der Kibbuz sich verändert hat, das bedauern wir. Ich natürlich auch, ich bin aus Liebe in den Kibbuz gekommen, aber besonders Y. Er denkt an die Ideen, die seine Großeltern dazu bewegt haben, ihr Leben ganz dem Kibbuz zu verschreiben und alle anderen Interessen dem Kibbuz unterzuordnen, und vergleicht es mit dem Heute… unvermeidliche Veränderungen, ja, aber im Vergleich mit anderen Kibbuzim seltsam zögerlich und kompliziert umgesetzt. Andere Kibbuzim haben energisch und konsequent auf Privatisierung gesetzt, manche sind noch ganz Kibbuz – aber unser alter Kibbuz praktiziert eine Zwischenform, immer noch, und stagniert damit.

“Waaas”, sagte ja der Sekretär, als wir ihm erklärten, daß wir gehen wollen, “ausgerechnet jetzt, wo doch in vier Monaten schon die neue Wohnsiedlung gebaut wird, wo ihr ein Haus kaufen könntet!” Ja ja, es sind mehr als drei Jahre vergangen, doch von der neuen Wohnsiedlung ist noch keine Spur zu sehen. Dabei warten viele Familien darauf, endlich mehr Platz zu haben. Wären wir noch im Kibbuz, säßen wir noch in der kleinen Wohnung, die großen Kinder hätten ihre eigenen Winz-Wohnungen, für die wir Miete zahlen müßten. Meine Freundinnen klagen darüber, daß sie ihre Soldatenkinder praktisch  nicht sehen. Klar, Secundus wäre das lieber als mit uns Abend zu essen, aber Primus und Tertia waren froh, noch bei uns zu wohnen. Und Secundus kann jederzeit zu seinen Freunden fahren und tut das auch. Aber er hat auch neue Freunde durch die Armee.

Jetzt liegt aber schon eine deutlich spürbare Isolationsschicht von Zeit und innerem Abstand zwischen uns und dem Kibbuz. Wir kennen nicht mehr jeden, der dort rumläuft, und wenn wir jemanden treffen, werden wir wie Fremde begrüßt. Das tut einerseits so gut, weil es bedeutet, daß wir aus der täglichen Klatsch-und-Tratsch-Maschine endgültig raus sind, aber besonders für Y., für den der Kibbuz Teil seiner Familiengeschichte und persönlichen Identität ist, fühlt es sich auch merkwürdig an. Sein Leben lang hat er auf die Frage, wie er heißt, immer gesagt “Y. aus Kibbuz X.”, und einen Ersatz dafür gibt es nicht. Und doch fühlen wir uns froh, wenn wir wegfahren. Sagen wir es so: er bedauert, sich freuen zu müssen, nicht mehr Teil des Kibbuz zu sein.

Mashina, Was soll ich jetzt mit Politik

Wir haben die ganze Rückfahrt über Musik gehört und sind unseren Gedanken nachgegangen, und die Musik stell ich einfach mal rein. Ich weiß, das meiste kennen die Leser schon, aber mir ist danach. Diesen Eintrag habe ich die letzten zwei Tage so on and off vor mich hin geschrieben. Jetzt komm ich langsam aus dem Loch wieder raus, muß ja. Quarta zieht zurück in ihr Zimmer, das sie für meine Mutter geräumt hatte, und wenn ich meine Mutter vermisse, gehe ich in den Garten und bestaune dort ihr Werk und spreche den von ihr eingesäten Blumensamen gut zu, daß sie doch bitte gedeihen sollen.

Die spinnen, die Israelis, Februar 21, 2013, 23:01

Posted by Lila in Land und Leute, Uncategorized.
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und das ist gut so.

Endlich mal ein Artikel im SPon, der die Klischees beiseite läßt und eine Seite des Lands zeigt, die ich wiedererkenne. Junge, gebildete, eher säkulare Israelis, deren Ideenreichtum von der schwierigen Situation des Lands nicht erstickt, sondern verstärkt wird. Mein Schwager arbeitet in der Hi-Tech-Branche, und viele andere, die ich kenne, ebenfalls.

Auch in anderen Branchen ist der durchschnittliche Israeli wenig dogmatisch, sehr offen, und die Hierarchien sind überall flach. Es ist tatsächlich so, daß die Armee (nicht in jedem Falle, leider, aber in sehr vielen) die Menschen nicht verdummt, sondern herausfordert. Eine Freundin von mir hat mir mal gesagt: in der Armee sind alle jung, und sie haben das Gefühl, sie schmeißen den Laden.

Ja, viele Erfindungen und Entwicklungen kommen aus Israel. Biotechnologie, Medizintechnologie, alles, was mit Computern zu tun hat, Ideen für die Landwirtschaft – viele Menschen frickeln gern herum, aber Israelis frickeln nicht nur gern, sie sind risikofreudig.  Beides zusammen ist wohl nötig, um kreative Schübe auszulösen.

Ich habe das Buch zum Thema nicht gelesen (und bei der Suche danach jede Menge ähnlicher Bücher gefunden – es reicht, high tech oder hi tech und Israel in die Amazon-Suchmaske zu geben…), leider habe ich keine Zeit dafür, und ich bin auch vielleicht nicht das richtige Publikum dafür. Denn die High-Tech-Begeisterung hat natürlich auch ihre Schattenseiten, und nicht jede gute Idee ist auch auf Dauer tragbar. Ich denke auch oft, wenn ich sehe, welche Gehälter (nicht nur in Israel) Leute nach Hause tragen, die Internet-Anwendungen entwickeln, in denen ich nur puren Luxus sehen kann – und welche Hungerlöhne Alten-und Krankenpflege oder Erziehung (besonders von kleinen Kindern) einbringt – dann frage ich mich schon, ob unsere Maßstäbe wirklich die richtigen sind.  Ich falle nicht sofort automatisch vor Ehrfurcht auf die Knie, wenn jemand mit einer guten High-Tech-Idee Millionen gemacht hat. Auch Low-Tech braucht die Welt, und es sind auch schon Leute mit Blödsinn reich geworden – bevor die Welt gemerkt hat, daß es eigentlich Blödsinn war.

“Irgendwas mit High-Tech” oder “irgendwas mit Medien” oder “irgendwas mit Design” sind jedenfalls die drei Zauberworte für junge Leute, die entweder hohes, mittleres oder unsicheres Einkommen anstreben, und die kreativ sind. Mich beeindruckt naturgemäß Kreativität in Bereichen, zu denen ich unmittelbaren Zugang habe, mehr als ICQ - ob es um Medizin oder Kunst oder Tanz oder Animation geht. Israelis sind in jedem Bereich kreativ, übrigens auch in der Auslegung von Verkehrsregeln und im Erfinden von Schimpfworten (wer abgehoben-zerstreut über den Dingen schwebt, ist ein astronaut, wessen Intellekt nur flackernd in die Gänge kommt, ein flureszent).

Her morning elegance von Oren Lavie

Inbal Pinto (ein altes Programm, aber ich habe es auf der Bühne gesehen – unvergeßlich)

Es ist gut, mal einen Artikel zu lesen, der davon absieht, Israel durch die immergleiche Brille des Nahostkonflikts zu betrachten. Ohne diesen Drang nach ständiger Verbesserung der Welt in kleinen, schlauen Schritten kann man die israelische Mentalität nicht richtig verstehen. Und den leben sie nicht nur in der Welt des High-Tech aus, sondern überall.

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