Frage an die Leser Mai 14, 2008, 14:14
Posted by Lila in Land und Leute.47 comments
Interessiert mich einfach mal. Ich wüßte gern, was würde jeder von Euch an Israels Stelle mit der Hamas machen, mit dem Gazastreifen? Verhandeln, angreifen, blockieren, den Raketenbeschuß ertragen? Zu welchen diplomatischen, militärischen, wirtschaftlichen und anderen Mitteln würdet Ihr greifen?
Ich fühle mich nur ungern so ratlos. Also, legt los. Bitte. Ruth, Du hast diese Frage inspiriert, Du mußt unbedingt antworten ![]()
Schade Mai 14, 2008, 10:40
Posted by Lila in Land und Leute.add a comment
Das sieht man ungern: Geschäftsleute, die ihren Laden zumachen müssen, weil niemand mehr in der Stadt einkauft, sondern sich alles in Einkaufszentren verlagert.
Ich habe mein Kunstpädagogik-Studium in Tivon absolviert, einem hübschen mittelgroßen Städtchen zwischen dem Kibbuz und Haifa. Der Stadtkern ist überschaubar und voll mit Studenten, kleinen Geschäften und Cafes. Meine Freundinnen und ich waren Stammkundinnen im größten und bestsortierten Laden für Kunstbedarf der ganzen Gegend. Wir haben dort alles gekauft, was wir brauchten. Das Besitzer-Ehepaar kannte uns alle, beide waren immer sehr nett, sie mit schwerem amerikanischem Akzent. Sie wich immer gern ins Englische aus, was ich immer gern hatte. Beide kannten sich richtig gut aus, sie hatten immer einen Tip und konnten für jede Technik, jedes Material jede Frage beantworten.
Der Laden zog ein paarmal um. In den letzten Jahren war ich seltener in Tivon, seit ich an der PH weder studiere noch unterrichte. Wir haben zwar Familie da, aber ich habe Material für Kunst und Handarbeiten oft in Haifa gekauft. Im Winter waren wir mit den Mädchen noch mal im Laden in Tivon, da haben unsere Töchter voll zugeschlagen, weil der Schmuckfimmel ausgebrochen war. (Wochenlang lagen überall kleine Perlchen in den Ecken rum - und die Mädchen haben genügend Schmuck hergestellt, um einen kleinen Laden aufzumachen, was sie auch fest vorhaben! Tertia hat unglaublich geschickte Hände.) Die Tochter der Ladenbesitzer, vielleicht 17 oder 18, hat den beiden bei der Auswahl geholfen. Uns fiel aber auf, daß das neue Ladenlokal etwas abgelegen lag. Und es war recht leer.
Bei unserem letzten Besuch vor einem Monat, als ich für ein Baby-Projekt Häkelwolle einkaufte (ja, ja, meine liebste Freundin ist schwanger! tfu tfu tfu), war die Atmosphäre im Laden etwas beklemmend. Es war ganz leer. Alles sah etwas vernachlässigt aus. Vieles war runtergesetzt, alle möglichen Rabatte und Aktionen - als legten sie es drauf an, daß der Laden leergekauft wird. Man sah, daß manche Regale halbleer waren. Wir hatten ein ganz mieses Gefühl.

Heute wollte ich dort noch einen Strang Wolle kaufen, denn um die fertige Decke muß noch ein Abschluß von festen Maschen. Keine Überraschung: der Laden war offen, aber komplett leer. Kein einziger Strang Babywolle mehr zu finden. Die Besitzerin mit resigniertem Gesicht, ich wollte keine Fragen stellen. Ja, sie fangen etwas anderes. Ich habe nicht gefragt, ob sie den Laden verlegen - wäre das der Fall, hätte sie mir bestimmt eine Visitenkarte mit der neuen Anschrift gegeben. Vielleicht gibt es weniger Studenten in meinem alten Kunstinstitut? Vielleicht war die Konkurrenz zu stark?
Ich habe hohen Respekt vor Geschäftsleuten, vor dem Risiko, das sie eingehen müssen, vor ihrer Identifikation mit dem Laden. Es tut mir leid, wenn sie zumachen, aus welchem Grund auch immer, es muß sehr schwierig sein. Es tut mir auch leid, daß die Innenstädte sich leeren, die Einkaufszentren sich füllen. Und ich habe keine Ahnung, wo ich jetzt einen Strang weißer Wolle von diesem israelischen Fabrikat auftreiben kann…
Nachrichtengucken mit Quarta Mai 14, 2008, 6:21
Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Land und Leute, Presseschau.4 comments
Ich stelle die Morgennachrichten nur an, wenn ich unruhig bin, und heute war so ein Tag. Während ich Quarta Zöpfe mache, jeden Tag auf Bestellung, sehen wir die Morgennachrichten um sieben.
Sie eröffnen mit Olmerts neuem Skandal (ha-parasha ha-chadasha shel Olmert), berichten über die neusten Ermittlungen. Dann geht es zu Peres´ großer Party (Vorsicht, der Link tröötet), wo Olmert eine Rede hält und was von den Palästinensern tönt und was er alles erreicht hat und erreichen wird. Quarta schnappt nach Luft. “Mama, der ist aber frech!”, und dann gedankenvoll, “ich glaube, das ist der schlechteste Premierminister, den wir je hatten”.
In den internationalen Items erscheint Hillary Clinton in einem schreienden lachsrosa Jacket und flirtet mit den Wählern West-Virginias, die ihr soeben einen bedeutungslosen Sieg serviert haben. Quartas Kommentar: “die wird nicht Präsidentin, die macht ja viel zu viele Witze”. Sie mag es nicht, wenn Erwachsene Späße machen, außer ihrem Papa.
Es ist wirklich ein Vergnügen, mit ihr Nachrichten zu gucken, sie hat zu allem was zu sagen. Leider kann ich mir nicht alles merken. Dann nimmt sie ihren Ranzen und zischt ab.
Weit hergeholt? Mai 13, 2008, 17:45
Posted by Lila in Land und Leute.5 comments
Wer eine Vorliebe für skurrile Geschichten hat, kann hier eine nachlesen. Im Mittelpunkt: ein krebskranker Palästinenser aus dem Gazastreifen und seine Entschlossenheit, sich in Israel behandeln zu lassen.
Späte Einsicht Mai 13, 2008, 17:24
Posted by Lila in Land und Leute, Presseschau.add a comment
Ich weiß, daß die Christen im Libanon einen schweren Stand haben und aus Angst oft nicht sagen können, was sie denken. Nicht umsonst haben wir ja hier eine kleine Gemeinde maronitischer Christen, die aus dem Libanon nach Israel geflohen sind.
Aber trotzdem muß ich heftig schlucken, wenn ich diese Sätze im Interview des SPon mit Nayla Mouawad, einer libanesischen Politikerin, lese.
SPIEGEL ONLINE: Offiziell drehte sich der Streit um das militärische Kommunikationssystem der Miliz. Hat dieses Telefonnetz, das der Hisbollah im Kampf gegen Israel dienen soll, den Staat bedroht?
Moawad: Anfangs war es tatsächlich ein Telefonnetz für den libanesischen Widerstand gegen Israel; es verband den Südlibanon mit Beirut.
Wofür bitte war das Telefonnetz gut, nachdem sich Israel im Jahr 2000 aus dem Südlibanon zurückgezogen hatte? Hat sie sich das mal gefragt? Oder reicht es zu sagen, “das dient dem Widerstand gegen den zionistischen Feind”, und schon ist alles paletti?
SPIEGEL ONLINE: Bisher hat die Regierung den Widerstand der Hisbollah gegen Israel doch offiziell unterstützt.
Moawad: Auf den Widerstand der Hisbollah gegen Israel waren alle Libanesen stolz. Jetzt aber ist die Maske der Hisbollah gefallen. Sie ist nur noch eine gewöhnliche Miliz: Denn sie setzt die Waffen, mit denen sie den Israelis entgegentreten soll, gegen libanesische Bürger ein.
Ja, sehr stolz wart ihr auf den wunderbaren Widerstand der Hisbollah gegen den südlichen Nachbarn. Ihr habt sie nicht davon abgehalten, unsere Dörfer zu beschießen, auf unser Staatsgebiet zu kommen und unsere Soldaten zu töten oder zu kidnappen. Ihr habt schön stillgehalten, weil ihr dachtet, die Hisbollah macht für euch die dreckige Arbeit. So groß ist der Haß gegen Israel. Schon mal das Märchen vom Geist in der Flasche gelesen?
SPIEGEL ONLINE: Will die Hisbollah einen neuen libanesischen Bürgerkrieg?
Moawad: Das ist kein Kampf zwischen den Religionsgruppen. Es ist ein versuchter Staatsstreich gegen die demokratische, pluralistische und freiheitliche Struktur des Landes. Die Hisbollah will dem Libanon ihre Ideologie aufzwingen. Eine extremistische, theokratische Ideologie, die aus Iran stammt und später vom Libanon aus der gesamten arabischen Welt aufgezwungen werden soll.
Zu sowas sagen wir, boker tov Efraim, guten Morgen, Ephraim. Gut geschlafen? Wir haben mit allen Mitteln während des Kriegs versucht, Kontakt zu Libanesen zu bekommen, die nicht in einer Linie mit der Hisbollah leigen. Wir haben gebloggt, Artikel geschrieben, es gab Sendungen mit Liveschaltungen im Fernsehen, Gillerman hat die libanesische Regierung in bewegten Worten beschworen, sich nicht von Hisbollah instrumentalisieren zu lassen.
Es hat nichts geholfen. Richtig, es gibt auch immer wieder in libanesischen Blogs klarsichtige Stimmen, hier zum Beispiel, anläßliche eines Manövers unserer Armee im Norden.
Resigned Foreign Minister Fawzi Salloukh said Sunday Israel’s major missile attack drill was in violation of international law.
“Any maneuver along the border of any country is tantamount to war against that country,” Salloukh told reporters in south Lebanon.
Was this Mr. Salloukh’s position in the summer of 2006? I wonder.
I wonder how long we have to hate them (the guys to the south. the guys to the east. the guys in the next neighborhood that dress a bit differently than us). I wonder how long it will take for us to grow up. I wonder when we’ll start bringing back politicians that care about the public good a bit more than their secret (and not so secret) agendas.
I wonder when we’ll stop giving a shit when another country does something that has absolutely no effect on life in Tripoli, Beirut, Sidon, Tyre and the border villages.
I wonder when guns will belong only to an army. So that they too can flex their muscles at the border. And Mr. Salloukh, and many like him, will change their stances and think that it is their absolute right to defend themselves. Because they are the strong ones who declare when war is war isn’t war.
Aber die libanesische Regierung, die offiziellen Medien haben sich im Sommer 2006 mit der Hisbollah identifiziert. Der Haß auf Israel ist zu groß.
Am Ende wird man uns noch den Schwarzen Peter zuschieben, daß wir die Hisbollah nicht vernichtend besiegt haben (obwohl man weiß Gott nicht sagen kann, die Hisbollah hätte gewonnen - und wenn sie sich hundertmal prahlerisch zum Sieger ausruft, die Hisbollah hat schwere Verluste erlitten und sich ohne die Hilfe der UNIFIL nicht so schnell wiederbewaffnen können). Wir haben nicht mit voller Kraft zugeschlagen, aus Rücksicht auf dieselben Zivilisten, die jetzt von der Hisbollah tyrannisiert werden und vor ihr schlottern. Denn die Hisbollah ist nicht so nett, mit Flugblättern zu warnen, bevor sie in Wohngegenden kämpft.
Schämen sich manche Libanesen, manche hitzköpfigen deutschen Parteigänger der Hisbollah heute nicht ein bißchen?
Zum Beispiel die Leserin, die mir diesen Kommentar hinterließ:
Ich verstehe inzwischen den Hass auf Israel - so leid es mir tut. Die Führung Israels tut aber auch alles, um ihn zu schüren. Immer schon. Man macht immer wieder die gleichen Fehler, ignoriert die verheerenden Folgen für sich selbst, die man in die Köpfe der Attakierten - ja, der gesamten arabischen Welt - pflanzt, kennt nur Gewalt als Konfliktlösung, sperrt sich arrogant gegen Gespräche und Diplomatie - mit der Begründung, man rede nicht mit Terroristen. Dabei ist Israel in der Region - bewaffnet bis an die Zähne und allzeit bereit zu Gewalt, zum Töten, zum Unterdrücken, Ab- und Ausgrenzen und Beherrschen, dort der größte Terrorist!
Vermutlich hat sie bis heute nicht kapiert, wieso Israel gegen die Hisbollah reagieren mußte. Daß es im Falle eines casus belli nicht gut tut, den Stellvertreter des größten Bully der Nachbarschaft zu beschwichtigen. Wie wir es viel zu oft getan haben. Als ob die Hisbollah mit uns würde reden wollen! Als ob es an Israels Arroganz läge!
Ich erinnere mich an manchen Eintrag mitten im Krieg, an die Berichterstattung in Deutschland, die so sicher war, wer der Aggressor ist, wer das arme Opfer. So sicher wie meine Kommentatorin.
Aber zurück in die Gegenwart - der Clou ist, daß diese libanensische Politikerin sich nun beklagt.
SPIEGEL ONLINE: Wenn Iran tatsächlich versuchen würde, dem westlich orientierten Libanon seinen Willen aufzuzwingen, müsste der Westen Ihnen doch zu Hilfe kommen?
Moawad: Die internationale Gemeinschaft hat diesen Staatsstreich mit betont lautem Schweigen kommentiert. Das ist erschreckend, denn der Libanon ist als Geisel genommen worden. Wir sind enttäuscht von den Europäern.
Ihr seid enttäuscht von den Europäern? Ihr habt in Europa die Geschichte so dargestellt, daß Israel der Bösewicht ist, der gestoppt werden muß, und schluchzt nun, daß die Hisbollah daraus Gewinn schlägt? Leutchen, wir wollten Euch helfen, habt ihr das damals nicht kapiert?
Auf die Arabische Liga ist sie natürlich nicht sauer, obwohl die gerade beschlossen hat, die Hisbollah nicht zu verurteilen.
The Arab League eventually decided that it would try to mediate between the rival factions in Lebanon but did not condemn Hizbullah.
Vielleicht weiß Moawad ja, daß Schuldkomplex-Spielchen auf die Arabische Liga keinen großen Eindruck machen.
SPIEGEL ONLINE: Was fordern Sie?
Moawad: Wir wollen endlich härtere Sanktionen gegen Syrien, den zweiten Hintermann der Hisbollah. Ohne Syrien könnte Iran niemals solche Mengen an Waffen an die Hisbollah liefern. Ohne Syriens Logistik hätte die Hisbollah nie zum Staat im Staat werden können.
Schöner und schöner! Mädel, das sagen wir seit JAHREN. In Deutschland heißt es dann, daß Israel die USA an der Nase führt wie einen Bullen zur Kuh, und daß die Syrer ebenso schuldlos sind wie Saddam Hussein - es ist wirklich genug, einen an der Welt verzweifeln zu lassen!
Ich frage mich ja schon im Stillen, ob Ulrike Putz oder wie sie heißt, die das Interview geführt hat, sich mal die Parallelen zu den Helden imt den Qassamraketen im Gazastreifen überlegt hat. Auch die nehmen eine Bevölkerung als Geisel - als willige Geisel, aber doch als Geisel und kamerawirksames Menschenopfer. Vielleicht geht sie mal in sich und fragt sich, ob Israel der Menschheit nicht einen Gefallen tut, wenn wir als einzige gegen diese Sorte “Freiheitskämpfer” und “Widerständler” vorgehen.
Und jetzt? We geht es weiter im Libanoni? Jetzt ist es zu spät. Jetzt kann sich die libanesische Politikerin mal fragen, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, mit uns gemeinsam gegen die Hisbollah zu kämpfen. Dann wäre sie nämlich nie so stark geworden.
Es ist doch überall dasselbe Elend. Ehrlich, zum Kotzen. Einfach nur zum Kotzen.
Weitere Links, ungeordnet Mai 11, 2008, 22:33
Posted by Lila in Land und Leute, Presseschau.3 comments
Alles Sachen, die mir letzthin ins Auge gefallen sind.
Mona Charen (via Israel Matzav) über die Flüchtlingsfrage. Ein interessanter Artikel über den großen Unterschied zwischen den historischen Tatsachen und der Verleumdung, die die Erinnerung an dei Tatsachen leider längst verdrängt hat.
Even now, even after triumphing over so much adversity in its all-too-eventful first 60 years, Israel is not considered a normal country. The campaign of deligitimization launched by its enemies has succeeded to a tremendous degree in persuading ordinary people that Israel was conceived in sin. That sin was the dispossession of the Palestinians, the rightful inhabitants of the land now called Israel. Second only to the claim that Iran seeks nuclear power for peaceful purposes, this is the most sinister lie in circulation.
Ebenfalls bei Israel Matzav habe ich einen Link zu einem Artikel gefunden, der der Entstehung und Verwendung des Begriffs Naqba nachgeht. Vielleicht für fortgeschrittene Nahost-Freaks… aber für die dann wirklich aufschlußreich.
The term was not invented in 1948 but rather in 1920. And it was coined not because of Palestinians suddenly getting nationalistic but because Arabs living in Palestine regarded themselves as Syrian and were enraged at being cut off from their Syrian homeland.
The bulk of the Palestinian Arabs had in fact migrated to Palestine from Syria and Lebanon during the previous two generations, largely to benefit from the improving conditions and job opportunities afforded by Zionist immigration and capital flowing into the area. In 1920, both sets of Syrian Arabs, those in Syria and those in Palestine, rioted violently and murderously.
Before World War I, the entire Levant – including what is now Israel, the “occupied territories,” Jordan, Lebanon and Syria – was comprised of Ottoman Turkish colonies. When Allied forces drove the Turks out of the Levant, the two main powers, Britain and France, divided the spoils between them. Britain got Palestine, including what is now Jordan, while France got Lebanon and Syria.
The problem was that the Palestinian Arabs saw themselves as Syrians and were seen as such by other Syrians. The Palestinian Arabs were enraged that an artificial barrier was being erected within their Syrian homeland by the infidel colonial powers – one that would divide northern Syrian Arabs from southern Syrian Arabs, the latter being those who were later misnamed “Palestinians.”
Interessante und weithin unbekannte Aspekte der Geschichte des kleinen Stückchens Land, um das sich alle balgen, und seiner Einwohner.
Obwohl es sich beim Begriff Naqba und den des palästinensischen Volks um erst in den letzten Jahrzehnten entstandene Gebilde handelt, würde ich den Palästinensern das Recht auf einen eigenen Staat nicht absprechen. So neu dieses Konstrukt auch ist, es existiert: das Gefühl der Palästinenser, eine ethnische Einheit zu sein und ein gemeinsames Schicksal zu haben. So entsteht eine Nation.
Ich wünsche den Palästinensern aber wirklich, daß sie diesen Begriff einer Nation mit Inhalt füllen, AUSSER der Feindschaft zu Israel, Kampf, Blut und Leid. Eine nationale Identität besteht aus vielen Teilchen, aus Kunst, Literatur, Tradition, allen möglichen kleinen, intimen Kennzeichen, an denen sich die Menschen erkennen. Bei allen kulturellen Erzeugnissen palästinensischer Araber, die mir gerade einfallen, geht es um den Feind, um den Kampf. Immer spukt irgendwo der Schatten Israels herum.
Und das halte ich für ungesund. Als würde sich ein Mensch sein Leben lang nur über die Gegnerschaft zu seinem Feind definieren und nie irgendwelche Interessen entwickeln, die mit dieser Feindschaft nichts zu tun haben. Vielleicht gibt es ja in ein paar Jahrzehnten kritische Historiker an palästinensischen Universitäten, die die verschiedenen Bedeutungen des Begriffs Naqba und ihren Gebrauch erforschen?
Bei Shrink Wrapped habe ich einen Link zu einem Artikel gefunden, der zwei Staaten vergleicht, die aus dem britischen Reich geschnitzt wurden:
Two religiously-identified new states emerged from the shards of the British empire in the aftermath of World War II. Israel, of course, was one; the other was Pakistan.
They make an interesting, if infrequently-compared pair. Pakistan’s experience with widespread poverty, near-constant internal turmoil, and external tensions, culminating in its current status as near-rogue state, suggests the perils that Israel avoided, with its stable, liberal political culture, dynamic economy, cutting-edge high-tech sector, lively culture, and impressive social cohesion.
Natürlich ist der Vergleich zwischen Pakistan und Israel heute etwas unfair und der Abstand sehr groß. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, daß das was zu vergleichen wäre. Aber so abstrus ist das eigentlich gar nicht. Ich weiß einfach nicht genug über die Hintergründe der Entstehung Pakistans. Man lernt nie aus. Hier ist der Link zum Vergleich.
Ich stimme ihm zu, wenn er den Konflitk zwischen Israel und den Palästinensern einordnet:
The Middle East’s deep and wide political sickness points to the error of seeing the Arab-Israeli conflict as the motor force behind its problems. More sensible is to see Israel’s plight as the result of the region’s toxic politics. Blaming the Middle East’s autocracy, radicalism, and violence on Israel is like blaming the diligent school child for the gangs. Conversely, resolving the Arab-Israeli conflict means only solving that conflict, not fixing the region.
Der Irrglaube, daß die Gründung des Staats Israel oder irgendeine Handlung Israels den gesamten Nahen Osten ins Unglück stürzt, und man nur diesen Fehler rückgängig machen müßte, um weltweiten Frieden zu stiften - der ist weitverbreitet, aber er hat mich immer schon gewundert. Wenn nur alles so einfach wäre!
Im Libanon zum Beispiel spielt sich ein Kampf ab, mit dem wir nichts zu tun haben. Ebensowenig wie mit den Konflikten in Ägypten oder anderen arabischen Ländern, wo sich westlich-weltlich orientierte Regierungen oder Oberschichten gegen den Islamismus zur Wehr setzen. Die einzige Verbindung zu Israel ist die brutale Instrumentalisierung unserer Existenz, um die feindlichen Lager oberflächlich zu vereinigen, und am besten dann gemeinsam gegen Israel vorgehen. Wir können immer in solche Konflikte reingezogen werden, auch wenn wir nicht im geringsten daran interessiert sind.
Der Gazastreifen ist ein weiteres Beispiel, so gern wir die Hamas los wären, sie hört einfach nicht auf mit ihrer obsessiven Raketenschießerei… und er zeigt auch, wie schwierig solche Lagen sind. Egal was wir tun und wie wir reagieren - es gibt keine gleichzeitig moralisch vertretbare und wirksame Reaktion. Man setzt in jedem Fall Menschenleben aufs Spiel. Unsere oder die der anderen Seite oder beide.
Albtraum Mai 9, 2008, 4:42
Posted by Lila in Land und Leute, Presseschau.12 comments
Ich bin zu früh aufgewacht, ein Wolkenbruch mit Donner und Blitz hat mich aus einem Albtraum erlöst. Darin spielten eine riesige Spinne, die mir zu Heilzwecken ins Gesicht gesetzt wurde (sie sollte mich an-atmen, huh), und irgendwie auch Olmert, eine Rolle. Muß ich betonen, daß die Spinne im Vergleich ungeheuer sympathisch wirkte?
Ich bin gestern nacht noch wachgeblieben, bis die Sperre für die Medien aufgehoben war, obwohl dann natürlich nichts gesagt wurde, was ich nicht schon vorher aus Blogs wußte. Olmert hat als Bürgermeister von Jersualem seine Taschen großzügig polstern lassen. Pech, daß er seinen politischen Kurs so geändert hat, daß dieselben Leute, die ihn damals mit Geld überschüttet haben, nun stinksauer auf ihn sind und ohne Scheu gegen ihn aussagen. Noch weiß man nicht, wo die Gelder hingegangen sind, Olmert selbst meint natürlich, er hat NIE einen Shekel für sich verwendet. Sollen wir auf sein Ehrenwort warten? (Einzelheiten hier und hier.)
Interessant an dem Spektakel waren also weniger die Informationen, die nun ausgebreitet werden konnten. Sondern mehr die Erleichterung der Journalisten, die schon seit Tagen wortreich bedauerten und beklagten, daß sie uns nicht alles sagen konnten, was sie wußten. Sivan Rahav-Meir war vielleicht am schlimmsten dran. Sie hatte den Hauptzeugen bereits exklusiv interviewt, konnte aber nur ein verschwommenes Bild zeigen, in dem er ein frohes Fest wünschte, und sagen, daß er ein charmanter älterer Herr ist. Ach, wie sie durchatmete und loslegte, als Sperre fiel!
Ähnlich Ayala Hasson auf Kanal 1. Das war lustig. Nicht lustig genug, ich bin auf der Couch eingeschlafen und habe Olmerts Ansage glatt verpennt.
Dann der Albtraum und nun die Artikel im Internet. Der Mann ist doch tatsächlich nicht zurückgetreten! Was haben unsere Politiker nur am Hosenboden, daß sie so verflixt an ihren Stühlen festkleben? Wir haben aber auch Pech. Katsav, der Präsident mit den Büro-Angewohnheiten, die beim Nachrichtenhören Bürger zum Erröten bringen - da muß man Kinder aus dem Wohnzimmer schicken, wenn berichtet wird, wie es im Büro des Ex-Präsidenten (jedes Wortspiel verkneife ich mir) zuging.
Jede Menge Knesset-Abgeordnete, besonders aber nicht nur von der Shas-Partei, die korrupt sind, daß es zum Himmel stinkt, aber mit unschuldigem Augenaufschlag meinen, sie sind sich keiner Schuld bewußt. Natürlich nicht, dafür brauchten sie ja ein Gewissen!
Und Olmert - man verliert schon die Übersicht bei seinen Skandalen. Das kann kein Zufall sein, der Mann mag sich noch so vehement als verfolgte Unschuld ausgeben.
Ich weiß auch nicht, wieso die Politik so zwielichtige Biedermänner anzieht. Wir brauchen dringendst eine Regierung, auf die man sich in jeder Hinsicht verlassen kann. Ob es um Verhandlungen oder Verteidigung geht, wir leben nicht gerade in einem ruhigen Eckchen der Welt.
Peres macht als Präsident eine gute Figur, ich glaube, auch seine Kritiker müssen zugeben, daß er seinen Posten mit Würde und Intelligenz und Ehrlichkeit füllt. Wäre er schon anno wannwars in den Posten gewählt worden, statt dank Kungelei Katsav draufzuschieben, wäre uns viel erspart geblieben. Ich bezweifle, daß ein ähnlich kompetenter Ersatz für Grotten-Olmert gefunden wird.
Sehr deprimierend. Ein Albtraum wirkt dagegen geradezu eskapistisch.
Kleine Geschichte März 23, 2008, 20:30
Posted by Lila in Land und Leute, Presseschau.6 comments
aus den Nachrichten. (Für mehr reicht es im Moment nicht, tut mir leid, aber ich habe einfach zu viel zu tun, so unglaubhaft das auch klingt!)
Ein kleines Mädchen, nur anderthalb Jahre alt, starb überraschend. Ihre Eltern (religiöse Juden aus der Siedlung Tekoa) gaben die Erlaubnis, ihre Organe zu zu entnehmen und in den Körper kranker Kinder zu verpflanzen. Vier Kinder wurden dadurch gerettet. Solche Geschichten werden regelmäßig in den Nachrichten erwähnt, weil in Israel die Willigkeit, Organe zu spenden, relativ gering ist - die jüdische Halacha verlangt die Beerdigung des unverletzten Körpers. Das ist auch der Grund dafür, daß Juden normalerweise Brand- und Seebestattung ablehnen, daß nach Anschlägen versucht wird, möglichst alle Leichenteile einzusammeln und zuzuordnen, und daß das grausame, grablose Ende der Opfer der Shoah besonders schmerzlich empfunden wird. Oh, das kam jetzt ein bißchen makaberer raus, als es gemeint war. Aber die Medien bemühen sich, die positiven Seiten der Organspende, das gerettete Leben, zu zeigen.
So auch heute im Fall der Kleinen, deren Tod vier anderen Kindern neues Leben schenkte. Die Begegnung des Großvaters, Jude mit Bart und Kipa, mit den Vätern der vier Kinder. Was können sie einander sagen? Die Tragödie des einen ist die Rettung der andren, und da die anderen sich selbst der Katastrophe so nahe sahen, können sie sich nicht einfach freuen. Einer der Väter ist Araber, sein Sohn wird hoffentlich nun gesund werden. Die Männer stehen bewegt und wortlos herum, bis die Kamera sie in Ruhe läßt.
Dabei fällt mir auf, wie oft ich solche Bilder schon gesehen habe, auch umgekehrt - arabische Angehörige, die einer Organspende zustimmten und jüdisches Leben damit retteten. Vielleicht bin ich sentimental, daß ich aus solchen menschlichen Geschichten immer wieder kleine Hoffnungsstrahlen lese. Manche Bereiche, darunter der medizinische, scheinen von dem Irrsinn, der die Welt besetzt und die Menschen vergiftet, frei zu sein. Die herzkranken Kinder aus arabischen Ländern, die von einer jüdischen Organisation nach Israel gebracht werden, um hier operiert zu werden. Die israelischen Ärzte, arabische und jüdische, die sich für die medizinische Versorgung des Gazastreifens einsetzen, hüben wie drüben.
Ich kann den Glauben nicht aufgeben, daß in uns Menschen ein unverletzlicher Kern existiert, und daß einer den Kern des anderen erkennen und anerkennen kann. Ich glaube auch, daß dieser Kern nicht von außen zerstört werden kann, sondern nur von innen: dadurch, daß ein Mensch sich dem Haß und der Todeswut verschreibt und den Kern in sich vernichtet. In krisenhaften Momenten, wenn es um Menschenleben geht, besonders junges Menschenleben, das einem anvertraut ist - da erkennt man diesen Kern der Menschlichkeit. Und ist für einen Moment wieder voller Hoffnung für dieses verkorkste Geschlecht, dem wir angehören dieses menschliche, unmenschliche.
…und keiner guckt hin März 19, 2008, 1:17
Posted by Lila in Land und Leute.5 comments
Meretz, die Links-Außen-Partei, hat heute einen neuen Vorsitzenden gewählt. Yossi Beilin, der superkluge, geschliffen sprechende, von keinem Selbstzweifel angekratzte scheidende Vorsitzende, hat es nicht geschafft, die Partei der Idealisten und reinen Narren der brutalen Realität anzupassen. 1992, der große Sieg, da wurde auch hier im Kibbuz groß gefeiert. Denn traditionell ist unsere Kibbuzbewegung mit einer der Gründungsparteien von Meretz verbunden. Viele Kibbuzmitglieder sind oder waren mal bei Meretz aktiv. Jahrelang konnten diese linken Parteien auf eine satte Mehrheit in den Kibbuzim bauen.
Der neue Vorsitzende, Chaim Oron (den ich schon mehrmals bei Veranstaltungen im Kibbuz getroffen habe, er ist selbst Kibbuznik und sieht auch genauso aus), ist volkstümlicher als der stets geschniegelte Beilin mit seinem selbstzufriedenen Lächeln. Aber niemand kennt ihn, außer uns in unserer Kibbuz-Clique. Die anderen Kandidaten: Ran Cohen, seltsam glanzlos, und Zehava Galon, eine engagierte Feministin und kluge Frau, die innenpolitisch gute Ideen hat, der aber ihre schrille Stimme (eine Albtraumversion einer SoWi-Lehrerin) noch mehr als ihre vollkommen vorhersehbaren Empörungen Stimmen gekostet haben mögen.
Das Format von Shula Aloni (die gleichzeitig beißen und ätzen kann), Amnon Rubinstein (der stets die Ruhe bewahrt) (beide waren übrigens ausgezeichnet als Bildungsminister) oder auch Yossi Sarid (der so zynisch ist, daß nur mein Mann seinen Humor versteht - und hoffentlich Sarids Frau) erreicht jedenfalls niemand.
Für die Linke in Israel war ihr größter Erfolg auch gleichzeitig der Weg ins Abseits. Ideen, die von der Linken zuerst ins Getümmel geworfen würden (mit den Palästinensern reden, Siedlungen abbauen, einen Zaun als defensive Maßnahme zu bauen, um die Zahl der Offensiven gegen den Terror zu reduzieren, einseitige Rückzüge als Vorleistung) - all diese Ideen sind längt mehrheitsfähig, sind von Barak, Sharon und Olmert, übernommen und durchgeführt worden. Beilin ist stolz darauf, daß Dinge, die früher verlacht wurden, heute ganz normal wirken. Aber ich weiß nicht, ob er das zu Ende gedacht hat - Verzeihung, Beilin hat es garantiert zu Ende gedacht, nur nicht offen gesagt.
Interessanterweise nämlich haben diese Aktionen einen mehrfachen Effekt gehabt. Sie haben sich, bis auf den Schutzzaun, nicht als sehr ratsam erwiesen. Mit den Palästinensern ist Klasse und macht Spaß - nur leider machen sie trotzdem weiter Terror, das hatten wir nicht mit eingerechnet, wir dachten, wenn wir mit ihnen reden, hört der Terror auf. Weil normale Menschen denken: Terror ist da, wo kein Dialog ist. Nun, die Palästinenser beweisen nach Kräften, daß man beides kann: den Kuchen essen UND ihn in die Luft sprengen.
Rückzüge a la Libanon und Gaza mögen unsere Verlustzahlen an Soldaten mindern und sind daher in unserer “jeder Soldat ist mein Baby-lasst uns die Kinder beschützen”-Gesellschaft durchsetzbar. Doch auch hier erweist sich unsere schöne Rechnung (wo keine israelische Präsenz mehr ist, nimmt der Terror ab, bis er verschwindet) als schöne Illusion. Es braucht keine israelische Präsenz, um Terror zu erzeugen. Das geht auch prima ohne uns. Und wat machen wir dann? Zugucken, sich ducken? Über die Grenze rein und zurückschlagen? Ach Gott.
Die Idee vom Schutzzaun vermischte sich in der internationalen Wahrnehmung, ohne Zweifel aufgrund unzureichender Erklärungen unsererseits, mit der Idee einer Grenze. Was der Zaun nicht ist. Sondern er ist eine einfache sicherheitstechnische Maßnahme. Die Entscheidung, wo er verlaufen soll, wurde schlicht und einfach danach gefällt, wo er die meisten Menschenleben schützt. Da die internationale Meinung vielleicht nicht dachte, daß die Menschenleben wirklich gefährdet sind - oder daß sie es eben selbst schuld sind und daher keinen Schutz verdienen - eine Meinung, die in ähnlicher Form auch von der israelischen Regierung vertreten wird, Olmert in Sderot: “ich kann nicht versprechen, daß ich euch schützen kann, lebt mit den Qassams” - dachte man, das ist eine Form der Grenzziehung. Da kann man sich den Mund fusslig reden, daß wir das abscheulich häßliche Ding gern wieder einklappen würden, so nur die ewigen Anschläge aufhörten - es hört längst keiner mehr zu.
Kurz, die Ideen der Linken, unsere Ideen, sahen alle schön aus, solange sie wie die falsche Königstochter auf der Seite lagen und niemand sah, daß ihnen ein Auge fehlte (Brüderchen und Schwesterchen). Statt nun nachzudenken, wie ich privat und alle anderen Linken, die ich kenne, statt zu überlegen, wie man die hehren Vorstellungen von fair play und Gegenseitigkeit in einem Konflikt ersetzen kann, ohne deswegen gleich unfair und einseitig zu werden - statt dessen hat die offizielle Linie von Meretz weitergeträumt, als wäre Oslo nie gewesen.
So sprach Beilin neulich in einem Interview in der ZEIT:
Die arabische Inititiative aus dem Jahr 2002 sieht vor, die Beziehungen zwischen den arabischen Staaten und Israel im Falle eines Friedensschlusses zwischen Israel, den Palästinensern und Syrien zu normalisieren. Meine Hoffnung war, dass wenn es eine Einigung bezüglich der strittigen Fragen gegeben hätte, die arabischen Staaten ihrerseits bereit gewesen wären zu sagen: Gut, es herrscht zwar immer noch kein Frieden mit den Palästinensern und auch Verhandlungen mit Syrien stehen noch aus, aber wir sind bereit, einen Teil unserer Initiative umzusetzen. Zum Beispiel hätte man mit der Einrichtung von Interessenbüros in Israel beginnen könenn.
Ja, Yossi, das wäre unheimlich schön, leider waren aber die strittigen Fragen nicht in einer Diskussion zu klären! Denn die arabischen Staaten haben von Anfang an gesagt: entweder ihr freßt die Initiative in einem Stück, oder ihr kriegt gar nichts. Man kann sagen, es war kindisch von Israel zu sagen, dann lieber gar nicht!, aber wenn man sich das Angebot mal anguckt, wäre es ziemlich riskant gewesen, es einfach so als Paket anzunehmen. Das können wir uns nicht leisten, wir haben kein zweites Ländchen im Kosmetikköfferchen dabei, das wir auspacken können, wenn uns das erste abhanden kommt.
(In dem Artikel hat auch ein Übersetzer den totalen Klops von den 300 neuen Siedlungen reingebaut - hä???? Es geht um etwa 300 neue Wohnungen - wirklich den ganzen Lärm nicht wert, der darum entbrannt ist, aber zu dem Thema ein andermal, ich bin auch nicht begeistert von Bauprojekten, die hinterher geräumt werden müssen und nur böses Blut machen und zu Spannungen führen, aber im Fall von Ariel wäre wohl ein Gebietstausch die realistischste Lösung, - wie gesagt, dazu ein andermal. Wollte nur diese verblüffende Zahl korrigieren.)
Beilin weint seiner Genfer Initiative hinterher, was ich verstehen kann, denn sie war schön, und auch Ayalons Mifkad war schön. Versuche, mal einfach Ordnung zu machen. Das einzige, winzige Problem: daß die Palästinenser nicht imstande sind, solche Pläne durchzusetzen. Selbst wenn Sari Nusseibeh und seine Mutter dafür sind, das reicht leider nicht. Ließe sich die Hamas von einer Liste mit Unterschriften einschüchtern? Ach was, natürlich nicht. Leider.
Kurz, die israelische Linke verliert rapide an Wählern, auch bei alten treuen Wählergruppen wie den Kibbuzniks, weil sie Lösungen von gestern vorschlägt. Ich bin nach wie vor der Meinung, daß es gut war, diese Lösungen auszuprobieren - man kann eine Hypothese weder beweisen noch widerlegen, wenn man sie nicht ausprobiert, zumindest in diesem Genre, Politik, nicht. Aber ich glaube, nur ein blauäugiger Optimist kann daran glauben, daß diese Lösungen tatsächlich funktioniert haben.
Daß daraufhin große Ratlosigkeit zurückbleibt, wenn man Jahr um Jahr alles mögliche versucht und nichts funktioniert - dem müßte sich die Politik eigentlich stellen. Sie tut es nicht. Olmert redet drumherum, Livni redet allen nach dem Munde, Bibi donnert los, leider im Leerlauf, und Chaim Oron ist eine ehrliche Haut und ein netter Kerl. Ob er aus dem müden Material noch Funken schlagen kann? Ich bezweifle es.
Meretz hat sich einen neuen Vorsitzenden gewählt, und niemand hat auch nur hingeguckt.
Feiner Besuch März 17, 2008, 23:37
Posted by Lila in Land und Leute.39 comments
Wie mich die Nachrichtensprecher informieren, traf gestern die deutsche Kanzlerit ein, Frau Engela Markäl. Oder Engala Märkal.
Ah. Die Tücken der Schrift, die Vokale wegläßt! Willkommen, giveret-ha-kanzlerit. Ich bin auf die Rede morgen gespannt. Irgendwie habe ich das Gefühl, ihre Kritik an der israelischen Apartheidspolitik wird sich auf ein Minimum beschränken….
(Brauchte ich diese Umfrage, um zu begreifen, daß 70% der Focus-Leser keine Ahnung haben, was Israel eigentlich ist? Vermutlich nicht. Sie fühlen sich bestimmt unheimlich tapfer, daß sie sich nicht den Mund haben verbieten lassen von der zionistischen Weltverschwörung. Diese Verschwörer sind aber auch solche Nichtskönner!!! An deren Untüchtigkeit sollte mal jemand offen Kritik üben.)
Na, wo sind die Proteste März 15, 2008, 14:07
Posted by Lila in Land und Leute.16 comments
gegen den Bau der brutalen Apartheids-Mauer, die die Palästinenser ins Ghetto sperrt?

Öh…. die Proteste werden wohl ausbleiben. Es sind nämlich gar nicht die Israelis, die sie bauen. Sondern nur die Ägypter. Und da will die Aufregung nicht recht in Gang kommen.
So schnell geht das März 12, 2008, 12:30
Posted by Lila in Land und Leute, Presseschau.21 comments
Outside the asylum hat mich angepingt, und gleichzeitig einen Artikel aus dem Kölner Stadtanzeiger verlinkt, den ich niemandem vorenthalten möchte. Es geht darum um den letzten und den nächsten Krieg, und daß es eigentlich derselbe ist.
Ich weiß nicht, wie nah der richtig große Schlagabtausch ist, wann Assad aus der Deckung kriecht und wann Achmedinijad seine Drohungen in die Tat umzusetzen gedenkt - ich habe nach wie vor das Gefühl, es wird noch eine Weile dauern. Der Zweite Libanonkrieg ist ja schon bald zwei Jahre um. Alle paar Jahre kracht es hier, es kann also noch weitere zwei, drei Jahre so weiterlaufen.
Aber ganz stark hat sich bei mir das Gefühl verstärkt, daß der Krieg schon läuft. Normalerweise unterdrückt man das, ich weiß zwar, daß der Krieg, der 48 ausgebrochen ist, nie ganz beendet, sondern immer irgendwo wieder aufgenommen wurde. Wie eine langsame Handarbeiterin, die ihr Werk irgendwann beenden wird, es manchmal in den Schoß sinken läßt, um zu planen oder den Plan zu ändern, dann ein paar kleine Fädchen vernäht, dann wieder mit großem Schwung ans Werk geht - so zieht sich dieser Krieg hin, aber oft fühlen wir es nicht.
Es ist doch seltsam, ich lebe relativ abgeschieden in meiner glücklichen kleinen Luftblase, dem Kibbuz, der Beschäftigung mit Kunst und Kunstgeschichte und Erziehung, mit meiner Familie und den kleinen Ärgernissen des Alltags. Ich spreche mit niemandem über die Lage und sehe zwar von Zeit zu Zeit Nachrichten, beschränke aber meinen Medienkonsum, weil ich sonst verrückt würde, nur aufs Blognotwendigste. Und doch erfüllt mich im Moment wieder das dräuende Gefühl, das ich nach dem Krieg so stark hatte.
Ist das die Osmose der Bedrohung, der sich niemand hier wirklich entziehen kann, und die man unterschwellig mitbekommt? Ich spreche vor den Kindern nicht davon, und doch fragte mich Quarta heute früh beim Zöpfemachen (immer eine schöne Gelgenheit zum Gespräch) richtiggehend aus. “Mama, sind die Amerikaner unsere Freunde?” “Ja, das sind sie” “Und die Franzosen? und die Deutschen? und die Engländer? Mama, was ist eigentlich der Unterschied zwischen den Engländern und Amerikanern? ich verwechsel die immer…. Aber Mama, wenn der Krieg kommt und uns jemand angreift, helfen uns die Deutschen dann? Mama, haben wir Freunde? wer ist auf unserer Seite?”
Natürlich sind ihre Fragen von der Vorstellungswelt des dritten Schuljahrs bestimmt - wenn Lior Noah haut, wer hilft ihr dann? Wer ist auf ihrer Seite? Sie hat die Kinderausdrücke benutzt. Aber es hat mich schwer erschüttert, daß sie so darüber redet, als wäre “der Krieg” etwas, das sie erwartet, auf das sie sich vorbereitet. Keine Ahnung, ob die Trübsinns-Osmose auch durch ihre Membrane stattfindet oder ob das Fragen der Selbst-Versicherung sind, die jedes Kind stellt.
Natürlich habe ich gesagt, daß ich sehr hoffe, es gibt gar keinen Krieg, weil man sich mit Worten doch immer viel besser verständigen kann, und Erwachsene das eigentlich wissen. Und daß ich mir sicher bin, wenn wir einmal Hilfe brauchen, werden uns weder Amerikaner noch Europäer im Stich lassen (bei der Gelegenheit habe ich ihr auch kurz den Unterschied zwischen Engländern und Amerikanern erklärt - sie lernt Englisch, und das verwirrt sie wohl). Und außerdem sorgen Mama und Papa dafür, daß ihr nichts passiert, auch wenn ein Krieg kommt.
Ist es nicht merkwürdig, wie wir Erwachsene eigentlich Kinder benutzen, um uns selbst der Ordnung der Dinge zu versichern? Wie wir nach einem Trauerfall uns selbst dadurch trösten, daß wir den Kindern eine hoffnungsfrohe Version des Todes erzählen, so beruhige ich mich selbst dadurch, daß ich Quartas Fragen beantworte. (Sie fragte übrigens nicht ängstlich, sondern neugierig-interessiert).
Ja, und hier ist der Artikel, der meiner unbestimmten inneren Beklommenheit konkrete Worte leiht.
Die UN-Friedenstruppe hat zwar formal die Vormachtstellung der Hisbollah beendet. Aber entwaffnet oder gar entmachtet ist die Schiitenmiliz nicht. Im Gegenteil: Die pro-syrischen Kräfte leisteten in den vergangenen Monaten ganze Arbeit. Mit Attentaten wurde das pro-westliche Lager, das vernünftige Beziehungen zu Israel garantieren sollte, geschwächt.
Ja, die Attentate - sie waren nicht nur innerlibanesische oder libanesisch-syrische Explosionen, sondern müssen immer in Hinsicht auf die Zukunft gelesen werden.
Vor allem aber geht der Waffenschmuggel weiter, einer UN-Truppe zum Trotz, die dafür eingerichtet wurde, den Schmuggel zu unterbinden. Das beklagen nicht nur die Israelis - auch der UN-Sicherheitsrat hat dieses Problem mehrfach benannt. Ohne Folgen.
Ja, das muß man leider so sagen. Dieses Kind ist in den Brunnen gefallen, und wir wissen, daß Nasrallah die Waffen, die er hat, auch einsetzt.
Dabei denke ich immer an einen fernen, fernen Tag. Vor vielen Jahren saß ich mal mit Y. und ein paar Freunden zusammen, ich weiß nicht mehr genau, wann das war. Die Rede kam auf die Hisbollah und ihre Pläne. Und Y. sagte, “die Hisbollah bewaffnet sich nicht zum Spaß, sie will und wird diese Waffen auch gegen uns einsetzen”. Und sie diskutierten die Reichweiten und so. Ich dachte mir damals, das kann nicht sein, das gibt es nicht. Ich war noch von Deutschland geprägt, von den enormen Waffenlagern, die nie zum Einsatz kommen, sondern nur dazu dienen, die einen reich und die anderen beschäftigt zu halten.
Ob Y. sich noch an dieses Gespräch erinnert? Er war natürlich davon geprägt, daß praktisch seine ganze Jugend hindurch aus dem Libanon auf Nordisrael geschossen wurde. Auch ich weiß heute, daß es auch Leute gibt, die Waffen nicht nur zum Horten oder Geschäftemachen kaufen oder herstellen, sondern sie tatsächlich auch einsetzen. Und zwar gegen jemand ganz Bestimmtes. Leider sind das allzuoft - wir.
Auch wenn ein Teil der Verlautbarungen von Hisbollah-Funktionären über ihr angebliches Waffenarsenal der psychologischen Kriegsführung zuzurechnen ist, bleibt immer noch genug, um Israel ernsthaft zu alarmieren. Denn die Hisbollah verfügt über genügend Geld, über moderne Waffen, und sie ist zu allem bereit. Nicht zuletzt dazu, libanesische Zivilisten zu opfern.
Ja, da sind sie wieder, die dahingeopferten Zivilisten, die ja ohnehin uns zur Last gelegt werden und daher Nasrallah auch propagandistisch und innenpolitisch nicht weiter belasten müssen. Wie sich die Bilder gleichen, im Norden und im Süden.
Selbst im Fernsehen lässt sich verfolgen, wie im Iran auf offener Straße für die Hisbollah Geld gesammelt wird. Dass deren Vertreter vom Iran und Syrien beherbergt, ausgebildet und mit modernen Waffen versorgt werden, ist ein offenes Geheimnis. Beide Regimes wollen einen erneuten Stellvertreterkrieg und untergraben so den Kampf der UN gegen den internationalen Terrorismus. Aber diese Formen staatlichen Terrorsponsorings werden nicht geahndet. Die Hisbollah steht bis heute nicht einmal auf der Terrorliste der EU.
Und auch die Hamas hat natürlich beste Verbindungen zum Iran. Allerbeste.
Wer ausschließen will, dass Israel auf dem Rücken des Libanon Krieg führt, muss die Bedrohung Israels aus dem Libanon unterbinden. Dies ist die Logik hinter der UN-Resolution 1701 vom August 2006. Aber in der Praxis ist sie nicht umgesetzt. Deshalb trägt die Staatengemeinschaft auch eine Mitverantwortung für die drohende Katastrophe.
Die Staatengemeinschaft hat wieder einmal verhindert, daß Israel einen brutalen, aber entscheidenden Schlag führt - auch wir selbst haben dazu 06 nicht den Mumm gehabt, auch uns haben die Opferzahlen erschreckt und die Laienspielschar an der Spitze unserer Verteidigungspyramide noch mehr. Vielleicht war das auch richtig so - angesichts der Kriegsführung der Hisbollah bleibt ja keine andere Wahl, als sich selbst Zügel anzulegen. (Wie praktisch für die Hisbollah hingegen, daß sie das nicht braucht!)
Der Krieg zwischen Israel und der Hisbollah war nie beendet. Er ist nur unterbrochen.
Und damit hat der Artikel mir dann endgültig den Vormittag vermasselt. Ja ja, ich weiß es ja! Aber ich hoffe, hope against hope, daß sich vielleicht mal jemand besinnt und der Hisbollah die Klauen stutzt. So daß wir nicht mehr hilflos vor einer wilden Melange von Kämpfern und Zivilisten stehen und sie mit allen Flugblättern der Welt nicht auseinanderdividieren können. Oh, und ich hoffe, daß ich heute früh Recht hatte und wir das nächste Mal nicht allein stehen.
So, ich geh mir jetzt die Beklemmung vom Herz putzen. (Nie war es bei uns sauberer als zur Zeit des Kriegs. Putzen hilft tatsächlich.)
Eine Zwillingsgeburt in Ashkelon März 11, 2008, 17:44
Posted by Lila in Land und Leute, Presseschau.6 comments
Leider nur im englischen SPon gefunden, vielleicht hab ich es im deutschen verpaßt???, und von Aussie Dave verlinkt: eine Reportage über eine Palästinenserin aus dem Gazastreifen, die ihre Zwillinge im Krankenhaus von Ashkelon bekommt, wo sie jetzt im Inkubator liegen. Sie und ihr Mann lernen auf diese Weise Israel von der anderen Seite her kennen.
Wie der Ashkeloner Chefarzt, den ich ja neulich per Video hier gezeigt habe, meint auch der Arzt, der die Kinder betreut, er kümmert sich nicht darum, ob seine Patienten zu diesem oder jenem Volk gehören.
Dr. Shmuel Zangen, the director of the hospital’s neonatal unit, doesn’t care who he treats. “As a doctor, I enjoy the privilege of not having to think about it,” he says. “It certainly is odd that we take care of Palestinian children while they shoot at us. It’s the sort of thing that only happens in the Middle East.”
Das ist höflich ausgedrückt. Um es genauer zu sagen: es kommt eigentlich auch im Nahen Osten nur in einem Land vor, nämlich Israel. Es ist mir noch nie zu Ohren gekommen, daß Israelis in Saudi-Arabien oder Syrien im Krankenhaus behandelt werden. (Wir brauchen das auch nicht, Gott sei Dank - aber selbst wenn wir es brauchten, würden sie uns wohl kaum helfen. Doch Geben ist seliger denn Nehmen… und vielleicht wird es ja eines Tages anders, besser.)
Die Palästinenserin und ihre Babies sind nun in Reichweite der Grad-Raketen.
On the second day after the birth of Bayan and Faisal, a Soviet-made “Grad” rocket landed on the hospital grounds. “I heard it hit, 200 meters away from me,” says Shafii. The neonatal unit was moved to a bunker the next day. “The groups that are firing the rockets are not fighting a just war,” says the Palestinian mother, adding that they are not abiding by what the Prophet Muhammad said: that wars may only be waged between soldiers, but not against civilians.
Ja, ich kenne das. Mein Frühchen, Tertia, lag in Nahariya im Inkubator, zu Zeiten des Katyusha-Beschusses. Da fühlt man sich verdammt ausgeliefert. Hoffentlich ist jetzt erstmal wieder Ruhe.
Bei solchen Gelegenheiten zeigt es sich dann, daß es die normalen, freundlichen Palästinenser durchaus noch gibt, an deren Existenz ich manchmal verzweifle. Und sie leben in Angst und Schrecken - vor den Terroristen, die sie als Schutzschilde mißbrauchen und bedrohen.
Ashraf Shafii describes how young, masked men repeatedly set up their rocket launchers under the cover of houses in Beit Lahia. “They shoot at Israeli civilians, which is completely unacceptable,” says Shafii. “And they put us Palestinian civilians in grave danger, because the Israelis shoot back.”
Why doesn’t he object? “They are armed,” says Shafii, “and they shoot at anyone who gets in their way.”
Ich wünsche den Babies, daß sie gut gedeihen, und daß die Eltern ihre positiven Erfahrungen mit Israel nicht vergessen. Es könnte alles so unproblematisch sein da unten im Süden…
Sichere Grenzen März 11, 2008, 13:02
Posted by Lila in Land und Leute, Uncategorized.18 comments
Danke an Eran, der diesen Link in den Kommentaren hinterlassen hat: Defensible Borders, eine Materialsammlung zum Thema Grenzen und Grenzsicherheit.
Da finden sich ein paar Karten, die recht klar machen, wie Israels Problem aussieht, und daß wir nicht notwendigerweise spinnert sind, wenn wir uns als verletzlich empfinden. (Und daß die israelischen Lieder vom kleinen Land nicht verniedlichend gemeint sind, sondern einfach realistisch.)

Also, sehr groß ist Israel nicht…
Die nächste Karte zeigt die Grenzen Israels VOR dem Sechstagekrieg, also vor 1967.

Es gilt als Grundlage einer jeden Friedensregelung im Nahen Osten, daß Israel sich in diese Grenzen zurückzieht, in denen es 1967 verletzlich war. (Wieso die Araber überhaupt damals angegriffen haben, wenn diese Grenzen doch so wünschenswert sind, entzieht sich meiner Logik aber gut - es sind seitdem ein paar Tropfen Wasser den Jordan runtergeflossen, nehmen wir mal an, sie wollen das wirklich, die Lage von damals wiederherstellen).
Nun gilt es als ausgemacht, daß die israelische Forderung nach einem Stopp der Angriffe auf Israel als Zeichen der Verstockheit und Friedensunwilligkeit Israels gedeutet werden muß. Wären die Israelis nämlich nicht so verstockt und friedensunwillig, so würden sie doch bestimmt bereit sein, die 67 besetzten Gebiete entschädigungslos zu räumen, ohne jede Vorbedingung? Nicht wahr?
Nun ist es so, daß Israel einen Großteil der 67 gewonnenen Territorien schon längst zurückgegeben hat, nämlich in Camp David an die Ägypter - den gesamten Sinai. Und wenn man sich die erste Karte nochmal zu Gemüte führt, kann man sehen, daß das ein ganz fetter Brocken war - also für israelische Verhältnisse zumindest! Der Sinai ist größer als Israel selbst, und gegen das sichere Versprechen, von dort nicht mehr angegriffen zu werden, hat Israel ihn geräumt. (Israel hätte damals Sadat gern auch Gaza aufgeschwatzt, aber Sadat war klug genug, es auszuschlagen.)
Nun, aber die Pufferzone im Südlibanon (die vor dem Libanonkrieg anno 82 pausenlos als Abschußrampe für nach Israel gefeuerte Raketen diente - eine ganze Generation von Kindern in Nordisrael ist im Bunker großgeworden) hat Israel doch geräumt, und es ist nichts weiter passiert! Nein, bis auf Raketenangriffe von Zeit zu Zeit, den Libanonkrieg 2006 (der durch wahre Raketenschauer auf Shtula und Zarid eingeleitet wurde) und ständige Drohungen Nasrallahs ist dort Ruhe… würde der verehrte deutsche Leser gern in der Nähe einer solchen geräumten Zone leben? Vermutlich nicht. Israel ist dort ohne Vorbedingungen und ohne Verhandlungen abgezogen, gewissermaßen als Vorleistung. Keine Erfolgsgeschichte.
Und der Gazastreifen? Auch ihn hat Israel ohne Vorbedingungen und Verhandlungen geräumt. Die anhaltenden Angriffe durch Qassams und Mörsergeschosse haben nicht aufgehört, im Gegenteil, sie haben sich verstärkt und sind durch Grads mit größerer Reichweite noch verschlimmert worden.
Ich sehe also nicht genau, was mich dazu bewegen sollte, die Westbank zu räumen, auch wenn ich theoretisch und im Rahmen eines sicheren Friedensplans dazu wohl bereit bin. Aber die Erfahrung hat bisher gezeigt, daß die Palästinenser und die mit ihnen verbündeten Organisationen von Israel geräumte Gebiete als ideale Abschußrampen nutzen.
Und hier sind nun die Karten, die zeigen, welche wunderbaren Entfaltungsmöglichkeiten sich dem bieten, der die Westbank als Abschußrampe zur Verfügung hat:

Da sind sowohl Ruth als auch ich dabei, Ruth in Beer Sheva, ich nordwestlich von Jenin (da zieht sich so ein kleines Tal hoch, in den Höhen westlich davon lebe ich). Hm. Leider ist die sicherste Ecke Israels die Negev-Wüste - aber nur der Osten, der Westen wird ja von Gaza aus beschossen.
Verständnis, daß Israelis sich nicht mit Begeisterung auf ein Experiment mit der palästinensischen Friedenswilligkeit einläßt?
Noch dazu kommt, daß wir sehr auf unseren Flugplatz Ben Gurion (mit israelischer Abkürzungswut Natbag genannt …) angewiesen sind. Es ist nämlich peinlicherweise unser einziger internationaler Flughafen. Es ist auch so ziemlich der einzige Ort, von dem aus Israelis ins große, lockende Ausland gelangen können. Gut, es gibt ein paar Leute, die per Schiff fahren, es gibt auch welche, die nach Jordanien oder Ägypten fahren, aber so richtig einladend sind die im Moment nicht.

Wer Ben Gurion in Schußweite hat, kann kontrollieren, wer und was Israel verläßt und betritt. (Der Name Strela erinnert Israelis an den Angriff auf eine El-Al-Maschine in Kenia, am Tag des Attentats in einem Hotel dort, dem viele Israelis zum Opfer fielen).
Da die Grenze zu Ägypten nur unzureichend gesichert ist und von dort, wie auch durch Tunnel in den Gazastreifen, jede Menge Waffen (gern iranische und russische) zu den Palästinensern gelangen, kann man sich vorstellen, wie das aussähe. Die gesamte Küstenlinie Israels, wo die meisten Israelis leben, arbeiten oder leben UND arbeiten, wäre unter Beschuß.

Wer das für Theorie hält, soll mal bei den Bewohnern von Sderot nachfragen, wie diese Theorie sich anfühlt, wenn sie in Realität umgesetzt wird.
Stellt euch einen Moment lang vor, ihr würdet irgendwo in Israel wohnen. Würdet Ihr nicht VOR einer Räumung der Westbank gern einen Beweis dafür sehen, ja nur einen Hoffnungsschimmer oder Hinweis darauf, daß sich nicht das ganze Land in ein einziges Sderot verwandelt?
Und das sage ich, die ich die ganzen letzten 18 Jahre damit verbracht habe zu hoffen, daß meine Kinder NICHT als Soldaten in die Westbank müssen. Oh, und natürlich auch nicht die von irgendjemand anders! Daß das Problem vorher zu lösen ist. Daß es eine friedliche, einvernehmliche Lösung gibt und Soldaten nur mehr Radkappen polieren oder Antennen entstauben müssen. Und daß wir in Jenin einkaufen können, und die Geschäftsbeziehungen dahin wieder aufnehmen können, ach ja, und daß die Kollegen aus der Gegend wieder bei uns arbeiten können und man sich einfach mit gewohnt-nachbarlichen gemischten Gefühlen betrachtet wie der deutsche Autofahrer den niederländischen - nicht besser, nicht schlechter.
Ich sage es ungern, und ich sage es seufzend, aber im Moment sieht es einfach nicht danach aus, als hätten wir einen Partner für Ruhe. Von Frieden ganz zu schweigen.
Jubel, Trubel, Heiterkeit März 11, 2008, 12:09
Posted by Lila in Land und Leute, Presseschau.add a comment
Aus den Nachrichten von Channel 10. Der Hintergrundtext ist nicht wichtig zum Verständnis der Bilder. Ausgelassener Jubel auf den Straßen von Gaza, als bekannt wird, daß acht unbewaffnete Jugendliche bzw junge Männer in der Bibliothek einer religiösen Schule beim Lesen in der Heiligen Schrift ermordet wurden. In der Tat eine wahre Heldentat. Ich sehe solche Bilder und frage mich: die reden von Mut? von Ehre? fordern Respekt für Religion und Glauben? Sie verstehen wohl gänzlich was anderes darunter als ich.
Und so sah das von der andren Seite gesehen aus.

