Zeit nehmen, zuhören März 5, 2013, 22:08
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Ruth Calderon hält ihre erste Rede in der Knesset.
Ein Pilger März 5, 2013, 15:53
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hat heute seinen letzten Weg gemacht. Es tut mir leid um Menchem Fuhrman, den Rav aus der Siedlung Tekoa, der ein ungewöhntlicher Mensch war, nicht von dieser Welt. Seine Lösungen waren nicht politisch (obwohl er politisch besetzte Wörter benutzte), sondern spirituell und religiös. Er war kein Realist, Pragmatiker oder Zyniker, sondern sah in jedem Menschen ein Geschöpf des einen Schöpfers, an den er glaubte. Er glaubte, daß man mit religiös motivierten Menschen wie der Hamas in einer religiösen Sprache sprechen muß und so verläßliche Abkommen mit ihnen schließen kann – einen Friedensvertrag auf Jahrzehnte, befristet, aber zuverlässig, der nach seinem Ablauf neu verhandelt wird.
Ob er wirklich Partner dafür gefunden hätte auf der anderen Seite - und ob außer ihm und seinem Kreis jemand imstande gewesen wäre, so einen Weg auszuhandeln, das werden wir nicht mehr erfahren. Er ist gestorben und begraben, und ich bin erstaunt, daß er nur 68 Jahre alt wurde. Er wirkte wie ein zeitloser alter Mann. Selten habe ich einen Menschen von so unbeirrbarer Sicherheit seines Wegs gesehen. Er hat das Gemeinsame gesucht, nicht das Trennende, den Respekt und die Liebe, nicht das politische Ziel und die Absicherung. Und er glaubte, daß das Gebet verbindet, nicht trennt.

Über seine Ideen kann man streiten, aber so ein Streit wird vermutlich am Kern dessen, was er wollte, vorbeigehen. Seine Vision mag eine Illusion sein – wenn man das praktisch gänzlich einseitige Narrativ seiner palästinensischen Gesprächspartner anhört, kommt sie einem wie eine Illusion vor. Oder vielleicht hat der Rav doch etwas gesehen, was außer ihm niemand gesehen hat, und was andere Menschen erst eine Generation später begreifen. Jedenfalls war er eine Ausnahmeerscheinung. Es tut mir leid, daß er gestorben ist – wir brauchen Stimmen, die in einer anderen Sprache zu uns sprechen. Und es tut mir leid für ihn, daß er seine Vision nicht erfüllt sehen konnte.

Die spinnen, die Israelis, Februar 21, 2013, 23:01
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und das ist gut so.
Endlich mal ein Artikel im SPon, der die Klischees beiseite läßt und eine Seite des Lands zeigt, die ich wiedererkenne. Junge, gebildete, eher säkulare Israelis, deren Ideenreichtum von der schwierigen Situation des Lands nicht erstickt, sondern verstärkt wird. Mein Schwager arbeitet in der Hi-Tech-Branche, und viele andere, die ich kenne, ebenfalls.
Auch in anderen Branchen ist der durchschnittliche Israeli wenig dogmatisch, sehr offen, und die Hierarchien sind überall flach. Es ist tatsächlich so, daß die Armee (nicht in jedem Falle, leider, aber in sehr vielen) die Menschen nicht verdummt, sondern herausfordert. Eine Freundin von mir hat mir mal gesagt: in der Armee sind alle jung, und sie haben das Gefühl, sie schmeißen den Laden.
Ja, viele Erfindungen und Entwicklungen kommen aus Israel. Biotechnologie, Medizintechnologie, alles, was mit Computern zu tun hat, Ideen für die Landwirtschaft – viele Menschen frickeln gern herum, aber Israelis frickeln nicht nur gern, sie sind risikofreudig. Beides zusammen ist wohl nötig, um kreative Schübe auszulösen.
Ich habe das Buch zum Thema nicht gelesen (und bei der Suche danach jede Menge ähnlicher Bücher gefunden – es reicht, high tech oder hi tech und Israel in die Amazon-Suchmaske zu geben…), leider habe ich keine Zeit dafür, und ich bin auch vielleicht nicht das richtige Publikum dafür. Denn die High-Tech-Begeisterung hat natürlich auch ihre Schattenseiten, und nicht jede gute Idee ist auch auf Dauer tragbar. Ich denke auch oft, wenn ich sehe, welche Gehälter (nicht nur in Israel) Leute nach Hause tragen, die Internet-Anwendungen entwickeln, in denen ich nur puren Luxus sehen kann – und welche Hungerlöhne Alten-und Krankenpflege oder Erziehung (besonders von kleinen Kindern) einbringt – dann frage ich mich schon, ob unsere Maßstäbe wirklich die richtigen sind. Ich falle nicht sofort automatisch vor Ehrfurcht auf die Knie, wenn jemand mit einer guten High-Tech-Idee Millionen gemacht hat. Auch Low-Tech braucht die Welt, und es sind auch schon Leute mit Blödsinn reich geworden – bevor die Welt gemerkt hat, daß es eigentlich Blödsinn war.
“Irgendwas mit High-Tech” oder “irgendwas mit Medien” oder “irgendwas mit Design” sind jedenfalls die drei Zauberworte für junge Leute, die entweder hohes, mittleres oder unsicheres Einkommen anstreben, und die kreativ sind. Mich beeindruckt naturgemäß Kreativität in Bereichen, zu denen ich unmittelbaren Zugang habe, mehr als ICQ - ob es um Medizin oder Kunst oder Tanz oder Animation geht. Israelis sind in jedem Bereich kreativ, übrigens auch in der Auslegung von Verkehrsregeln und im Erfinden von Schimpfworten (wer abgehoben-zerstreut über den Dingen schwebt, ist ein astronaut, wessen Intellekt nur flackernd in die Gänge kommt, ein flureszent).
Her morning elegance von Oren Lavie
Inbal Pinto (ein altes Programm, aber ich habe es auf der Bühne gesehen – unvergeßlich)
Es ist gut, mal einen Artikel zu lesen, der davon absieht, Israel durch die immergleiche Brille des Nahostkonflikts zu betrachten. Ohne diesen Drang nach ständiger Verbesserung der Welt in kleinen, schlauen Schritten kann man die israelische Mentalität nicht richtig verstehen. Und den leben sie nicht nur in der Welt des High-Tech aus, sondern überall.
Heute um 10.05 Februar 14, 2013, 7:08
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ist wieder eine landesweite Übung. Sie wird überall angekündigt, damit niemand einen Schrecken kriegt, wenn auf einmal die Sirenen losheulen.

Anderthalb Minuten Alarm, und alle müssen in die Schutzräume. Besonders wichtig wird das in Schulen und öffentlichen Einrichtungen genommen. Die Kinder sind das schon gewöhnt. Mindestens einmal im Jahr kommt so ein Probe-Alarm, neulich war es auch mal eine Erdbeben-Übung.
Hoffen wir, daß wir solche Dinge nie “in echt” erleben werden. Vor einem Jahr oder so hatte ich die Ankündigung mal nicht mitgekriegt und saß im Sammeltaxi in Akko, als die Sirene losging. Das war wohl eine lokale Sache, anderswo war kein Alarm, und deswegen wußte ich es wohl auch nicht, und auch sonst niemand im Taxi. War das vielleicht ein doofes Gefühl. Alle guckten natürlich sofort auf ihre Telefone. Ach so, he he, nur ne Übung. Klar.
Heute bin ich vorbereitet, wie alle anderen auch. Quarta freut sich, der Alarm liegt gerade in einer höchst lästigen Unterrichtsstunde.
(Bild bei Israel Matzav gefunden)
Eine Begegnung Februar 13, 2013, 18:53
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Seit mehreren Jahren halte ich regelmäßig Vorträge oder Vortragsreihen “nebenbei”. Meistens sind es Einrichtungen für Pensionäre, Museen oder andere kulturelle Einrichtungen. Das Publikum ist immer relativ alt und sehr gebildet. Ich habe sehr großen Spaß an diesen Vorträgen. Die Menschen kommen freiwillig, sie lieben Kunst und wissen sehr viel und wollen immer noch mehr wissen.
Heute also war ich bei einer solchen Veranstaltung. Nach meinem Vortrag ist eine Pause bis zum nächsten Vortrag. Ich kenne das Publikum seit vielen Jahren. Zufällig war auch Y. dabei, der meinen Vortrag hören wollte. Wir bewegten uns nach draußen, und auf einmal hielt mich eine meiner Hörerinnen auf. “Komm doch mal, hier ist jemand, der dich was fragen will…” Neben ihr saß eine zierliche alte Frau, die mich anlächelte und in stark deutsch gefärbtem Hebräisch fragte, aus welcher Stadt in Deutschland ich denn käme. Das hätte sie immer schon interessiert, aber sie wollte nicht lästig sein.
Natürlich antwortete ich, und so kamen wir ins Gespräch. Ich fragte sie, woher sie denn ist. Aus N. im Harz, meinte sie. Sie fragte mich, wie viele Jahre ich schon in Israel bin, und ich sagte, 25 Jahre. Und fragte, wann sie denn ins Land gekommen ist.
Solche Gesprächen können in verschiedene Richtungen gehen. In die unverbindliche, wie hübsch es ja im Harz sein soll, und shalom. Oder in die schmerzhaft-persönliche Richtung. Ich habe von Anfang an, seit ich hier lebe, darauf geachtet, welche Richtung mein Gegenüber ansteuert. Und normalerweise ist es so – wenn jemand, wie diese alte Dame mit dem feinen Gesicht mit mir sprechen möchte, dann hat sie das Bedürfnis, mir etwas zu sagen. Weil ich Deutsche bin. (Y., der neben mir stand, hat mir das hinterher gesagt – daß er seit Jahrzehnten beobachtet, wie alte Jeckes mich geradezu suchen, um mir etwas zu sagen, und daß ich dem Gesagten nie ausweiche.)
Die Frage, seit wann sie denn in Israel ist, bedeutet auch: ich will es wirklich wissen, wie sie von N. nach Nordisrael geraten ist. Die Antwort war 1947. Ich verstand sofort und fragte, ob sie jemals nach N. zurückgekehrt ist, aber sie sagte: “nach den Lagern und alledem bin ich nur einmal zurückgekommen, aber alles war kaputt und ich war allein, und dann bin ich nach Israel gekommen und nie mehr nach Deutschland gefahren”.
Y.s Oma kam ja aus Essen, wo schon relativ früh die vertriebenen und verfolgten und ihrer Familie beraubten Juden eingeladen wurden und gute Kontakte entstanden. Sie war früh genug aus Deutschland weggegangen. Sie war sogar mal bei einer Veranstaltung der NSDAP in ihrer Gegend, um sich die Leute mal anzugucken, und fuhr kurz danach gen Haifa. Trotz der entsetzlichen Schicksale ihrer Familie hat sie sich ein differenziertes und recht positives Deutschen-Bild bewahrt. Weswegen sie mich ja auch so freundlich aufnahm in die Familie. Für Menschen, die das ganze Ausmaß der deutschen Todesindustrie am eigenen Leib erlebt haben, die jahrelang in Todesangst vor Deutschen gelebt haben, ist das viel schwieriger.
Trotzdem war diese Dame sehr freundlich, lächelte und fragte mich vieles. Wie Y.s Oma fiel auch sie nach einer Weile ins Deutsche. Das initiiere ich nie, ich bleibe immer beim Hebräischen. Aber sie erzählte mir, daß ihr das Hebräische so schwer fällt, und daß sie es nicht so gut spricht wie ich, und daß sie zuhause mit den Kindern Deutsch gesprochen hat. Ihr Sohn fährt inzwischen oft auf Geschäftsreise nach Deutschland.
Ich fragte sie, ob sie ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben hat – die Kindheit eines jüdischen Mädchens im Harz, ich würde das sofort lesen wollen. Sie hat es wohl angefangen, und über die Kindheit konnte sie auch schreiben, aber als dann die Verfolgung losging… sie kann darüber weder schreiben noch sprechen, und ihre Kinder wollten es auch nicht hören. Es kam extra eine Frau von Yad Vashem, um ihr zu helfen, aber sie kann es einfach nicht in Worte fassen.
Die Kinder werden damit gar nicht fertig, was sie erlebt hat, aber die Enkel, die stellen viele Fragen und wollen alles wissen. Vielleicht für die Enkel…
Nach einer Pause sagten Y. und ich gleichzeitig, wie wichtig es ist, alles, was sie in Worte fassen kann, zu erzählen, zu diktieren oder aufzuschreiben. Für die Enkel und Urenkel, aber auch für die Menschen, die heute in der Stadt leben und in dem Land, in dem sie sich mal zuhause gefühlt hat.
Ich fragte sie nach ihren Eltern. Sie sagte leise, “Auschwitz”, aber ich wollte mehr wissen – den Beruf. Sie hatten ein Geschäft. Sie erzählte vom Geschäft des Vaters, von der Stadt, wo sie als Mädchen gespielt hat, und fiel endgültig ins Deutsche.
Als wir uns verabschiedet hatten, waren Y. und ich sehr berührt und traurig. Y. sprach aus, was ich schon oben gesagt habe – daß er immer wieder gesehen hat, wie sehr manche, viele dieser alten Menschen, die in ihrer Jugend Deutsche waren und dann von den Deutschen aus dem Deutschsein vertrieben wurden und es doch nie ganz vergessen konnten – wie sehr sie das Bedürfnis haben, gerade mir als Deutscher diese Bindung zu zeigen. Nicht weil sie mir etwas vorwerfen, nicht passiv-aggressiv, sondern weil sie möchten, daß jemand zuhört. Und zwar jemand aus Deutschland.
In gewisser Hinsicht sind diese Menschen immer noch Flüchtlinge. Sie haben die Hölle überlebt, ein neues Leben aufgebaut, Familien gegründet, ihr Leben nicht in Haß und Rachefantasien vergeudet, sondern gearbeitet und geliebt und gelernt und das Land Israel mit aufgebaut. Sie sind höflich, sprechen deutlich und mit Diphtongen, die sonst niemand benutzt, und übersetzen deutsche Redewendungen ins Hebräische. Und sie haben trotz allem die innere Heimat Deutschland nicht verloren. Sie würden ins heutige Deutschland nicht zurückkehren wollen und fühlen sich nicht mehr als Deutsche. Aber sie erinnern sich an Deutschland als Heimat. Und aus dieser Heimat, die sie geliebt haben, sind sie vertrieben worden.
Mir fällt wieder die Nachbarin meines Schwiegervaters im Kibbuz ein, die ich bis zu ihrem Tod gepflegt habe – sie hat am Ende nur noch Deutsch verstanden und gesprochen. Ihre Kinder schenkten mir nach ihrem Tod die Hamstervorräte an Lakritz, die sie sich aus Deutschland schicken ließ und die in ihrer Küche lagerten. Eine andere Familie schenkte mir die Schubert-Schallplatten, ein alter Herr schenkte mir seinen alten Zupfgeigenhansel, und sehr viele boten mir deutsche Bücher an. Diese tüchtigen Kibbuzniks mit ihrem ausgefüllten Kibbuz-Leben hatten alle eine kleine Stelle, in der Lakritz, Schubert oder Heine sie an die verlorene Heimat erinnerten.
Ich möchte für jeden dieser Überlebenden, natürlich nicht nur die Jeckes, aber mit ihnen habe ich nun einmal den stärksten Draht, eine Flagge heben oder eine Glocke läuten und uns alle daran erinnern, daß diese Menschen leben, gelebt haben, und daß wir in Deutschland in ihren Spuren gehen. Wir können nichts rückgängig machen, wiedergutmachen. Es gibt keine Ausreden, keine Beschönigung, keine Rechtfertigung, und es ist auch noch gar nicht lange her. In den Albträumen, Ängsten und Sehnsüchten der Kinder und Enkel kehrt Deutschland immer wieder.
Mit Kollegen bereite ich ja im Moment wieder eine Reise mit Studenten vor, nach Berlin. Bei Gelegenheit möchte ich auch davon erzählen. Aber ich kann gar nicht ausdrücken, wie froh ich bin, daß ich hier bin und denen zuhören kann, die in ihrem Leben einen Riß tragen, und der Riß heißt Deutschland. Ich gebe diese Geschichten an Euch weiter.
Gedenktage Januar 27, 2013, 23:07
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Der internationale Holocaust-Gedenktag war ja heute – der Jahrestag der Befreiung des Lagers Auschwitz. In der Wahl des Tags drueckt sich der Wunsch aus, irgendetwas Troestliches zu finden. Ausserdem sind an diesem Tag die Befreier Helden, die Nicht-Beteiligten ruecken an diesem Tag ins Licht. Darum macht es dieser Tag auch leichter, allgemeine Lehren zu ziehen, wie in vielen typischen Holocaust-Tags-Gedenkreden. Ein Appell, dass der Mensch an sich besser sein sollte, keine Diskriminerung, kein Hass mehr — Worte, denen jeder zustimmen kann. Das sind die Lehren, die die Welt aus der Shoah gezogen hat.
In Israel ist ein anderes Datum fuer den Shoah-Gedenktag gewaehlt worden. Der Jahrestag des Warschauer Ghetto-Aufstands. Auch dieses Datum zeugt vom Wunsch, einen Lichtpunkt in der totalen Finsternis zu finden. Der Tag ist auch nicht den Opfern allein gewidmet, sondern auch den Helden des Aufstands – verzweifelte, hoffnungslose Gegenwehr, und ein Tod im Kampf, nicht in der Wehrlosigkeit. Dementsprechend erwaehnen die Reden in Israel die Lehren, die das Volk Israel aus dem Holocaust gezogen hat: sich wehren ist besser als stillhalten, lieber kaempfend untergehen als dahingeschlachtet werden, Warnungen ernstnehmen, ein Auge auf antisemitische Drohungen und Taten haben.
Die Welt hat allgemeine Lehren gezogen (und ein Teil der Welt bestreitet, dass es die Shoah ueberhaupt gegeben hat, bedauert ihr vorzeitiges Ende, und moechte beim naechsten Versuch die Sache zu Ende bringen – von denen rede ich hier nicht). Israel hat spezifische Lehren gezogen.
Die verschiedenen Daten bringen das glasklar zum Ausdruck. Wer wissen moechte, wo sich der Westen und Israel unterscheiden (die doch so vieles gemeinsam haben), der findet hier einen Ansatzpunkt. Amerikaner und Europaeer begehen den Tag, an dem sie die Opfer befreit haben. Israelis und Juden begehen den Tag, an dem sie Widerstand geleistet haben.
So oder so – unertraegliche Abgruende.
Aus den Nachrichten Januar 25, 2013, 22:36
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Wo nun die Wahlen vorbei sind, kann ich auch wieder Nachrichten gucken. Heute sind mir dabei ein paar Zitate im Ohr haengengeblieben.
Eine Reportage ueber drei Wahllokale – in Yerucham im Sueden (hohe Arbeitslosigkeit), in der Siedlung Nokdim (wo Lieberman wohnt) und in Kibbuz Merom Golan (dicht an der syrischen Grenze, die sich “erwaermt” und die sehr heiss werden koennte, wenn Assad faellt). Ueberall wurden Buerger nach ihren Problemen und Vorstellungen befragt, und schliesslich das Wahlergebnis gezeigt.
In Yerucham meinte ein beduinischer Bauarbeiter: “wir hier (und wies auf seine beduinischen Kollegen) waehlen alle Shas” Der Reporter fragte unglaeubig nach: “Waas, ausgerechnet Shas?” “Na klar”, meinte der Bauarbeiter, “das sind die einzigen, die wirklich fuer grosse Familien sorgen, und wir haben alle grosse Familien.”
Aehnlich verblueffend die Antwort eines Palaestinensers in der Naehe von Nokdim. Er waehlt in Israel nicht mit (da die Gebiete nicht zu Israel gehoeren), aber wenn er koennte, wuerde er Ozma le-Yisrael waehlen, die ultra-rechte Splitterpartei von Arie Eldad, die es nicht in die Knesset geschafft hat. Warum? “Weil die gegen eine Raeumung der Gebiete sind. Und fuer uns ist es gut, wenn die Juden hier sind.”
Bei der Nokdim-Reportage wurde auch wieder die mehrmals getane Aeusserung von Lieberman wiederholt: “wenn wir einen echten Frieden erreichen koennten, wuerde ich auch meinen eigenen Heimatort und mein eigenes Haus raeumen” – das haette man ihm nicht zugetraut, in Nokdim haben es manche uebelgenommen, und seine Frau hoert es auch nicht gern.
Abgesehen von diesen Stereotypen-Brechern waren die Gespraeche mit den Buergern und auch die Wahlergebnisse wirklich interessant.
Und dann war ein Interview mit einem Mann, von dem ich noch nicht gehoert hatte, Mohammad Reza Heydari. Er hat dem iranischen Staat jahrelang gedient, aber nach der brutalen Niederschlagung der Proteste vor drei Jahren hat er sich entschlossen, sich abzusetzen. Er versteckt sich in Norwegen, wo er frueher iranischer Konsul war, und im Interview hat er erzaehlt, wie die Iraner zB mit der Diplomatenpost verbotene Stoffe ins Land schmuggeln, wie leere Passagierflugzeuge ebenfalls zum Transport von Material fuer das Nuklearprogramm genutzt werden, und wie nutzlos wirtschaftliche Sanktionen sind, die in erster Linie das Volk treffen, nicht aber die Regierung. Er plaediert fuer politische und diplomatische Sanktionen.
Auf die Frage, was die iranische Fuehrung mit dem Atomprogramm vorhat, sagte er ohne zu zoegern: “wenn das iranische Regierung die Atombombe hat, wird sie sie auch einsetzen wollen – gegen Israel oder einen anderen Staat, den sie als Feind sieht”.
Man kann nur hoffen, dass er mit seiner Einschaetzung falsch liegt, aber er gehoert bestimmt zu den Menschen, die mehr Einsicht haben als viele andere, die sich zu dem Thema aeussern.
Oh, und Haydari appellierte an die westliche Welt, die inner-iranische Opposition nicht noch einmal im Regen stehen zu lassen. Es war grauenvoll, was dort passiert ist, und niemand hat eingegriffen. Er sagt, dass trotz aller Hetze und Gehirnwaesche das iranische Volk seiner Regierung kritisch gegenuebersteht. Wie schoen waere es, wenn der Iran eine freie Demokratie werden koennte – das hat er so nicht gesagt, aber das klang ganz stark durch.
Das waren die Highlights der Freitag-Abend-Nachrichten, fuer mich.
Update: hier steht’s in der Jerusalem Post.
Der Wahlkampf ist vorbei… Januar 23, 2013, 14:53
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… die Wahlergebnisse sind noch nicht ganz sicher (die beruehmten “Stimmen der Matrosen, Soldaten und Diplomaten” muessen noch ausgezaehlt werden, und da es bei der Kadima-Partei an einem Haar haengt, ob sie reinkommen, und sich dadurch auch die Mandate der anderen Parteien verschieben…), und die Koalitionsverhandlungen werden vermutlich lange und qualvoll. Aber. Puh. Es ist vorbei.
Ich ziehe den Hut vor den israelischen Waehlern, deren Zahl dieses Jahr durch meine drei Erstwaehler verstaerkt wurde, und die getan haben, was ich kaum zu hoffen gewagt hatte. Sie haben Dan Shiftan rechtgegeben, der vor Jahren mal gesagt hat: andere Voelker in der Situation Israels wenden sich extremen Parteien zu – Israelis tendieren eher in die Mitte. Und das hat sich auch diesmal bewiesen. Gisela Dachs sagt’s, wie es ist.
Ich persoenlich bin kein grosser Fan von Yair Lapid. Wenn ich seine Artikel lese, stimme ich oft innerlich zu – aber seine persoenliche Eitelkeit erfuellt mich mit Misstrauen, und das Vorbild seines Vaters, der mit einem beeindruckenden Wahlsieg in die Knesset einzog, um dort fast nichts zu bewirken, habe ich ebenfalls nicht vergessen – ist ja auch erst zehn Jahre her. Die Stimmen hat er nun – was macht er damit? Wo ist Yes Atid in zehn Jahren?
Zu viele Meteor-Parteien habe ich schon kommen und gehen gesehen. In Deutschland kennt man das auf Landesebene – die Piraten machen es gerade vor. Aber Landesparlamente gibt es hier ja nicht. Und eine 5%-Huerde auch nicht, sondern eine 2%-Huerde.
Und das macht schon einen gewaltigen Unterschied in der Parteienlandschaft. Einer meiner Studenten vom letzten Jahr hat eine Mini-Partei gegruendet, und zu meinem grossen Erstaunen sah ich ihn in einem Webefilmchen, als ich mich ein einziges Mal dazu durchrang, die Parteienwerbung anzusehen. Das war uebrigens an einem der letzten Abende, als sie ausgestrahlt wurden, alle Kinder haben zugeguckt, und die Maedchen haben sich vor Lachen ausgeschuettet. Es war so viel Unfug dabei. “Ist das eine Parodie oder ernstgemeint?”, kann man da nur staunen.
Bei dieser Gelegenheit kann ich auch gleich mal damit strunzen, wie meine drei Erstwaehler sich auf die Wahl vorbereitet haben in den letzten drei Wochen. Sie haben sich rundum informiert, Parteiprogramme gelesen, diskutiert, nachgefragt, und sie haben auch nicht alle dasselbe gewaaehlt. Keiner von ihnen hat sich nach anderen gerichtet, jeder nach bestem Wissen und Gewissen gewaehlt. Darauf bin ich stolz. Besonders mein gewissenhafter Primus hat alles bedacht, und Tertia konnte ihn fragen, was sie wollte – er kennt die Standpunkte der meisten Parteien zu wichtigen Fragen, und er hat sich auch die Zusammensetzungen der Listen genau angeguckt. Es war sehr interessant, ihnen zuzuhoeren.
Dann haben wir natuerlich gestern alle (bis auf Tertia, die bei der Armee ist) zusammen ferngesehen. Fuer mich war der beste Moment des Abends ein kleiner Neben-Moment der demokratischen Fairness: Uri Ariel, ein Abgeordneter der nationalreligioesen Partei, die ja zum Juedischen Haus mutiert ist, gratulierte allen Parteivorsitzenden, und ausdruecklich auch Zehava Galon von Meretz. Als der Journalist verdutzt nachhakte, sagte Ariel, “ja, auch Zehava Galon gratuliere ich – wir sind alle Zionisten und wollen das Beste fuer Israel, jeder auf seine Art und Weise”. Und das hat mich sehr gefreut, denn es ist ja meine Ueberzeugung, dass es selbst von ganz rechts und ganz links Zionisten miteinander mehr gemeinsam haben als Antizionisten, die in anderen Fragen uebereinstimmen. Wobei Zionismus bedeutet: die Ueberzeugung, dass das juedische Volk ein Recht auf Selbstbestimmung in einem unabhaengigen Staat hat wie andere Voelker auch. Und Rechts und Links – das hat eigentlich in Israel gar keine Bedeutung, denn die Parteienlandschaft ist ganz anders als in anderen Laendern.
Ansonsten war der Wahlabend amuesanter, als ich erwartet hatte. Die Politiker hielten Reden, die nicht immer ganz dem Wahlergebnis entsprachen – Naftali Bennet feierte einen ueberwaeltigenden Sieg, den er nur in den Prognosen errungen hatte, und Arie Deri versicherte uns, dass eine Regierung ohne Shas unmoeglich ist. So so. Dann definiert mir mal “unmoeglich”.
Shelly Yahimovitch hielt eine lange und ziemlich schrille Rede, in der mehr die Rede davon war, wie sie einen “Blockade-Block” der Mitte-Links-Parteien zustandebringen will, der Netanyahu verhindert. Obwohl jeder weiss, dass Lapid das eh nicht vorhat, er will in die Regierung und dort was veraendern, und auch Zipi Livni wird sich wohl nicht mit Zehava und Shelly in den Sitzstreik begeben . Es war eine etwas destruktive Rede und ich fand sie irritierend. Der Wahlkampf ist vorbei, Shelly, und frag dich lieber, warum deine Partei zwar besser dasteht als unter Barak vor vier Jahren, aber noch lange nicht gut, kann man da nur sagen.
Netanyahu tat mir fast leid. Meines Erachtens hat Lieberman ihn schlicht ausgetrickst. Als Lieberman klar wurde, dass er persoenlich bald auf einer Anklagebank statt am Regierungstisch sitzen wird, hat er begriffen, wie er seine Partei retten kann. Indem er sie mit der Likud verschmilzt. Vielleicht liege ich falsch, aber ich habe schon bei der Verkuendung dieser Neuigkeiten nicht verstanden, wie Netanyahu das helfen soll. Allerdings war es schoen, mal einen Zusammenschluss zu sehen statt der endlosen Spaltungen auf der linken Seite, und haetten Livni, Yair Lapid und Shelly Y. aehnlich gedacht, dann haetten sie vermutlich besser abgeschnitten. (Das Gehaekele zwischen den dreien war abstossend und ich hab so viel wie moeglich weggeguckt….) Aber fuer mein ungeuebtes Auge lagen alle Vorteile bei Lieberman.
Ich nehme an, dass viele zornige Likud-Ex-Abgeordnete jetzt Bibi die Bude einrennen. Limor Livnat, die jahrelang eine dicke Nummer in der Partei war, als Nummer 27, hinter relativ unbekannten Lieberman-Adepten… das wird Limor nicht freuen, auch wenn es vielleicht eine gute Chance fuer neue Gesichter ist.
Keine Ahnung, wen die Likudwaehler von vor drei Jahren diesmal gewaehlt haben. Vermutlich Bennet und Lapid. Ich bin auf die Analysen gespannt. Ich hoffe, die Koenigsmoerder bei Likud und Avoda wetzen nicht schon ihre Messer – sie sollen sich lieber auf Sachthemen konzentrieren. Auch das sagt dieses Wahlergebnis.
Obwohl sich kein eindeutiges Bild ergibt, haben die Waehler eigentlich gesagt, was sie auch vor vier Jahren schon gesagt haben: eine Koalition um die Mitte herum wollen sie. Soziale Gerechtigkeit, mehr Fairness beim Tragen der Lasten (“shivayon ba-nettel”).
Als betroffener Lastesel kann ich meinen deutschen Lesern versichern, dass der israelische Mittelstand enorme Lasten an Kosten und Verpflichtungen schultert und im Gegenzug praktisch nichts dafuer zurueckbekommt – das ist kaum zu beschreiben. Wenn man aechzend und schnaufend hochguckt, draengt sich wirklich Yair Lapids Fragen auf: Leute, wo ist eigentlich das Geld geblieben, das ich erwirtschaftet habe? wo ist es versickert?
Es ist in den enormen Verteidigungsaufgaben versickert, denn das ganze Land ist bewacht und umzaeunt. Es ist in den Siedlungen versickert, die meist eine viel bessere Infrastruktur haben als zB Entwicklungsstaedte in der Provinz – vergleicht mal Maale Adumim oder Ariel einerseits mit Shlomi oder Akko oder Lod andererseits. Es ist in den Transferleistungen an den ultra-orthodoxen Sektor versickert, denen man zwar nicht vorwerfen kann, dass sie sich bereichern, das sie zumeist in Armut leben, aber auch das wenige Geld, das sie haben, ist oft nicht erarbeitet, sondern eine Unterstuetzung durch den Staat. Weiss der Geier, wo es sonst noch versickert – Wasser ist teuer, Strom ist teuer, Mehrwertsteuer auf alles, Steuern, Zoelle…
Nicht ohne Grund schleppe ich Kosmetika vom dm nach Israel. Das waere hier unbezahlbar. Man kann gegen die Ausgaben gar nicht an-schuften. Wer Israelis gluecklich machen will, bringt ihnen ein Geschenkpaket mit Labellos, Shampoos, guter Handcreme mit – das kostet hier alles das Drei- bis Vierfache. Oh, und Suessigkeiten ebenfalls. Und gutes Kinderspielzeug. Wer im Flug nach Israel die Israelis mit grossen Einkaufstueten und hektischen roten Wangen sieht, der sollte sich vor Augen halten, dass er ein Volk frustrierter Schnaeppchenjaeger vor sich hat. Schnaeppchenjaeger in einem Land ohne Schnaeppchen. Was koennte tragischer sein
?
Obwohl die deutschen “kritischen Freunde” unheimlich gern saehen, dass das ungeloeste Problem mit den Palaestinensern die Israelis in erster Linie umtriebe, ist dem nicht so. Wir haben schon kapiert, was Deutsche nur kapieren, wenn sie es in Mali oder Algerien vor sich sehen: mit einer bestimmten Art von Gegnern ist Frieden zwar erstrebenswert, aber nicht erreichbar. Einen status quo erhalten, der es ihnen unmoeglich macht, uns die Gurgel durchzuschneiden, ist alles, was wir im Moment erhoffen duerfen. Die Erfahrungen von Camp David, Wye und Olmert sitzen zu fest drin, die Reden von Abu Mazen und der Hamas sind zu deutlich, wir haben die Hoffnungen der Osloer Jahre laengst verloren, und dass man sie im Ausland bewahrt, beweist nur, dass die Zuschauer im Ausland eine selektive Wahrnehmung haben und nicht mitkriegen, was wir taeglich hoeren und sehen. Das erklaert die Umfrageergebnisse, in denen eine Mehrheit der Israelis aller politischen Couleur grundsaetzlich bereit sind fuer territoriale Kompromisse. Aber nicht alles, wozu man innerlich bereit ist, kann man auch umsetzen. (Das gilt uebrigens auch fuer die Palaestinenser, die fuer Kompromisse bereit sind, aber kein Bein auf den Boden kriegen und die wirklich etwas riskieren, wenn sie sich fuer eine Verstaendigung mit Israel einsetzen – z.B. den Verdacht, Kollaborateure zu sein.)
Natuerlich werden Lapid und Livni versuchen, neue Verhandlungen in Gang zu bringen, und das ist auch richtig so. Es gibt keine Alternative dazu. Wenn es einen gangbaren Weg gibt, dann wird dieser nur in Verhandlungen offenbar, und wenn es keinen gibt, dann waren die Verhandlungen doch keine vergeudete Zeit. Aber wir haben keine unrealistischen Erwartungen mehr – und gerade das kann nur von Vorteil sein. Ebenso wie die Deutschen sich fuer deutsche Interessen an die Wahlurne stellen und nicht fuer griechische, so halten es die Israelis auch. Die draengendsten Alltagsprobleme Israels haben diese Wahl entschieden. Und das ist richtig so. Fair und redlich und pragmatisch die eigenen Interessen vertreten, und anerkennen, dass das Gegenueber dasselbe tut – das ist eine gute Ausgangsposition fuer gegenseitiges Verstaendnis.
Um eines jedenfalls bin ich sehr froh. Wenn ich mir vorstelle, dass Yair Lapid Aussenminister wird, fallen mir die Wackersteine nur so vom Herzen. Ja, auch Silvan Shalom oder Zipi Livni oder wer auch immer ist mir willkommen fuer das Amt. Aber nicht mehr Lieberman, dieser grobe Klotz. Seine Holzhammer-Rhetorik, sein miserables Englisch, seine drastischen Ausdruecke, seine viel zu haeufigen Holocaust/Antisemitismus-Vorwuerfe, seine absolut undiplomatische Art – das ist mir seit Jahr und Tag gegen den Strich gegangen. Wir koennen ohne die Aussenwelt nicht ueberleben. Und statt muerrisch und mucksch zu werden, ist es ja wohl besser, Israels Position rational zu erklaeren, verstaendlich und nachvollziehbar zu machen.
Netanyahu war darin frueher eigentlich sehr gut – es war sogar eine seiner Staerken. Vielleicht kaeme diese Faehigkeit mit einem anderen Partner im Gespann wieder besser zum Tragen. Besonder nachdem uns Amud anan gezeigt hat, dass wir sehr wohl auf Verstaendnis fuer unseren Wunsch nach raketenfreien Innenstaedten und Kibbuzim rechnen koennen. Ein guter Aussenminister tut uns sehr not – und fast jeder waere besser als Lieberman. Mir faellt gerade niemand ein, der ungeeigneter gewesen waere fuer den Job. Ich will mich nicht mehr fremdschaemen muessen.
Ich spekuliere auch, wer das in Israel wichtige Verteidigungsministerium bekommt – Bugi Yaalon (der mal Y.s Commander war, vor vielen Jahren), oder Yaakov Peri, oder vielleicht, allein meine Idee, Miri Regev. Eine Frau in dem Job, das waere doch mal was. Und sie koennte es, sie kennt die Armee inside out.
Ja, ich bin erleichtert. Mann, Mann, Mann, ich habe nicht zu hoffen gewagt, dass die Wahlen so ausgehen, und hatte die Augen ganz fest zugekniffen. Bibi als Regierungschef stoert mich nicht – eine Regierung in Israel ist keine One-man-show, sondern immer eine Koalition, die manchmal ganz schoen heterogen sein kann. Ich hoffe, dass Bibi mit einem anderen Team auch anders operieren kann.
Und zum Schluss, weil bis hierhin bestimmt sowieso niemand liest, ein kleines Gestaendnis, das meine charakterliche Schaebigkeit entbloesst: ich habe schon ein kleines Spaessken, wenn ich lese, wie sich im SPon-Forum oder bei den Tagesschau-Kommentaren manche Leser winden und kruemmen. Trotz ihrer alles anderen als beneidenswerten Lage in einem kleinen, bedrohten Land, ohne offene Grenzen, taeglich in Reden auf arabisch und persisch verflucht und verdammt, haben die israelischen Waehler sich als gemaessigt und flexibel erwiesen. Wie ist das moeglich? Die verzweifelten Versuche, trotzdem das negative Israel-Bild der von blindem Hass zerfressenen Extremisten zu bewahren, sind recht drollig und aufschlussreich. Das Prokrustesbett der Vorurteile.
Herrlicher Regen Januar 9, 2013, 0:24
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in rauhen Mengen, das ist das Einzige, was ich im Moment von der Aussenwelt mitbekomme. Nachrichten guck ich nicht mehr, ich glaube, bis die Wahlen vorbei sind, tu ich mir das nicht mehr an. Und sowieso reden alle nur vom Regen. Das Haus, in dem wir wohnen, hat zwar solide, dicke Waende, aber die Fenster sind billig und wer sie eingesetzt hat, wusste wohl nicht ganz, was er tat. Sobald Regen dagegentrommelt, geben sie auf. Nach einer Weile sickert das erste Wasser an den Ecken ins Haus, bei Primus stroemt die ganze Wand nur so, und im Flur wird der Riss immer groesser, wo angebaut wurde. Auch dort plaetschern Baeche ins Haus. Ueber unseren Haeupten im Schlafzimmer geht der Putz in Placken ab.
Wir werden wohl ein paar Handwerker bei uns sehen. Selten nur treten haeusliche Notfaelle ein, denen mein Mann und sein Werkzeugkasten nicht gewachsen sind, aber feuchte Waende gehoeren dazu. Na ja, dafuer ist das Haus im Sommer herrlich kuehl. Und auch die feuchteste Wand trocknet im israelischen Sommer wieder. Wir nehmen es nicht so schwer. Wenn ich darueber nachdenke, haben wir eigentlich nur in unserer letzten Wohnung im Kibbuz regenfest gewohnt. Und auch da hatten wir Schimmel im Bad, weil es durchs Dach feucht wurde.
Die Katzen bestehen darauf, aus allen Tueren des Hauses ihre Nasen nach draussen zu stecken, um sicherzugehen, dass es wirklich auch ueberall regnet. Auf ihre Patrouillen ums Haus verzichten sie nicht, der boese Gingi vom Nachbarn koennte ja ihre Lieblingsplaetze okkupieren, aber mit Widerwille und aus reinem Pflichtbewusstsein schleichen sie in diese unbehaglich nasse Welt. Die 8 Grad, die es heute tagsueber war, fand ich angenehm, aber alle Katzen und Menschen, die ich angetroffen habe, fanden es empoerend kalt.
Der Betzet-Fluss, den wir normalerweise gar nicht bemerken, ist reissend geworden. In unserer Gegend fallen unglaubliche Mengen von Wasser. Der Gaaton ist voll, der Kishon ebenfalls. Ich sehe so gern Pfuetzen – am liebsten wuerde ich zu jeder einzelnen sagen: bleib so, ruehr dich nicht vom Fleck!
Ja, es wurde sogar wieder was von Schnee geraunt… mein Schwiegervater rief uns extra heute abend an, um zu fragen, ob bei uns “in den Bergen” schon welcher fiele. Das nicht. Aber es regnet. Und das ist doch die Hauptsache – Niederschlaege, egal in welcher Form.
Bald ist Chanukka-Abend da… Dezember 7, 2012, 17:27
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(Hier gefunden, gleich meinem Mann gezeigt)
Mutterliebe Dezember 2, 2012, 20:03
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A yidishe Mame – und a shahidische Mame. Es geht doch nichts ueber Mutterliebe, wie das Sprichwort sagt…
(Immer wenn ich a yidishe Mame hoere, denke ich daran, wie meine Schwiegermutter und ihre Geschwister das Lied ueber dem frischen Grab ihrer Mutter gesungen haben – das war eine yidishe Mame, wie sie im Buche steht….)
(Und der Fairness halber erwaehne ich noch das Selbstverstaendliche – dass die shahidischen Muetter hoffentlich nicht die Mehrzahl sind, und sich bestimmt die meisten arabische Muetter ueber ihre Kinder werfen, wenn sie in Gefahr sind.)
Wortlos November 18, 2012, 18:22
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Viele Bilder von der Mobilisierung.
In jeder Generation seit der Gruendung Israels.

Hypothesen – fuer Tanja November 18, 2012, 16:00
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Es ist schon viele Jahre her, dass ich mal Statistik gelernt habe und tatsaechlich recht sicher auf den Fuessen war – ich bewundere mein damaliges Selbst demuetig. (Ich hatte ein dreisprachiges Woerterbuch angelegt, in dem ich alle Fachausdruecke aufgeschrieben hatte, es war sehr verwirrend!)
Darum weiss ich, dass mein Graph, s.u., keinerlei Beweiskraft hat.
Es faellt allerdings auf, dass es mehrmals kurz vor israelischen Wahlen eine militaerische Aktion gegeben hat. Zu dieser Korrelation gibt es mehrere moegliche Hypothesen.
Es kann sich um einen Zufall handeln. (Natuerlich kann ein Statistiker errechnen, ob die Korrelation signifikant ist oder nicht – selbst wenn ich die Zeit haette, koennte ich das nicht mehr…)
Es kann sich um ein Manoever der israelischen Regierung handeln, die solche Aktionen einfaedelt, um ihre Wahlchancen zu verbessern. Diese Hypothese wird im Moment von linken Politikern (die wiederum ihre eigenen Gruende haben, sie im Wahlkampf zu aeussern…) vertreten.
Tanja haelt die zeitliche Naehe schon fuer einen Beweis. Jeder Kriminalbeamte und jeder Wissenschaftler sieht sofort, dass das nicht als Beweis taugt – es sind zwei Daten, die man verbinden muss, kein Beweis.
Dafuer spricht: Politiker in Israel lassen sich liebend gern in Lederjacken unter jungen Soldaten photographieren. Primus, der einen solchen Besuch mal miterlebt hat, war geradezu geruehrt von dem Versuch der gestandenen Maenner, sich zwischen den Soldaten selbst jung und unternehmungslustig zu fuehlen. (Und ich sehe gerade Barak, der jungen Soldaten auf die Schultern klopft – er traegt eine Sonnenbrille, heute allerdings keine Lederjacke…)
Viele Politiker in Israel kommen aus dem Militaer, und sie geniessen einen Vertrauensbonus, den sie leider oft schnell oder langsam verspielen. Aber Falafel auf den Schultern floessen Vertrauen ein, aus vielerlei Gruenden, manche vernuenftig, manche nicht. (Auch mehrere politisch erfolgreiche Frauen haben militaerische Vergangenheit – Yael Dayan und Dalia Rabin als Toechter, Zipi Livni und Miri Regev im Dienst).
Es gibt also durchaus Daten, die diese Hypothese stuetzen wuerden.
Gegen die Hypothese von den Wahlkaempfern im Felde spricht jedoch: militaerische Aktionen tragen das Risiko des Schiefgehens in sich. Sobald in krasser Weise unschuldige Zivilisten der Gegenseite zu Schaden kommen oder unbedachte militaerische Zuege zu viele Soldaten das Leben kosten, wendet sich das Wahlvolk ab. Das kam, soweit ich mich erinnere, zweimal vor.
Fruechte des Zorns. Shimon Peres verlor die Wahlen 1996. Ich habe schon oft erzaehlt, wie auch mein persoenlicher Freund und Kollege Walid zu den Arabern gehoerte, die ihm die Stimme verweigerten. Ohne seine arabischen und seine linken Waehler war Peres verloren. Sehr zur Genugtuung arabischer Extremisten, denen Netanyahu viel besser in den Kram passte als Peres.
Despite the national trauma which the assassination of Rabin caused, and although many blamed at the time the leaders of Israeli political right for the incitement that preceded the assassination, due to the series of suicide bombings carried out in Israel, and due to the failed military operation “Grapes of Wrath” conducted in Lebanon that caused many casualties among Lebanese civilians, a significant change occurred in the position of the Israeli voters which resulted eventually in 55.5% percent of the Jewish public supporting Netanyahu on election day. In addition, the intensive campaign conducted by Netanyahu versus the failed campaign of Shimon Peres, as well as the support Netanyahu got at the last moment from the Chabad moevement, were all in Netanyahu’s favor.
2006 gewann Olmert die Wahlen, weil er versprach, die Raeumung des Gazastreifens auf die Westbank bzw Juda-Shomron auszuweiten, was damals als gute Chance aussah. Gegossenes Blei und Libanon II, Goldstone und Vinograd brachen Olmert den Hals, gemeinsam mit seinen Geldgeschaeften und seiner Unbeliebtheit, die nur durch Sharons Krankheit in Vergessenheit geraten waren.
Drum verlor Olmert, und das ist der zweite Fall, die Gunst Kadimas, aber unter Zipi Livin gewann Kadima die Wahlen 2009. Livni schaffte es nicht, eine Koaltion zu bauen, und so wurde der Wahl-Zweite Netanyahu PM.
Es ist also fuer jeden, der diese Dinge noch in Erinnerung hat, klar, dass es ein Vabanquespiel ist.
Oh, und wie konnte ich vergessen, dass Yom Kipur Golda den Hals gebrochen hat, und Libanon I Begin ebenso?
Ich habe das alles schon gestern angesprochen. Aber Tanjas Einwand verdient Erwiderung.
Also, ich habe eine kleine Graphik gebastelt.
In den Graph habe ich Nadeln zu zwei Wahlterminen gepiekst. Ungenau, weil ich die innere Unruhe habe. Egal. Zumindest vor dem Wahltermin 2006 und 2009 faellt auf, dass die Zahl der Raketen vorher deutlich anschwoll.
Es waere also ohne weiteres moeglich, zu spekulieren, dass die Palaestinenser die Raketenzahl erhoehten, um Druck auf die Israelis auszuueben und das Wahlziel zu verschieben.
Je “unversoehnlicher” der israelische PM, desto einfacher ist es fuer sie, sich als Opfer darzustellen. Konstruktive Vorschlaege wie von Barak oder Olmert stellen sie vor die peinliche Aufgabe, Angebote auszuschlagen.
Auch Netanyahus zwei eher magere Gesten, die Herzliya-Rede und der Siedlungsstopp, wurden nicht genutzt.
Also, ich stell die Hypotheen nur in den Raum, ich weiss nicht, ob Menschen so raffiniert sind? Vermutlich.
Aber keinesfalls ergibt die zeitliche Naehe der Militaeraktionen und Wahlen schon einen Beweis. Beweise sehen ganz anders aus.
Hypothese steht gegen Hypothese.
Mir scheint… November 18, 2012, 9:22
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bis die Tel Avivim vor Furcht und Schrecken auf den Knien liegen und die Hamas um Gnade anflehen, wird es noch ein wiiiinziges bisschen Zeit und Anstrengung brauchen. Oder taeusch ich mich?
Ein Anruf von Y., November 17, 2012, 16:55
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der mit Tertia unterwegs ist zu einem Besuch im Kibbuz. Unterwegs haben sie ein junges Paar mitgenommen, das hier im Norden ein Wochenende verbrachte. Sie waren wohl gestern mit dem Zug gekommen, und waehrend sie in einem Wadi hier in der Naehe wanderten und das erste zarte Gruen beobachteten, kam der Anruf. Zav 8, die Armee braucht ihn, er ist Offizier in einer wichtigen Einheit und Funktion. Nun sassen sie hier im Norden fest – am Shabat gibt es ja keine oeffentlichen Verkehrsmittel.
Y. brachte die beiden zum Zug (der mit Einbruch der Dunkelheit und Ende des Shabat wieder faehrt). Noch heute abend wird der junge Mann an der Grenze zum Gazastreifen stehen.
Viel Glueck.
Dem Ingenieur November 17, 2012, 14:31
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ist nichts zu schwoer.
Wer gern mehr wissen moechte, wie Iron Dome (Kipat barzel – die Eisenkuppel) funktioniert, kann das hier nachlesen.
Besonders interessant der letzte Absatz:
Wenn sich jede Abschussrampe im Gazastreifen sofort mit tödlicher Wirkung bombardieren ließe und jeder Angreifer damit rechnen müsste, dabei in jedem Fall sein Leben zu verlieren, dann wäre das Risiko eines Raketenstarts womöglich bald auch in den Augen der Hamas-Anhänger inakzeptabel hoch.
Im Kern wäre ein solches Vorgehen allerdings nichts anderes als nackte Vergeltung – und eine Strategie, die aller Voraussicht sehr viel mehr Opfer unter der Zivilbevölkerung in Kauf nehmen müsste. Einer Lösung des Nahostkonflikts kämen die Menschen in der Region damit auch ohne “Iron Dome” keinen einzigen Millimeter näher.
Ja, Iron Dome ist eine Defensivwaffe, die niemandem wehtut, unheimlich teuer ist und die zwar nicht perfekt ist, aber gut funktioniert. In der Tat koennen Israels Feinde uns damit in den Ruin treiben, indem sie billige Raketen abfeuern, und wir mit der Speckseite nach der Wurst schiessen – trotzdem glaube ich, es ist fuer die Raketenschiesser kein Vergnuegen, zuzusehen, wie ihre Raketen in der Luft verpuffen. Auch wenn uns das viel Geld kostet. Aber unsere Moral geht jedesmal ein bisschen hoch auf der Skala, wenn die Linien sich im Himmel treffen.
Wie man kein Feuerwerk ansehen kann, ohne OHHHH zu rufen, so kommen sofort spontane Ausrufe der Bewunderung und des Respekts, wenn Menschen Kipat barzel in Aktion sehen.
Und die Aufgabe, dieses System zu entwickeln, war ungeheuer schwierig. Eine kleine Gruppe von Ingenieuren aus Haifa hat daran geknobelt und Jahr und Tag an nichts anderes gedacht.
Die Unterstuetzung, die wir dafuer von den USA bekommen haben, ist unvergessen und unvergesslich. Obama persoenlich – Bibi hat sich gestern noch einmal telefonisch bedankt. Wenn schon Waffen, dann Defensivwaffen. Sie kommen ja nur zum Einsatz, wenn man angegriffen wird.
Die Jungens und Maedchen von Kipat barzel waren sehr fleissig in den letzten Monaten. Eigentlich hatten sie keine richtige Pause.
Den Film vom Maerz habe ich schon einmal gezeigt – aber warum nicht noch einmal? (Primus hat einem der Soldaten erzaehlt, dass seine Mutter ihren Clip auf ihrem Blog verlinkt hat – das fand er wohl komisch.)
An all die Mahner, Kopfschuettler, Abwiegler, November 16, 2012, 5:54
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die jetzt vor Eskalation warnen und Israel zur Zurueckhaltung auffordern.
In diesem meinem kleinen Blog existiert eine Kategorie namens Qassam-Ticker. Einfach mal anklicken und lesen. Aber richtig. Mindestens ein paar Seiten lang.
Und mir dann erklaeren, wo Ihr Euren Protest hoer- und sichtbar gemacht habt, waehrend Israel beschossen wurde. Gern mit Links, Bildern von Demos, von den Plakaten, die Ihr aus dem Fenster gehaengt habt, Kopien der Briefe an Eure Bundestagsabgeordneten. Jedes Dokument wird dankend entgegengenommen.
Wer aber still war, waehrend in Netivot, Eshkol, Kerem Shalom und Nir Am die Raketen niedergingen, Tausende ueber die Jahre, der hat nicht das geringste moralische Recht, jetzt Israel daran zu hindern, seine eigenen Massnahmen zu ergreifen. Wer den Krieg angezettelt hat, das waren nicht wir. Wir haben hoechstens wieder mal zu lange gewartet. Die Kinder aus Sderot, die keine andere Realitaet kennen als unter Beschuss, sind inzwischen in der Mittelstufe. Eine weitere traumatisierte Generation.
Und Leute wie Westerwelle, deren Regierung Geld massenweise und ohne jede daran geknuepfte Bedingung in den Gazastreifen geschuettet hat, obwohl dort genug Geld war, um teure Raketen aus dem Iran einzukaufen – Leute, deren Parlament einstimmig und ueber alle Parteien hinweg eine Verurteilung Israels beschlossen hat, weil Israel es gewagt hat, per Blockade den Gazastreifen wenigstens bei der Bewaffnung zu hindern – solche Leute haben schon gar kein moralisches Recht, jetzt den grossen Mahner zu spielen.
Es ist kein Zufall, dass deutsche Journalisten von Putz bis Teichmann fest daran glauben, es muss ein Wahlkampftrick sein. Dass Israel ununterbrochen seit Jahren angegriffen wurde, mit Raketen, mit Bomben und Sprengsaetzen, haben sie ja gar nicht erst ihrem lesenden Publikum gemeldet und berichtet. Sie tragen ja mit Schuld daran, dass niemand eine Loesung fuer das Problem gesucht hat, denn sie haben das Problem mit verschwiegen.
Eine Bedrohung Israels existiert fuer solche Beobachter nicht. Eine unertraegliche Belastung fuer fast eine Million Israelis, die ihren schwierigen Alltag seit Jahren meistern muessen, waehrend die Welt ignoriert, was bei ihnen los ist – das ist nicht denkbar. Fuer sie ist Israel anders als in der Rolle des aggressiven, unkontrollierbaren Golems gar nicht cast-bar. Sie glauben, es waere logischer, Israel wartet bis zur Wahl, wartet dann, bis eine Koalition steht (was hier bis zu einem Monat dauern kann), wartet dann weiter, bis sich ein neuer Verteidigungsminister gut eingearbeitet hat (denn Barak wird es nun mal bestimmt nicht mehr), und dann reagiert die neue Regierung? Und was machen die Leute in Netivot und Ashdod bis dahin? Waehrend sich die Aggressoren im Gazastreifen sicher und unangreifbar fuehlen?
Wer nicht mitgekriegt hat, wie unertraeglich die Lage im Sueden wurde, und wie ominoes sich die Wolken zusammengezogen haben, der hat nichts verstanden. Ich kann mich nicht erinnern, dass irgendein Mitglied einer fremden Regierung, ausser Obama in seiner Debatte mit Romney, als er Sderot und seinen Besuch dort erwaehnte, sich jemals eingemischt haette, waehrend Israel einen Beschuss ausgehalten hat, den kein anderer Staat hingenommen haette. Oder faellt jemandem ein Beispiel ein?
Oh ja, mir fallen gleich zwei Beispiele ein. Jahrelang regnete es Beschuss aus den damals syrischen Golanhoehen auf israelische Doerfer unterhalb. Und jahrelang wurde Galilaea aus dem Libanon beschossen. Auch damals kraehte kein Hahn danach, jedoch, als es israelische Gegenwehr setzte, war das Entsetzen gross. WAS, die wagen, sich zu verteidigen?
Also, Westerwelle und Cameron, Putz und Teichmann, wo wart Ihr, als die Raketen auf Israel fielen? Genau da koennt Ihr auch jetzt bleiben. Die Eskalation haben nicht wir zu verantworten, sie findet seit Jahren statt, und allein konnten wir sie nicht stoppen. Nicht solange weltweites Wohlwollen die Palaestinenser umgibt, egal wie viele Raketen sie auf Eshkol feuern.
Und das sage ich, die persoenlich ueberhaupt kein Interesse daran hat, dass diese Aktion weitergeht. Fuer mich persoenlich bete ich, dass Netanyahu es sich ueberlegt und die Bodenoffensive abblaest. Der Gedanke, dass nach den roten und lila Barette demnaechst die hellgruenen dorthin abkommandiert werden, ist jenseits des Ertraeglichen. Ich weiss nicht, wie die Eltern der Fallschirmjaeger und Givati-Infanteristen es ertragen. In ganz Israel sitzen jetzt Menschen schlaflos vor dem Fernseher, genau wie ich, und starren die Bilder an, in der verzweifelten Angst, ihren Chaimke an der Grenze zum Gazastreifen zu sehen.
Y.s Grossmutter haette fast ihren Aeltesten verloren, waehrend sie mit ihm schwanger war, als sie bei der Wache in der Zeit der Araberaufstaende mit ihrer Waffe in ein tiefes Loch fiel. Dieser Aelteste hat im Sechstagekrieg und im Yom-Kippur-Krieg mitgekaempft, wohlgemerkt als ultra-linker Kibbuznik, der viel lieber mit Arabern in Frieden gelebt haette. Er hat bei der Schlacht um den Hermon mehr als einmal gedacht, seine Uhr bleibt stehen.
Der Sohn dieses Sohn wiederum, mein Mann, hat die schoensten Jahre seiner Jugend im Libanon verbracht, fuenf lange Jahre lang, ist mit allem beschossen worden, mit dem man ueberhaupt beschossen werden kann, hat seinen einzigen Freund verloren und traegt die Spuren der damaligen Zeit bis heute. Als unsere Kinder geboren wurden, haben Urgrossmutter und Grossvater gesagt: “vielleicht muessen sie ja gar nicht zur Armee, wenn sie gross sind”, denn es war die Zeit des sogenannten Peace process, Oslo. Jetzt sind die Kinder gross.
Mein Schwiegervater hat elf Enkel. Fuenf davon tragen im Moment Uniform, Primus ist Reservist. Er haette sich weiss Gott etwas anderes fuer sie gewuenscht, als dass sie nun auch die Schrammen davontragen muessen, den der Einsatz bei der Armee verursacht, wenn man dem unverhuellten Hass taeglich entgegentritt, und eigentlich nichts anderes moechte, als dass die Leute zuhause in Ruhe schlafen koennen – und man selbst auch.
Kurz, es ist laecherlich, uns vorzuwerfen, wir waeren kriegsgeil und haetten eine zu kurze Zuendschnur. Genau das Gegenteil ist der Fall. Wenn es etwas gibt, das mich an der Serie Sharpe jedesmal wieder ueberzeugt, dann die totale Kriegsmuedigkeit der Veteranen, die im krassen Gegensatz zur Kampflust der unerfahrenen Soldaten steht. Wer weiss, wie der Krieg aussieht, der versucht, es auf keinen Fall so weit kommen zu lassen. Obwohl ich persoenlich bekanntlich weder Netanyahu noch Barak fuer optimale Politiker halte, weiss ich von beiden, dass sie kriegserfahren und kriegsmuede sind. Haette es eine andere Moeglichkeit gegeben, haette Israel irgendeine Art von Rueckhalt gehabt, dann waere es nicht soweit gekommen.
Die Welt hat die ganzen Monate und Jahre ueber ignoriert, was hier vorgegangen ist, als Moshiks alte Mutter wegen ihrer Herzkrankheit nicht mehr in den Luftschutzraum rennen konnte und die ewige Angst sie einfach kaputtmachte, bis sie starb. Jetzt, wo Israel zum einzigen Mittel greift, das wenigstens fuer eine begrenzte Zeit Ruhe fuer Sderot verspricht, jetzt ringt die Welt die Haende. Zu spaet, zu spaet.
Meine Guete, wie gross war die Empoerung, als eine Moersergranate in der Tuerkei landete! Es war selbstverstaendlich, dass die Tuerkei reagierte. EINE Moersergranate. Aber klar, das war ein Angriff. Es war wirklich einer. Die Tuerkei hatte das Recht, zu reagieren. Und wir haben es auch.
Und fuer die Traeumer, die meinen, Israel muesste nur X oder Y tun, und schon waere Frieden? Die darf ich daran erinnern, dass Israel den Gazastreifen geraeumt hat. Dort ist (noch) kein einziger Israeli mehr, seit Gilad Shalit frei ist. Der Beschuss, der vor der Raeumung anfing, ist seitdem nur staerker geworden. Die Palaestinenser lassen sich von Zugestaendnissen nicht im Geringsten beeindrucken, besonders die Hamas nicht, aber auch Abu Mazen hat zB bei Israels Siedlungs-Baustopp nichts getan, sich nicht mal mit der israelischen Regierung getroffen. Es ist nie genug, sie fordern immer noch mehr. Nichts, was wir haetten tun koennen, haette den Islamischen Jihad davon abgehalten, Suedisrael zu bombardieren. Was, bitte, koennen wir einem Feind anbieten, der die Befreiung Tel Avivs von der Besatzung fordert?
Also, so sieht es aus. So ist die Welt. Der eine steht allein und froestelt in der Nacht. Der andere sitzt im Warmen und zeigt mit dem Finger auf andere, die es nicht so gut und friedlich haben wie er. Ich habe, seit ich Kinder habe, nie mehr gut geschlafen. Seit Primus vor vier Jahren, genau zu “gegossenes Blei”, eingezogen wurde, schlafe ich nur noch in wenig hilfreichen kurzen Episoden. Und jetzt? Keine Ahnung, wie man einschlaeft, loslaesst, sich entspannt. Ich habe diese Entwicklung seit Monaten am Horizont gesehen und sie gefuerchtet, habe gedacht, wenn wenigstens ich meine kleine Alarmglocke laeute, meinen Qassam-Ticker mache, hoert mich ja vielleicht jemand? Ja, schon, aber leider nicht die, die etwas haetten tun koennen. Westerwelle zum Beispiel
Wie soll es weitergehen? Ich bin praktisch rund um die Uhr mit Ynet breaking news verbunden. Ich verlasse mich nicht auf die Berichte, gucke die Bilder an, suche nach Gesichtern, die ich kenne, ueberlege, was ich tun kann. Hm. Nichts.
Wenn ich denke, hoffentlich wird die Bodenoffensive nicht umgesetzt, hoffentlich hat Mursi Erfolg – dann muss ich an Ruth denken, an ihre Toechter, beide, aber besonders die Kleine. Und dass sie seit Monaten Angst hat. Seit Jahren. Und dass sie schon Explosionen aus der Naehe gehoert hat, die ich mir nicht mal vorstellen kann. Und da soll ich aus Sorge um die Soldaten die Sicherheit eines kleinen, wehrlosen Maedchen aufopfern? Das kann ich nicht. Ich fuehle mich beiden verpflichtet, dem verschreckten Schulmaedchen, das auf dem Heimweg Unterschlupf vor Raketen suchen muss, und dem schlaksigen, wortkargen Secundus, der bereit ist, dahin zu gehen, wo er gebraucht wird, mit seiner Sani-Weste und seinem Tarn-make-up und seiner Waffe.
Wir koennen nicht beiden gerecht werden. Das Dilemma ist fuer uns alle in Israel kaum auszuhalten.
Versteht das jemand? Nein. Putz und Teichmann glauben wohl, Israelis jubeln, wenn sie die Jungens an der Grenze zum Gazastreifen sehen, oder die Hubschrauber, auf die mit Strellas geschossen wird. Und waehlen dann blind Netanyahu. Haben sie nicht kapiert, dass jeder dieser Soldaten Familie hat, die alles lieber sehen wuerde als eine Gefaehrdung dieser Soldaten, und die ebendiesen Netanyahu fuer jede Fehlentscheidung abstrafen wird, wenn es ans Waehlen gibt? Darf ich daran erinnern, wie sehr Olmert seine Fehlentscheidungen im Libanonkrieg II geschadet haben? Wie teuer Peres “Fruechte des Zorns” bezahlt hat?
Es ist alles nicht so einfach. Wer es nicht verstehen kann, der darf eigentlich nicht urteilen. Aber wir leben nicht in der idealen Welt, jeder urteilt ueber andere. Bestimmt leben im Gazastreifen auch Leute, die bei jedem Abschuss einer Rakete neben dem Sportplatz innerlich gezittert haben und sich gedacht haben: ja spinnen die, die holen uns die Israelis auf den Hals, was kann man nur tun? Auch diese Leute sind erbarmungslos im Regen stehen gelassen worden, keiner interessiert sich fuer sie, die Mehrheit waehlt andere, und wer die Macht einmal hat, gibt sie nicht mehr ab im Gazastreifen. Es muss schlimm sein, dort in der Minderheit zu sein, denn man kann sich ueberhaupt nicht aeussern.
Ich werde jetzt gucken gehen, wie sich die Berge langsam heller faerben. Der Hahn des Nachbarn kraeht bereits. Verrate ich meinen Secundus und seine Kameraden, wenn ich Ruths Tochter und dem Andenken von Moshiks Mutter zuliebe die Notwendigkeit einsehe, sie in die Hoelle zu schicken?
Fliegende Blaetter November 15, 2012, 20:01
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”Important announcement for the residents of the Gaza Strip: For your own safety, take responsibility for yourselves and avoid being present in the vicinity of Hamas operatives and facilities and those of other terror organizations that pose a risk to your safety. Hamas is once again dragging the region to violence and bloodshed. The IDF is determined to defend the residents of the State of Israel. This announcement is valid until quiet is restored to the region. Israel Defense Forces Command.”
Hier gefunden.
Und wer wissen will, warum es so notwendig ist, Zivilisten zu warnen, der sehe sich diese Karte in hoher Aufloesung an.

Danke November 15, 2012, 13:18
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an den britischen Botschafter, der in der zerstoerten Wohnung in Kiriyat Malachi steht und in klaren Worten diese Angriffe verurteilt. Auf dem Boden liegt, staubig und aufgeblaettert, eine Bibel. Danke, Matthew Gold. Er sagt auch deutlich, dass eine De-Eskalation noetig ist – was ja auch richtig ist. Dass er den Weg nach Kiriyat Malachi gefunden hat, rechne ich ihm hoch an. Fuer mich spielt dabei keine Rolle, dass er juedisch ist – er vertritt Grossbritannien. Und er weiss ganz genau, dass keine britische Regierung auch nur ein Dutzend Raketen auf britische Buerger geduldet haette – ganz zu schweigen von Tausenden, ueber Jahre hinweg.
Und ebenfalls ein von Herzen kommendes Danke an das State Department der USA.
We strongly condemn the barrage of rocket fire from Gaza into southern Israel, and we regret the death and injury of innocent Israeli and Palestinian civilians caused by the ensuing violence. There is no justification for the violence that Hamas and other terrorist organizations are employing against the people of Israel. We call on those responsible to stop these cowardly acts immediately. We support Israel’s right to defend itself, and we encourage Israel to continue to take every effort to avoid civilian casualties.
Hamas claims to have the best interests of the Palestinian people at heart, yet it continues to engage in violence that is counterproductive to the Palestinian cause. Attacking Israel on a near daily basis does nothing to help Palestinians in Gaza or to move the Palestinian people any closer to achieving self determination.
Eindeutige Worte, von denen ich jedes unterschreiben kann. Wer glaubt, er tut den Palaestinensern Gutes, wenn er Terror legitimiert, verteidigt oder finanziert, der irrt. Er treibt die Palaestinenser damit in den Abgrund. Wer den Palaestinensern Gutes wuenscht, der entzieht den Terroristen Geld, Zuwendung und Verstaendnis. Wer den Palaestinensern eine Zukunft goennt, der unterstuetzt die pragmatischen, rationalen und berechenbaren Teile der palaestinensischen Gesellschaft, die frustrierten Bauern, Geschaeftsleute und alle anderen, die jetzt vor Angst den Mund nicht aufmachen duerfern. Ihr Leben wird bestimmt, bedroht und zerstoert von skrupellosen Verbrechern, die Raketen unter Wohnhaeusern, in Schulen und Moscheen verstecken, pausenlos auf Israel feuern und damit immer wieder Reaktionen Israels heraufbeschwoeren.
Wie schoen waere es, wenn ein palaestinensischer Fruehling dem Treiben ein Ende machte. Israel kauft gern palaestinensische Produkte, und wir wuerden noch mehr kaufen. Ich traeume von dem Tag, an dem aus dem Gazastreifen Gerbera, Erdbeeren und Basilikum kommen – statt Qassam, Grad und Fajr.
Wer sie noch nicht kennt – November 15, 2012, 10:11
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bei Daniel Pipes gibt es einen hochinteressanten Bericht ueber Anat Berkos Forschungsarbeit zu weiblichen Selbstmordattentaetern. Einfach mal lesen, um die Mentalitaet zu verstehen, mit der wir konfrontiert sind. Auch wenn in den letzten Jahren durch harte Arbeit der israelischen Sicherheitskraefte Selbstmordattentate stark zurueckgegangen sind – Versuche gibt es genug, und in vieler Hinsicht haben Raketen die Bombenguertel abgeloest.
Sehr aufschlussreiche Interviews hat Anat Berko gefuehrt, vor einiger Zeit habe ich eine Reportage ueber sie gesehen, in der sie erzaehlte, wie sie arbeitet. Sie ist eine sehr freundliche, ruhige Frau mit einer warmen Ausstrahlung. Sie hat den weiblichen Gefangenen Vertrauen eingefloesst und versucht, sie zu begreifen. Und das Bild, das dabei entsteht, ist wirklich todtraurig, in jeder Hinsicht. Die Beweggruende der Frauen sind ganz anders als die der Maenner.
Natuerlich ist jede Geschichte anders, doch es zeichnet sich ein Muster ab. Es sind Frauen “mit Makel”, die diese Taten begehen, und dementsprechend werden sie in der palaestinensischen Gesellschaft schraeg angesehen. Nuetzliche Waffen, ja. Aber keineswegs das Ideal der arabischen Frau.

Ich bewundere eine Frau wie Berko, die sich ueber Jahre hinweg diesen menschlichen Gruenden aussetzt, um dieses Phaenomen zu erforschen, zu erklaeren, verstehen zu lernen.








