Angesteckt Februar 15, 2008, 11:18
Posted by Lila in Edle Selbsterkenntnis.7 comments
Mich hat´s erwischt. Lange Zeit habe ich mich ansteckungsfrei durchschummeln können, doch jetzt habe ich eindeutige Symptome. Nase und Nebenhöhlen kribbeln, Hals tut weh, Birne insgesamt matschig, Knochen fühlen sich elend an.
Ich hoffe, bis Sonntag bin ich wieder auf den Beinen, da unterrichte ich nämlich. Und noch viel mehr hoffe ich, daß ich jetzt nicht hier die ganze Sippschaft anstecke. Das nette Erlebnis, wenn sechs Leute gleichzeitig schlapp in den Seilen hängen und die erbarmende Nachbarin uns mit abgewandtem Gesicht einen Topf Suppe reinreicht, das hatten wir schon öfter. Ich habe keine richtige Sehnsucht danach.
Also, haltet Euch fern von mir.
Juhu! Februar 11, 2008, 23:56
Posted by Lila in Edle Selbsterkenntnis.14 comments
Ich hab gerade eine Mail gekriegt - daß meine Bestellung abgeschickt ist - und das ist die DVD Cranford - die heute erst rausgekommen ist - und die ich schon vor einem Monat bestellt hab - und wie gut ist das denn - weil es Cranford nicht mal mehr auf Youtube gibt - und ich das so gern richtig sehen will - und ich bin eine der ersten, die es haben - und juhu!!! (jetzt atmen!!!)

Erinnert sich noch jemand Januar 23, 2008, 23:39
Posted by Lila in Edle Selbsterkenntnis, Land und Leute.2 comments
an diesen Mann und meine Arbeit für ihn?
Der erste Teil ist beendet. Er hat ein Buch über seine Entdeckungsfahrt zu seinen Eltern geschrieben. Ich habe ihm zugearbeitet, ihm den Hintergrund geliefert, die Briefe übersetzt, erklärt, bin dabei selbst tief in die spannenden Geschichten dieser Familie von Jeckes gerutscht, die wirklich Gott und die Welt kannten. Manchen handgeschriebenen Brief eines Menschen, den ich sonst nur aus Büchern kannte, habe ich dabei in der Hand gehalten. Ich habe Schutzbriefe aus dem 18. Jahrhundert übersetzt, Doktorurkunden, Liebesbriefe, Tagebücher, sogar ein paar uralte Tonbandaufnahmen transskribiert. Ich habe in Büchereien gestöbert und Lexika gewälzt und Dr. Google abgeklopft. Ich habe Unterschriften identifiziert und ihm dadurch geholfen, verloren geglaubte Verwandte aufzustöbern.
Und das vielleicht Schönste: seine Kinder, die bisher mit der Nonchalance geborener Sabras auf seine Familiengeschichte blickten, haben Feuer gefangen. Sie kennen sich inzwischen besser im Familienstammbaum aus als er, sie sind nach Europa geflogen, um Menschen zu treffen, die den Großvater noch kannten, und ein Sohn hat sogar seiner neugeborenen Tochter einen Namen aus der Familie gegeben, der nicht verloren gehen sollte. Das freut ihn sehr.
Neulich war er bei mir, mit dem Manuskript, um mir zu danken. Er hat dabei eine kleine Ansprache gehalten, und wir waren beide höchst gerührt. Viel Zeit für Rührung blieb nicht, denn das nächste Projekt steht schon auf der Matte. Die Geschichte der Familie seines Vaters ist geschrieben, nun kommt die Mutter dran. Diese Mutter habe ich noch kennengelernt - und ich freue mich auf die Arbeit.
Es ist so schön, daß mein Deutsch-Sein hier so fruchtbar wird, daß diese doppelte Verwurzelung, die ja manchmal an mir zerrt, doch gute Früchte trägt. Wenn das Buch auf Deutsch rauskommt, geb ich Bescheid - es kann aber noch eine Weile dauern.
Nach Meisterung Januar 23, 2008, 9:09
Posted by Lila in Edle Selbsterkenntnis.5 comments
etlicher technischer Hürden habe ich doch tatsächlich gestern abend zum ersten Mal per Skype mit Liebschwesterchen und Kleinbrüderchen kommuniziert! Schwesterchen in Spanien, Brüderchen in Deutschland, ich in Israel. Und das für kein Geld! Ja Wahnsinn. Ich danke hiermit den Lesern und Freunden, die meine eingefleischte Abneigung gegen jede Art von Neuheit überwunden haben. Ich glaube, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft…

Wieder da Januar 3, 2008, 2:00
Posted by Lila in Bloggen, Edle Selbsterkenntnis.8 comments
Nach einem ziemlich anstrengenden Nachtflug vor ein paar Tagen finden die Kinder und ich langsam wieder ins normale Leben zurück. Für die Kinder ist die Schule hilfreich, ich habe ein paar Vorbereitungstage und und bin deswegen noch immer ein bißchen zeitverwirrt. In den Ferien stellen sich die inneren Uhren ja schnell um - und ich habe viele neue Bücher, die ich nachts lesen kann.
Y. war froh, uns wiederzusehen. Auf die Dauer sind auch die verrücktesten Katzen kein Ersatz für eine schwierige Frau und vier streitlustige Kinder…
Wir hatten ein ausgesprochen schönes Weihnachtsfest, und es war gut, daß wir diesmal schon am 20. in Deutschland waren. So hatten wir schon einen Tag vor Heiligabend den Baum fertig. Mit dem Geschenkebesorgen (”dieses Jahr ohne Geschenke…”) habe ich schon im Oktober angefangen, was ich nur empfehlen kann… und insgesamt gab es dieses Jahr tatsächlich deutlich weniger Geschenke. Was ich gut finde. Aber viele Wiedersehen mit lieben Menschen und schöne Abende, wie immer, wenn ich bei meiner Mutter bin.
Die ersten Tage waren kalt, und obwohl es nicht geschneit hat, konnte ich mich am Rauhreif nicht sattsehen. Den Anblick hatte ich seit vielen, vielen Jahren nicht mehr - Primus hat schöne Photos gemacht, die ich bald in Flickr stellen werde. Ansonsten gab es das von mir sehr geliebte, wenn auch allgemein beklagte rheinische Schmuddelwetter - grauer Himmel, kleine Tropfen, mattes Licht und kühle, aber angenehme Temperaturen. Ich fand es schön.
Wieder einmal kam eine unserer Reisetaschen mit einem Tag Verspätung an, wurde uns dann nach Hause gebracht. Mir graut vor dem Tag, an dem so eine Tasche auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Und wie ermüdend, um vier Uhr früh hebräische Formulare auszufüllen. Na ja, es war ja nicht das erste Mal.
Jetzt packe ich die Adventsdekorationen wieder ein, wie jedes Jahr etwas wehmütig. Ich hoffe, wie jedes Jahr, daß es beim nächsten Auspacken allen nach wie vor gutgeht wie jetzt… tfu tfu tfu.
Manchmal denke ich, eigentlich würde ich am liebsten per Bahn und Schiff reisen, damit ich den Übergang nicht als so heftig empfinde. Aber dafür hat man ja leider weder Zeit noch Geld, nicht wahr, und plumpst so von einem Leben ins andere, guckt sich verwirrt um, weiß beim Aufwachen nicht, welches Zuhause einen anguckt.
Ja, ist es nicht gräßlich, wochenlang nichts zu schreiben und dann fäll mir trotzdem nichts Rechtes ein???? Meine Schreibhand ist ein bißchen eingeschlafen, ich schüttel sie gerade.
Mal so, mal so… Dezember 19, 2007, 20:35
Posted by Lila in Edle Selbsterkenntnis.1 comment so far
Sonntags unterrichte ich eine Gruppe Kindergärtnerinnen in einer Kleinstadt, mittwochs halte ich dieselbe Stunde vor Kindergärtnerinnen in der einer Großstadt. In der Kleinstadt ist das Ausbildungszentrum schön gelegen, großzügig ausgestattet, mit einer kunstsinnigen Leiterin versehen und einer besonders netten Sekretärin. In der Großstadt ist das Zentrum gerade in eine alte Schule umgezogen, es ist unpraktisch, die Sekretärin fies und die Atmosphäre wie auf der Baustelle. In der Kleinstadt ist meine Gruppe apathisch, mag keine Kunst, findet mich vermutlich versnobbt und langweilig und läßt sich mit keinem Trick aus der Reserve locken. In der Großstadt ist meine Gruppe locker, enthusiastisch, liebt Kunst, hört gespannt zu und geht mit.
Ein und dieselbe Stunde, einmal zäh und kühl und mühsam - einmal locker, vergnügt, spontan und lustig. Die Umgebung kann noch so gut sein - wenn die Gruppe nicht will, wird aus der Stunde nichts. Die Interaktion zwischen Gruppe und lehrendem Individuum ist doch komplex und spielt den dritten Mitspieler, das Thema, glatt an die Wand.
Außerdem: Dezember 7, 2007, 21:00
Posted by Lila in Edle Selbsterkenntnis.19 comments
- Secundus ist exkulpiert, die meisten Anklagepunkte haben sich in Luft aufgelöst, wir haben eine neue Absprache und alles ist wieder gut.
- mein zweiter Weisheitszahn ist mit noch größerer Leichtigkeit rausgeflutscht als der erste. In Sekundenschnelle war es vorbei, keine Blutung, keine Schmerzen, keine Schwellung. Entweder der Zahnarzt ist ein Genie oder alle anderen vor ihm haben nichts getaugt.
- Chanukkaferien! auch Quarta kann ihre Tage daheim verlümmeln, während ihre Eltern arbeiten!
- Kater Leo, der Neuzugang, ist so fett geworden bei uns, daß wir ihn schon im Verdacht hatten, eigentlich Leonie zu heißen und bei uns ein warmes Heim für Leonhard, Leopold und Leontine zu suchen, die demnächst im Wäschekorb das Licht der Welt… doch nein. Eindeutiger Befund: verfressener Kater.
- wir ignorieren nach wie vor Weltereignisse. Ist Olmert eigentlich noch Ministerpräsident? Seelisch ist es uns lange nicht so gut gegangen!
- Endlich ist hier der Winter losgegangen. Man braucht morgens und abends schon mal eine Wolljacke, und es regnet. Juhu!
- Ich habe an der Uni Zehava Galon gesehen, die Politikerin. Sie saß am Nebentisch mit einer Gruppe Studenten. Ich dachte, woher kenn ich die bloß??? und habe mir das Hirn zermartert, wo ich sie schon mal getroffen habe. Erst als ich auf den T-shirts der Studenten Meretz las, wurde mir klar, wer das ist. Sie sieht genau aus wie die typische Uni-Frau. Soziologin oder so könnte sie sein. Ihre Stimme ist in natura viel netter als im Fernsehen. (Das Komische: sie guckte mich auch mehrmals versonnen an, als wüßte sie nicht, wo sie mich hintun soll. Keine Ahnung wieso.)
- Dies Jahr - ohne Geschenke. Mein Gott, die paar Kleinigkeiten… ich will nur noch eben… ach das ist doch nichts Richtiges… laßt mich mal…
Lohn des Muts November 22, 2007, 20:03
Posted by Lila in Edle Selbsterkenntnis, Uncategorized.10 comments
Ich hatte heute einen schwierigen Vortrag, auf den ich mich lange vorbereitet habe, weil ich mir beim Thema nicht sicher genug war. Es ging alles gut, ich fühlte mich wie eine Heldin.
Dann hatte ich einen Termin beim Zahnarzt. Mein guter alter Zahnarzt, an den ich mich schon gewöhnt hatte und bei dem ich mich wohlgefühlt habe, ist nicht mehr da - statt dessen hat der Kibbuz einen unternehmungslustigen jungen Mann angeheuert. Na ja, jung - also jünger als ich. Er sollte mich nur untersuchen, um zu sehen, was getan werden muß. Er meinte, der Weisheitszahn muß raus - dieser Weisheitszahn ärgert mich schon lange, also meinte ich, nur immer raus damit.
Dann rief ein anderer Patient an, er kann nicht kommen. Der Zahnarzt guckte mich an. Weisheitszahn ziehen? Ziehen. In Nullkommanichts war er draußen, der fiese Zahn. Jetzt warte ich drauf, daß die Schmerzen anfangen.
Aber der Zahnarzt gefällt mir. Seit Jahrzehnten diskutieren meine diversen Zahnärzte, ob der Zahn nun funktional ist oder nicht, ob er raus soll oder nicht, und wie und wo und wann. Aber jetzt ist er weg. Ich bin froh! In zwei Wochen kommt die andere Seite dran.
Ängste November 18, 2007, 19:44
Posted by Lila in Edle Selbsterkenntnis, Kibbutz, Kinder, Katzen, Uncategorized.3 comments
Eine Freundin erzählt am Telefon: “…dabei erinnere ich mich kaum an meine Kindheit, an nichts, vor dem Alter von acht Jachren vorgefallen ist. Ich versuche immer, mich zu erinnern, in welchem Gebäude wir untergebracht waren, aber ich erinnere mich an keines vor dem dritten Schuljahr. Ja, die Freunde aus meiner Gruppe waren nett, wir haben uns immer gegenseitig geweckt und geholfen, wenn mal jemand Angst hatte. Ich meine, wir konnten ja über Interkom immer den Nachtwächter für die Kinderhäuser erreichen, aber das dauerte manchmal ganz schön, bis der kam. Die Nachtwächter waren auch ganz nett, wir haben uns sehr auf die verlassen. Wenn man Angst hatte, konnte man die rufen. Aber meistens hat man doch die Freunde geweckt, das war leichter. Ja, und wenn der Sohn von Etzionis Nachtdienst hatte, erinnerst du dich an den? den Musiker?, dann hat er uns abends Gruselgeschichten erzählt, von einem Riesen, der draußen rumläuft und Kinder frißt. Und da habe ich Angst gehabt, das weiß ich noch. Die Kindergärtnerin hat uns immer eine Gutenachtgeschichte erzählt, und viele Nachtwächter haben uns ebenfalls gern was erzählt, aber beim Etzioni habe ich immer hinterher nachts Angst gehabt. Ich muß eigentlich mal Ilan oder Yael fragen, ob sie sich da auch noch dran erinnern… dieser Riese, das war wirklich gräßlich, vor dem hatte ich Angst….”
Quarta bringt heute ihre beste Freundin mit, ein kleines Mädchen, das aussieht wie Bonnie Blue Butler (im Buch, nicht im Film). Bonnie ist fast jeden Tag hier oder Quarta bei ihr, sie haben auch schon beineinander übernachtet. Der Abend kommt, die Mädchen wollen einen Film gucken. “Bonnie, magst du Harry Potter sehen!”, fragt Quarta. Bonnie kriegt große Augen. “Nein”, sagt sie, “da habe ich Angst.” Meine abgebrühte Quarta, die kühlen Herzens Filme sieht, die ihre behüteten großen Geschwister nie sehen durften, weil eben diese großen Geschwister meiner Hut entwachsen sind… Quarta sah sie erstaunt an und wollte schon was sagen, tat es dann aber nicht. Ich meinte, ich finde die Filme auch sehr gruselig, und es ist richtig, daß man sich Filme nicht ansieht, wenn man keinen Spaß dabei hat.( Wir haben Quarta ja auch noch nicht ins Kino zu einer Potter-Aufführung mitgenommen, im Fernsehen ist es nicht so gruselig, aber wirklich, ich fand den letzten Film auch sehr gräßlich, huh, wie er Voldemort am Bahnhof sieht, da geht es einem doch durch und durch.)
Schließlich gingen die Mädchen raus, mit Nachbars kleinen Hunden spielen, und mir fielen meine eigenen Kindheitsängste ein. Huh, dieser gräßliche schwarze Abt! Wie wir eigentlich dazu gekommen sind, Bruder und ich, den zu sehen, weiß ich nicht - unsere Eltern guckten sowas nicht, und wir durften es eigentlich auch nicht. Ob wir abends allein waren? Ich weiß es nicht mehr. Alles, was ich noch sehe, ist der schwarze Ärmel mit dem langen Messer, das sich von hinten in Rücken bohrt. Ich war davon so verängstigt, daß ich meine nächtlichen Exkursionen zum Klo nur mit dem Rücken zur Wand zurücklegte - und auch dann noch Angst hatte, aus der Wand könnte die entsetzliche Hand kommen.
Zu jeder Kindheit gehört wohl die Begegnung mit der Angst. Zum Erwachsenenleben wohl auch…
Groß, klein. Warm, kalt Oktober 27, 2007, 12:18
Posted by Lila in Edle Selbsterkenntnis, Uncategorized.38 comments
Männer wegklicken, ist nichts für euch.
Als Teil der seltsamen Riten des Erwachsenwerdens stößt jede Frau auf die weitverbreitete Ratschlags”literatur”. Auch wenn man Frauenzeitschriften meidet, dringen in unsere Augen und Ohren die dringlichen Botschaften, daß unser natürliches Aussehen unbedingt verbessert werden muß. Schon als Mädchen, also zu Zeiten, in denen diese Ratschläge mir viel notwendiger vorkamen, habe ich mich gefragt: wieso müssen Frauen mit weit auseinanderstehenden Augen dieselben optisch näher zusammenmalen, die mit nah beieinanderstehenden sie optisch aber auseinandermalen?
(Falls noch ein Mann mitliest: das soll man mittels dunklem und hellem Lidschatten in ausgeklügelten Malereien bewerkstelligen.) (Weswegen die meisten Lidschatten im Zweierpack verkauft werden, die Industrie weiß warum.)
Wieso soll eine Frau mit großem Mund die Lippen klein malen, eine mit kleinem Mund ihn groß malen? Damit alle hinterher denselben durchschnittlichen Mund haben? Aber das funktioniert ja sowieso nicht. Ist es nicht schön, daß Münder verschieden sind?
Mir fiel das neulich ein, als ich mit Tertia einkaufen war - eine herrliche Fahrt übrigens, Bücher und weitere Schmuck-Materialien für ihre Werkstatt- das Geburtstagsgeld juckte wohl in der Tasche! Wir standen vor einem Fenster, wo fast gleich aussehende Lockenscheren und Glätteisen angeboten wurden. Tertia kicherte, ich auch. “Wie”, meinte sie, “wer Locken hat, will sie glatt haben, und wer glatt hat, will Locken?” Ja, genau.
Das ist also die eine grundlegende Regel: erkenne Deine Abweichungen von der Norm, auch “Mängel” oder “Schönheitsfehler” oder “Problemzonen” genannt, und behebe sie trickreich. Das ist die sogenannte negative Botschaft.
Die zweite grundlegende Regel wendet die Selbsterkenntnis dann ins Positive: erkenne die Farben, die dir stehen, und stimme dich darauf ab. Es gibt kaum einen Artikel über irgendein weibliches Thema, der dieses Themenfeld nicht erwähnt. Blasse Blondine mit blauen Augen? Blau, weiß, eventuell grau. Dunkelhäutige Brünette mit braunen Augen? Rot, gelb und alle warmen Farben.
(In Deutschland fiel mir eine Werbekampagne auf, war es für Nivea?, in der wohl in Drogerien goldfarbene und silberfarbene Tücher aushänge. Die soll frau sich vors Gesicht halten, sich im Spiegel angucken und urteilen, welches sie schön, lebendig und frisch aussehen läßt, und welches grabesreif, welk und untot. Dementsprechend kann frau sich dann mit den entsprechend schmeichelnden Farben ausstatten…falls sie nicht sowieso und immer grabesreif, welk und untot aussieht!)
Irgendwann hat ein gewitzter Mensch dieses warm-kalte Grundschema weiter abgewandelt und es in die Form der allgemein menschlichen, allzeit beliebten Struktur der Vier Jahreszeiten gepreßt (daher meine neuerliche Beschäftigung mit dem Thema, die 4J interessieren mich einfach so als Thema in Kunst, Kultur und analogem Denken, ich finde es faszinierend).
Obwohl die Farbschemata kaum Ähnlichkeit mit den Jahreszeiten selbst aufweisen (Sommer ist kalt - ???), werden sie von Verbraucherinnen anscheinend fraglos hingenommen. Irgendwann bin ich mal bei einer Feier einer solchen Farbberaterin in die Hände gefallen, und sie hat konstatiert, daß ich ein kalter Typ bin und kalte Farben tragen soll. Ich hatte gerade einen lila Pullover an und den fand sie genau richtig.
Aber was soll ich nur machen? Ich passe in kein Schema. Die eine Hälfte meines Kleiderschranks besteht aus kalten Farben - grau, schwarz, dunkles Violett, kaltes Grün. Die andere aus warmen Farben - braun, tomatenrot, olivgrün. Sämtliches Zubehör - alles in zwei Paletten vorhanden. Ich entscheide eben jeden Tag, ob ich kalt oder warm bin. Ich habe sogar mein Make-up in zwei Gruppen aufgeteilt, für die kaltfarbigen und warmfarbigen Tage.
Noch schlimmer: andere Frauen tun das auch. Ich sehe massenweise Frauen, die diese eisernen Regeln ignorieren, ihrem Instinkt folgen und sich in Farben wohlfühlen, die von jeder Farbberaterin als nicht von ein und derselben Frau tragbar erklärt werden. Und niemand wendet entsetzt die Augen ab.
Wie ich nun meine Tochter durch die Untiefen der Eisernen Regeln für die Gepflegte Frau schippern sehe und mich erinnere, wieviel hundertfach ich das ganze Zeug schon gesehen, gelesen, gehört habe - da kommt es mir noch viel lächerlicher vor als früher. Ein Vorteil des Älterwerdens: man verläßt sich mehr auf den eigenen Instinkt als auf die Eisernen Regeln.
(Diese Überlegungen gehören im weitesten Sinne zur Vorbereitung auf die Stunde über Farbtheorie, die ich bei meinen Kindergärtnerinnen halten werde - alle meine Kollegen würden vor Entsetzen in Ohnmacht fallen, daß ich nicht mit Goethe und Konsorten anfange, aber ich glaube, für dieses Publikum greife ich besser auf Themen aus der Alltagswelt zurück
)
20. Oktober Oktober 21, 2007, 1:08
Posted by Lila in Edle Selbsterkenntnis.17 comments
ist unser Hochzeitstag. Was für ein Zufall, daß wir uns kennengelernt haben! Fast hätten wir uns verpaßt. Ist das schön, verheiratet zu sein, so spießig-gemütlich sich das anhört… und es ist doch eigentlich eher ein Abenteuer. Wenn auch weniger anstrengend als Single-Abenteuer.
Ich höre in letzter Zeit von Single-Freundinnen so viele Horrorgeschichten, die Partnersuche in Zeiten des Internets ist nicht leichter geworden, sondern ein ganz zynisches Ruck-Zuck-Auswahlverfahren. So wie Curt Goetz, war er das?, bei Carl Zuckmayer die Küken-Auswahl schildert, unter den Bürzel geguckt und sortiert.
Meine Freundinnen sagen, so geht das zu. Die Auswahl scheint unendlich, morgen wird der Richtige schon erscheinen, warum heute Zeit mit einem Stiesel verbringen, auch wenn er halbwegs nette Mails oder SMS schickte? Einerseits finden sie es gräßlich, wegen ihres Aussehens sofort ausgebürzelt zu werden, andererseits machen sie es selbst genauso. (Oh, in der ZEIT ist dazu eine ganze Serie, habe sie nur überflogen und mag sie deswegen nicht verlinken - fiel mir nur so ins Auge.)
Y. und ich haben uns kennengelernt, bevor wir noch in das Alter kamen, in dem man zu Hilfsmitteln greift. Wir waren beide in mehr oder weniger festen Händen, als wir uns kennenlernten, und waren beide überhaupt nie in der Situation, daß wir jemanden gesucht haben und nicht wußten, wie oder wo oder wen. Das ist Anfang 20 alles gar kein Thema. Wir lernten uns kennen, hatten das Gefühl, das war´s - und das war´s.
Wenn ich mir das jetzt so überlege, würde ich auch sagen, wir waren recht hurtig mit unserem Entschluß, zu heiraten. Für zwei traumatisierte Scheidungskinder, die immer verkündet hatten, sie wollten nie heiraten, haben wir uns in Windeseile besonnen und uns an das Endlos-Projekt “transnational heiraten” begeben.
Es hat dann noch fast ein Jahr gedauert, bis wir wirklich die Ringe kaufen konnten - hab ich doch schon öfter erzählt, wie die Juweliers-Verkäuferin uns anstarrte, weil wir Englisch sprachen. “Ja ist Ihr Verlobter en Engländer?”, fragte sie in diesem herrlichen rheinischen Singsang. “Nein, ein Israeli”. Und sie, mit großen Augen: “DAS ist der Israeli? oh, wir haben Ihre Anzeige in der Zeitung gesehen und uns gefragt… Gabi, komm doch mal, hier ist der Israeli!” Und sie staunten ihn an. “DEN” Israeli.
Wir haben dann ganz einfache goldene Ringe genommen, und ich habe auch die deutsche Sitte, Namen und Hochzeitstag eingravieren zu lassen, übernommen - auch wenn das in Israel gar nicht üblich ist. (Ist sogar unerwünscht, Gravierungen im Ehering, glaube ich). Aber ich habe als Kind gern die Eheringe meiner Eltern angeguckt, und tatsächlich, auch meine Kinder haben das alle gern gemacht und wie ich früher gerätselt, warum nicht jeder seinen eigenen Namen am Finger trägt. Wenn wir die Ringe abnehmen, was wir selten tun, sieht man, wo sie hingehören. Wir können sie also gar nicht richtig abnehmen, unsere Finger sind auch ohne Ring beringt.
Tja, ich weiß also gar nicht, wie das ist, partnerlos, partnersuchend zu sein. Ich kann es darum nur schlecht nachvollziehen. Aber ich gehöre auch nicht zu den Leuten, hoffe ich zumindest!, die nur ihren eigenen Lebensstil für Einzig Wahr und Richtig halten und alles andere für irgendwie minderwertig…
Für mich sind meine partnerlosen Freundinnen vollwertige Personen, ich bewundere, wie sie ihr Leben allein meistern, und übe mich immer ein bißchen in Selbstzweifel, wenn ich vergleiche. Die schaffen was, wovon ich nicht weiß, ob ich es könnte. Und das muß auch schön sein, zu fühlen, daß man selbständig ist und zurechtkommt. Nicht als Teil eines Paars, sondern allein. (Ich fühle ihren Ärger mit, wenn sie von Ehefrauen dann sofort des Männerraubs verdächtigt werden - auch für Geschiedene und Witwen ein trauriges Kapitel, wenn die verheirateten Freundinnen sich auf einmal zurückziehen!)
Meine Freundinnen also fragen sich, “hmm, wäre ich überhaupt imstande, mit jemandem zusammenzuleben, wo ich doch schon Ende 30 bin und allein eigentlich immer gut zurechtgekommen bin?”, und ich frage mich, “hmm, wäre ich überhaupt imstande, allein zurechtzukommen, wo ich doch schon fast Mitte 40 bin und eigentlich seit 20 Jahren mit jemandem zusammenlebe?” Und dann versichern wir einander, “das könntest du schon, da bin ich mir sicher - wenn ich das kann, kannst du es auch”.
Obwohl ich meine Freundinnen bewundere, und interessanterweise habe ich eine ganze Batterie alleinstehender Powerfrauen, die seit vielen Jahren meine Freundinnen sind!, möchte ich doch nicht mit ihnen tauschen. Mir gefällt das Leben als gebundene Frau. Mir gefällt, daß ich Teil eines Paars bin, zu jemandem gehöre, der mich akzeptiert, auch wo mir selbst das Akzeptieren schwerfällt, und dem es wiederum gefällt, mit mir zu leben. Das kommt mir zwar seltsam vor, aber Y. lacht mich aus und meint, alle Frauen sind schwierig, und ich soll mir nicht einbilden, schwieriger zu sein als alle anderen.
Und was würde ich, wenn jemand so leichtfertig wäre und mich um Rat fragte, als unverzichtbare Bedingungen für eine stabile Ehe bzw Langzeit-Partnerschaft nennen? Nichts Originelles. Von sich selbst mehr verlangen als vom anderen. Sich für den anderen interessieren. Den anderen niemals einfach so hinnehmen wie eine Tapete, an die man sich gewöhnt hat. Die Fehler des anderen nicht zu wichtig nehmen. Kritik annehmen lernen, so wie sie gemeint ist: nicht als Ablehnung, sondern als kleine, liebevolle Hilfe bei der Selbstkorrektur. Auch mal eine Pause voneinander machen. Er mit den Kopfhörern und Musik, ich mit einem Buch oder dem Blog. Kleine Aufmerksamkeiten erhalten die Liebe - bemerken, wie es dem anderen gerade geht, ihm ein gutes Wort geben. Nicht nachtragen und nicht nachkarten.
Und am wichtigsten für mich: ich kann immer noch über Y.s Witze lachen. Ich finde ihn einfach sehr, sehr witzig - und ich weiß, wenn ich ihn bei guter Laune halte, dann habe ich auch mehr zu lachen. Das ist ein Perpetuum mobile. Ich freue mich jeden Morgen, wenn ich ihn sehe. Und ich hoffe, das geht noch viele Jahre so weiter. Sehr lang ist so ein Menschenleben nicht, und ich bin dankbar für die vielen guten Jahre, die wir bisher zusammen hatten.
Die guten Zeiten zum Bloggen… Oktober 17, 2007, 17:38
Posted by Lila in Edle Selbsterkenntnis, Kunst, Uncategorized.9 comments
…sind fürs erste wieder vorüber. Die hektischen Wochen mit der Nase im Computer, in denen ich den Semesteranfang vorbereite, aber immer zwischendurch mal eine halbe Stunde für einen schnellen Eintrag oder eine Antwort auf einen Kommentar habe (oder mir nehme…), die sind erstmal wieder vorbei.
Jetzt sind die hektischen Wochen dran, in denen ich jede Menge neuer Gesichter lernen muß (ich schreibe mir nach jeder Stunde die Namen auf, die ich mir gemerkt habe, mit einer kleinen physiognomischen Skizze…), und wieder mit Erstaunen feststelle, wie Recht doch die Gestalttheorie hatte: jede Klasse, jede Gruppe von Zuhörern ist mehr als nur die Summe ihrer Einzelmitglieder. Die Größe der Gruppe, ihre inneren Beziehungen, der Raum, das Thema, das alles kommt noch hinzu. Und dann etwas Undefinierbares. So eine Art ruach kvutza, Geist der Gruppe, oder Atmosphäre.
Ich stelle mich auf alle ein, passe meine Pläne für die nächsten Wochen an - da kann ich das Tempo anziehen, bei denen muß ich drosseln. Ich bin wieder mehr unterwegs - obwohl ich nach wie vor nicht die ganze Woche arbeite, und dann auch nicht von morgens bis abends. Hier ein Häppchen, da ein Häppchen. Eigentlich ein schönes Leben.
Draußen vor meinem Fenster wird es langsam Herbst - ich mag das und freue mich über jedes kühle Windchen, über jede Wolke, über jede Hoffnung auf den ersten Regenschauer. Ich mag es auch, daß die Tage kürzer werden.
Wir haben eine kleine Straßenkatze adoptiert, erstaunlicherweise ist das Tierchen stubenrein, lieb und geradezu wohlerzogen. Es muß sie jemand ausgesetzt haben - sie hatte eindeutig kein Zuhause, hat sich hier aber sofort zurechtgefunden. Die Kinder haben den Kleinen Leonardo genannt, Leo paßt ja zu Lutz, und sie sind beide schwarz - aber Kater Lutz ist keineswegs bereit, Leo in seine Pfoten zu schließen. Und Mini wendet nur schockiert die Augen ab - schon wieder so ein vulgärer Eindringling! Ihre Menschen haben den Verstand komplett verloren!
Wir werden ihn morgen von einem Tierarzt untersuchen lassen, impfen lassen und ihm dann ein neues Zuhause suchen, damit Mini und Lutz nicht schwermütig werden. Ich habe schon ein Nachbarsehepaar im Auge, die für den Mann, nach einem Schlaganfall, ein Haustier suchen. Sie sind Katzenfreunde, und Quarta könnte Leo dort auch besuchen… mal sehen.
Am letzten Wochenende waren wir bei sehr guten Freunden, Studienfreunden von Y. Wir sind eine Gruppe von vier Familien, kennen uns seit über 15 Jahren und treffen uns alle paar Monate. Meist bei der ältesten Familie, in einem Kibbuz am See Genezareth. Wir schleppen Mengen von Essen ran, tauschen Rezepte aus, unsere Kinder wachsen heran, die Männer erinnern sich an vergangene Zeiten… das sind immer schöne Treffen. Gerade weil man sich nicht dauernd sieht. Wir haben alle Kibbuz-Hintergrund - im Vergleich sieht man auch, wie sich unsere Kibbuzim gewandelt haben. Ich freue mich schon auf das nächste Mal.
So, morgen steht mir wieder ein neuer Tag vor neuem, unbekanntem Publikum bevor. Die erste Stunde eines Kurses über die Renaissance. Morgen also rede ich über die Grundlagen der Renaissance, zeige den Zusammenhang mit der Antike, aber auch die Kontinuität mit dem Mittelalter. Ich habe mich entschlossen, mit der Malerei anzufangen - die läßt sich leichter zeigen als Architektur oder Skulptur, die ja immer einen viel größeren Sprung der Vorstellungskraft erfordern. Die bewahre ich mir also für später auf. Außerdem sind gerade die originären Leistungen der Renaissance in der Malerei am deutlichsten sichtbar, weil dafür antike Vorbilder fehlen - Pompeji war ja damals noch nicht ausgegraben. Die Maler mußten sich also selbst ihre klassischen Ideale schaffen.
Komisch, jedesmal, wenn ich Renaissance unterrichte, wie auch beim Thema Impressionismus, denke ich: nun, jeder liebt die Renaissance, kann ich ihr denn nicht widerstehen? Ist mir das nicht zu harmonisch, zu ideal, zu ausgewogen, zu intellektuell-allegorisch-neuplatonisch? Und jedesmal werfe ich mich dem bestrickenden Reiz, um dieses Klischee bis zu Ende zu bedienen, der Botticellischen Linien, der sanften Hälse von Filippo Lippi, der reinen Umrisse von Piero della Francesca und des milden Lichts von Ghirlandaio in die Arme…
Noch schlimmer wird es bei den allseits beliebten Madonnen von Raphael, deren Schönheit mich immer an die Experimente erinnert, in denen das Wesen der Schönheit psychologisch ergründet werden soll. Zu diesem Behufe überblenden die Forscher ein Bild nach dem anderen - und je mehr Bilder überblendet werden, je durchschnittlicher und allgemeiner das Gesicht wird, das da entsteht - je perfekter sich die jeweiligen individuellen Unvollkommenheiten gegenseitig aufheben — desto schöner wird das Gesicht empfunden. So empfinde ich auch Raphaels Madonnen - jede Unregelmäßigkeit ist aufgehoben, sie sehen alle aus wie Frauen, die nie die Stimme, ja nicht mal die Augenbraue heben, sondern in schönem Gleichmaß durch die Welt wandeln.
Dabei ist die Raphaelsche Welt so schön, seine Landschaften im Hintergrund sind so wunderbar, daß ich am liebsten die Madonna mal für einen Moment wegschicken würde, um die Landschaft einfach genießen zu können. Sie sitzt mir im Weg… Doch Raphael schenkt uns nur kurze Ausblicke auf diese Welt, wir sind wie Alice, die durch ein Türchen gucken muß, durch das sie nicht durchpaßt.
Aber egal wie ich mich wappne - schon nach kürzester Zeit lächele ich diese perfekten Madonnen versonnen an und merke, wie mein Blutdruck, Herzschlag und Atmung in seliges Nirvana taumeln. Ich gebe es auf. Renaissance, du hast gewonnen. Himmlische Schönheit, ich tue Abbitte. Irgendwas weht in dieser Kunst - und wenn alle sie lieben, dann haben eben alle Recht. (Dasselbe gilt für Monet - wie ich auch versuche, den allzu beliebten Seerosen zu widerstehen, ich versinke auch hier im dämmernden Grünblau… da ist nichts zu machen.)

Blödsinnig Oktober 11, 2007, 9:04
Posted by Lila in Edle Selbsterkenntnis, Kibbutz, Kinder, Katzen.45 comments
Wann wird das Thema Mutterschaft (sieht ohne -t auch prima aus!) mal ohne das Tremolo in der Stimme abgehandelt?
Aber Hitler zum Trotz sei gesagt: Warum soll die Kindererziehung, die schwerste Arbeit, die in der Gesellschaft verrichtet wird, nicht wieder hochgehalten und geehrt werden?
So schreibt eine Juristin namens Tönnies in der FAZ, in einem Artikel, der von Blödsinn nur so wimmelt, aber ich bin mal gnädig (hab auch gar keine Zeit!) und picke mir nur diesen Satz raus.
Die schwerste Arbeit, die in der Gesellschaft verrichtet wird? Oha. Welch Superlativ. Ich glaube nicht, daß die mütterliche Kindererziehung die schwerste Arbeit ist. Sie ist schwer, aber sie ist auch befriedigend.
Sterbende Angehörige pflegen - das ist schwer. Anderleuts Kinder erziehen, unter Beschuß der sorgenden Eltern - das ist schwer. Jeden Tag anspruchsvolle Leute bedienen - das ist schwer. Kranken eine schlimme Diagnose mitteilen - das ist schwer. Einen kleinen Betrieb führen, der gegen die Großen kämpfen muß - das ist schwer. Eine Theorie entwickeln, die allen anderen widerspricht - das ist schwer.
Oh, es gibt viele schwere Arbeiten ohne Heiligenschein, ohne automatische Anerkennung. Da gibt es keinen Wettbewerb, keine Preise und keine Superlative. Das Leben ist überhaut ziemlich schwer, oder? Aber werden die anderen schweren Dinge anerkannt, mütterliche Mühen aber unter den Teppich gekehrt?
Mütterliche Erzieungsarbeit ist immer von der Umwelt gewürdigt worden, machen wir uns doch nichts vor. Die 68er haben auch Kinder gehabt und sie genossen und Bücher über Erziehung gelesen und wollten ihre Kinder glücklich sehen und sind mit ihnen verreist und haben sie nackig rumspringen lassen. Sie waren auch stolz auf ihre Kinder und haben das Beste für sie gewollt. Über das Wie kann man streiten, die Moden in der Kindererziehung wechseln…
Der immer wieder konstruierte Gegensatz NS-Zeit vs. 68er ist noch dazu historisch ungenau. Zwischen Mutterkreuz und Kinderladen schob sich nämlich eine hochinteressante Periode, ich würde sie die Würmeling-Phase nennen. Daß gegen die rebelliert wurde, ist recht verständlich. Wer ein Mutterideal favorisiert, das mit Erwerbstätigkeit nicht zu vereinen ist, sollte sich harmloserweise lieber mit Würmeling als mit Magda Goebbels schmücken. Würde ich mal so empfehlen. Soo arm ist unsere deutsche Geschichte denn doch nicht, daß man nur die Wahl zwischen bösen 68ern und noch böseren Nazis hätte.
Aber es sind nicht die 68er und wohl auch nicht Würmeling oder Magda Goebbels, die den Eltern die Lust am Kinderkriegen ausgetrieben haben, sondern die zunehmende Schwierigkeit, in einen Lebenslauf all die Maximalforderungen zu stopfen, die im Umlauf sind: beruflicher Erfolg, erfüllte Partnerschaft, Wohlstand (Eigenheim, zwei Autos, Auslandsreisen muß doch sein!), und dann eben auch noch Kinder… Da läßt eben mancher etwas weg. Es können auch Kinder sein.
Meine kinderlosen Freundinnen sagen: “es hat irgendwie nie gepaßt, und dann war es zu spät”, “ich wollte keine Kinder”, “ich mag keine Kinder” - in Variationen. Keine von ihnen hat gesagt, “Mutterschaft ist überholt, die 68er haben das deutlich gezeigt” oder “ich bin grundsätzlich gegen Mutterschaft, weil sie mich versklaven würde” oder anderen ideologischen Kram.
Nein, die Gründe für Kinderlosigkeit sind entweder persönlich oder biographisch, aber doch nicht ideologisch. Eine gesellschaftliche Ächtung der Mutterschaft hat es doch nie gegeben, das ist ein Hirngespinst. Aber stimmt es, daß das so schwer ist, diese Arbeit der Mutter?
Ja, es ist schwierig, man schläft nachts nicht, Impfen ist schrecklich, Trotzalter, Hausaufgaben, alles üble Sachen, die einem das Leben vergällen… ach wirklich? Eltern, sagt, bin ich die einzige, die sich durch ein Mamaliebdrücken und einen stolzen Blick auf die Blockflöten-Solistin mehr als entschädigt fühlen? Wenn doch nur jede schwierige Aufgabe in der Gesellschaft so vergolten würde…
Also, wenn ich was nicht leiden kann, dann ist es diese Heroisierung der Mütterlichkeit. Brrrrr. Und hätte ich noch keine Kinder, würde mich das vermutlich ziemlich abschrecken.
Pet peeve Oktober 7, 2007, 18:31
Posted by Lila in Edle Selbsterkenntnis, Rat und Tat, Uncategorized.14 comments
Endlich ein Buch (von der Linguistin Deborah Cameron), das den immer wieder zitierten BS von den genetischen Unterschieden in der Kommunikation von Männern und Frauen entzaubert. So bequem es ist, wenn jedes Geschlecht sich seufzend in seine Ecke zurückzieht, der Mann mit der Bohrmaschine und sein Frauchen mit dem Telefonhörer - so zerstörerisch wirken sich diese Mythen des Alltagslebens auf Beziehungen auf. Denn man braucht sich dann gar keine Mühe zu geben, den zottigen Kerl mit der Bohrmaschine zu überzeugen. Der weiß ja sowieso, daß wir unberechenbare Plappermäulchen sind. Steht ja bei Gray.
Ich habe tatsächlich schon Leute getroffen, die diese Bücher richtig ernstnehmen und sogar in Diskussionen zitieren. Natürlich habe ich, als ich so ein Buch geschenkt gekriegt habe, es auch gelesen - allein schon, um mich so richtig herzlich zu ärgern.
Dabei macht mich besonders nervös, wie einfach es sich die Schreiber machen. Sie schildern unsere prähistorischen Vorfahren als Fred und Wilma Feuerstein: er jagt und brummt und kämpft, sie hält die Höhle in Ordnung, wickelt die Kinder in Pelze und sammelt quasselnd mit ihren Freundinnen Beeren und Pilze. Ergo ist Frau Sammlerin, Mann Jäger.
Ein wunderbarer Zirkelschluß. Da unsere Vorfahren so rücksichtsvoll waren, keinerlei schriftlichen Dokumente zu hinterlassen, tobt sich die menschliche Phantasie an den Überresten aus. Niemand weiß genau, ob in der Urhorde nicht auch die Frauen jagten und die Männer sammelten. Obwohl in allen Prähistorischen Museen und Buchillustrationen der höhlenzeichnende Mann und die im Kochtopf rührende Frau gezeigt werden, spiegeln diese Rekonstruktionen nichts anderes wider als die Realität, die ihre Erschaffer im Kopf hatten.
Sich auf diese Projektionen zu berufen, um heutige Kommunikationsmuster damit zu erklären, ist mehr als gewagt. Wir würden das in Bezug auf menschliche Gesellschaften nicht mehr durchgehen lassen, glaube ich. Aber wenn es um Männer und Frauen geht, wo wir ja alle einen Hausschatz von Dönekens zur Verfügung haben, greifen wir gern auf so schlichte Erklärungen zurück. Aber stimmt es?
Great sheaves of academic papers, says Cameron, show that the language skills of men and women are almost identical. Indeed, the central tenets of the Mars and Venus culture – that women talk more than men, that men are more direct, that women are more verbally skilled – can all be debunked by scientific research. A recent study in the American journal Science, for instance, found men and women speak almost exactly the same number of words a day: 16,000.
Warum also, wenn die Fakten so sind, werden diese Erklärungen trotzdem gern geglaubt? Es ist leichter, meint Cameron, Konflikte auf Kommunikationsprobleme zurückzuführen als auf echte Probleme, die man dann lösen muß. Oder man müßte akzeptieren, daß man sich nicht einig ist. Da haben Venus-Mars-Theorien etwas Beruhigendes.
“There has been a revolution in gender politics – there is much more blurring between the roles of men and women – and I think a lot of men and women are uneasy about that. Books like Mars and Venus tell us that although men and women may be very similar on the outside, we are profoundly different on a deeper level – that we’re ‘hard-wired’ differently.”
Also, es lohnt sich vielleicht, diesen Artikel zu lesen, auch wenn man Camerons Buch nicht lesen mag, wenn man, wie ich, von diesen Theorien die Nase voll hat, die die Welt so einfach und unveränderlich und übersichtlich machen.
Oh, der Kerl mit der Keule kommt wieder, ich muß das erlegte Zebra kochen und ihm den Pelz lausen…
Nach den Ferien… Oktober 5, 2007, 23:12
Posted by Lila in Edle Selbsterkenntnis, Land und Leute.3 comments
…ist vor den Ferien, heißt hier die Devise. Nach den Sommerferien fängt am 1. September die Schule wieder an - in ganz Israel, wir haben ja keine Bundesländer, sind ja selbst kaum eins!, und wir haben keine Bayern, die uns immer die besten Ferientermine wegschnappen! (Ich hab Cousinen in Bayern, da hört man den Neid aus Kinderzeiten noch raus….) Oft verlängern die Lehrer die Ferien durch einen Streik. Ich werde nie vergessen, wie enttäuscht Secundus damals war, als er in die Schule kommen sollte, und ein endloser Lehrerstreik verzögerte den Schulanfang! Jeden Morgen hörten wir Radio, nun, fängt die Schule endlich an? Bittere Enttäuschung, wenn es hieß: sie streiken noch.
Aber dann, nach Schulanfang, folgen Rosh haShana, Yom Kippur, das Laubhüttenfest. Zwischendurch ist immer ein paar Tage Schule, dann wieder frei. Ein paar Tage Schule, wieder frei. Sukkot, also das Laubhüttefest, hat den Kindern zehn Tage Ferien beschert. Aber ab Sonntag ist wieder Schule - bis Chanukka, tfu tfu tfu.
Das heißt, wenn die Lehrer nicht schon wieder streiken. Sie haben es angedroht. So hieß es zumindest in den Nachrichten.
Die Nachrichten haben wir heute aber nicht geguckt. Es reichten uns die Schlagzeilen - Al Quds-Tag, flammende Reden in Teheran und Beirut. Man könnte geradezu megalomanisch werden, wenn man hört, wie Ahmedinijad und Nasrallah alles, aber auch alles auf die Existenz dieses Micker-Staats zurückführen. Wir haben uns das nicht angehört. Vielleicht sollte man diesen Reden auch gar nicht so viel Beachtung schenken, ich weiß es nicht. (Zu dem Thema BBC, Kölner Stadtanzeiger.)
Die Rede Vitriol zu nennen wäre noch geschmeichelt…
Der Präsident wiederholte zudem seine Forderung, Israel aus dem Nahen Osten zu verlegen. “Die Europäer wollen die zionistische Herrschaft in ihrer eigenen Region nicht ertragen, aber dem Nahen Osten aufzwingen. Gebt ihnen das weite Land von Kanada und Alaska, damit sie sich dort ansiedeln können.”
Na, die Kanadier würden sich bedanken für die zionistische Herrschaft…
“Iran will nur sein Recht im Einklang mit international anerkannten Regeln und als aktives Mitglied der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) wahrnehmen”, sagte er am Freitag in Teheran. “Aus unserer Sicht ist das Atomdossier geschlossen und wir sind nicht bereit, unser unwiderrufliches Recht zur Diskussion zu stellen.”
Immer die gleichzeitige Nennung des zionistischen Geschwürs und des Atomprogramms… Bin ich die einzige, der sich da immer eine geschmacklose Assziation aufdrängt: vielleicht plant er ja, dieses bösartige Gewächs mittels Bestrahlung zu vernichten?
Oh, und ich finde beim Zeitungs-Blättern noch das Dokument von Abbas und Olmert (nicht mehr taufrisch, von vor drei Wochen - im Rahmen der Vorbereitungen für diesen Gipfel im November) (zum heutigen Treffen: hier). Es klingt prima. Das einzige, winzige Problemchen ist, daß beide inzwischen so wenig Autorität haben, daß sie vermutlich nicht mal eine Erhöhung der Hundesteuer durchdrücken könnten, geschweige denn ein Abkommen über so heikle Fragen. Nun, ich kann mich auch irren. Vielleicht, weil sie gerade beide in einer so prekären innenpolitische Lage sind und beides alte Füchse, vielleicht können sie ja was auf die Beine stellen. Aber daß die grundlegende Bereitschaft wenigstens verbal proklamiert wird, ist ja schon mal was.
Der Inhalt des vorliegenden Dokuments stimmt mit schon früher bekannten Zitaten und Absichtserklärungen beider Seiten überein. Die auf Hebräisch verfasste Erklärung hat acht Punkte: Danach will Israel seine Besatzung des Westjordanlands „in einer bestimmten Zeitperiode schrittweise beenden und israelische Siedlungen evakuieren“. Jedes evakuierte Gebiet werde der palästinensischen Autonomiebehörde übergeben, soweit dort Recht und Ordnung herrschten. Sobald Recht und Ordnung auch im Gazastreifen errichtet seien, werde ein Prozess beginnen, durch den Israel „Westjordanland und Gazastreifen als eine politische Einheit“ sehen könne.
Weiter stellt dieses Dokument fest: „Beide Seiten erklären den Konflikt für beendet und sind darauf aus, die breite Unterstützung dafür zu gewinnen“ und alles dafür zu tun, um „jeden Aspekt von Terrorismus und Gewalt von jeder Seite“ zu bekämpfen.
Komisch. Beim Schreiben fällt mir auf, daß sowohl Ahmedinijad-Nasrallah als auch Abbas-Olmert Worte von sich geben. Nichts als Worte. Welche Worte in Taten umgesetzt werden, weiß man noch nicht… man kann nur hoffen, daß es die richtigen sind. Wie selektiv man doch liest. “Nu, das sind nur Worte.” “Oha, immerhin schon Worte.”
So, und morgen ist Shabat. Abends habe ich wieder die Familie hier, und dann geht der Streß wieder richtig los…
PS: Lesenswert: ein Kommentar in der JPost über die Versuchung, A. nicht ernst zu nehmen. Auch und gerade für Europäer, auf die er ja abzielt, interessant. Ein paar weithin unterschätzte Tatsachen über die Rolle bzw negative Rolle des Holocaust bei der Gründung des Staats Israel und über die Rolle der Araber bei der Vernichtung der Juden. Damit man A.s Version der Geschichte (schuldlose, friedliebende Araber bekommen landräuberische Juden aufs Auge gedrückt, weil Europa nach dem Holocaust schlechtes Gewissen hatten) nicht einfach so glaubt. Ich weiß, es gibt auch in Europa genügend Leute, die das glauben. Es widerspricht aber der historischen Wahrheit. In dieselbe Schublade gehört der Europa entlastende Vorwurf, daß in Israel die Bestialität der Nazis wieder aufgelebt sei. Also, vielleicht macht sich ja jemand die Mühe und liest es.
PPS: Und noch ein Kommentar zu A.s Besuch in Columbia, von einem Alumnus.


