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Aus alten Zeiten Februar 20, 2013, 19:11

Posted by Lila in Persönliches, Uncategorized.
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I.

Neulich war ich zu einem Vortrag eingeladen, über ein Thema, das ich lange nicht mehr angepackt hatte. Es war ein bißchen leichtsinnig, zuzusagen, aber es hat Spaß gemacht, wieder in das Thema einzutauchen. Eine große Runde von Studenten und Lehrern in der Fortbildung, murkeliges Licht, Bilder. Ich war mitten im Schwung, als die Tür aufging und eine Frau reinkam. Ich erkannte sie sofort. Sie ging leise und vorsichtig zu einem freien Stuhl, und man konnte sehen, wie unangenehm es ihr war, zu spät zu kommen. Sie hörte gespannt zu und kam nach dem Vortrag sofort nach vorne geschossen.

Sie entschuldigte sich für ihr Zuspätkommen. Inzwischen knipste jemand das Licht an, und ich grinste sie an. “Schämst du dich nicht, mich nicht zu erkennen? Bin wohl doch sehr alt geworden. Du hast dich aber überhaupt nicht verändert.” “Lila!” Und dann fielen wir uns in die Arme und freuten uns. Irgendwann im mittleren Pleistozän waren wir zusammen Studentinnen, saßen immer zusammen, hielten uns den Platz frei und halfen uns gegenseitig. Sie ist deutlich jünger als ich, Araberin, Christin aus einem Dorf in unserer Gegend, wo sie als Kunstlehrerin arbeitet, eine Galerie ins Leben gerufen hat und sich vielfältig engagiert. Wir haben uns so gefreut, uns wiederzusehen, und wollen uns mal treffen.

Ein verrückter Moment, als sie mich erkannte und aus der Lehrerin-Studentin in respektvoller Haltung die alte Freundin wurde.

 

II.

Gestern lief ich auf dem Campus rum, ganz in Gedanken beim nächsten Tagesordnungspunkt, da kam mir ein bekanntes Gesicht entgegen. Ich grüßte, das Gesicht grüßte auch, dann erstarrten wir beide und riefen: Lila! Doris ! Es war die liebste Kindergärtnerin, die meine Kinder je hatten.

Bevor Dina in Secundus´Kleinkindergarten anfing (also einer kleinen Gruppe von Kindern knapp unter Kindergartenalter – war immer das schönste Haus, zum arbeiten als auch für die Kinder), waren in den Kinderhäusern des Kibbuz nur Kibbuz-Frauen als ausgebildete oder angelernte Kräfte. Ich erinnere mich noch, als das erste Kind “von außen” aufgenommen wurde, dessen Mutter Chefsekretärin in einer Fabrik des Kibbuz war, und die dafür bezahlte, daß ihr Sohn neben Primus die Wege des Kibbuz entlangkriechen durfte. Und der nächste Schritt war dann eine Kindergärtnerin “von draußen”, die den Kibbuz nicht kennt. Noch dazu eine, die selbst nicht Kibbuznikit ist. Wie soll das gut gehen?

Doris war jung, hübsch, energiegeladen und voll neuer Ideen. Die Kinder liebten sie von Anfang an. Ich bewahre bis heute eine Cassette auf, die sie für Secundus mal aufgenommen hat, als der krank war. Da singen sie und die anderen Kinder Lieder, die man vorher im Kibbuz nicht kannte. Sie brachte auch Sitten “von draußen” mit. Nicht wenige Kibbuzmütter zerrissen sich das Maul über sie. Sie hat ja nicht mal eigene Kinder! Sie hat einen B.Ed., nicht nur das Kindergärtnerinnen-Diplom! und sie möchte den M.Ed. auch noch machen! Damals war, was heute Standard ist, die Ausnahme.

Doris übernahm nach einem Jahr den großen Kindergarten. Sie lebte sich schnell in den Kibbuz ein und kannte bald alle. Eine ältere Frau des Kibbuz erzählte mir mal voll Bitterkeit, daß jetzt ja nur Leute “von draußen” in der Erziehung arbeiten, und daß sie mal gehört hat, wie ein Kind auf einen alten Mann zeigte und fragte, “wer ist das?”, und die Kindergärtnerin konnte nicht sagen “das ist Joske, der die schöne Rutsche gebaut hat”, sondern nur “das ist ein chaver kibbutz“. Ich kann schon verstehen, daß die alte Frau das geschmerzt hat, aber bei Doris wäre das nie vorgekommen. Sie brachte einerseits frische Luft mit, andererseits pflegte sie die kibbuz-spezifischen Traditionen gern weiter. Ich sehe sie noch in einer Gruppe von Kindern, alle verkleidet, als Stier herumpeesen.

Sie war Secundus´ und Tertias Kindergärtnerin. Meine Kinder sind ja so nah beieinander altersmäßig, daß erst Primus und Secundus, und dann Secundus und Tertia zusammen im Kindergarten waren. Ich mochte sie sehr. Wenn ich dort ausgeholfen habe, habe ich ihre Energie immer bewundert. Sie hat eine laute, aber nie aggressive Stimme. Sie ist immer vergnügt.

Wie lange war sie bei uns im Kibbuz? Ich weiß es nicht. Viele Jahre. Als sie wegging, war sie verheiratet, hatte zwei Kinder und viel Erfahrung.

Und jetzt ist sie Fachleiterin für Frühpädagogik und begleitet junge Kindergärtnerinnen bei ihren ersten Schritten in diesem verantwortungsvollen Beruf. Ihre Kinder sind auch schon recht groß. Als ich ihr erzählte, daß Secundus und Tertia bei der Armee sind, staunte sie – das geht ja wirklich so schnell. (Die Kinder, die ich als Volunteer betreut habe, sind schon verheiratet und selbst Eltern!) Ich habe beide Kinder sofort angerufen und ihnen von der Begegnung erzählt, und beide sagten sofort: die war ja so nett, die Doris! die war überhaupt die Netteste!

Das war eine schöne, herzliche Begegnung. Und: sie hat mich sofort erkannt :-D

 

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Kommentare

1. Uri D. - Februar 20, 2013, 19:31

Liebe Lila,
ein sehr schöner Beitrag! Danke.
Ja, so ist der Lauf des Lebens, so rasch entwickeln wir uns, gehören plötzlich zu den “Älteren”, “Erfahrenen” – obwohl uns die Gefühle der Unerfahrenheit, des Optimusmus, der spielerischen Neugierde doch noch so vertraut sind.
Ich denke hierbei sehr gerne an den großen österreichisch-amerikanischen jüdischen Psychoanalytiker und Pädagogen Rudolf Ekstein.

2. Jochen Robert Englert - Februar 20, 2013, 19:56

Mir fehlt hier der Gefällt-mir-Knopf *g* Egal, dann eben so. Sehr nett der Beitrag !


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