Remedia Februar 14, 2013, 11:07
Posted by Lila in Presseschau.trackback
An die Geschichte kann ich mich noch sehr gut erinnern: es ist fast zehn Jahre her, als eine Reihe rätselhafter Erkrankungen von Babies das Land erschütterte. Mehrere Kinder starben. Was sie gemeinsam hatten: sie alle wurden mit Soja-Milch von Remedia, einer damals reputierlichen Firma, ernährt. (Als mein Frühchen Tertia nicht mehr gestillt werden wollte, empfahl mir eine Freundin, ausgebildete Krankenschwester und Leiterin einer Babyklinik, Remedia als besten Muttermilchersatz auf dem Markt. Ich habe allerdings nicht die Soja-Formel genommen, sondern die normale Milch.)
Es stellte sich heraus, daß Vitamin B1 fehlte. Wie genau der Mangel dieses Vitamins das Gehirn der sich entwickelnden Babies unwiderruflich schädigt, weiß ich nicht mehr genau. Viele der damals erkrankten Kinder sind seitdem schwer hirngeschädigt.
Jetzt ist der Prozeß zu Ende gegangen. Nur der Ernährungstechniker, der für die Qualitätsprüfung zuständig war, ist belangt worden – die Manager, die sich auf ihn verlassen hatten, hatten keine Schuld, laut Gericht. Das Strafmaß für den Techniker ist noch nicht bekannt.
Doch wo kam das tödliche Pulver her? Es kam aus Deutschland, von der Firma Humana. Dort sind vor ein paar Jahren ohne großen Wirbel die Verantwortlichen zu Geldbußen verurteilt worden.
Weiter hieß es in der Begründung: „Die Hauptschuld an dem tragischen Ergebnis trägt die Firma Humana.“ Sie [die Richterin] sprach von einer „Reihe von schweren Versäumnissen“ des deutschen Unternehmens. Humana habe damals einseitig entschieden, den Anteil von Vitamin B1 in der Sojamilch zu verringern. Remedia sei in diese Entscheidung nicht eingeweiht gewesen. Auf der Verpackung sei die angemessene Menge des Vitamins angeben worden, das Milchpulver selbst habe jedoch viel zu wenig davon enthalten.
Die Richterin äußerte Bedauern darüber, dass ein Verfahren der Staatsanwaltschaft Bielefeld gegen vier ehemalige Mitarbeiter von Humana vor gut vier Jahren gegen Zahlung von Geldbußen eingestellt wurde. „Der Staat Israel hat sich nicht darum bemüht, die verantwortlichen Repräsentanten von Humana vor Gericht zu bringen und es wurde kein Auslieferungsantrag gestellt“, hieß es weiter.
Ein Versäumnis des Staats Israel, vielleicht, um das Verhältnis zu Deutschland nicht zu belasten? Hätte der deutsche Staat die Verantwortlichen härter bestrafen sollen? Ich bin keine Juristin, ich weiß es nicht. Es hätte die Kinder auch nicht geheilt oder zurück ins Leben gebracht. Vielleicht ist es auch schwer zu entscheiden, wer damals die Entscheidung getroffen hat, den B1-Anteil zu senken. Die Eltern sind entsetzt und empört, daß nur ein Mitarbeiter verurteilt wurde. Einer der Väter sagte, “wer Geld stiehlt, kommt auf Jahre ins Gefängnis, aber wer drei Babies tötet, geht frei aus”.
Es scheint eine Geschichte zu sein, die in Deutschland eher regional als landesweit aufgegriffen wird. Bei uns in den Nachrichten und Zeitungen, ja. Bei der FAZ auf der ersten Seite, ja. Immerhin, die Neue Westfälische Zeitung erwähnt das Urteil, das Westfalen-Blatt, SPon auch, wenn auch nicht auf der ersten Seite.
Aber sonst und spätestens ab morgen herrscht Stille um die Kinder und ihre Familien. Sehr traurig.
Kommentare
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hier der Artikel der faz 2003 http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/nahrungsmittel-humana-entlaesst-wegen-babymilch-skandal-vier-mitarbeiter-1128894.html
Ehrlich gesagt halte ich es für einen Unfall. So etwas kann und wird immer wieder passieren. Durch Ver-Bürokratisierung in der Analytik können ein paar Unfälle vermieden werden, aber niemals alle. Die Kosten steigen bzw. sind dadurch bis heute bereits enorm gestiegen. Noch eine und noch eine Kontrolle kann man zwar einführen, aber irgendwann ist das Ende der Sinnhaftigkeit erreicht, spätestens dann, wenn keiner mehr das Produkt bezahlen kann.
Durch mehr Bestrafung wird es auch nciht ungeschehen und auch in Zukunft nicht besser.
Für einen Unfall? Sowas darf eigentlich nicht passieren, gerade bei Babynahrung, die ja die ausschließliche Nahrung von Kindern in der kritischsten Phase ihrer Entwicklung darstellt, in einem Alter, in dem das Kind noch kein Unwohlsein artikulieren kann.
Humana stellt doch schon ein paar Jahre solche Sachen her. Da ist alles genau geregelt. Da hat sich jemand die Arbeit ein bißchen zu einfach gemacht und nicht doppelt und dreifach jede Zutat geprüft.
Das nenne ich keinen Unfall. Das nenne ich Fahrlässigkeit. Zweimal wäre Gelegenheit gewesen, das Fehlen von B1 zu bemerken und zu beheben.
….außerdem dürfte klar sein, dass es grundsätzlich ein Risiko darstellt ein Baby mit SojaMilch zu ernähren, solange es noch keine Beikost bekommt. Selbst wenn man sicher sein könnte, dass alle nötigen Zusatzstoffe hinzugefügt wurden, würde ich nur im allerhöchsten Notfall auf SojaMilch zurückgreifen.
Ich hab da aus Erfahrung ein paar Vorurteile dem überwiegenden Teil der Eltern gegenüber, die diese Milch als alleinige Nahrung ihren Babys gegeben haben.
ich habe jahrelang in verschiedenen Laboren gearbeitet. Fehler sind menschlich. Es hätte vielleicht auch mir passieren können. Menschen im Labor sind nach meiner Erfahrung etwas gründlicher, als der Durchschnitt. Unfehlbar sind sie auch nicht.
Ja, es wurde hier auch diskutiert. Viele Eltern glaubten wohl, Sojamilch ist gesünder als “normale” Formel, weil es so eine Kuhmilch-Hysterie gibt. Eigentlich soll man ja nur mit ärztlichem Rat die Ernährung eines Säuglings umstellen, manche Eltern haben wohl wegen Laktose-Sorgen o.ä. einen Arzt gefragt, andere haben der Werbung geglaubt.
Ich weiß noch aus meiner Zeit im Babyhaus des Kibbuz, daß es eine ganze Reihe Babies gab, die dieses Sojazeugs kriegten. Jeder, der einem Sojamilchbaby mal die Windeln gewechselt hat, weiß, wieso ich das noch so genau weiß… Da waren die Eltern felsenfest der Meinung, daß das gesünder ist als Milchformel.
Ich bin ein bißchen voreingenommen gegen diese ganzen Wundermittel. Als mir eine der Soja-Mütter erklärte, daß das Zeug meiner Muttermilch überlegen ist, weil es von Wissenschaftlern zusammgestellt ist und weil sie immer auf den ml genau weiß, was ihr Kind getrunken hat, haben sich mir alle Haare aufgestellt. Das war Jahre vor dieser Fehde.
Von meinen Kindern hat nur Tertia nach einem langen Kampf ums Stillen “formula” bekommen, weil es wirklich nach sehr vielen Krankenhausaufenthalten nicht mehr ging und ich auch Zeit für die Jungens zuhause brauchte. Primus war 3, Secundus anderthalb. Ich habe geheult, als ich ihr die Flasche gegeben habe, und habe bis heute schwere Schuldgefühle, dabei habe ich sie bis zum Alter von fast neun Monaten durch Dick und Dünn gestillt.
Deswegen muß ich an mich halten, Mütter nicht zu verurteilen, die nicht wie ich um jeden Tropfen Muttermilch für ihre Kinder kämpfen. Jeder entscheidet selbst, wo er bereit ist, alle Kräfte zu verausgaben, und wo er sich Frustrationen spart. Eine zufriedene Mutter, die ihrem Kind die Flasche gibt, ist bestimmt gesünder für das Kind als eine abgehärmte Veteranin im Kampf um die Brust. Ich hab´s ja auch aufgegeben, als es wirklich nicht mehr ging. Und ich bin gegen einen Mummy war. Jede Mutter trifft ihre Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen, denke und hoffe ich.
Aber es ist eben eine Entscheidung, mit der man sich abhängig macht von Laborpersonal. Und das ist fehlbar.
Lila
hier ist Udo Pollmer ganz allgemein zu Soja, man könnte graue Haare kriegen, so ich sie nicht schon hätte.
Gepriesen sei Dein Mißtrauen – der Humana-Skandal kommt übrigens in dem Text und den Quellen nicht vor, aber vielleicht hat er woanders was dazu veröffentlicht.
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/mahlzeit/1998268/
in diesem Wikipedia wird der Humana-Vorfall erwähnt
http://de.wikipedia.org/wiki/Beriberi
und da muß ich noch an die lange Reportage von William Langewiesche in The Atlantic zu einem Flugzeugabsturz denken, wo die lange lange Kette des Fehlversagens irgendwas mit einem falsch etikettierten oder einsortierten Karton zu tun hatte.
das muß er sein http://www.theatlantic.com/magazine/archive/1998/03/the-lessons-of-valujet-592/306534/
Der beste Essensratschlag, den ich je gelesen habe, ging ungefähr so, daß man möglichst nix essen solle, was die Großmutter nicht als Essen erkannt hätte. Ich glaube Michael Pollan war der Autor.
Auslieferungsanträge haben vermutlich nur bei etwas mit verbrecherischer Absicht Aussicht auf Erfolg.
waren eigentlich auch Kinder in anderen Ländern (deutschland? weitere Länder?) von diesem vitamin b1-Mangel betroffen?
Soviel ich aus diesem Artikel verstanden habe wurde dieses Produkt ja nicht ausschliesslich für Israel produziert.
Schon als die Geschichte damals bekannt wurde stellte sich mir ein moralisches Dilemma in der Schuldfrage: die Kinder wurden ja nicht “vergiftet”, sondern die Milch enthielt ein wichtiges Element nicht. Ist wirklich der Milch-Produzent alleine dafür verantwortlich, dass das Kind vitamin b1 bekommt? Meine Antwort tendiert eher in Richtung: nein.
Aber selbstverständlich, Arthur. Es geht nicht um Zusatznahrung, sondern um die alleinige Nahrung von Babies, bevor zugefüttert wird. Woher sonst soll ein Baby Vitamine bekommen? Deswegen gibt es doch so strenge Kontrollen und Vorschriften, was in der Säuglingsnahrung drin zu sein hat, und so viele verschiedene Formeln, die normalerweise der Kinderarzt anempfiehlt. Frühgeborene zB kriegen was anderes als Normalgewichtige, und im Laufe der Zeit, wenn das Zufüttern losgeht, kann man als Eltern die Auswahl treffen, was das Kind ißt. In Deutschland kriegen die Kinder viel Kohlenhydrate, wenn ich mich recht erinnere, Grießbrei und Zwieback. In Israel fängt man mit Tomaten und Möhren an. Und meine Schwägerin mit Kube
Aber der Milchproduzent ist eindeutig dafür verantwortlich, daß die Milch alles enthält, was ein Baby in den überaus wichtigen ersten Lebensmonaten bekommt.
Ich sehe, auf die Frage, ob auch andere länder betroffen waren (oder warum nicht) kannst du auch nicht beantworten, also muss ich wohl selber rechrchieren.(Wie nahe wäre dir diese Geschichte gegangen, wenn sie nicht in Israel, sondern in Indien passiert wäre? Hättest du überhaupt davon erfahren? Wie lange wäre sie auf deinem Radar geblieben? Was ist aus den Opfern von Union Carbide eigentlich geworden?)
Wenn in der Milch über 3 Monate lang etwas gefehlt hat (wäre es nicht so lange gewesen, wäre nicht viel passiert) und die Lebensmittelbehörden (oder Arzneimittelbehöden) das nicht gemerkt haben, dann ist auch dort was faul. Ich würde daraus schliessen, dass man, wenn man sich darauf verlässt, dass eine Baby-Milch alles enthält, was das Baby braucht, mindestens einmal pro Monat überprüfen muss, ob das auch wirklich der Fall ist…
Andere Länder sind, soweit ich weiß, nicht befallen. Diese Milch war für den israelischen Markt bestimmt, sprich, sie war unter Kosher-Aufsicht des Rabbinats. Zu teuer, um für andere Märkte brauchbar zu sein.
Natürlich bleibt mir eine Geschichte, die sich in Israel ereignet hat, mit einem Produkt, das ich kenne, und das aus meiner alten Heimat kommt, im Kopf. Ich habe leider ein allzugutes Gedächtnis für Katastrophen, die Kindern zustoßen.
Vor ein paar Tagen habe ich unseren hochgeschätzten Bäcker überrascht. Der erzählte mir, daß er Uri Lupolianski noch aus der Kindheit kennt, und leider kränkelt der, und so ein guter Mann… und ich sagte sofort: und er hat seinen Enkel so tragisch verloren, beim Zahnarzt, weil der Junge die Spritze nicht vertragen hat…
Da guckten mich alle vom Donner gerührt an, wie ich das noch weiß. Aber den Lupolianski habe ich immer gemocht, wegen Yad Sarah, dieser wunderbaren Einrichtung, und so eine Geschichte vergeß ich nicht.
Aber niemand hat doch wohl alle, Länder auf dem Radar. Wie viele grauenhafte Dinge geschehen, und wir hören gar nicht davon, oder erst viel später, oder auf Reisen, oder wenn wir aus dem Trott ausbrechen.
Erzeugnisse wie Säuglingsnahrung müssen dauernd kontrolliert werden, wie Medikamente. Eltern können das nicht leisten. Dafür gibt es Verantwortliche. Die haben versagt. Daß nun nur in Techniker für schuldig befunden wurde, empört viele. Seine Vorgesetzten müßten eigentlich die Verantwortung für ihn übernehmen. Ich kenne die Hintergründe nicht gut genug, wie sie die Verantwortung abegewälzt haben. Und das Gesundheitsamt?
Eine grauenhafte Geschichte.
@ arthur: Vitamin B1-Mangel führt wohl schon innerhalb von 2 Wochen zu Hirn-Schäden bei Babys die noch nichts außer Milch bekommen.
Im Wikipedia-Artikel ist noch dieser Welt.de – Artikel verlinkt. http://www.welt.de/vermischtes/article331760/Babymilch-Skandal-Humana-zahlt-Entschaedigung.html
Dort sieht man auch, dass es eine Verkettung war. Erstens ein Fehler bei der Messung und dann ein Fehler einer weiteren, externen Analyse-Firma, der bei der Kontrolle nicht aufgefallen ist.
Tragisch für die betroffenen Familien.
Bin kein Rechtsexperte, aber vermutlich zählt hier eher die Art des Fehlers, als die Auswirkung.