Eine kleine Meldung, Februar 2, 2013, 18:58
Posted by Lila in Persönliches, Uncategorized.trackback
mir sehr wichtig. Tot geborene Babies koennen nun beim Standesamt registriert und beerdigt werden. Auch sehr kleine Totgeburten werden damit als Menschen anerkannt, die einen Namen haben und eine Identitaet. (Ergebnis des Kampfs eines Elternpaars, das drei Kinder verloren hat.)
Ich bin nicht persoenlich betroffen, aber ich kenne aus naechster Naehe den Schmerz und die Verzweiflung ueber den Verlust ungeborener, totgeborener, fruehgeborener und -verstorbener Kinder. In den letzten Jahrzehnten hat der Respekt fuer diese winzigen Kinder, die fuer den Rest der Welt unsichtbar sind, aber bei ihren Angehoerigen eine schmerzliche Luecke hinterlassen, stetig zugenommen. Ich habe von vielen Eltern gehoert, wie schlimm es war, das totgeborene Kind weder ansehen noch festhalten zu duerfen – es ist noch gar nicht lange her, da wurden solche Toten wie Blinddaerme entsorgt, die Eltern schnell nach Hause entlassen, mit dem Rat, es “schnell wieder zu versuchen”. Es gab kein Grab, kein Gedenken, nichts. “Es war ja noch kein richtiger Mensch”.
Kindheit und Tod – diese Kombination macht Angst, ist Tabu, am liebsten moechten wir nicht darueber nachdenken, dass es sowas ueberhaupt gibt. Jede Schwangere kennt die Albtraeume und Aengste, die heutzutage gern in vielen Tests und Untersuchungen beschwichtigt wird, aber die trotzdem zur Vorbereitung auf ein Kind dazugehoert. Ich vermute, so macht die Natur aus leichtsinnigen jungen Menschen verantwortungsbewusste Eltern. Oder sie versucht es wenigstens.
Fuer Aussenstehende, besonders solche, die diese Erfahrung nicht gemacht haben, ist schwer vorstellbar, wie praesent so ein Ungeborenes schon ist, eine wie starke Beziehung man schon aufbaut. Ganz ehrlich – schon waehrend meiner Schwangerschaften war meine emotionale Bindung an das Kind staerker als die Bindung an sehr viele Menschen, mit denen ich oberflaechlich zu tun hatte. (Dass es nicht allen Schwangeren so geht, ist klar – bedeutet aber nicht, dass man danach alle beurteilen sollte.) Das ungeborene Kind ist Familienmitglied, ist wichtig, reagiert auf die Stimme des Vaters und der Geschwister, nimmt seinen Platz schon Monate vor der Geburt ein.
Der Verlust muss unendlich schwer sein. Besonders in einer Welt, in der wir uns daran gewoehnt haben, dass medizinische Probleme loesbar geworden sind – endlich. Wer die Kreutzersonate gelesen hat, mit Tolstois ziemlich genervter Beschreibung der rastlosen Sorge der Mutter um die Gesundheit ihrer Kinder, wer die Briefe kennt, die Maria Tesselschade Visscher nach dem Tod ihrer Tochter geschrieben hat – eine ganze Literaturgattung, die Trauerliteratur um Kinder, die kaum jemand lesen moechte, aus Angst vor dem unertraeglichen Gedanken… der bekommt eine Vorstellung von der Hilflosigkeit der Eltern, die wussten, dass ihre Kinder jeder Mittelohrentzuendung zum Opfer fallen konnten.
Bis zum 20. Jahrhundert ist mir keine Familie bekannt, die kein Kind im Kindesalter verloren haette – ausser Achim und Bettine von Arnim, die ihre Kinder heil durch die Kindheit brachten. (Ein Sohn starb dann bei einem Badeunfall, als er 17 Jahre alt war, wenn ich mich recht erinnere). Aber sonst faellt mir keine Familie ein, die vom Tode eines Kindes verschont geblieben waere. Die Medizin hatte keine richtige Antwort, weder auf die Gefahren von Schwangerschaft und Geburt, noch auch auf die des Kleinkindalters.
Ich habe mich fuer die visuelle Kultur des Todes immer interessiert und eine riesige Materialsammlung zum Thema “Kindheit und Tod” zusammengetragen (mit der ich im Moment mangels Zeit nichts anfange, leider). Und ich habe immer bewundert, wie die Niederlaender im Barock ihre toten Kinder symbolisch fest in die Familie integriert haben. Wenn sie Familienportraets bestellten, die gerade damals einen Aufschwung nahmen, dann waren die toten Kinder immer dabei. Mal im Totenhemdchen, mal als Engelchen im Himmel, mal nur durch Symbole als tot gekennzeichnet. Es gab auch, analog zu Totenbettportraets Erwachsener, Darstellungen von aufgebahrten Kindern.
Diese Bilder sind nur selten in Museen zu sehen, das Publikum ertraegt sie nicht gut. Ich suche sie und erforsche sie, weil ich damit den Wunsch der Eltern erfuelle – dass ihre Kinder nicht vergessen werden, dass ihre Spur sich nicht so einfach verliert.
Freud war es, der diese Integration der Toten ins Alltagsleben fuer sinnlos erklaerte. Fuer Freud war Liebe, die man an Tote wendet, Energieverschwendung. Der Sinn der Trauerarbeit muss sein, die Liebesenergie von den Toten auf die Lebenden zu uebertragen. Natuerlich braucht ein trauernder Mensch, der ueber Jahre hinweg nur dem toten Kind nachhaengt und die lebenden darueber vergisst, Hilfe. Aber wie Storm sagt – eine Frau, die ein Kind begraben hat (und bei Maennern wird es genauso sein), hat ein Kaemmerchen im Herzen, in der das tote Kind spielt. Und die Forderung an die Trauernden, die Trauer zu ueberwinden und den leeren Platz zu besetzen, ist grausam, denn sie ist aussichtslos. Kein neues Kind ersetzt das verstorbene.
Meine Urgrossmutter hatte viele Soehne. Ihre Tochter Mia verlor sie – an Diphterie soll sie gestorben sein. Meine Oma, die zweite Tochter in dieser Schar Soehne, wurde Jahre nach Mias Tod geboren. Sie erhielt einen anderen Namen, aber von der Mutter wurde sie Mia genannt. Meine Urgrossmutter hat den Tod der Tochter nie verwunden, und so sehr sie ihre anderen Kinder geliebt hat – sie haette die Erinnerung an Mia nicht aufgeben koennen.
Wordsworths Gedicht “Nay, we are seven” bringt das Gefuehl sehr stark zum Ausdruck, dass die toten Geschwister dazugehoeren. Der Erwachsene, der das Maedchen nach ihren Geschwistern befragt, will ihre Antwort nicht verstehen. Der Dialog geht eine Weile hin und her. Doch sie beharrt bis zum Schluss des Gedichts darauf: sie sind zu siebt.
How many are you then,
said I,
If they two are in heaven?
Quick was the little Maid’s reply,
O Master! we are seven.
But they are dead; those two are dead!
Their spirits are in heaven!
‘Twas throwing words away; for still
The little Maid would have her will,
And said, Nay, we are seven!
Darum halte ich Ansaetze zu Trauerverarbeitung, die sich als Ziel setzen, die Trauer aus dem Leben verschwinden zu lassen, fuer unmenschlich. (Es mag Trauernde geben, die das selbst wollen – das ist ebenso zu respektieren wie der Wunsch anderer Trauernder, den leeren Platz im Leben anzuerkennen). Die Niederlaender haben mit den Bildern der toten Kinder symbolisch ausgedrueckt, dass diese fuer sie zur Familie dazugehoeren. Tote zu lieben ist fuer sie keine Energieverschwendung. Liebe kann und muss man nicht quantifizieren.
Nichts anderes wollen die Eltern der Fruehverstorbenen. Anerkennung ihres Verlusts, Anerkennung der Tatsache, dass da ein Mensch war, gelebt hat, eine Zukunft hatte. Und sie haben es verdient, dass wir innehalten und uns bewusst machen, wie viel Trauer mit so einem Todesfall verbunden ist, wie viele alltaegliche Situationen unertraeglich werden. Und auch, dass wir an die Kinder denken, deren Charakter, Begabungen, Temperament und Eigenarten sich nie haben entfalten duerfen.
Ich habe im Lauf der Jahre erfahren, von zahllosen Betroffenen, dass ein verstorbenes Kind nie einfach “verschwindet”. Die Erinnerung bleibt, sowohl den Eltern als auch den Geschwistern. Egal wie gross die Familie noch wird, egal wie jung das verstorbene Kind war. Wie in den niederlaendischen Bildern ist das Kind immer dabei. Dass die Behoerden das jetzt anerkennen, das ist gut.
Handarbeiterinnen kennen die Seite vielleicht schon, die Klinikaktion fuer Schmetterlingskinder. Dort gibt es Anleitungen, wie man fuer solche Kinder Decken haekeln oder stricken kann, in denen die Kinder begraben werden. Liebevolle Ausstattungen sind fuer die Eltern eine kleine Hilfe. Wenigstens muss das Kind, das man kurz vorher noch warm und geborgen im Mutterleib wusste und spuerte, nicht nackt oder in einem Klinik-Tuch begraben werden.
Wir alle leben vor uns hin, ohne den Schmerz anderer zu spueren oder an uns heranzulassen. Das muss wohl so sein, sonst koennten wir unser eigenes Leben nicht bewaeltigen. Aber Anteilnahme und Anerkennung fuer diese Eltern und Kinder sind noetig, damit die Eltern weiterleben koennen und wissen, dass ihr Kind eine Spur auch im Leben anderer hinterlassen hat. Dass sie mitgerechnet werden. Dass sie im Stammbuch stehen, ein Grab haben.
Kommentare
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Liebe Lila
Vielen Dank für diesen Artikel.
Und einen schönen Sonntag
Monika
vor ein paar Jahren ging es einmal durch die Zeitungen, daß irgendeine Sparte von Academia jetzt zu der Einsicht gekommen sei, daß z.B. Afrikanerinnen ebenso unter dem Tod eines Kindes litten wie wir i.e. daß die “Normalität” dieses Leides den Schmerz keineswegs geringer machte.
Mir fiel wie so oft die Kinnlade runter und ich erinnerte mich, wie meine griechische “Schwiegermutter” mal so ganz en passant erwähnt hatte, daß ihr eines ihrer Kinder gestorben sei als ihr ein Topf mit kochendem Wasser vom Gaskocher gefallen war. Das Wasser war dem Baby/Kleinkind ins Ohr gelaufen. Der Schmerz der von ihrer Ecke am Herd zu meiner Ecke auf’m Sofa rüberkam machte die Luft wie zum Schneiden dick – der Ton und ihr Anblick war wie Körperschmerz für mich.
Und all diese FeldforscherInnen hatten es über Jahrzehnte als Dogma hingenommen, daß Frauen (es ging um Frauen, von Männern war nicht die Rede) in weniger “zivilisierten” Gegenden weniger leiden? … weil’s da häufiger ist und frau sich drum dran gewöhnt und weil sie andere hat und drum weiter funktionieren muß.
Wo waren deren Seelen/deren Mitfühleinrichtung/deren Augen/deren Ohren, wenn sie mit den Frauen sprachen? Kann Hörsaalwissen/”Expertise” all das so leicht überlagern?
Ja, man spricht “den Anderen” so leicht ab, dass sie genauso fuehlen wie wir. Was fuer ein grauenhafter Tod, das arme Kind.
Viele meinen auch, frueher haetten die Leute das auch nciht so gespuert, die waren’s ja gewoehnt. Als ob es leichter waere, das vierte Kind zu begraben, als das erste. Auch fuer glaubensfeste Stoiker war es nicht einfach.
Wie einfach es ist, sich den Schmerz anderer Menschen kleinzureden… wir sind schon eine seltsame Spezies.
Ich hatte zwischen meinen beiden Toechtern eine Fehlgeburt, sehr frueh, ca. in der 9. Woche oder so, ich weiss nicht mehr. Ich habe getrauert, man hat es mir angemerkt, und das war genau das Problem. Mir wurde gesagt, “jetzt muesse es aber langsam gut sein”, weil ich nicht faehig war, auf die Beerdigung des Kindes einer Freundin zu gehen. Das Kind der Freundin war schon ein Kind, (1 jahr oder so), das, was ich verloren hatte “nur” ein Embryo. Auch mein damaliger Ehemann sagte das, dass ich uebertreibe. Wie kommen andere Menschen dazu, einem zu erzaehlen, “wann genau” es nun aber mal gut ist… ??
Danke fuer den Artikel.
Noa
ja Lila und was für ein unvorstellbar unerträgliches Erlebnis für die Mutter – ich denke drum hat sie’s nur so nebenbei erwähnt und wollte auch offenbar nur, daß ich es zwar weiß, aber nicht dran rühre.
In jedem der Häuser wäre jeder Unfallverhütungsbeauftragte dem Wahnsinn verfallen und das Unglück geschah zu einer Zeit als unglaubliches Multitasking noch Alltag war, weil die Frauen damals noch mit zum Fischfang auf die Boote mußten und das heißt, außer bei schlechtem Wetter, nie nie nie 8 Stunden Schlaf am Stück.
So sehr einem manchmal die Gaffer und Ballermänner unter den Touristen auf den Wecker gingen, das gab sich immer sofort, wenn man dran dachte, wie’s ohne sie war.
Liebe Lila,
ich danke Dir sehr herzlich für diesen Artikel!
Christiane
In diesem Zusammenhang sollte vielleicht der Hinweis auf Friedrich Rückerts “Kindertotenlieder” nicht fehlen, dessen Tochter Louise und Sohn Ernst 1833 bzw.1834 sehr jung an Scharlach starben; ein Verlust der Rückert völlig aus dem Gleichgewicht brachte und den er in beinahe manischer Kreativität mit dem Schreiben hunderter (zu Lebzeiten nie veröffentlichter) Trauergedichte emotional zu verarbeiten versuchte. Die Gedichte bedienen sich formal orientalischer Muster und stellen unter Verwendung oberflächlich einfachsten Wortmaterials eine hoch verdichtete Zeichensprache dar, mit der Rückert das Unsagbare auszusprechen und den Verlust – heute würde man sagen: in das eigene (Weiter-)Leben zu integrieren versuchte. Das bestimmt auch diesen ganz speziellen Ton der Gedichte, die oft in einer Strophe zwischen Verzweiflung, Resignation und Trost changieren.
“Nun will die Sonn’ so hell aufgehn,
Als sei kein Unglück die Nacht geschehn!
Das Unglück geschah nur mir allein!
Die Sonne, sie scheinet allgemein!
Du mußt nicht die Nacht in dir verschränken,
Mußt sie ins ew’ge Licht versenken!
Ein Lämplein verlosch in meinem Zelt!
Heil sei dem Freudenlicht der Welt!”
Rückerts Seelenverwandter Gustav Mahler hat 5 der Gedichte im Zyklus “Kindertotenlieder” vertont. Sie gehören zum Erschütterndsten, was jemals in Wort und Musik ausgedrückt worden ist.
“Wenn dein Mütterlein tritt zur Tür herein,
Und den Kopf ich drehe, ihr entgegen sehe,
Fällt auf ihr Gesicht erst der Blick mir nicht,
Sondern auf die Stelle, näher nach der Schwelle,
Dort, wo würde dein lieb Gesichtchen sein,
Wenn du Freudenhelle trätest mit herein,
Wie sonst, mein Töchterlein.
Wenn dein Mütterlein tritt zur Tür herein,
Mit der Kerze Schimmer, ist es mir, als immer
Kämst du mit herein, huschtest hinterdrein,
Als wie sonst ins Zimmer!
O du, des Vaters Zelle,
Ach, zu schnell erloschner Freudenschein!”
Etwas mehr zu Rückerts Kindertotenliedern auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Kindertodtenlieder
Nach der (geplanten) 5. Auflage des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-V) der American Psychiatric Association ist man psychisch krank, wenn man “zu lange” trauert. “Zu lange” bedeutet: länger als zwei Wochen.
Das ist die Zukunft, die uns erwartet.
Die spinnen, die Amis.
Die Tradition wußte: Trauer braucht ein Jahr. In verschiedenen Abstufungen. Erst dann geht das Leben wieder seinen gewohnten Gang.
Denn einen geliebten Menschen zu verlieren ist immer eine Amputation. Die Trauerarbeit kann nicht darauf hinzielen, den Menschen zu vergessen (Freud ist ein Idiot, nur am Rande gesagt), sondern mit der leeren Stelle im Leben leben zu lernen. Ich habe einmal eine Familie kennengelernt, deren jüngster Sohn mit 18 tödlich verunglückte. Mittlerweile hatten sie Enkel in diesem Alter, aber die anderen Kinder und die Enkel existierten kaum, weil der tote Sohn allen Raum einnahm. Er war schon länger tot, als er gelebt hatte…