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Gestern, heute, morgen Februar 29, 2012, 14:36

Posted by Lila in Uncategorized.
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Secundus hat es wirklich schwer. Nicht als ob er sich beschweren würde, das täte er nie. Aber er hat sehr viel Arbeit und Streß. An der Grenze zum Gazastreifen haben die Soldaten keine ruhige Minute, er kommt nicht mal dazu, vernünftig zu essen. Er ist noch magerer geworden. Weil er am Wochenende für jemand anderes einspringen muß, hat er jetzt zwei Tage frei gekriegt, er kam also gestern nach einer stundenlangen Fahrt gegen Abend. Es tut ihm sehr leid, daß er Freitag bei der Armee sein muß, denn da verlobt sich einer seiner Soldaten, einer der “Beinishim“, also ein religiöser junger Mann. Erst 18 Jahre alt und schon verlobt! Secundus sagt, er wäre so gern hingegangen, weil der Soldat so nett ist. “Manche von meinen Soldaten, die hab ich so richtig gern”.

Y. hat Secundus gestern in Akko abgeholt und nach Hause gebracht. Er ist erstmal duschen gegangen – er kann sich schon nicht mehr erinnern, wann er das letzte Mal geduscht hat. Manchmal hat er Probleme mit Blasen an den Füßen, aber als ich ihn fragte, wie es seinen Füßen geht, guckte er mich nur verständnislos an. “Meine Füße hab ich seit zehn Tagen nicht mehr gesehen, keine Ahnung”, griente er dann. Wie damals in den Golanhöhen schläft er in Stiefeln. Eigentlich schläft er gar nicht.

Wir sind dann abends essen gegangen, in ein Restaurant in Nahariya, wo wir oft und gern sind – der Pinguin. Seit wir Stadtleute geworden sind, gehen wir ja öfter mal essen. Die Kinder genießen es, besonders Secundus. (Primus und Quarta meinten schon: wir gehen immer nur essen, wenn Secundus da ist! der ist wohl was Besonderes! – Y. sagt immer, es ist erstaunlich, daß wir vier Kinder haben, von denen sich jedes zurückgesetzt fühlt!) Er hat sich richtig vollgestopft und noch einen riesigen Nachtisch gegessen. “So satt war ich lange nicht mehr”, meinte er. Ich sah sein müdes Gesicht an, die mit Schrunden übersäten Hände und die mageren Schultern – ehrlich, das ging mir durch und durch.

Die Jungens wollten einen Game-of-Thrones-Marathon machen, wie ich ihn neulich mit Primus gemacht habe. Doch sobald Secundus sich auf der Couch ausgestreckt hatte, in seinen warmen Sachen und mit Mütze auf dem Kopf, schlief er ein. Primus deckte ihn zu, Leo legte sich zu seinen Füßen, und da schläft er immer noch. Dreizehn Stunden. Primus meint, er sieht so armselig aus, daß man ihn glatt mit einer Sammelbüchse an eine Straßenecke setzen könnte. Er rührt sich nicht mal. Er ist einfach am Rande der vollkommenen Erschöpfung.

Bis morgen ist er noch zuhause. Ich habe in der Apotheke Lanolin für seine Hände gekauft, mal gucken, ob ich ihm das heimlich unterjubeln kann, wenn er tief schläft (Hände eincremen ist ja affig – auch wenn man Schrunden, Wunden und Risse in der Haut hat, klar). Primus, der wirklich ein lieber Bruder ist, hat für ihn gekocht, während ich arbeiten war.

Auf dem Rückweg kam ich im Bus am stürmischen, wilden Meer vorbei. Da ich das ja so gerne sehe, mußte ich es schnell mal knipsen. Vielleicht bin ich ja doof, aber ich finde es immer noch wunderbar, auf dem Weg zur Arbeit oder von der Arbeit am Meer vorbeizufahren – dem Meer, das jeden Tag anders aussieht und jeden Tag interessant. Flickr zickt leider gerade, ich reich das Bild vielleicht später nach.

An einer offenen Haltestelle stiegen zwei Soldaten ein, vom strömenden Regen durchnäßt. Kühl ist es heute auch. Als ich sah, daß sie beide Nachlawim sind wie Secundus, hätte ich ihnen am liebsten ein Stück Schokolade geschenkt vor Mitleid. Hätt ich nur Schokolade dabeigehabt! Wie leid tut es mir, daß wir die Kinder durch diese Mühle schicken – und ich weiß ja, daß das nichts im Vergleich dazu ist, was auf sie wartet, wenn es wirklich losgehen sollte. Klein-klein im Gazastreifen oder groß-klein im Iran oder groß-groß im Iran – lieber nicht darüber nachdenken.

Ach ja – gestern ging um 11:05 auf einmal die Sirene los. Dieses elende Jaulen, ABC-Alarm. Ich habe erstmal auf die Uhr geguckt – wäre es eine volle Stunde gewesen, hätte ich sofort gewußt, daß das ein Probealarm ist. So mußte ich erstmal schnell Ynet aufmachen – da stand dann, daß im Norden um 11:05 ein Probealarm stattfindet. Ich rief Tertia, die erschrocken in der Küche stand, sofort zu: “ist nur Probealarm” – “ganz bestimmt, Mama? woher weißt du das?” kam es gleich mißtrauisch zurück.

Primus erzählte uns später, daß er noch im Bett lag und sich dachte: “ach was, wird schon nichts passieren, ich spring jetzt nicht in der Unterhose in Tertias Zimmer, bin ich denn blöd?” Tertias Zimmer ist ja unser Luftschutzraum. Primus zog sie später ein bißchen auf: “da bist du ja angeschmiert mit deinem Zimmer, wenn wir Krieg haben, kommen sie alle zu dir gelaufen”. Tertia guckte uns strafend an und meinte, “der Probealarm findet statt, damit wir für den Notfall einüben können, was wir tun. Ihr hättet sofort zu mir ins Zimmer kommen sollen. Nächstes Mal macht ihr das, jawohl”.

Quarta sagte, in der Schule hatte niemand die Kinder vorbereitet, wohl um zu sehen, wie gut die Abläufe klappen. Es lief wohl alles tadellos, alle Kinder wußten, in welchen Schutzraum sie laufen müssen, und die Lehrer waren zufrieden. Aber einen Schrecken haben die Kinder trotzdem gekriegt.

Es ist schwer, nicht weiterzudenken. Ich hoffe ja immer noch, daß Bibis Ankündigungen und Baraks Drohungen rhetorische Druckmittel sind, daß sie es nicht wirklich tun werden. Angeblich würden die Iraner mit Raketen reagieren – womit sonst? Natürlich würde die Hisbollah im Norden und die Hamas im Süden das Ihre dazutun. Ich hoffe und bete, daß es nicht dazu kommt. Bis vor kurzem war ich ganz sicher, daß es sich nur um Manöver handelt, um den Druck auf den Iran zu erhöhen und den atomaren Wettlauf im Nahen Osten zu stoppen. Inzwischen könnte man fast meinen, sie meinen es ernst.

Ich darf mich aber nicht hängenlassen. Ich genieße, daß es draußen wieder stürmt und hagelt, nach ein paar sonnigen, auch sehr hübschen Tagen. Ich genieße, daß die Vögel der Umgebung sich von der spiegelnden Folie vor dem Fenster meines Arbeitszimmers täuschen lassen und mich nicht sehen, wenn sie auf der Fensterbank sitzen und ich sie ganz aus der Nähe betrachte. Ich genieße, daß die Arbeit mir Spaß macht, daß Y. so ein feiner Mann ist und ich ihn nach wie vor so wunderbar finde, und daß das gegenseitig ist (sein blinder Fleck, okay – jeder hat ja einen). Ich genieße es, daß ich Primus noch hier habe – bald schon wird er einen Job “abroad” annehmen und was ich dann mache, weiß ich nicht. Sein spöttischer Blick, wenn er die Spülmaschine ausräumt und mich mit einem “Finger weg, tapfere deutsche Hausfrau” aus der Küche scheucht, werden mir sehr fehlen.

Und dann ist ab Montag auch Tertia in Uniform. Es fällt mir einerseits natürlich schwerer, sie wegzulassen, weil sie immer so ein zartes Vögelchen war und ich sie gern betüddeln würde. Andererseits hat sie sich immer höchst ungern betüddeln lassen. Ihr Lieblingswort, als sie klein war, war “levad” – allein. LEVAD!, wie oft hat sie das gefordert. Alles mußte sie allein machen. Sie wird auch prima bei der Armee zurechtkommen, und die Härten, mit denen mein Infanterist zu kämpfen hat, werden ihr erspart bleiben. Hoffe ich doch mal. Aber sie wird mir auch fehlen mit ihren Kicherattacken, ihrer unerschütterlichen Loyalität zu Primus und ihrer Fürsorge für Quarta.

Wir sitzen jeden Mittag lange um den Tisch, nach dem Essen, und quasseln. Primus erzählt immer mehr Armee-Döneken, die wir noch nicht kennen. Tertia erzählt von ihren Freundinnen und witzige Schwänke aus der Fabrik, wobei wir uns manchmal alle aus einem Kicheranfall in den nächsten retten. Quarta äfft ihre Lehrerinnen nach und versorgt uns mit Klatsch aus ihrer Klasse. Manchmal sitzen wir zwei oder drei Stunden, bis Y. nach Hause kommt, dem wir dann das Essen wärmen.

Ich muß es genießen, daß ich diese Zeit habe, daß die Kinder mir zumindest einen Mama´s Digest ihrer Erlebnisse gönnen, daß wir dieses Haus bewohnen, in dem wir alle Platz haben. Jeden Tag denke ich daran, wie es im Kibbuz jetzt wäre: die drei Großen hätten ihre eigenen kleinen Zimmer weit weg von mir, sie würden ihre Wäsche in der Wäscherei waschen und mittags im Dining room essen. Ich hätte sie nur noch selten zuhause. Vielleicht hätte ihnen das sogar besser gefallen – aber ich glaube, es ist sehr gut für uns alle, daß wir diese Nähe haben. Trotzdem hat jeder sein eigenes Reich mit einer Tür, die er hinter sich schließen kann.

Ich darf das nicht vergessen, ich habe es so gut, warum bin ich nur so bedrückt? Shlomo Arzi sagt es wieder mal besser als ich: gestern war gut, und so wird es auch morgen.

אתמולה היה טוב, כן כן, אתמול היה טוב,

אתמולה היה טוב ויהיה גם מחר

Kommentare

1. Noa - Februar 29, 2012, 15:11

ja, Lila, wir sollten fuer all das Kleine und scheinbar Selbstverstaendliche, was du beschrieben hast, dankbar sein. Ich versuche auch, immer mehr und mehr in der Gegenwart zu leben, wahrhaftig HEUTE. Denn – was morgen ist, das weiss doch keiner. Aber dann ist es zu spaet, das gestern zu geniessen.
Schoene Beschreibung vor dir, danke dafuer.
Ich habe euch sehr lebendig am Tisch sitzen und lachen sehen, in meiner Phantasie.
Was fuer eine tolle Folie ist das denn? ist sie fuer dich durchsichtig und fuer die Voegel spiegelnd?
Interessiert mich sehr.
Dein Bild ist sehr schoen, das Meer ist einfach so, wie es ist.
Schoen einfach jeden Tag.
Danke.
Noa

2. Lila - Februar 29, 2012, 15:21

Ist so eine Folie gegen Aufheizung durch Sonnenlicht, glaub ich. Guckstu mal hier: http://www.flickr.com/photos/rungholt/6280480156/in/set-72157627799179047

Die Vögel denken, sie picken den Baum an, wenn sie ans Fenster picken. Guck Dir die Vogelschar an, es ist zum Piepen :-)

http://www.flickr.com/photos/rungholt/sets/72157629329157005/

3. Noa - Februar 29, 2012, 17:13

Sooo schoene Bilder… Wenn ich wieder in Israel bin, muss ich auch so eine Folie haben. Ich liebe es, die Voegel zu beobachten.
Toll!! Danke
Noa

4. Marlin - Februar 29, 2012, 18:46

Wieder ein wunderbarer Artikel, Lila, herzerwärmend und -zerreißend.

Befiehl Secundus, er möge mehr auf sich achtgeben, Stiefel aus, so oft es geht! Schlaf sowieso. :/

Genieße die Tage mit allen.

Ich denke an Euch.

5. lalibertine - Februar 29, 2012, 19:46

Ich hab einen gewaltigen Respekt vor dem, was junge Israelis während ihres Wehrdienstes durchmachen müssen.
Secundus drücke ich die Daumen für eine möglichst blasen- und raketenfreie Restdienstzeit – auch wenn das ziemlich utopisch ist.
Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

6. Rika - Februar 29, 2012, 20:26

Ach, Lila,
was sind das doch für Nickeligkeiten, mit denen ich mich herum”plage” und wie gut habe ich es. Sicher, ich hätte es auch lieber, dass meine Kinder alle in meiner Nähe wären und mal eben zum Kaffee rüber kommen könnten, und, ja, auch sie haben Stress – aber was ist das schon im Vergleich zu dem, was Du berichtest…
Ich werde ganz traurig, wenn ich das lese und mir zugleich vorstelle, wie giftig hier in den Medien gegen die israelische Armee gehetzt wird (nicht in allen, nein!) und wie man überhaupt über Israel redet, so als wären es keine Menschen, die dort ihren Alltag mir all den vielen Schwierigkeiten und Ängsten zu bewältigen haben, sondern herzlose Monster…

Ich denke an Dich und Deine Familie und wünsche, dass Euch allen ein “echter” Alarm erspart bleibt….

Mit Deiner Musik – Shlomo Arzi – wollte ich mich ein bisschen trösten, aber leider wird der Link geblockt, wegen “GEMA-Problemen, heißt es.

7. Lila - Februar 29, 2012, 22:58

Ein Update: gerade hatte Y. in großer Eile Secundus´ Wäsche für morgen fertiggemacht und der Junge hatte die Füße in einem guten Fußbad mit Salz aus dem Toten Meer… da rief ein Vorgesetzter an. Secundus und seine Soldaten haben bis Sonntag frei! Riesiger Jubel. Er kann zur Verlobungsfeier fahren. Als erstes schrie er: da werden sich aber alle freuen!, denn er mußte sie ja alle benachrichtigen. Dann: los, Primus, wir gucken Game of Thrones!

So wird er auch auf der Geburtstagsfeier seiner Oma im Kibbuz sein. Schööön!

8. mibu - Februar 29, 2012, 22:59

Ja da schau an … bei Lila piept’s. Wollten deine Katzen schon durch’s geschlossene Fenster springen ? Die müssen doch bei einer solchen Szenerie ordentlich nervös werden ! Oder halten die Vögel für fliegendes Kitekat/Sheba/Breckies … für sportlichere Tiere ?

9. Lila - Februar 29, 2012, 23:19

Die Katzen drehen total durch. Sie sitzen total fasziniert vor dem Fenster, mit zitterndem Kinn, und geben ekstatische Jagd- und Drohlaute von sich. Die Vögel unterdessen flattern immer wieder gegen die Scheibe (sie sehen dei Zweige des Baums, der sich spiegelt), die Spechte (wohl ein Pärchen) picken die Wand der Fensterumrahmung an, und wir gehen fasziniert ganz nah ans Fenster und sehen Vögel aus ungeahnter Nähe.

Inzwischen sind es ein yargazi (Meise, glaub ich), zwei Bulbul, eine Wildtaube und eben dieses Spechtpaar, die uns jeden Tag besuchen kommen.

http://www.flickr.com/photos/rungholt/6916784419/in/set-72157629329157005

http://www.flickr.com/photos/rungholt/6916786377/in/set-72157629329157005

Es ist wunderbar, daß mein Arbeitszimmer eine Art Vogelstation ist :-)

10. colchico - März 1, 2012, 1:09

Die Vogel- und Katzenbilder sind köstlich :) Erkennst Du die Vögel jeweils auf Anhieb? (Bei mir im Garten tummeln sich neuerdings oft Vögel, die für mich so exotisch aussehen, dass ich sie eher im Zoo vermutet hätte. Wenn ich dann nachschlage, handelt es sich um einheimische und keineswegs seltene Tiere, die ich Banause einfach nicht kannte.)

Gegen die Blasen hat Secundus wohl bereits alles mögliche ausprobiert. Falls aber diese Hightech-Wandersocken noch nicht darunter gewesen sein sollten: Die kann ich sehr empfehlen. Es gibt sie von diversen Herstellern. Wichtig sind meiner Erfahrung nach nur fünf Merkmale: satter Sitz, nahtfreie Verarbeitung, Polsterung an allen gefährdeten Stellen, weiche Innenseite und Material, das Feuchtigkeit ausgleicht. (Ja, ja, früher habe ich auch immer über die Dinger gespottet. Aber damals bekam ich auch noch Fleischwunden an den Füßen.)

11. Lila - März 1, 2012, 6:55

Kohlmeise, Specht, Wildtaube und Bulbul erkenne ich, das ist nicht schwierig.

Amsel, Drossel, Fink und Star haben wir noch in der Schule gelernt. Ich hatte auch mehrere schöne Bücher über Natur und Wald, da kamen sie auch drin vor. Die wichtigsten Bäume und Vögel kenne ich also. Natürlich nützt mir das in Israel nichts, wo es keine Birken gibt und die Eichen viel weniger knorrig sind als in Deutschland.

Specht ist unverkennbar, bei der Meise mußte ich nachgucken, ob es wirklich eine Kohlmeise ist. Aber das sind besonders hübsche Tiere.

Bulbul gibt es in Deutschland nicht, den mußte ich neu kennenlernen, als ich nach Israel kam. Ist aber kein Problem, denn der Bulbul hat einen schwarzen Kopf, daran erkennt man ihn sofort. Er ist auch kräftiger als zB Meisen, ein bißchen gedrungen.

Wildtaube, keine Ahnung, wie die auf Deutsch wirklich heißt :-)

Nachgucken muß ich die hebräischen Namen, wenn ich allein zuhause bin. Ansonsten kennen Y. und die Kinder diese Vögel auch.

12. A.mOr - März 1, 2012, 8:33

„Wildtaube“ kenne ich bislang nur als scheue Taube, die nicht in den Städten lebt. Sie unterscheiden sich von den „Stadtgeiern“ ;) dadurch, daß sie scheuer sind und deutlich weniger Verletzungen/Verstümmelungen aufweisen. Äußerlich mag es sein, daß die „Wildtauben“ etwas schlanker sind. Das macht Sinn, denn sie haben immerhin auf dem Land die Falken im Nacken…
Wikipedia hat was zur Palmtaube.

Ein ähnliches Erleben, Vögel vor dem Fenster, kannte ich, als ich in einer Miet-Wohnungsanlage residierte. Vor/unter dem Küchenfenster stand ein kleines Gestrüpp, eher ein Bäumchen mit viel dünnem Geäst und Laub, in dem sich gerne die Spatzen der Gegend aufhielten. Sie ließen sich durch mich, dem stets das Herz aufging beim Betrachten dieser kleinen „Springer und Zirpser“, überhaupt nicht stören.

Eines Tages tanzte eine „Landschaftspflege-Truppe“ an, die von der Immobilienfirma beauftragt war. Sie haben dieses kleine Gestrüpp/Bäumchen einfach entfernt, es herausgerissen und entsorgt. Ich war zu spät, um etwas verhindern zu können. Die Spatzen sah ich dort, unter dem Küchenfenster, nie wieder.
Es war eine Düsternis in die Gegend eingezogen. Die Freude Morgen für Morgen, jene Vögel zu sehen, sie still zu begrüßen, sie war dem Boden entrissen worden wie ein „alter Zahn“.
Nur, es war ein junger, gesunder „Zahn“ voller Leben, voller Freude.

Traurig, aber ein gutes hat es doch, denn die Spatzen haben sich einfach andere Orte, Gestrüppe gesucht, so daß ich ihnen hin und wieder noch begegnete.

13. mibu - März 1, 2012, 8:45

Ich habe nach dem lateinischen Namen der Taube gesucht und bin auf die Palmtaube gestossen.

14. A.mOr - März 1, 2012, 8:56

Hallo Rika!

Für Dich habe ich was; GEMA nervt, nicht wahr?
Es gibt aber eine legale Möglichkeit, das hin und wieder (so wie hier beim Shlomo Arzi) zu umgehen. Ein klein wenig „auf den Weg“ möchte ich Dich trotzdem schicken, daß Du gleich den ganzen Pfad kennst und weißt, wer uns den Segen brachte…
Also, dem Kommentar nach unten folgen (und Danke auch dem Entwickler!).
(Hoffe, es hilft Dir, Rika.)
;) Guten Morgen.

15. Karl Eduard - März 1, 2012, 9:58

Kannst Du Dir vorstellen, daß iranische Mütter auch so von ihren Kindern denken? Sicher. Ich drücke Euch jedenfalls die Daumen, daß der befürchtete Fall nicht eintritt. Die Politiker, die ihn dann eingerührt haben und die Journalisten, die die Kriegstrommeln rührten, kommen da meistens völlig unbeschadet davon und können dann auf den nächsten Krieg hinarbeiten.

16. Lila - März 1, 2012, 10:15

Selbstverständlich, welche Frage. Welcher Mensch, der seinen Verstand beisammen hat, möchte seine Kinder oder Freunde oder Nachbarn in einen mörderischen Krieg schicken, in dem sie töten müssen oder sterben oder beides? Ich habe nie etwas über das iranische Volk gesagt, das eine solche Frage nötig macht. Ich weiß nicht, wie viel Prozent der Iraner es sind, die Ahmedinijads Linie für sinnvoll halten und bereit sind, dafür in den Krieg zu ziehen bzw eine Atombombe wollen, um den Staat Israel auszulöschen – was ja das worst case scenario ist. Aber ich bezweifle nicht, daß es im Iran viele Menschen gibt, die entsetzt sind über die Eskalation, die unter Umständen bevorsteht.

Ich hoffe, wir kommen aus dieser Situation allesamt gut raus.

17. Naomi - März 1, 2012, 10:31

Kommentar Nr. 15

@ Karl Eduard -

ich bin sicher, dass es unzählige iranische Mütter gibt, die ihre Kinder NICHT in einen Krieg schicken möchten.

Aber es gibt im Iran leider eben auch dieses:
Die iranischen Kinder und Jugendlichen werden von klein auf zum Hass gegen alles Westliche und natürlich auch zum erbitterten Hass gegen den “zionistischen Feind” erzogen – siehe folgende Studie zu ihren Schulbüchern:

http://www.welt.de/politik/ausland/article13842155/Die-Herzen-der-Schueler-sollen-von-Hass-erfuellt-sein.html

Vielleicht erinnerst du dich noch daran: Im iranischen Krieg gegen den Irak von 1980-1988 schickten die religiös verblendeten fanatischen Ayatollahs mehr als 500.000 iranische Kinder über die Minenfelder in den sicheren Tod.

Am Ende des Artikels über die iranische Erziehung zum Hass schreibt der Autor:
“Wer die eigene Jugend chancenlos in den sicheren Tod schickt, dem darf man einiges zutrauen. Darauf zu hoffen, dass die iranische Jugend diese Erziehung zu Hass und Krieg nicht annehmen wird oder die Eltern erfolgreich dagegenhalten, fällt schwer.

Der Marsch über die Minenfelder hat eben nicht nur gezeigt, wozu fanatisierte Kriegsherren fähig sind, sondern auch, dass die Kinder den Willen zum Märtyrertum so verinnerlicht hatten, dass sie, wie Iraker berichteten, fröhlich singend in den Tod gingen.

“In einem vor dem Einsatz niedergelegten „Testament“ eines 14-Jährigen heißt es: „Wie erbärmlich, wie niedergeschlagen, wie unwissend habe ich 14 Jahre meines unglücklichen Lebens ohne das Wissen um Allah verbracht. Der Imam hat mir die Augen geöffnet. …
Wie süß, süß, süß ist der Tod. Er ist wie ein Geschenk, das Allah seinen Auserwählten vorbehalten hat.“

Ich finde alle Erwachsenen, die irgendwo auf der Welt Kinder und Jugendliche zum Hass auf andere Menschen erziehen, einfach nur widerlich und erbärmlich …

18. Rika - März 1, 2012, 11:06

@ A.mOr
Vielen Dank für die nette “Schnitzeljagd”. Hat Spaß gemacht!!!
Nun muss ich es nur noch umsetzen…. Das wird!!!!

19. A.mOr - März 1, 2012, 12:34

Sehr gerne, Rika! Und der Rest der Jagd ist garnicht so schwer, einfach runterladen und schon funktioniert’s…

20. Malte S. Sembten - März 1, 2012, 14:18

Und dann ist ab Montag auch Tertia in Uniform.

Müsstest Du nicht bald auch das umgekehrte Gefühl genießen können, nämlich dass ein Kind die Armee verlässt und ins Zivilleben eintritt? – Wann beendet denn Primus seinen Waffendienst?

Iranische A-Bombe: Leider ist kaum zu bezweifeln, dass es in der iranischen Führung Gestalten mit Märtyrer-Mentalität gibt, die A-Bomben auf Israel feuern würden. Was natürlich auch beweist, dass es denen ebenso wenig wie der Hamas oder der Hisbollah darum geht, Palästinenser auf israelischem Boden anzusiedeln, der dann ja auf unabsehbare Zeit verseucht wäre. Es geht denen nur darum, Juden zu töten und den Judenstaat auszulöschen.

21. Silke - März 1, 2012, 14:24

A.mOr

nein, den Spatzen geht ex nicht gut – eine Nachbarin ca. Jahrgang 20er, in Hessisch Sibirien hat mir mal erzählt, daß wenn sie früher das Frühstückstischtuch im Hof auswedelte, der Boden schwarz von Spatzen war, heute seien es nur noch eine Handvoll. Das war vor ca. 20 Jahren, geht es ihnen heute besser?

Außerdem fehlen den Spatzen vermutlich die Dachböden, die heute ja alles Wohnungen sind und wo dennoch noch mal einer ist, wird der abgedichtet, wegen des Krachs den sie machen und/oder wegen der Heizkosten. Für die Fledermäuse hat man wohl zumindest einige neue Unterkünfte gefunden, aber für die Spatzen?

In “meinem” Dorf hatten fast alle Häuser Anrecht auf kostenlose Kontingente Buchenholz.

22. Silke - März 1, 2012, 14:29

von Nordkorea gibt es heute morgen was Gutes zu lesen, hoffentlich hat es was zu bedeuten.

http://www.nytimes.com/2012/03/01/world/asia/us-says-north-korea-agrees-to-curb-nuclear-work.html?

23. Lila - März 1, 2012, 16:25

Malte, Primus ist schon entlassen, und er wird demnächst anfangen zu arbeiten, um Geld zu verdienen, bevor er studieren geht. In Kürze mehr dazu :-)

Ich genieße es unendlich, daß Primus (bis auf viele Fahrten zu Freunden und zu Einstellungsgesprächen) zuhause ist. Gerade haben wir die Mittagstafel aufgehoben – diesmal hatte ich sie alle vier drumherum sitzen, und wir haben mehr als zwei Stunden noch um den Tisch gesessen und geredet. Primus ist eine große Hilfe, für uns alle. Er bereitet Tertia auf die Armee vor, macht Hausaufgaben mit Quarta, kocht und macht die Küche, macht seine Wäsche selbst und hilft unauffällig überall, wo er sieht, daß Hilfe nötig ist. Außerdem zieht er mich ununterbrochen auf und bringt mich zum Lachen. Irgendwann in nicht allzu weiter Ferne wird er ausziehen, bis dahin genieß ich seine Gegenwart.

24. colchico - März 1, 2012, 22:38

Vögel, die aussehen wie die Wildtauben/Palmtauben, habe ich in Europa bisher nur in Istanbul gesehen. “Amsel, Drossel, Fink und Star” waren mir zwar aus dem Kinderlied bekannt. Wie sie aber wirklich aussehen, wusste ich nur von der Amsel. Daneben erkannte ich lediglich Spatzen, Blaumeisen, Tauben, Möwen, Mauersegler und Krähen.

Letztes Jahr lernte ich dann, dass im, äh, naturnahen Teil des Gartens ein Zaunkönig lebt. Auf dem Rasen sah ich einen Wiedehopf und bei der Nachbarin einen Grünspecht und einen Gimpel. Die waren mir alle neu, und bei den letzten drei vermutete ich erst, sie seien irgendwo entflogen. Tatsächlich “ausgebrochen” war hingegen das Rebhuhn, das eines Morgens durch die Terrassentür spazierte. Es gehört einem Jungen, der einige Häuser weiter lebt, und geht gelegentlich auf Wanderschaft.

25. Lila - März 1, 2012, 23:15

Wiedehopfe sehe ich oft auf einer Wiese in Nahariya, mitten in der Stadt. Der Wiedehopf, duchifat, ist sogar zum Nationalvogel erwählt worden. Obwohl er ja furchtbar stinken soll :-)

Störche, chassida, sammeln sich in riesigen Gruppen in einem Olivenhain bei Kfar Yasif, man sieht sie zwischen den Bäumen herumstorchen und dann fliegen sie alle zusammen hoch und schweben über der Stadt.

Ich habe schon Auerhähne, chogla, auf der Terrasse gehabt. Falken, baas, gibt es hier nicht so viele wie im Kibbuz, aber immer noch genug, und manchmal sieht man richtig große Raubvogel – eine Adlerart, den deutschen Namen kenn ich nicht.

Ich mag besonders gern nachlieli, die Bachstelze.

Schwarzweiße diebische Elstern haben wir hier nicht, aber dafür jede Menge diebischer Krähen. Orev lakchan. Lakchan heißt “Wegnehmer”. Ein Kibbuz-Sprichwort besagt: im Kibbuz gibts keine ganavim (Diebe), nur lakchanim (Mitnehmer). In der Politik ist es wohl ähnlich :-D

Ich kenne leider nur die verbreitetsten Vogelarten. Das Hin- und Her-Übersetzen ist bei Tieren oft schwierig. Ich gehe normalerweise über den lateinischen Namen, weil ich sichergehen will.

Mich verwirren hier die ungenauen traditionellen Namen für Rehe und Hirsche. Ich weiß genau, wie in Deutschland ein Reh und ein Hirsch aussehen, aber obwohl Hirsch oft als zvi übersetzt wird, ist ein zvi viel zierlicher als der deutsche Hirsch. Es ist eigentlich eine Gazelle. Ein zvi eretz-israeli ist eben was ganz anderes als ein Hirsch. Ein Hirschtier, aber eben nicht der kernige Rothirsch aus Gangelt.

Damhirsche, yachmur, gibt es hier auch, wir haben im Wald schon öfter welche gesehen. Im Süden gibt es auch das yael, den Steinbock.

Ein Freund, der Biologe ist, hat mir mal erklärt, woher meine Verwirrung bei all den Geweihtieren kommt. Er sagt, in Europa sind die Hirschtiere geweih-abwerfend (Cerviden), in Afrika dagegen behalten sie ihr Geweih (Boviden). Israel ist eines der Gebiete, wo es beide Sorten von solchen Tieren gibt. Das war jetzt bestimmt sehr ungenau, aber er hat mir alles mögliche erklärt über die verschiedenen Tiere, wovon ich leider vieles wieder vergessen habe.

Immerhin, Wildschweine in Deutschland oder Galiläa sehen gleich aus und haben diesen empörten Blick drauf, wenn sie Menschen zu Gesicht bekommen.

26. Jakobo - März 2, 2012, 0:02

Hallo Lila:

sehr schoener artikel. ich mag es sehr wenn du ueber alltaegliche dinge schreibst. danke fuer die offenheit :-)

was ich an der kibbuz bewegung nie richtig verstanden habe ist dass sie sich so sehr in das familienleben eingemischt haben. mit extra haus fuer die kinder und so weiter. ich glaube dass jede ideologie oder bewegung die eben nicht die familie respektiert keine zukunft hat egal ob in israel oder in der diasporah.

J

27. Lila - März 2, 2012, 0:49

Mit Verlaub, ich glaube, das siehst Du etwas falsch. Es waren nicht Andere, die sich in das Familienleben eingemischt haben, sondern es waren die Familien selbst, die Eltern, die die Familie für die Gemeinschaft und die Einmischung geöffnet haben.

Noch bevor die Kibbuzniks überhaupt Kinder hatten, haben sie sich überlegt, aus Notwendigkeit und aus Ideologie, daß sie zukünftige Kinder eben nicht nach dem Modell Kleinfamilie erziehen wollen, in dem sie selbst großgeworden sind. Das kam nicht von außen, sondern von innen.

Und als mangelnden Respekt kann man es auch nicht bezeichnen. Vielleicht hatte die Kibbuz wenig Respekt vor dem Modell Kleinfamilie, wie die Kibbuzniks der ersten Generation es noch aus der Diaspora kannten. Dafür hatten sie sehr viel Respekt für Frauen, Männer und besonders Kinder.

Sie haben versucht, den Kindern Autonomie zu geben, sie aus den Begrenzungen der Familie zu befreien. Ausschlaggebend war die “Gesellschaft der Kinder”, nicht die Familie, obwohl die Eltern als liebevolle Figuren durchaus eine Rolle spielten. Aber nicht die Eltern bestimmten, sondern die Kinder selbst. Die “Gesellschaft der Kinder” gab sich viele ihrer Regeln selbst, organisierte sich selbst. Es war viel Raum für Kreativität, für Arbeit, Sport, Natur, Lernen. Es wurde viel Musik gemacht, viel gefeiert, viel Theater gespielt und gewandert. Ohne die Eltern, dafür mit den anderen Kindern. Für viele Kinder bedeutete das eine sehr glückliche Kindheit. Für andere nicht.

Das ideale Modell, das allen optimale Entfaltungsmöglichkeiten gibt, das existiert nicht. Auch nicht in der Kleinfamilie, in der alle Familienmitglieder einander viel mehr ausgeliefert sind.

Heute sprach ich mit meiner besten Freundin aus dem Kibbuz genau darüber. Sie ist die Jüngste von fünf Kindern – das einzige Mädchen nach vier Söhnen. Sie kam mit einem Zwillingsbruder zur Welt. Für den Bruder, für alle ihre Brüder war der Kibbuz wunderbar. Sie selbst ist ein eher introvertierter Typ, hängt sehr an ihrer Mutter, und war als Kind oft traurig. Heute erzählte sie mir, daß ihre Mutter (eine wahrhaft bezaubernde Frau, die Y.s Kindergärtnerin war – Y. liebt sie sehr) ihr gesagt hat : “so gut die Gesellschaft der Kinder für deine Brüder war, so sehr hast du darunter gelitten. Das war mir nicht klar, als du klein warst – ich hatte die Gesellschaft der Kinder als ERfolgsmodell gesehen. Ich dachte, mit dir oder mir stimmt was nicht, daß es uns so schwer fiel, so oft getrennt zu sein.” Es war eine richtige Aussprache zwischen Mutter und Tochter.

Du darfst einen Kibbuz nicht mit einem totalitären Staat verwechseln, der den Eltern die Kinder wegnimmt und sie formt. Ein Kibbuz ist eine kleine Gemeinschaft. So wie die Mutter meiner Freundin Y. erzog und betreute, so war Y.s Vater Vorsitzender des Erziehungsausschusses und nahm Einfluß auf die Erziehung. Das waren keine Fremden, keine Vorschriften von außen. Ständig änderte sich das System, jede Woche trafen sich alle Erzieher, die Eltern hatten viel zu sagen, die meisten Mütter und viele Väter waren in der Erziehung aktiv. Aber eben nicht nur in der ihrer eigenen Kinder, sondern auch der anderer Leute.

Da mußte man sich auf die anderen verlassen.

Meine Schwiegermutter, der gütigste Mensch der Welt, habe ich nur einmal wütend gesehen: als sie mir erzählte, wie sie von der metapelet ihres Jüngsten im Stich gelassen wurde. Nennen wir diese Frau Sima. Sima war Babyhaus-Metapelet, also für die Babies zuständig. Meine Schwiegermutter arbeitete in einem Kleinkindergarten, wo sie u.a. Simas älteste Tochter betreute. Ihr eigener Sohn, mein lieber Schwager, war ein Baby und bei Sima im Babyhaus.

Im Yom-Kippur-Krieg heulten die Sirenen im Kibbuz. Meine pflichtbewußte Schwiegermutter nahm die Kinder ihrer Gruppe mit in den Schutzraum, weil sie sich drauf verließ, daß Sima bei den Babies bleibt. Da kam Sima in vollkommener Panik angekeucht. Sie hatte die Babies im Stich gelassen, um bei ihrer Tochter zu sein. Meine Schwiegermutter rannte nun ihrerseits ins Babyhaus und brachte die Babies in den Schutzraum, mit der Hilfskraft, die dort zurückgeblieben war.

Sie kann Sima bis heute nicht leiden und hat ihr diesen Ausfall nie verziehen. Zu Recht. Das System funktioniert nur, wenn jeder bereit ist, die fremden Kinder mit ganzen Einsatz zu betreuen, zu erziehen, zu schützen, zu beobachten und ihnen zu helfen.

Warst Du mal in einem Kibbuz? Alles dreht sich dort um Familie und Kinder. Auch zu Zeiten der gemeinschaftlichen Erziehung. Alle Väter und alle Mütter wurden zwischen vier und sechs Uhr, zur Zeit der Kinder, als die Kinder zuhause waren, von der Arbeit freigestellt. Zwei Stunden reine Qualitätszeit. Danach mußten Mütter wie meine SChwiegermutter, die immer im Kinderhaus arbeitete, zurück in ihr Kinderhaus, andere Kinder ins Bett bringen. Und Väter wie mein Schwiegervater, der den Abend frei hatte, machte mit den Kindern die Runde und brachte sie alle drei der REihe nach in ihren jeweiligen Kinderhäusern ins Bett. Mit Vorlesen, Baden, Abendessen und so weiter.

Auch davon gibt es schöne Erinnerungen. Und Y. hat bis heute zu allen Eltern der fünf anderen Mitglieder seiner Stammgruppe ein sehr nahes, vertrautes Verhältnis. Er hat nicht darunter gelitten. Andere Kinder schon.

Aber weißt Du was, Jakobo? Ich glaube, es gibt viele Kinder, die in ihrer Familie leiden, und die in einem Kinderhaus bei einer lieben, klugen, ausgebildeten und erfahrenen Erzieherin sehr gut aufgehoben wären. Kinder, denen zwei Stunden Elternhaus-Atmosphäre reichen, wenn diese Atmosphäre von Ablehnung, Kälte oder Aggression geprägt ist.

Im Kibbuz beurteilten einander die Eltern recht unverblümt. Das führte auch dazu, daß die Eltern sich riesige Mühe gaben, mit Geduld zu erziehen. Kinder verprügeln oder beschämen war einfach tabu und nicht drin. Der eine Vater, der seinen Sohn mal in einer Regennacht zur Strafe vor die Tür schickte, hatte hinterher riesigen Ärger mit allen Freunden und Nachbarn.

Der Kibbuz fuhr gemeinsam auf Ausflüge, in Urlaub und ans Meer. Die Zeiten waren anders. Auch heute noch bietet der Kibbuz diese Ausflüge an – wir sind selten mitgefahren, weil wir lieber mit uns allein sind, mein Schwager hingegen fährt immer mit, samt Familie. Sie genießen das. Das ist doch toll.

28. Jakobo - März 2, 2012, 1:23

jetzt habe ich bei dir aber auf den ausloeser gedruckt ;)

danke fuer die ausfuehrliche und auch schoene beschreibung.

wir haben unterschiedliche definitionen von respekt glaube ich. ich weis schon dass der kibbutz als lebensart eine freiwillige entscheidung war. ich denke nur dass auf dauer keine lebensart oder ideologie oder wie du es bezeichnen willst ein staerkerer zusammenhalt sein kann als die familie. gut, in der diasporah hat die familie vielleicht nochmal eine andere bedeutung als in israel obwohl ich finde dass israelies in manchen sachen sehr juedisch sind ;-) In der diasporah ist es selten dass sich ein jude in seine familie reinreden laesst oder freiwillig da etwas aufgibt und auch bei nichtjuden ist es nicht so unglaublich anders. (ich denke dass die sozialisten das nicht richtig verstanden haben.)

dass es viele kinder gibt die in ihren familien leiden darueber brauchen wir glaube ich nicht zu diskutieren. und es gibt ja auch viel gewalt in familien gegenueber frauen darueber brauchen wir auch nicht zu diskutieren denke ich.

ich selber habe noch nicht in einem kibbuz gelebt und rede mehr von dem eindruck den ich aus geschichten von anderen habe.die meisten geschichten sind uebrigens sehr schoene genau so wie deine.

vielleicht lag es auch eher an der umstellung von der wirtschaft in israel das die kibuzzim an bedeutung verlohren haben oder daran dass der pioniergeist nachgelassen hat. aber bei pioniergeist sind wir schon wieder bei spirituellen und simbolic themen angelagt und da spielt lebensform und familie usw. wieder eine rolle.

J

29. colchico - März 2, 2012, 1:36

Störche! Die habe ich bisher nur im Zoo gesehen. Legen sie die Kinder zwischen den Bäumen ab oder beim Schweben über der Stadt?

Falls der Adler so aussieht, dann heißt er auf Deutsch Steppenadler.

Dass die Wiedehopfe stinken, hat man mir auch erzählt. Das sei sogar sprichwörtlich (“stinken wie ein Wiedehopf”). Der auf dem Rasen hinterließ aber keinen Geruch, nur Löcher. Die würden auch die Krähen im Frühjahr picken, wenn ich die Erbsen lege. Sie versammeln sich dann immer, und kaum habe ich mich entfernt, versuchen sie, die Gitterhauben zu entfernen. Hoffentlich finden sie nie heraus, dass und wie sie die Heringe aus dem Boden ziehen müssten.

Bachstelzen gibt es offenbar auch in Mitteleuropa, darauf muss ich mal achten. Der hebräischen Name passt für mein Ohr viel besser zu einem so hübschen Vogel.
Wenn ein Auerhahn über meine Terrasse spazierte, bekäme ich aber wohl einen ordentlichen Schrecken, die sehen ja archaisch aus. Das ging mir auch so, als ich dem ersten Steinbock in freier Natur begegnete (beim Wandern). Ihm wohl ebenfalls, wir traten jedenfalls beide den Rückzug an.

Die Verwirrung bei den Tierbezeichnungen kann ich sehr gut nachvollziehen. Bei mir beginnt sie schon bei Ziegen und Schafen. Früher dachte ich, Ziegen hätten Hörner und Schafe keine, dafür ein gelocktes Fell. Das war einIrrtum. Anscheinend sind die beiden aber nahe genug verwandt, dass sie sich gelegentlich kreuzen. Vielleicht ist das mit den Geweihtieren im Überschneidungsgebiet ebenso?

30. colchico - März 2, 2012, 1:38

Oh, da fällt mir noch eine Vogelart dieses Winters ein: der Seidenschwanz. Die Federn auf dem Kopf kann er aufstellen, dann sieht er aus wie ein Punk.

31. Jakobo - März 2, 2012, 1:42

PS.: was mir immer so exotisch vorkommt ist eben dass alles einen bestimmten slogan oder symbolik oder eben irgend etwas kuenstlich erschaffenes braucht aber eben der begriff von grosseltern, eltern und geschwistern, cousins und so weiter einfach eben nicht kuenstlich ist. es ist eher das was ich gegenueberstelle und da ist der unterschied dann nicht mehr so gross ob jemand anderes etwas erfindet oder ob ich selbst das mit enthusiasmus tue.

klar es ist schwer die gesamte erziehung zu uebernehmen vor allem wenn beide eltern arbeiten muessen und da ist gegenseitige unterstuetzung sehr gut und es macht ja auch die kinder selbstaendiger.

deine kibbuz geschichten lese ich von allem am liebsten aber manches wirkt wirklcih sehr exotisch auf mich.

was ich am setlsamsten finde ist das man im selben kibuz ist aber die kinder oft in anderen haeusern schlafen war das oftmals so oder war das eher eine art extremfall?

J

32. Lila - März 2, 2012, 1:50

Die Auerhähne, die ich hier gesehen habe (und die uns in Manot auf die Terrassenbrüstung geflogen sind, mehrmals – keine Ahnung, warum), die sehen aber anders aus. Heller. Sie haben aber markante Schwanzfedern. Ich muß mal nachforschen, was das genau für Burschen waren.

Noch nie einen Storch gesehen! Das ist ja kaum zu glauben. Die Störche aus Israel sind doch im Sommer in Nordeuropa. Es ist so schön, wenn sie in der Luft kreisen. Die Pelikane tun das auch. Einmal ist ein riesiger Schwarm Pelikane ganz niedrig über uns weggeflogen. Mit ihren dicken Schnäbeln sehen sie anders aus als die grazilen Störche, auch wenn der Flugstil auf den ersten Blick ähnelt. Wunderbare Tiere.

Ich wünschte, ich würde von diesen Sachen mehr verstehen. Y. kennt jede Pflanze und jedes Tier, da bin ich oft neidisch. Er kann auch sämtliche Schlangen auseinanderhalten – jedes Kind lernt hier, woran man die einzige gefährliche Giftschlange, die zefa (Palestinerock viper bzw Bergotter) http://www.sciencephoto.com/image/101178/large/C0036952-Palestinian_viper-SPL.jpg erkennt. Aber Y. kennt auch andere Schlangenarten, er hält alle möglichen Frösche und sowas auseinander. Ich nicht.

33. colchico - März 2, 2012, 2:14

Also ich finde die Kenntnisse der Vogel- und Geweihtierarten schon beeindruckend. (Natur war für mich lange eher so etwas für draußen, wo’s keine Bücher gibt, also da, wo ich nicht war.)

34. Lila - März 2, 2012, 2:15

Jakobo: das war in allen Kibbuzim so. Schade, daß meine Serie über Erziehung im Kibbuz mit meinem alten Blog ins Nirwana versunken ist.

Zu Anfang schliefen die Kibbuzniks in Zelten. Ein einziges festes Haus gab es, darin schliefen die Kinder mit der Metapelet. Alle Mütter arbeiteten mit, auf den Feldern, und schoben nachts Wache. Die erste Metapelet des Kibbuz erinnerte sich noch, wie schwer es war, abends die Eltern loszuwerden, besonders im Winter – nur im Kinderhaus war es warm, und nur dort gab es richtig leckeres Essen. Und natürlich die Kinder.

Die Kinder schliefen im Kinderhaus, mit ihrer Gruppe.

Ich werde mal versuchen, ob ich die alte Serie darüber noch irgendwo abgespeichert habe. Dann stelle ich sie noch mal rein. Als ich anno 1988 als Volunteer in den Kibbuz kam, war die neue Siedlung für die Familien noch im Bau, und die Kinder schliefen noch in den Kinderhäusern, obwohl keiner mehr davon überzeugt war, daß das beste für die Kinder sei. In Y.s Kindheit waren seine Eltern davon überzeugt und waren sogar davon begeistert. Die Häuser waren für alle gleich klein, alle hatten dieselben Bedürfnisse, keiner konnte aus großer Kinderzahl Vorteile schlagen, die Frauen waren abends frei für die wunderbare politische Arbeit in Ausschüssen…

Männer wie mein Schwiegervater haben anfangs gar nicht verstanden, warum die jungen Frauen auf einmal Druck machten, die Kinder nach Hause zu nehmen. Als ich im Kindergarten als Volunteer arbeitete, habe ich morgens noch die Kinder geweckt, ich wußte von jedem Kind, welche Zahnpasta es lieber mag und ob es lieber mit Tee oder Kakao verwöhnt wird nach dem Aufwachen.

Als ich aber anderthalb Jahre später selbst verheiratet war und Mutter wurde, war Primus´Gruppe die erste im Kibbuz, die von Anfang an zuhause schlief. Ich sagte zu meiner Schwiegermutter, mit der wir jeden Abend im Dining Room zu Abend aßen, “sonst wäre ich wohl nicht hier geblieben”, und sie sah mich verblüfft an. “Ja aber wieso denn, alle Leute haben doch die Kinder im Kinderhaus, das ist doch ganz normal”. Und ich meinte, “ja, alle Leute im Kibbuz. Aber sonst keiner”.

Als Y. das erste Mal zu meinen Eltern zu Besuch kam und am ersten Abend die Treppe ins Schlafzimmer hochkletterte, rief meine Mutter ihn zurück. “Warte mal, hast du eigentlich jemals bei deinen Eltern zuhause übernachtet?” “Nein, hab ich nicht” “Das heißt, bei uns übernachtest du, aber bei deinen Eltern hast du nie geschlafen? Wahnsinn” sagte meine Mutter, und wir lachten alle. Echt Wahnsinn.

Als meine Schwiegermutter nach Y.s Geburt gesundheitliche Probleme hatte und nicht aufstehen durfte, haben sie ihr nicht etwa das Baby ins Haus gebracht. (Das wäre auch schwierig gewesen, denn das Zimmer meiner Schwiegereltern hatte weder Toilette noch Bad – sie benutzten Gemeinschaftsduschen und -Klos). Sondern meine Schwiegermutter kriegte ein Bett ins Babyhaus gestellt.

Übrigens haben die meisten Frauen im Kibbuz lange gestillt, auch meine Schwiegermutter, das wurde ermutigt. Nur eben nicht zuhause :-)

Zuhause war nur ein Zimmer mit Kochnische, später auch mit Klo und Dusche, irgendwann gab es dann zwei Zimmer mit Kochnische und Klo-Dusche. Kinderhäuser waren viel komfortabler. Kibbuzniks waren verdammt arm damals.

Noch in den 50er Jahren konnte man sich zum Abendessen aussuchen: ein Ei oder zwei Oliven. Meine Schwiegermutter meint, Genießer wählten ein halbes Ei und eine Olive :-D

Im Kinderhaus gab es alles. Auch wenn die Erwachsenen darbten, die Kinder hatten alles. Es gab eine extra Kinderküche, die auch Nachtische machte – sowas gab es für Erwachsene gar nicht.

Nach dem Golfkrieg 1991 gingen auch die letzten ideologischen Shmutznik-Kibbuz (shomer hazair = shmutz) dazu über, die Kinder nach Hause zu holen. “Selbst in Baram” hieß es dann. Ich glaube, Baram war der letzte Kibbuz, der an den communal sleeping arrangements bis Mitte der 90er Jahre festhielt. Alle anderen Kibbuzim, zuerst die Takam, aber dann auch shmutz, gingen zu family sleeping arrangements über. Auf Druck der Eltern.

Daraufhin brauchte man größere Wohnungen, die Leute aßen abends zuhause, die Frauen waren nicht mehr politisch aktiv… und das Verhängnis nahm seinen Lauf :-)

Y. hat übrigens zu seinen beiden Eltern ein ausgezeichnetes Verhältnis. Zu seiner Mutter besonders eng. Obwohl er ein “ben kibbutz” ist. Vielleicht gerade deshalb. Spannungen zwischen seinen Eltern, die sich scheiden ließen, als er Mitte 20 war, hat er nie mitgekriegt.

Viele “Töchter des Kibbuz”, so meine unwissenschaftliche Erfahrung, haben mehr als die Söhne gelitten. Bei Gruppen-Treffen ist Y. schon mal schockiert, wenn die Mädchen auspacken und sagen: wißt ihr noch? Er erinnert sich mehr an die schönen Erlebnisse.

Es war wohl schwer für Söhne und Töchter des Kibbuz, wenn sie selbst eine Familie gründeten und keiner der Partner wußte, wie man das macht.

Y.s Tante, die den Kibbuz zehn Jahre vor uns verließ und ihre Kinder alle noch im Kinderhaus gehabt hatte, sagte mir ganz verstört, bevor wir selbst den Schritt taten: “mach dich drauf gefaßt, draußen hast du als Frau wahnsinnig viel Arbeit, keine Wäscherei mehr, kein Dining room…” Da mußte ich lachen. Ich hatte seit Jahren weder das eine noch das andere genutzt (und damit natürlich das Meine zum Niedergang dieser Institutionen beigetragen). Ich sagte ihr “keine Sorge, ich komme von draußen, ich weiß, wie das geht”.

Und ihr wurde klar, wie groß für mich der AnpassungsSchock gewesen sein muß, als ich in den Kibbuz kam…

Trotzdem bin ich froh, daß ich das alles noch miterlebt und gesehen habe. Lina meshutefet, communal sleeping arrangements, Gemeinschafts-Schlafen – das ist vorbei, gibt es nicht mehr.

Dabei gab es noch Studien, wie gut das für die Kinder sei. Freudianism gone wild…. sagt man heute, damals waren das ernsthaft aufgestellte Thesen.

Mein Schwiegervater hält es im innersten Herzen nach wie vor für sentimentalen Unfug, Kinder im Haus der Eltern schlafen zu lassen, glaube ich :-)

Mit jeder Generation, jedem Jahrgang, wurde das GEwicht der Gesellschaft der Kinder etwas geringer und das der Eltern größer. Schwiegervater kannte seine Eltern kaum, Y. war gern aber eben immer nur zwei Stunden zuhause, meine Kinder waren ganz zuhause und nur nach der Schule im Kinderhaus – und wer das nicht wollte, wie Tertia, kam eben nach Hause.

Hier ein paar alte Bilderserien:
http://www.flickr.com/photos/rungholt/sets/823693/

http://www.flickr.com/photos/rungholt/sets/747766/

das Treffen von Y.s Kindergruppe vor drei Jahren

die Ausstellung über Kinderhaus-Erziehung

die erste Gruppe des Kibbuz – als Soldaten

Einfach mal durchblättern :-D

35. Lila - März 2, 2012, 2:19

Colchico, meine Kenntnisse kamen immer mehr aus Büchern als von der Pirsch :-D

36. Paul - März 2, 2012, 2:44

Bei meinem Besuch in Israel haben wir ein paar Tage in einem Kibbuz übernachtet.
Ein alter Kibbuznik, der noch zu den Gründern gehörte, hat einen Vortrag gehalten und die Betreuung und Unterbringung der Kinder damit begründet, dass in den Anfangszeiten die Kibbuze nachts manchmal (häufig?) von Arabern überfallen wurden.
Die Unterbringung der Kinder nachts in eigenen Häusern, in der Mitte des Kibbuz gelegen, ermöglichte es den Erwachsenen sofort die Verteidigung des Kibbuz zu übernehmen. Sie mussten nicht erst ihre Kinder in Sicherheit bringen. Die Betreuer der Kinder haben an den Kampfhandlungen nicht teilgenommen. Als diese Gefährdung wegfiel, ist man bei dieser Betreuungsform geblieben, weil es die Eltern für die Arbeit im Kibbuz verfügbarer machte.
Auch die Gemeinschaftsverpflegung ist eine Entlastung, die Arbeitspotential freisetzt. Die ganztägige Kinderbetreuung hat den gleichen Effekt.
Sicherlich ist auch diese Lebens- und Arbeitsorganisation ein Teil der Erfolgsgeschichte der Kibbuze.
Der alte Kibbuznik war traurig darüber, das war Anfang der 90-er Jahre, dass die Lebensform des Kibbuz von vielen Jüngeren nicht mehr akzeptiert wird.
Er war schon über 80 und hielt freiwillig, verpflichtet wäre er dazu wohl nicht mehr (?), diesen Vortrag mit wirklich interessanten Dias über die Anfänge des Kibbuz und das gegenwärtige Leben im Kibbuz.
Lila habe ich das mit der Begründung für die Kinderbetreuung richtig verstanden?

37. Jakobo - März 2, 2012, 3:01

dann hast du ja auch eine riesenumwandlung durchemacht denke ich mir… ich wusste nicth dass du am anfang als freiwillige in das kibbuz bist. ich stelle mir vor du bist in das kibbuz und in einem alter um dich abzunabeln, oder? klar, da warst du dann dort super aufgehoben. aber die umstellung war dennoch seltsam fuer dich? klar und dann hast du als du kinder bekommen hast sozusagen die andere perspektive kennengelern

ich denke als single koennte ich mir das auch eher vorstellen als mit familie. aber was ich zum beispiel auch nicth verstehe, wie du eben ja auch gesagt hast dass du mehr auf familienleben eingegangen bist und damit zum niedergang beigetragen hast. ich habe aehnliche statements auch von anderen gehoert. aber warum meinst du, dass das zum niedergang von der ganzen kibbuz idee beigetragen hat? oder zwangsweise beitragen musste? das ist es auch was ich am anfang gemeint habe. ich glaube das auf das ganze mit der aufgabe von familienstrucktur eben zu viel wert gelegt wurde und so stellt es dann eben auch anschliessend alles in frage.

ist hashomer stark in israel? und was ist mit dror? haben die auch kibbuzim dort? im ausland ist meistens beitar und natuerlich bnei akiva eher stark.

wie bist du auf die idee gekommen ausgerechnet nach israel zu gehen? hattest du vorher schon einen bezug zu israel oder juden?

was ich immer sehr spannend finde an deiner geschichte ist dass du ja dich entschlossen hast deine familie in einem land zu gruenden, dass nicht dein geburtsland ist und dich auch keinen giur zu machen. das ist auch eine art doppelte diasporah fuer dich empfindest du das auch so?

J

38. Paul - März 2, 2012, 3:17

Lila, vielen Dank für 34. Sehe sowas immer gerne.
Aber jetzt muss ich in’s Bett. Mir fallen schon die Augen zu. Aber morgen geht’s weiter.
Ach so, ehe ich es vergesse.
Was Männer angeht, hast Du einen guten Geschmack. :wink:

39. Jakobo - März 2, 2012, 3:19

“Hier ein paar alte Bilderserien:”

wow.. nicht schlecht.. danke fuer die fotos.

war das treffen auch im selben kibbuz? auf den fotos kommt schon stark die veraenderung ueber die zeit durch.

40. mibu - März 2, 2012, 7:12

jakobo, wenn ich’s richtig mitbekommen habe waren Kibbutzim fast durchwegs oder immer sozialistisch geprägt. Heute verbindet man mit Sozialismus eine authoritäre ideologische Bevormundung, weil sich in der Folge enormer geschichtlicher Brüche des 20.Jahrhunderts ein sehr individualistischer Freiheitsbegriff gebildet hat. Eine Folge davon ist, dass Kinder heute einen anderen Stellenwert als früher haben. Das war in der relativ stark patriarchalischen Gesellschaftsordnung, die noch bis 1914 in Deutschland als Norm galt etwas anders. Damit meine ich nicht, dass damals Eltern ihre Kinder nicht geliebt haben. Aber die Stellung des Vaters als Oberhaupt der Familie, teilweise sogar in konkreter rechtlicher Hinsicht, bedeutete einerseits, dass die Eltern gegenüber ihren Kindern in einer anderen Machtposition standen als heute und das es kaum rechtliche oder staatliche Institutionen gab, an die man sich wenden konnte, wenn Kinder in unglücklichen Verhältnissen, z.B. unter häuslicher Gewalt, zu leiden hatten. Zwar gab es häufig kirchliche Einrichtungen, die sich um Kinder kümmerten. Die Machtstellung der Eltern, insbesondere des Vaters wurde von der Kirche jedoch nie in Frage gestellt.

Sozialistischen Ideologien liegt meist ein weniger individualistischer Freiheitsbegriff zugrunde, weil sie prinzipiell vom Menschen als einem sozialen (hier nicht idealistisch gemeint) Wesen ausgehen. Einen Teil seiner Freiheit und Autonomie gewinnt der Einzelne durch die Erfahrung mit der Gesellschaft bzw. mit einer Gemeinschaft, die über den Rahmen familärer Bindungen / Beziehungen hinausgehen. Darum wurden verschiedene sozialistische Erziehungsmodelle und Einrichtungen vorgeschlagen, die Kindern schon früh die Möglichkeit geben sollten, sich nicht ausschliesslich von den Eltern und deren Willen abhängig zu erachten. Es ging gewissermassen um eine frühere Emanzipation des einzelnen.

Der Begriff Emanzipation hatte im antiken Rom eine sehr spezielle Bedeutung: die gesellschaft war streng patriarchalisch, das heisst, der Vater war als Oberhaupt der Familie (Frau, Kinder, Kindeskinder, Sklaven und Bedienstete) die einzige rechtsfähige Person. Ob ein Sohn geheiratet und seine eigene Familie bildete, spielte keine Rolle. In Rechtsstreitigkeiten wurde nur der Vater zur Verantwortung gezogen und konnte als einzige Person der Familie vor Gericht gehen. Die Emanzipatio vollzog sich erst mit dem Tod des Vaters, wobei der Begriff später auch auf Sklaven, die freigekauft wurden, übertragen wurde. Im Prinzip war das römische Recht und dessen patriarchalisches Ideal sogar noch bei der Entstehung unseres bürgerlichen Gesetzbuches die Grundlage, weshalb noch heute viele lateinischen Begriffe eine besondere rechtliche Bedeutung haben (lese gerade ein Buch über Rechtsgeschichte, das mich sehr fasziniert).

Was von heute und besonders von unserer westeuropäischen Sicht aus am Modell des Kibbutz etwas eigen- und fremdartig erscheint, war zur Zeit seiner Entstehung der Versuch, Freiheit und soziale Bedürfnisse auf neue Weise miteinander zu verbinden.

41. mibu - März 2, 2012, 7:25

“Heute verbindet man mit Sozialismus eine authoritäre ideologische Bevormundung, weil sich in der Folge enormer geschichtlicher Brüche des 20.Jahrhunderts ein sehr individualistischer Freiheitsbegriff gebildet hat.” … ist zwar nicht falsch, aber kann ich so nicht stehen lassen: dass man mit Sozialismus Bevormundung verbindet, hängt leider vor allem mit vielen schlecht verlaufenen Versuchen zusammen, eine sozialistische Gesellschaftsordnung auf die Beine zu stellen. Die Kibbutze gehören zu den, vielleicht sogar einzigen, erfolgreichen Versuchen.

42. mibu - März 2, 2012, 7:40

In einem weiteren Sinn kann man im sozialistisch geprägten Zionismus auch einen Vorgang der Emanzipation von den europäischen Gesellschaften, ihren Strukturen und ihrer Kultur, sehen, von denen man sich lösen wollte, um etwas neues, eigenständiges aufzubauen. Mein Eindruck ist, dass daraus eine der Zukunft zugewandte Haltung und Motivation entstanden war, die Israel zumindest bis anfangs der 1970er Jahre stark geprägt hat.

43. A.mOr - März 2, 2012, 9:31

Oj Silke, „den Spatzen geht es nicht gut“, das wollte ich so am liebsten garnicht lesen, aber es scheint, daß Du recht hast. Meine Hoffnung ist, daß Spatzen&Co wenigstens auf dem Land noch gute Chancen für ein vogelgerechtes Leben haben können, selbst wenn ich sie dann vielleicht nicht im Auge habe. Sie werden mich schon rufen, wenn es soll… :)
Der „Asphalt“ ist einfach unaufhaltbar, aber es konzentriert sich doch mehr auf Städte. Und die werden wohl eher hoch und tief gebaut in Zukunft, als zu sehr in die Breite, nehme ich an. Abgesehen davon dürfte es in Zukunft noch „schwimmende Städte“ geben, mal nebenbei.
Nicht unwahrscheinlich, nicht?

Die Spatzen werden schon noch weitere Nischen finden, immerhin ist „der Vogel“ älter als „der Mensch“. ;)

Korea, wie Du weißt, da habe ich etwas Bezug (aber nicht zuviel Information), hoffen wir also das Beste für die Koreaner! Und in dem Sinne (und wie in dem Artikel auch angesprochen) hoffe ich sehr, daß nicht das US-amerikanische Wahljahr der eigentliche Grund für eine „Show“ sein sollte, die letztlich weder den Koreanern noch Israel hilft (…„Die Mullahs und das Bömbchen“).
Immerhin ist Obama nicht gerade hilfreich bezüglich der israelischen Bemühungen, die iranische Bombe zu verhindern. Es sieht eher danach aus, als wollte Obama das Schicksal Israels dahingehend „vertrauensvoll“ in amerikanische Abwägung entreißen. Jupp, Israel auf Gedeih und Verderb der „Obama’schen Weisheit“ ausgeliefert. Wie ich finde, das sind keine guten Aussichten.
Und wozu ist das eigentlich gut? Kann der sich nicht einfach Gesichtscreme auftragen und damit zufrieden sein? :mrgreen:

Dazu möchte ich noch sagen, daß mich der Gedanke einen ‘Kim of Northkorea’ mit zig Bömbchen weit weniger beunruhigt, als der, die Mullahs mit nur einer einzigen zu wissen. Man mag nicht zufrieden sein über das, was wir von hieraus über Nordkorea zu „wissen“ glauben, aber meine bescheidene Erfahrung: „Irre“ sind die Koreaner nicht. Das denke ich über Iraner eigentlich auch, aber ich habe bald nur Flüchtlinge kennengelernt.

Und dies noch Silke, das HR-Video, was Du im anderen Strang gesetzt hast, sieh’s Dir ruhig an. Die Blödmännerfrauen am Anfang sind nur Einleitung, wozu’s gut ist, weiß ich nicht recht.
Der Rest mag für Dich interessant sein? Sind immerhin „meine Kollegen“, die dort sprechen, ohne die wir hier in Deutschland kaum noch „mehr oder weniger“ funktionierende Synagogen hätten mit allem drum und dran (zB Kulturangebot, nur weil ich’s selbst so schätzen lernte;-).
Etwas dort angesprochenes mag ich nochmal hervorheben, nämlich das selbst sehr gut qualifizierte Juden aus der Ex-SU (also so ziemlich alle) in Deutschland oft nur eher „Hilfsarbeiter-Jobs“ bekommen, weil Deutschland SU-Abschlüsse (sei’s der Akademiker, der Ingeneur usw) schlicht nicht anerkennt. Aber wehklagen über den Mangel genau solcher Qualifizierten, das sind Zustände! :cry: :roll: :cry:

Guten Morgen, liebe Silke (-Damen und Herren-), (und speziell auch an Yael) ein „tsiganer-lid“ hab’ ich noch.

Und Danke an alle Beteiligten für die interessante Vogelkunde! Was ist das für ein Vogel auf dem Bild? (Und nochmal speziell auch an Yael und ihre Katzelech!;-)

Schabat schalom ale.hem.

44. Jack - März 2, 2012, 9:57

@Rika 6.,
probier’s mal mit iTunes. Da gibt’s von dem Lied Yareach (Moon) zwei verschiedene Studio-Versionen
http://itunes.apple.com/de/album/moon/id76146112
http://itunes.apple.com/de/album/shirei-ahava-sheli/id500553964
und zwei unterschiedliche Life-Versionen.
http://itunes.apple.com/de/album/hahofaa-97/id452581185
http://itunes.apple.com/de/album/onat-hahofaot/id450208062
“etmol hayah tov 

veyihyeh gam machar”

Alles muß man selber machen. Hier hilft Dir ja sonst keiner wirklich weiter, wenn’s mal drauf ankommt. Die gucken höchstens zu.
Typisch deutsch, bloß nichts abgeben. :-)

45. Jack - März 2, 2012, 10:00

Oh, Live-Musik ist nicht gleich Life-Musik.
Typisch deutsch, bloß nichts richtig schreiben. :-)

46. A.mOr - März 2, 2012, 10:06

Auch in dieser Geschichte hat der Vogel (fojgl) einen bemerkenswerten Anteil, wenn’s auch im eigentlichen um ‘dos kelbl’ geht. Der dann für Dich, liebe Lila un dajn kinderlech un chosen. ;)

Schabbojs.

47. Silke - März 2, 2012, 14:13

In mehreren Büchern, die in Südafrika spielen, Fiktion und Erinnerungen, insbesondere aber in dem Zyklus “Children of Violence” arbeitet sich Doris Lessing daran ab, wie schädlich das unbedingte Angewiesensein von Kindern auf ihre Eltern und besonders auf ihre (Vollzeit)Mütter ist (ihre eigenen Eltern waren wohl aus verständlichen Gründen zu sehr mit sich selbst beschäftigt) und wie man damit umgehen kann.

Da das auch die Zeit war, in der Doris Lessing versuchte, eine Kommunistin zu sein, vermute ich mal, daß für Kenner darin ein interessantes Gemisch von linker Theorie und real life Fallstricken zu finden ist. (Mein Fazit war: wie man’s macht, macht man’s falsch.)

48. Silke - März 2, 2012, 14:30

mibu

Wie heißt das Buch über Rechtsgeschichte?????

Danke im voraus!

Ist es nur westliche oder auch z.B. so was wie der Islam bzw. die Osmanen sich mittels Codifizierung aka Modernisierung/Verwestlichung der Sharia selbst ins Bein schossen?

http://www.carnegiecouncil.org/resources/transcripts/0039.html

(ich lese gerade “Lords of Finance” – bis jetzt, 1923, eine Entstehungsgeschichte von Zentralbanken – und habe z.B. gelernt, was der Ausbruch des Krieges 1914 geldmäßig bedeutete. Will sagen, so eine Fokussierung auf einen Aspekt finde ich sehr interessant.)

49. Silke - März 2, 2012, 14:37

A.mOr 43

meine Spatzenstories sind vom dicken Lande – Dorf mit ca. 300 Einwohner und immerhin zu der Zeit noch 2 oder waren es 3 Vollzeitbauern (einer soll kürzlich aufgegeben haben) i.e. meine Hoffnung ist, daß es den Spatzen in der Stadt besser ergeht, daß sie dort Nischen finden, so wie es angeblich den Amseln gelungen ist.

50. Jakobo - März 2, 2012, 20:43

@ Mibu:
“Heute verbindet man mit Sozialismus eine authoritäre ideologische Bevormundung”

das problem beim sozialismus war das von allen immer vergessen wurde, dass die leute nach der arbeit wieder nach hause gehen ;-)

(da hat es aufgehoert pragmatisch zu sein und ist zur ideologie geworden)

51. Jakobo - März 2, 2012, 20:54

eine andere sache die du beschreibst, Mibu, ueber die famlilie. eine juedische familie in der diasporah funktioniert sehr anders als eine nichtjuedische, deshalb kann man das was du schreibst nicht so einfach allen kulturen ueberstuelpen. die stellung der familie an sich ist anders genau so wie die stellung der frau in der famlilie.

ob der sozialismus funktioniert hat oder nicht.. ob die kibuzim funktioniert haben oder nicht haengt mehr von deiner oder meiner deffinition von funktionieren ab als von der realitaet denke ich. es macht nicht viel sinn darueber zu diskutieren.

J

52. mibu - März 2, 2012, 22:16

Silke, das Taschenbuch ist von Stephan Meder, Rechtsgeschichte, erschienen bei Böhlau UTB. Es ist ein kleines Lehrbuch der Rechtsgeschichte, aber ich finde es gut verständlich und interessant geschrieben (und darf dabei meine letzten Reste Latein ausgraben). Wobei ich noch nicht allzuweit gekommen bin, … immer noch die alten Römer. Es behandelt auch nur die europäische Rechtstraditionen, d.h. im Wesentlichen römisches und germanisches Recht, und wie sich daraus unser heutiges Recht entwickelt hat.

53. mibu - März 2, 2012, 22:26

Der Handtaschengeier ist ja bekanntlich das inoffizielle Wappenviech der nächsten größeren Stadt in meiner Gegend, der sie gelegentlich auch auf etwas seltsame Ideen bringt.

54. Silke - März 2, 2012, 23:00

zu Spatzen fällt mir gerade noch der Spatz von Paris ein

und danke mibu – nu steht es wenigstens schon mal auf der Merkliste …

55. bEn - März 3, 2012, 2:56

Als ich letztes Frühjahr in Israel war war ich sehr beeindruckt von den vielen jungen Menschen in Uniform. Einerseits immer das Handy am Ohr, andererseits haben sie doch den Eindruck gemacht sich ihrer Verantwortung bewusst zu sein.
Ich war aus Überzeugung nie bei der Bundeswehr aber ich glaube in Israel wäre ich zur Armee gegangen – freiwillig und gerne.
Dieses Gefühl des Zusammenhaltens fand ich sehr beeindruckend, ich muss aber auch zugeben, dass ich es andererseits bedrückend fand, dass das sein muss.

56. Lila - März 3, 2012, 12:22

Ich habe genau dasselbe doppelte Gefühl. Und für mich ist es besonders bedrückend, daß es drei Jahre sind für die Jungens. Wären es nur zwei Jahre, würde ich noch sagen – okay, zwei Jahre kann man für das gemeinsame Wohl drangeben. Aber drei Jahre sind ein tüchtiger Happen aus der schönsten Lebenszeit, in der man am besten lernen kann, in der man Beziehungen üben, reisen, sich selbst erproben könnte. Es ist ein zu großes Opfer, diese drei Jahre. Besonders wenn man bedenkt, daß es einen großen Teil junger Israelis gibt, die sich davor drücken. Wäre die Last gerechter verteilt, könnte man vielleicht mit 2 Jahren Regelzeit auskommen.

57. Silke - März 3, 2012, 15:35

nur mal so, weil hier immer wieder Leute auftauchen, die behaupten, daß mit der Israel-Verleumderei sei nicht so:

Man höre sich diesen Beitrag genau an und achte darauf, wann und wie ab und zu mal eine Tatsache eingefügt wird.

Wer keine Lust hat, sich die Laune verderben zu lassen, tue es lieber nicht. Dradio Wissen wirkt auf mich seiner ganzen Gestaltung nach wie ein “ich bin voll drauf auf dem Zeitgeist” Sender (der auch sehr sehr gute Angebote hat, wie z.B. die Gespräche mit seiner Statistik-Expertin). Er ist z.B. mit meinem Weckerradio mit Zimmerantenne nicht empfangbar aber hat für die “Mobilen” wohl alles, was die so brauchen.

Ich würde mal sagen, die imaginierte Zielgruppe ist Jung-Banker und der lernt hier u.a. wie “verwurzelt” der Palästinenser an sich ist und daß Intifada für etwas allumfassend Harmloses steht.

Ich würde sagen, Dominik Bretsch ist ein Name, den man/frau sich merken muß. Dem steht eine große Zukunft bevor.

http://wissen.dradio.de/palaestina-gruene-intifada.37.de.html?dram:article_id=15322

PALÄSTINA
Grüne Intifada

Reportage von Dominik Bretsch

58. mibu - März 4, 2012, 12:24

Silke, ich habe mir den Beitrag angehört. Bezüglich Wasserversorgung und -verbrauch steht für mich Aussage gegen Aussage. Ansonsten hält sich der Autor mit Wertungen aus meiner Sicht eher zurück. Dass sich Palästinenser für ihre Interessen einsetzen, zumal im eigenen Land, kann man ihnen nicht vorwerfen. Und dass das Projekt allemal sinnvoller ist, als sich propagandistischer Indoktrination und plakativem Protest bis hin zu Gewalttaten hinzugeben, sollte eigentlich nicht in Frage stehen.

59. Silke - März 4, 2012, 23:19

mibu

hast Du mal Öffentlichkeitsarbeit gemacht?

Ich schon, wenn auch nur im Nebenberuf, dafür aber mit Profi-Einarbeitung, und nach den gleichen Regeln habe ich der Welt erzählt/insinuiert, daß Frauen und Behinderte bei meinem Arbeitgeber den Himmel auf Erden vorfinden würden. (Wir waren vermutlich besser als der Durchschnitt und gelogen habe ich kein einziges Mal.)

Das Projekt ist eine feine Sache und was den Wasserverbrauch anlangt, vertraue ich Alex Feuerherdt entschieden mehr als den öffentlich-rechtlichen. http://germanmediawatch.posterous.com/die-agenda-der-israelkritiker-von-alex-feuerh

Und wo habe ich das nur neulich gefunden, irgendwo im New Yorker in nem Artikel, in dem es um was ganz Anderes ging, daß Israel in Sachen Bewässerungstechnik aka Wasser sparen unter Wüstenbedingungen, weltweit absolute Spitze ist und da soll ich glauben, daß die Siedlungen es im wahrsten Sinne laufen lassen? (ctrl-F für Israel)

http://www.newyorker.com/reporting/2011/12/19/111219fa_fact_bilger?currentPage=all

60. mibu - März 5, 2012, 8:38

Silke, in den Flüchtlingslagern auf der Westbank sind offenbar etliche Häuser nicht einmal an ein Trinkwassernetz angeschlossen. R.C.Schneider hat darüber in einem seiner Blogbeiträge berichtet. Die Menschen kommen mit Eimern und Kanistern an einen Wasserhahn an irgendeiner Hausecke. Und selbst dieser Anschluss kann gelegentlich druckreduziert oder wasserlos sein. Der durchschnittliche(!) Lebensstandard ist meinem Eindruck nach in Israel und in den Siedlungen höher als bei den Palästinensern, insbesondere gegenüber den Flüchtlingslagern und den ärmeren Wohnvierteln. Das spricht eher gegen einen ähnlichen oder gar höheren Verbrauch der privaten Haushalte.

Andererseits betriebt Israel eine sehr intensive Landwirtschaft und benötigt auch für seine Industrien sicherlich erheblich mehr Wasser als die Palästinenser. Nicht jeder industrielle Prozess erfordert höchste Trinkwasserqualität, aber Bereiche wie Pharma und Halbleiter benötigen dies unbedingt und in erheblichen Mengen. Es ist für mich, ehrlich gesagt schwer, vorstellbar, wie die Palästinenser unter diesen Bedingungen mehr Wasser pro Kopf als die israelische Bevölkerung und Wirtschaft verbrauchen können.

Dass Israel über einen hohen technischen Stand verfügt sagt noch nichts darüber aus wie und in welchem Umfang er eingesetzt wird. Dass Israel den Palästinensern laufend willkürlich das Wasser abdreht, wie es manchmal in Europa gestreut wird, halte ich für recht unwahrscheinlich. Dass aber die Kontrolle über die Infrastruktur im wesentlichen in israelische Hand liegt und deshalb im Zweifelsfall israelische Interessen vorgehen, wird wohl nicht so unwahrscheinlich sein.

61. willow - März 5, 2012, 23:17

Mibu, Aussage gegen Aussage!?

Für mich (wer bin ich schon …) eher Verleumdung gegen Fakten …

Wenn dich das Thema interessiert, Ruth trägt immer wieder Material zusammen:

http://beer7.wordpress.com/2008/07/01/hatte-ich-schon-erwaehnt-dass-wir-ein-jahr-der-duerre-erleben/

http://beer7.wordpress.com/2008/09/25/abwasser-im-westjordanland/

http://beer7.wordpress.com/2009/10/27/nach-ritualmord-wieder-mal-brunnenvergiftung/

im Prinzip werden längst wiederlegte Lügen immer wieder aufgewärmt …

62. colchico - März 5, 2012, 23:56

Lila (35), Bücher als Informationsquelle, das ist ja erschütternd! – Wahrscheinlich ist Dir Maria Sibylla Merian ein Begriff. Sie, oder eigentlich meine Mutter, deretwegen ich Merians Neues Blumenbuch entdeckte, ist Schuld daran, dass sich meine Haltung zu Grünzeug änderte von “Sieht hübsch aus, duftet gut, soll drin/Aussicht bleiben” zu “Was ist das genau, wie hat sie es gemalt, und unter welchen Bedingungen gedeiht es?” Ganz übles Virus, aber immerhin leidet man nicht dabei.

Das Neue Blumenbuch habe ich leider nicht digitalisiert gefunden, dafür aber Merians Der Raupen wunderbare Verwandelung und sonderbare Blumennahrung und die Metamorphosis Insectorum Surinamensium. Vielleicht bereiten sie Dir und dem einen oder anderen Deiner Leser ja auch Freude.

63. Silke - März 6, 2012, 0:03

willow

man muß miterlebt haben, wie die Jungen auf’m deutschen Dorf verzweifelt versucht haben, den Älteren sparsamen Umgang mit Wasser beizubringen.

Abhilfe brachte das Sammeln von Regenwasser in ehemaligen Güllebehältern im Hof und dergleichen. Da fielen dann wenigstens nur noch Kosten für Abwasser an.

Wenn man schon immer seinen Garten so gegossen hat, wenn man schon immer die Bachränder abgebrannt hat, wenn man schon immer Plastikmüll im Garten verbrannt hat usw usf

Die Nebenbeibemerkungen in dem Audio waren schlicht infam und natürlich werden immer die gleichen Lügen weiter erzählt und die gleichen Lügen den gleichen bei knorrigen Gestalten in Träumereien vom schlichten und/oder authentischen Leben verfallenden “Reportern” erzählt.

Vor einigen Monaten hatte die Brigitte einen Artikel, in dem u.a. Ahava groß rauskam. Für mich sah es nach klarem Product Placement aus i.e. Ahava hatte gelöhnt um diese Werbung im redaktionellen Teil zu kriegen. Und womit schloß der Artikel ab?

Mit nem Seifenhersteller in Ramallah, der seinen seit Generationen allen Machenschaften der Israelis zum Trotz überlebenden Seifenherstellungsbetrieb so weiterführt, wie es seit Urzeiten der Brauch ist und die “tradionelle orientalische Gelassenheit und Weisheit”, die da rüberkam, ich wäre am liebsten sofort losgelaufen und hätte die Seife gekauft. Was ist dagegen schon ein high-tech product, egal wie nachhaltig, bio und verantwortungsbewußt hergestellt, wie Ahava.

Es sind diese Art Botschaften, die ich am meisten fürchte und wenn sie bei nem offenbar lesenden Menschen wie mibu funktionieren, wie muß es dann erst bei denen funktionieren, die das nur mit halbem Ohr mitkriegen.

64. colchico - März 6, 2012, 0:58

mibu, nicht, dass ich bestreiten will, dass die Bewohner der Flüchtlingslager im Durchschnitt weniger Wasser erhalten und einen tieferen Lebensstandard haben als die anderen Bewohner der Westbank. Aber könnte es sein, dass dies zu den Dingen gehört, die nicht unbedingt an Israel liegen?

Zum Germanmediawatch-Artikel, den Silke verlinkte, passen jedenfalls zumindest die (anekdotischen, aber wiederholten) Beobachtungen, die ich um die Jahrtausendwende in der Westbank machte: unsachgemäß angezapfte Wasserleitungen, ungeschützte Gräben, aus denen das Wasser verdunstete, undichte Wasser- und Abwasserleitungen, die kein Mensch zu reparieren gedachte, Städter, die Vorplätze und Innenhöfe “zur Kühlung” und/oder “Reinigung” mit Trinkwasser abspritzten. (Kann man übrigens alles auch heute noch in Jordanien beobachten.)

Hier noch ein Artikel mit Link zu einer aktuellen Studie zur Wassersituation im Westjordanland.

65. mibu - März 6, 2012, 8:47

willow, hinsichtlich des zweiten Beitrags von Ruth fällt mir ein, dass vor über einem Jahr in Haaretz von einem palästinensischen Dorf berichtet wurde, das sich zumindest teilweise von einem Gewässer versorgt, das von Industriebetrieben einer benachbarten Siedlung verschmutzt wird. Die Palästinenser wollten eine Kläranlage bauen, doch die israelische Zivilverwaltung stellte eine Genehmigung nur unter der Bedingung in Aussicht, dass die Siedlung oder zumindest das Industriegebiet ebenfalls angeschlossen werden, wodurch das Projekt für die Palästinenser zu teuer wurde.

Die Siedlungen sind unter anderem deshalb ein Hindernis, weil sie immer wieder Konflikte um Resourcen insbesondere Wasser auslösen. Sie sind nach militärisch strategischen Gesichtspunkten von Ariel Sharon und dessen Nachfolgern geplant und errichtet worden. Dies ist einer der wesentlichen Gründe, weshalb ich die Siedlungen als Hindernis erachte und am Willen Israels eine Zwei-Staaten-Lösung anzustreben zunehmend Zweifel bekomme. So wie ich eben auch am ernsthaften Friedenswillen der Palästinenser meine Zweifel immer wieder verstärken. Jede Seite findet immer wieder einen Grund, der anderen irgendetwas reinzudrücken. Vielleicht ist diese eher etwas äquidistante Haltung ungerecht, aber das Thema ist derart von diesem langjährigen Konflikt aufgeladen, dass jedes Fitzelchen Information zu einer propagandistischen Sensation aufgeblasen wird und der Ausgangspunkt des Konflikts immer mehr in den Hintergrund rückt.

66. Silke - März 6, 2012, 9:28

mibu 58

Der Bericht ist betitelt “Grüne Intifada”

Die erste Intifada wird oft und gern als gewaltfrei charakterisiert, die haben schließlich “nur Steinchen geworfen” und andere ähnliche Harmlosigkeiten veranstaltet.

Intifada ist also genauso ein schillernder Begriff wie Jihad und ich habe die durch die rosa Brille Darstellerei von beiden mehr als dicke.

Als es bei “uns” ein oder zweimal passiert war, daß Steine von Autobahnbrücken geworfen worden waren, war ich jedesmal ein bißchen erleichtert, wenn ich sah, daß auf der nächsten Brücke keiner zu sehen war und ich war wahrhaftig nicht die/der Einzige, der es so erging. Aber wenn sich das in Israel abspielt, dann geht das als “gewaltfrei” durch?

Alles außer unzählige in Stücke Gerissene ist gewaltfrei und “Grüne Intifada” ist doch total schick, sollte unbedingt von unseren Grünen übernommen werden … oder vielleicht doch nicht?

67. Silke - März 6, 2012, 10:34

colchico

meines Wissens werden die Flüchtlingslager in Judea und Samaria ebenfalls von UNRWA verwaltet. Wer der erste, zweite und dritte usw. Ansprechpartner der UNRWA für was immer die Lager betrifft ist, müßte also in jedem Einzelfall geklärt werden.

Außerdem, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, verweigert die PA, nicht Israel, den Bewohnern das Verlassen derselben.

68. Silke - März 6, 2012, 10:48

mibu 65

und was bitte ist der Ausgangspunkt des Konflikts?

Daß es für Araber unzumutbar ist, Juden in ihrer Mitte zu “dulden”?

http://jewishrefugees.blogspot.com/

69. rolandd - März 6, 2012, 14:19

“daß es für Araber unzumutbar ist, Juden in ihrer Mitte zu “dulden”?”

Also ich finde, es ist eine super-Idee für alle, die Sieldungen dort zu lassen, wo sie sind.

Nur wenn man diese Frage mit Siedlern ernsthaft anspricht (wärest du bereit, unter Palästinensischer Souveränität zu leben?) bekommt man nicht gerade kooperative Antworten. Es geht meistens so in Richtung: Spinnst du? Was hast du heute gefrühstückt? Aber sonst bist du gesund?

es scheint also so zu sein, dass da durchaus auf beiden Seiten Bedenken bestehen…

70. Silke - März 6, 2012, 15:19

es scheint also so zu sein, dass da durchaus auf beiden Seiten Bedenken bestehen…

Soll ich jetzt hier Berichte über Schulbücher verlinken?

Außerdem meinte ich primär weder Palästinenser noch Israelis sondern die “Weltgemeinschaft”, die Judenfreiheit als irgendwie ne Selbstverständlichkeit ansieht.

Israelis leben mit einem erheblichen Prozentsatz Araber zusammen. Sollten Palästinenser glaubhaft vermitteln können, daß es Israelis unter ihnen genauso gut ginge, dann würden mich solche Fragen interessieren.

Bis dahin bleibe ich dabei, daß Steine auf Autos schmeißen nicht harmlos ist und als Minderheit in ner Mehrheitsgesellschaft leben, bei der das als “gewaltfrei” durchgeht, würde ich auch inakzeptabel finden.

Der Vergleich hinkt also lang bevor er in die Puschen kommt.

71. Culatello - März 6, 2012, 19:08

Die Situationen in Israel, wo Juden mit einem erheblichen Prozentsatz Arabern in Kooperation zusammenleben kann man eben nicht mit der Westbank vergleichen.
Hier besteht keine Kooperation, denn obwohl die jüdischen Siedler eine Minderheit darstellen, bestimmt hier de facto die Minderheit, wer welche Straßen benutzen darf, wer Baugenehmigungen erhält usw.
Es würde wohl niemandem gefallen -mir jedenfalls nicht – ständig von einer Minderheit anderer Nationalität gegängelt zu werden.
Das hat gar nichts mit dem hier von Silke manipulativ eingesetzten Wort ‘Judenfreiheit’ zu tun.
User ‘rolandd’ hat ganz recht: den Siedlern würde es sicherlich nicht passen unter palästinensischer Souveränität zu leben.


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