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Ernstnehmen oder nicht? II Februar 20, 2012, 15:15

Posted by Lila in Land und Leute.
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Das hab ich neulich schon gefragt, als es um die Werbung für HOT ging, mit dem explodierenden Atomkraftwerk in Isfahan. Ihr werdet Euch vielleicht erinnern, daß die Iraner das nicht witzig fanden, mehrere ausländische Journalisten dagegen nach verborgenen Motiven forschten. Und ich habe einfach aus Neugierde mal geguckt, was HOT als nächstes Motiv für seine Kampagne verwurstet.

Es ist wieder eine israealische Fernsehserie, die herhalten muß – ich kenn sie zwar nicht, aber ich glaube, Rami Heuberger spielt darin den israelischen Premierminister. In der Werbung gerät der von Heuberger gespielte Premierminister unter Druck, weil Yair Lapid ihm Konkurrenz macht. Kurzentschlossen verspricht der Premier allen Bürgern Fernsehen, Telefon und Internet zu besten Konditionen, natürlich per HOT.

Es ist der reinste Quark, strotzt nur so von Anspielungen (wie Amir Peretz und sein Feldstecher) und Kalauern, die der Übersetzung nicht wert sind. Es nimmt den aalglatten Politikertyp auf die Schippe, davon haben wir ja einige…, und Heuberger macht das gar nicht schlecht.

Die Idee wurde dann im nächsten Filmchen noch weiter ausgebaut, das die Ästhetik der Filmchen vor den Wahlen sehr genau parodiert. Israelis stecken bei der Wahl kleine Zettel mit Parteien-Codes in Umschläge, genau wie der kleine HOT-Zettel. Die Hubschrauber-Vistas und jubelnden Mengen, die banal-brachial-optimistische Musik – alles haargenau wie hundertmal in echt gesehen.

Eins jedenfalls ist sicher: wenn die Israelis vor ihren eigenen Institutionen so wenig Respekt haben, warum sollten sie dann vor iranischen mehr haben?

 

Und dann fiel mir ein, daß es irgendwann schon mal eine Werbung für Internet gegeben hatte, die das Motiv des Israeli im Iran benutzt hat. Allerdings mit einer anderen Pointe als HOT.

Schade, darauf haben die Iraner überhaupt nicht reagiert.

Kommentare

1. Andreas Moser - Februar 20, 2012, 15:18

Ich habe den Isfahan-Werbespot meiner iranischen Frau gezeigt, und sie fand ihn lustig. Nicht übermäßig lustig, aber OK. – Sie ist durch meinen Humor aber vielleicht auch ein bißchen verwöhnt. :-)

2. Lila - Februar 20, 2012, 15:35

Na ja, solche Sachen sind Insider-Witzchen. Wenn man die Asfur-Schauspieler kennt, habe ich mir sagen lassen, ist es witziger. Wenn man Hebräisch kann und weiß, was auf Hebräisch ein Khomeini ist, ebenfalls. Und daß Mossad auch Irrenhaus heißt (“wir waren auch mal in nem Mossad”). Das blödelt sich halt so ein bißchen durch.

Und bestimmt ist Dein Humor so unschlagbar gut, daß Deine Frau für andere matte Scherze nicht mehr erreichbar ist :-) Immer ein Zeichen für eine glückliche Ehe, wenn man den Humor des anderen liebt.

3. kaltmamsell - Februar 21, 2012, 7:31

Was steht denn auf dem T-Shirt des jungen Mannes im letzten Spot (der mir ganz ausgezeichnet gefällt)?

4. Lila - Februar 21, 2012, 7:46

Gut aufgepaßt! Es ist ein kleines Wortspiel. “Kravi ze hachi achi”, kaum zu übersetzen.

“Kravi” heißt kämpfend (wie krav maga), also kämpfende Einheiten oder Soldaten bei kämpfenden Einheiten.

“Hachi” ist die höchste Steigerungsform, der Superlativ – wie im Englischen most. “Yafe” heißt schön, “hachi yafe” am schönsten.

“Achi” heißt mein Bruder. So reden sich Soldaten oft gegenseitig an und Israelis überhaupt.

Meine Schwägerin hat Y. immer “achi hachi” genannt, “my most brother”. Sie hat den Bruder damit grammatisch gesteigert, was ja eigentlich nicht geht.

Das hachi kann hier entweder den Kampf steigern oder den Bruder, beides eigentlich nicht möglich, im Wortspiel natürlich schon.

“Fighting is the most, my brother” oder “the fighter is my most brother”, sowas würde ein soeben entlassener Soldat einer kämpfenden Einheit tragen.

Der Text zum Schluß sagt übrigens: im realen Leben ist es leider noch nicht möglich, aber im Internet schon.

5. Malte S. Sembten - Februar 21, 2012, 11:11

… wenn die Israelis vor ihren eigenen Institutionen so wenig Respekt haben, warum sollten sie dann vor iranischen mehr haben?

Humor ist bekanntlich, wenn man trotzdem lacht. Nach dieser Definition besitzen Juden sehr viel Humor und Westler einigen Humor. Araber und Moslems hingegen besitzen demnach null Humor (aber dafür ein Übermaß an unantastbarer “Ehre”).

6. Lila - Februar 21, 2012, 12:03

null würde ich nicht sagen. Ich habe mehrmals lobend hervorgehoben, wenn Araber über sich selbst lachen können, wie gut ich das finde. Da es in ihrer Kultur nicht ermutigt wird, rechne ich es ihnen noch höher an. Sowohl im Privatleben als auch öffentlich erwähne ich arabische Selbst-Persiflage, weil ich sie als sehr positives Zeichen sehe. Wer über sich selbst lacht, hat Abstand zu sich selbst. Und wer Abstand zu sich selbst hat, der sieht den Anderen deutlicher und kann auch seine Position mal einnehmen.

Kurz, Selbst-Humor halte ich für ein ziemlich sicheres Zeichen für einen voll und glücklich entwickelten Menschen.

Wer glaubt, seine Ehre wird davon verletzt, wenn er über sich selbst lacht, der hat das noch nicht verstanden.

Ich zeige in meiner Unterrichtsstunde zum Thema Kolonialismus gern den alten Clip: rock the casbah.

Da lacht the Clash über alle, Juden und Araber und sich selbst.

Und der algerische Sänger Rachid Taha nimmt in seiner Cover-Version die westliche Version und macht sie zu seiner eigenen. Das finde ich gut.

So kann man auch reagieren und den ironischen Blick auf sich selbst richten.

In guten Zeiten hat Achmed Tibi in israelischen Satiresendungen mitgemacht und sich dort durch den Kakao ziehen lassen.

Also, eigentlich wurde mehr der Umgang jüdischer Israelis mit Leuten wie Tibi durch den Kakao gezogen. Aber er hat sich immerhin von Tal Friedman anblödeln lassen. Das haben ihm bestimmt einige seiner Freunde übelgenommen….

Ebenso wie sein Auftritt bei Lior Shlein.

Und auch in der Knesset hat Tibi schon durch Humor geglänzt. So an einem Tag, als in der Knesset die jiddische Sprache geehrt wurde.

Aber natürlich stimmt es trotzdem. Abu Tir war nicht erfreut über seine Parodie im israelischen FErnsehen, und Chanin Zouabi ist nicht bereit, sich zu den Blödlern in der Sendung “mazav ha uma” (Die Lage der Nation) zu setzen, obwohl die so links sind, daß die Siedler sich bitter über sie beschwert haben, weil sie nie, nie gut dort wegkommen.

Der rechte Parlamentarier Arie Eldad dagegen hat, statt zu klagen, eine Einladung angenommen, und für Hebrew speakers ist es ein Genuß zu sehen, wie dieser ehrwürdige Professor der Medizin und Knesset-Abgeordnete die Profis auflaufen läßt. Der Mann hat Witz. Wenn Chanin Zouabi es je schafft, sich dort zu zeigen und witzig zu duellieren, dann wird sie in meiner Achtung doch steigen.

7. kaltmamsell - Februar 21, 2012, 16:41

Danke! Jetzt gefällt mir der Spot gleich noch viel besser.

8. mibu - Februar 21, 2012, 21:32

Lila, ich verstehe kein arabisch, aber ich bekomme bei Treffen mit Bekannten oft übersetzt, was gesprochen wurde. Mein Eindruck ist der, dass sich Araber sehr wohl der Probleme z.B. mit bigotten Scheinheiligen und Fanatikern, mit übertriebener Familienehre, großmäuligen und korrupten Politikern und vielem mehr in ihren Gesellschaften bewusst sind. Und sie reissen ihre Witze darüber wie wir’s auch tun, nur dass manches bei ihnen noch aktuell und akut ist, was man bei uns schon überwunden glaubt.

Die stark verschiedene Sprache und die verschiedene Schrift sind ein größeres Hindernis als uns manchmal bewusst ist. Sehr vieles bekommen wir einfach nicht mit. Nicht anders als mit Israel. Es ist nicht so unmittelbar zugänglich. Wobei Israel den Vorteil hat, dass dort englisch im Alltag erheblich gebräuchlicher ist als in vielen anderen Ländern, in denen es Zweitsprache ist (caveat: kommt mir so vor).

Zum Vergleich: mich überrascht es immer wieder, wofür im deutschen Fernsehen übersetzte Untertitel und Synchronisationen eingesetzt werden, wenn aus der Schweiz mit Redebeiträgen von Schweizern berichtet wird. Und doch, es ist dort schon alles ein klein wenig anders. Wie und warum bekommt man leichter mit, wenn man sie als Nachbarn hat und deren Dialekt gewohnt ist. Wobei … naja … gelegentlich wird sogar für Badner, Schwaben und Bayern ein Dolmetscher eingesetzt ;-)

9. Lila - Februar 21, 2012, 22:21

Mibu, ich mache bei privaten Gesprächen auch immer wieder die Erfahrung, daß Araber wesentlich kritischer über ihre Führung denken, als sie nach außen hin zugeben. Wenn sie sich sicher genug fühlen, wenn sie wissen, daß ihr GEgenüber nicht in die gleiche Kerbe haut und nicht unzulässig verallgemeinert, dann kriegt man von arabischen Gesprächspartnern manchmal erstaunlich offene und messerscharfe Analysen. Jedoch: beim Thema Israel und Juden setzte es auch bei ihnen oft aus.

Daß Ihr Südländer synchronisiert werden müßt, wundert mich nicht. Wenn Ihr Worte wie Saubazi verwendet, wer soll denn das verstehen????

Ich verstehe inzwischen eine kleine, aber wachsende Anzahl von Schlüsselwörtern in arabischen Ansprachen. Auch weil ich die als Namen von Studenten kenne. Fida, die Erlösung, Intessar, der Sieg. Ich frage meine arabischen Studenten nämlich immer, was ihr Name bedeutet. Die Namen sind oft sehr poetisch und klangvoll. Nasreen, Imtiaz, Abeer, Arij… Ich hatte auch schon Studenten, die Assad, Arafat und Jihad hießen. :-) Irgendwann lern ich mal Arabisch. Das fehlt mir. Mit shukran und ein bißchen Slang kommt man ja nicht weiter. Shaway shaway.

10. jakobo - Februar 21, 2012, 22:31

“Jedoch: beim Thema Israel und Juden setzte es auch bei ihnen oft aus. ”

Was gibt es zum beispiel fuer ein problem zwischen israel und tuerkei? gar keins. aber die tuerkische regierung weis dass die einfach nur gegen israel sein muss um sich in der arabischen welt zu profilieren. das geht am einfachsten und billigsten. das ist alles was da dran ist. israel an sich hat damit nicht viel zu tun und duerfte die eigentlich auch wenig interessieren.

11. mibu - Februar 22, 2012, 9:27

Jakobo, es mag z.T. ein gewisses Kalkül sein. Aber es könnte auch mit einem veränderten Selbstbewusstsein/-vertrauen von Erdogan, Gül, Davatoglu und allgemein der AKP zu tun haben, die die Türkei generell in einer bedeutenderen Rolle sehen und die der Meinung sind, die Türkei dort hin gebracht zu haben.

Nicht ganz zu unrecht, wenn auch nicht so erfolgreich, wie sie’s sich einbilden (meine ich). Aussenminister Davatoglu wird z.B. wegen seiner vorlaut angekündigten Zero-Problems-Politics regelmäßig auf die Schippe genommen. Europaminister Bagis fällt durch ähnlich pöbelnde Ausfälle wie Lieberman auf, usw.

12. jakobo - Februar 22, 2012, 21:15

also die tuerken haben schon ihren stoltz, da hast du recht.

aber das schliesst sich ja nicht aus einer seits steht die tuerkei wirtschaftlich sehr gut da zur zeit, dann ist die pipeline durch die tuerkei fertig gebaut das gibt viel selbstbewusstsein und selbst die usa muessen mehr ruecksicht auf die tuerken nehmen. dann gibt es noch die sache mit der eu, die tuerkei wollte lange rein und ist schon fast bettelnd an der tuer gestanden, aber ich denke vor allem deutschland und frankreich wollen das gleichgewicht zwischen eben deutschland und frankreich nicht durcheinander bringen. so suchen sich die tuerken (vielleicht mehr, vielleicht weniger gekraenkt) halt die andere option und die waere die arabische welt und wie gesagt der beste weg dorthin ist es nunmal auf israel einzuschlagen.

ich sehe keinen widerspruch zu dem was du geschrieben hast.

J

13. Justme - Februar 22, 2012, 23:43

Hier sagt Ali Soufan, Terrorismus-Bekämpfer und Nahost-Spezialist, in der Daily-Show von Jon Stewart, dass sich die Iraner und die Türken auch nicht so recht grün sind. Insbesondere soll die iranische Regierung Angst vor einem Zusammenschluss von Azerbaidjan mit der Azeri-Minderheit im Iran haben.

Ich weiss nicht, ob man daraus zwischen den Linien lesen kann, dass die USA versuchen werden, die Azeris (im Iran) zu stärken und so die Regierung zu schwächen…

http://www.thedailyshow.com/watch/mon-february-13-2012/ali-soufan

Bei Colbert Nation meinte Robert Kagan, dass es Israel nicht zuzumuten wäre, einen Schlag gegen Irans Atom-Bemühungen zu tun, das müssten die USA schon selber machen… Allerdings erst als Mittel der letzten Wahl.

Le Monde schätzt die Chancen, dass Israel gegen 4 Atom-Labors gleichzeitig Angriffe führen könnte auch nicht besonders gut ein. Sie brauchten dafür mindestens 100 Flugzeuge, die unterwegs betankt werden müssten, die Tankflugzeuge müssten ihrerseits wieder geschützt werden… Ausserdem liegen diese Dinge unter Dutzend Meter Dicken Schutzschichten aus Stahlbeton oder einfach ganz im Berg drinnen…


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