Zwei Jahre und 21 Tage Januar 21, 2012, 21:53
Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.trackback
ist es nun her, daß wir den Kibbuz verlassen haben. So lange haben sich auch die Verhandlungen hingezogen – was schulden wir dem Kibbuz, was schuldet der Kibbuz uns. Wir haben uns sporadisch mit dem Sekretär (der viele Jahre ein persönlicher Freund von mir war) getroffen, sind zu keinem Ergebnis gekommen und haben die Sache ruhen lassen, bis sich vielleicht eine neue Perspektive ergibt. Die hat sich auch ergeben – der Kibbuz hat einen neuen Berater genommen, der im Gegensatz zu den netten Laien auf ihren Kibbuz-Pöstchen weiß, was er tut, und auf einmal ging alles ganz flüssig.
Das letzte Treffen war Donnerstag. Auch die kleinsten Punkte auf der Liste, die noch lange abgebuchte Gebühr fürs Kabelfernsehen im Kibbuz und ähnliche Dinge, sind alle besprochen und beidseitig zufriedenstellend geregelt. Die letzte Unterredung, als es um einen von Anfang an strittigen Punkt ging, war unerfreulich, zumindest bis zu einem gewissen Moment. Der Kibbuz war uns in vielem entgegengekommen, in anderem nicht. Y., der sich in der Materie auskennt und von Natur aus viel kämpferischer ist als ich Weichei, sah mich fragend an. “Was sagst du, können wir das so stehenlassen?” Und ich habe ihn angeguckt und es war klar, wir machen das jetzt so und gehen nicht vor Gericht oder so. Auf einmal entspannte sich die Atmosphäre um uns herum.
Und damit war alles abgeschlossen. Wir werden den Vertrag in der Post kriegen, unterzeichnen ihn und verzichten damit auf alle Ansprüche dem Kibbuz gegenüber. Es ist ein bißchen wie eine Scheidung. Solange die Scheidung noch nicht vollzogen ist, gehört man doch noch ein bißchen zusammen. Theoretisch zumindest. Auch wenn man gar nicht will.
Und jetzt, wenn wir die Unterschrift leisten, ist es vollzogen.
Ich habe das Leben im Kibbuz wirklich geliebt. Ich mag die Menschen im Kibbuz. Ich mag die Kinderhäuser, die Gärten, unsere alten Wohnungen und Häuser und die Pfade, die wir mit unserem Glück und unseren Erinnerungen imprägniert haben, ich mag den Friedhof mit den vielen bekannten Namen. Der Kibbuz war der Grund für mich, nach Israel zu gehen, und nicht mit Y. ein Leben in Deutschland anzufangen. Ich empfand diese Lebensform als für mich gemacht und faszinierend, so wollte ich leben, und ich habe es getan. Zwanzig Jahre lang.
Als der Berater von außen, der Sekretär und der Finanzfritze des Kibbuz uns hinterher im Flur die Hand drückten, war ich wie benommen. Das Kapitel ist jetzt wirklich endgültig abgeschlossen. Endlich. Es hat mich die ganze Zeit bedrückt.
Anfangs hat es mich bedrückt, daß wir so relativ schnell aus dem Kibbuz weggegangen sind und viele Leute gekränkt waren oder ohne Verständnis. Es hat mich bedrückt, daß Secundus noch bis zum Abi im Internat blieb und ich dafür viel Kritik von Leuten einstecken mußte, die doch das Internatssystem entwickelt und unterstützt hatten, das mir anfangs so fremd vorkam. (Obwohl Secundus vergnügt war wie ein Fink und keineswegs darauf brannte, wieder unter meine Fittiche zurückzukehren).
Es hat mich bedrückt, daß es sich so lange hinzog, bis wir die alte Wohnung, Secundus´und Primus´ Zimmer ausräumen konnten, auch wenn der Kibbuz sehr kulant war und geduldig wartete, bis wir endlich Ladung für Ladung unser Leben von A nach B verfrachtet hatten. Es hat mich bedrückt, daß wir in Manot nicht genug Platz hatten für die Jungens, auch wenn die sich in der großen, hellen Nachbarswohnung wohlfühlten. Und es hat mich manche nächtliche Stunde wachgehalten, daß die Verhandlungen mit dem Kibbuz so stockend vorangingen, so widersprüchlich und so verwirrend.
Das alles hat sich nun aufgelöst. Wir sind wieder alle zusammen.
Primus sucht nach Arbeit – er muß unter den vielen verlockenden Angeboten (Schlüsseldienst in London, Sichereits-Gorilla im Ausland, Kosmetika vom Toten Meer in Australien verhökern, auf einer Farm in Neuseeland schuften, oder in einem Kibbuz in der Fabrik arbeiten… sind nur einige der Optionen) entscheiden, aber bis dahin habe ich ihn hier. Er ist fast immer guter Laune, hilft mir im Haus, wir unterhalten uns so gut. Secundus hat die halbe Zeit fast um und obwohl sein Dienst sehr hart ist, steht er dazu – er hat sich entschieden, Mem-kaf zu werden, und er ist es gern. Tertia wird in den Psychologischen Dienst gehen, wie sie es wollte – die optimale Lösung. Quarta hab ich noch zuhause.
Ich sage mir das auf, um zu begreifen, daß ich nicht mehr bedrückt sein muß. Es hat sich alles aufgelöst. Es ist viel einfacher, “draußen” zu leben als im Kibbuz, auch wenn mir das früher nie aufgefallen ist, weil ich es eben so gewöhnt war und grundsätzlich die Dinge so akzeptiere, wie sie sind. Das ist ja der Witz, daß unsere Freunde im Kibbuz uns skeptisch fragen: “und wie kommt ihr draußen zurecht? ist doch alles sehr schwierig, oder?”, und wir sagen: “nein, ist alles viel einfacher als im Kibbuz”, aber das glauben sie natürlich nicht.
Als ich mit meiner Schwägerin, die auch schon viele Jahre im Kibbuz lebt und in Israel nur den Kibbuz kennt, durch den Moshav wanderte, war sie geradezu erschrocken, wie anders das ist als der Kibbuz. “Das ist ein anderes Israel”, meinte sie, und das stimmt. Aber deswegen ist es nicht unbedingt besser oder schlechter. Und auch der Kibbuz hat sich drastisch verändert in den letzten zehn Jahren. Ich bin froh, daß ich diese Verwandlung gebloggt habe, denn so erinnere ich mich daran, wie der Kibbuz VOR der Abstimmung über den “Wandel” war. Als ich mich dort noch so wohlfühlte, so mit dem Kibbuz identifizieren konnte. Wie schön war das.
Ich dachte immer, ich bin mit Leib und Seele Kibbuznikit und bleibe es auch. Das war ich auch, solange ich da war. Aber es ist von mir abgefallen. Y. ist Kibbuznik, sein Habitus wird immer Kibbuznik bleiben. Meiner nicht. Ich genieße es, daß ich dem kritischen Auge der Kibbuz-Öffentlichkeit entrückt bin. Y. genießt, daß wir Entscheidungen über unser Ein- und Auskommen treffen können, ohne daß jemand reinredet. Und wir sind beide erleichtert, daß dieses Kapitel jetzt im Guten abgeschlossen ist. Nach so langer Zeit.
Kommentare
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Mein G”tt. So lange ist das schon her. Ich erinnere mich an den Besuch im Kibbuz, als ob das gestern gewesen wäre. Wie schnell die Zeit vergeht …
Nun, eine last weniger … wie nach einer Scheidung sind “Gratulationen” wohl nicht angebracht …
Aber ich würde gerne nochmal mit dir durch den Kibbuz laufen – aber noch viel lieber mir von dir den Moshav zeigen lassen
Da ist nicht viel zu zeigen… der Moshav ist winzig im Vergleich zum Kibbuz. Und zu sehen ist hier außer Landschaft nichts. Eben lauter private Häuser, nichts, was es nicht überall gibt. Hier wohnen 50 Familien, glaube ich. Aber kommt nur alle zu Besuch, ich freu mich. Und die Landschaft ist sehenswert genug.
Ich fühle mit Dir.
Ein Kapitel im Guten abschließen, manchmal eine schwierige, langwierige Angelegenheit. Doch dieses Kapitel wird immer ein Teil eures Lebens bleiben, weiter- und nachwirken. Das erkennt man oft erst am Ende der (Roman-) Handlung! Viel Freude für das jetzt aktuelle Kapitel!
Ich freue mich für dich, dass alles abgeschlossen ist und hoffe, dass du dich bald ganz frei davon fühlst. Du wirst mit dem Alter hoffentlich komplett unerträglich mit dann ausschließlich nostalgischen Geschichten von Kibbuzleben.
Ich kann Dir versichern, mit Zeugen und Apostill, daß ich schon jetzt gänzlich unerträglich bin.
Ich freue mich für dich! Deine Liebe zu dem Kibbuz spürt man immer in deinen Erzählungen. Danke, dass wir daran teilhaben durften. Auf nostalgische Geschichten vom Kibbuzleben freu ich mich schon jetzt
Übrigens, schöne neue Fotos hast du!
Genau Corinna … nur, wer sind diese jungen, attraktiven Menschen?
*wegrenn*
Das sind die, die Dich zum Kämpfchen fordern werden, wenn Du Dich noch mal hier hintraust!
Jawohl.
Tja, vom Leben ein bißchen gebeutelt inzwischen…
Oh-oh … da mach ich mal Komplimente …
(aber natürlich freu ich mich schon darauf, von euch verprügelt zu werden
)