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Zwischen den Stühlen – darüber April 6, 2011, 17:18

Posted by Lila in Land und Leute.
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Ich habe mich gefragt, wo Juliano Mer Khamis wohl begraben wird – und jetzt weiß ich es. In Ramot Menashe, dem Kibbuz, das wir aus unserem Fenster gesehen haben (im Blog-Banner müßte man nur ein bißchen nach links gucken, dann sieht man Ramot Menashe). Neben seiner Mutter (Palmach-Kämpferin und pro-arabische Kommunistin) wird er dort begraben – in einer säkularen, individuellen Zeremonie.  Jugendliche aus Jenin sind dabei, viele kulturelle und intellektuelle Größen Israels.

Kibbuzniks sind guteund loyale  Zionisten, aber sie sind auch tolerant. Y. hat immer gesagt, daß es niemand auf der Welt gibt, der sich ehrlicheren Herzens für die Palästinenser eingesetzt hat als die israelische Linke – bestimmt ehrlicheren Herzens als die palästinensische Führung selbst, von anderen Arabern ganz zu schweigen. (Und auch so viele Europäer, die eigentlich gar nicht FÜR die Palästinenser sind, sondern nur GEGEN Israel – was sich deutlich zeigt, wenn Palästinenser von anderen als Israelis getötet werden…)

Die Generation von Y.s Großeltern sah keinen Widerspruch darin, gleichzeitig loyale Bürger Israels und für die Rechte der Araber zu sein. Eigentlich besteht da ja auch kein Widerspruch. So gesehen ist es konsequent, daß er jetzt zwischen Kibbuzniks ruht. Mer Khamis´ persönliche Identität war gespalten, aber von allen Friedhöfen in Israel und Palästina paßt so ein Kibbuz-Friedhof, der keine Partei ergreift, am besten. Jedenfalls zeigt sich wieder mal, daß Israel sehr wohl ein Lebensrecht hat – Mer Khamis hätte in einem anderen Land des Nahen Ostens nicht so leicht ein Grab gefunden.

Kommentare

1. Paul - April 7, 2011, 11:29

Gerade eben habe ich die Lesung vom Tage (kath.) gelesen.
Dort heißt es im Buch Exodus:

“Weiter sprach der Herr zu Mose: Ich habe dieses Volk durchschaut: Ein störrisches Volk ist es.”

Unter ‘Störrisch’ verstehe ich nicht etwas negatives. Diese Störrischkeit hat es dem Volk Israel ermöglicht, trotz aller Verfolgungen zu überleben.
Störrisch haben sie an ihrem Glauben festgehalten.
Störrisch haben sie einen Staat gegründet und die Wüste urbar gemacht. Jahrtausende war es unfruchtbare Steinwüste, z.B. am See Genezareth.
Störrisch halten sie daran fest ein Existenzrecht und ein Recht auf Frieden zu haben.
Störrisch setzen sie sich für Menschlichkeit ein und erfüllen das Gebot: Du sollst den Nächsten (damit sind alle Menschen, sogar der Feind, gemeint!)lieben wie dich selbst. (Nach meinem Verständnis ist ‘Lieben’ in diesem Zusammenhang irreführend. Es ist wohl mehr im Sinne von ‘Achten’, ‘Anerkennen’, ‘Ehren’ oder Ähnlichem zu verstehen.
Deshalb wird die Meinung eines Menschen beurteilt und nicht der Mensch.
Seine Tat wird verurteilt, der Mensch wird bestraft, aber nicht ‘verurteilt’. Das Wort: “Richte nicht, damit Du nicht gerichtet wirst”, mit dem ich ein ganzes Leben lang ‘gekämpft’ habe, bekommt damit eine andere Bedeutung. (Übrigens, mein Kampf ist immer noch nicht zu ende.)
Diese Haltung haben die Juden (damit meine ich die Religion) soweit verinnerlicht, dass auch die Israelis (egal welcher und ob überhaupt einer Religion sie angehören) dies zum Motiv für staatliches Handeln gemacht haben.

Welch ein Unterschied zur Scharia!

Diese, religiös begründete Rechtsauffassung ist zutiefst human.
Da wird eben der widerliche Kindermörder bestraft. Es wird der Mörder bestraft und nicht der Mensch. Dem Menschen wird ein Studium ermöglicht. Das ist wahre Größe in der Rechtsauffassung und der Haltung zur Tat und zum Täter.

Grenzgaenger, darüber solltest Du mal nachdenken.

Auch die Beerdigung des Juliano Mer Kamis ist ein Ausdruck dieser Haltung der Israelis. Ich schreibe bewusst ‘Israelis’, weil ich damit zum Ausdruck bringen möchte, dass ich den Eindruck habe, diese, durch die jüdische Religion begründete Haltung, ist grundsätzlich in Israel Mehrheitsfähig.

Deshalb wird in Israel nur eine Tat vergolten und nicht gerächt.
Die Angriffe auf Gaza sind Vergeltung (und auch der Versuch weitere Angriffe zu verhindern) und nicht Rache.

Ich glaube, kein Palästinenser oder nur sehr wenige, verstehen das!

Ich höre mal auf, weil das Ganze ein sehr weites Feld ist.
Es würde Israel schon helfen, wenn die Weltöffentlichkeit sich zu dieser Sicht der Dinge entschließen könnte.

Das ist m.E. der einzige Weg zur Deeskalation im Nahen Osten.

2. Heimo - April 7, 2011, 15:51

fand gerade noch in facebook einen Nachruf von Juliano’s Familie:

“Family statement

We are shocked and devastated by the death of our beloved Juliano.

Juliano dedicated his life to love, people and freedom. Freedom was the essence of Juliano’s being and he fought for justice and equality on the collective and individual level.

He was a caring and nurturing father to Keshet, Milay and Jay—a legacy they will surely share with their siblings, his yet unborn twins.

He was a loving and supportive son, brother, husband, partner, friend and comrade.

He was an amazing, talented and inspiring human being.

For Juliano, freedom emanated from within. Art, politics, love and life were one. He was a rebel with a cause, a cultural freedom fighter, an articulate advocate of simple truths.

Defining himself as “100% Palestinian and 100% Jewish,” he embodied us all, not as an amalgamation of fragments but as a single organic whole.

His death is a great blow to us and to the Freedom Theatre in Jenin Refugee Camp, which he co-founded with his mother, Arna, and which we will continue to support. We share his loss with the people of Jenin and will continue to share our lives and aspirations for freedom and liberty with them.”


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