Daumen drücken (gestern geschrieben) April 6, 2011, 19:00
Posted by Lila in Kinder.trackback
für Primus. Er ist unterwegs zur Schule für Luftabwehr, wo er die Grundausbildung gemacht hat. Dort findet morgen die nächste Stufe im großen Sani-Wettbewerb statt. Primus tritt nun gegen Sanitäter aus der gesamten Luftabwehr an. Hoffentlich kommt er in die nächste Runde – Sanitäter aus der ganzen Luftwaffe.
Ach, egal, ich bin eigentlich gar keine so ehrgeizige Mutter. Er tut seine Arbeit gern und gut, das ist die Hauptsache. Der Lohn liegt in der Arbeit selbst – wenn die Menschen, die er behandelt hat, sich erholen.
Heute:
Ich hab das dann gestern doch nicht veröffentlicht – meine Güte, am Ende gewinnt der Jung nicht, und dann sind wir beide blamiert
Er hat gewonnen. Er ist der beste Sani der Luftabwehr (mit seinen Kollegen – sie treten zu zweit als Team an, als “taagad”). Er ist gegen die Jungs von Iron Dome angetreten, weil beide jeweils in der Vorrunde die höchsten Punktzahlen errungen hatten. Hawk, Patriot, die ganzen verschiedenen Batterien der Luftabwehr waren auch dabei.
Der Wettbewerb läuft so ab: jeder “taagad”, also jede Gruppe von Sanis, bekommt vier Verletzte zugeteilt. Diese Verletzten (“nafgamim”, also Abkürzung für “nifga medume”, also “gespielter Verletzter”) werden vorher genau instruiert und täuschend echt geschminkt. Die Sanis müssen so schnell wie möglich die Diagnose stellen, erste Hilfe geben und die Verletzten auf Rettungswagen und -hubschrauber verteilen.
In der Sani-Ausbildung ist die Frage, wie teilt man Verwundete ein und in welcher Reihenfolge behandelt man sie?, mindestens so wichtig wie die Frage, welche Maßnahmen man ergreift, um ihnen zu helfen. Primus hatte einen Kopfverletzten, einen Bauchverletzten, einen Thorax und einen mit abgerissenem Bein. Kopf und Thorax waren bewußtlos, der Bauchverletzte war ansprechbar. Darum entschied sich Primus, obwohl sonst die Regel gilt “Bauchverletzten kannst du nicht helfen, schick sie so schnell wie möglich weiter”, den Bauchverletzten nicht in den Hubschrauber zu verladen, sondern Kopf und Thorax. Der Bauchverletzte mußte auf den Rettungswagen warten, der länger braucht, gemeinsam mit dem Verwundeten mit der schweren Blutung am Gliedmaß. Da konnte Primus am besten eingreifen.
Alle anderen verluden den Bauch- und Kopfverletzten vor dem Thorax, aber als Primus hinterher selbstbewußt erklärte, daß der Bauchverletzte in gutem Zustand war und zu ihm gesagt hatte, “kümmer dich um die anderen”, sahen die beurteilenden Ärzte sich an und Primus kriegte die volle Punktzahl.
(Als Primus mir das erzählte, meinte er: ”wer wirklich verletzt ist, der sagt nicht: kümmer dich um die anderen, der will überleben. Die einzige Ausnahme sind Mütter”, hier grinste er zu mir rüber, “das hab ich schon erlebt. Mütter sind echte Kanonen, egal was sie haben – zuerst die Kinder. Aber sonst kannst du davon ausgehen – wer sagt, kümmer dich um die anderen zuerst, der ist nicht in Lebensgefahr”).
Das viele Training und noch mehr die vielen Einsätze in den Gebieten haben sich bezahlt gemacht. Primus und sein Kollege sind auf den ersten Platz gekommen.
Auch in den anderen Disziplinen waren seine Leute gut. Er hat noch am Tauziehen teilgenommen und dank seiner überlegenen Taktik (lehn dich zurück wie ein Baum und laß die anderen nur ziehen, bis sie müde sind) hat er bisher jeden Wettbewerb im Tauziehen gewonnen. Auch diesmal. Damit hat er auch persönlich eine hohe Punktzahl bekommen. Außerdem hat er sehr viele Leute getroffen, die er schon lange nicht mehr gesehen hatte,Er war sehr zufrieden, als er mir davon erzählte und seine Pasta mit Lieblingssauce (mit viiiiel Thunfisch, wegen der Proteine) in sich hereinschaufelte.
Ich war auch sehr zufrieden. Wie schön, wenn man ohne eigene Leistung stolz sein kann! Aber Primus deutete auf die Sauce und sagte: “hör mal, da kannst du auch stolz drauf sein, die ist dir diesmal sehr gut gelungen”.
Also alles rundherum gut. Jetzt muß nur noch Secundus morgen eintrudeln.
Kommentare
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Whao, Respekt. Wirklich toll.
Und Tauziehen auch noch!
Ehrlich, super Sache, das. Bin mir zwar nicht sicher, ob sowas wirklich messbar ist, aber von dem Jungen kann man sich getrost verarzten lassen. Gibts noch eine weitere Stufe? Bester der IDF oder so?
Also: Gratulation an die Mama.
Spannende Sache… was so alles gibt. Herzlichen Glückwunsch! Aber ich habe eh schon den Eindruck, daß dein Primus wie eine Eiche im Wind den Widrigkeiten des Lebens begegnet… Schön!
Bestimmt werden die anderen Kinder
auch noch groß
Marlin, diese Wettbewerbe nutzen den jungmännlichen Drang, sich mit anderen zu messen
und auch im Medizinstudium wird benotet. Keine Leistung ist je sauber und rückstandlos zu quantifizieren, aber es gibt schon richtig und falsch, und das läßt sich schon in Punkte fassen. Wer besser ist, wer schneller, sicherer und richtig arbeitet, das sieht der erfahrene Blick auch ohne Punktezählen.
Nach dem Wettbewerb der Luftwaffe kommt dann in der Tat IDF, aber da besteht keine Chance – da geht es gegen das Sanitätskorps, gegen die Rettungseinheiten, den Katastrophenschutz und so weiter. Das sind Profis, die nichts anderes tun als retten, retten, retten, während Primus ja auch ein paar andere Aufgaben hat.
Aber hey, Drittbester im Brummen ist doch gar nicht schlecht
Willow, Du weißt ja, wie Eltern sind
Wow, ganz herzlichen Glückwunsch!
Lila, übermittle bitte Primus meine herzlichen Glückwünsche.
Es ist schön für Dich, zu wissen, dass er nicht zu den Schlechten gehört. Natürlich kannst Du, aber auch Y., könnt Ihr, stolz auf Euren Jungen sein. Denn Ihr habt die Grundlagen gelegt.
Seine Leistung ist nicht alleine dem Intellekt oder der Intelligenz zu verdanken, sondern auch, und zwar ganz entscheident, wie ich meine, seiner Leistungsbereitschaft, seiner inneren Haltung zu den Dingen die er tut. Dort liegt Euer Anteil. Dafür habt Ihr die Grundlagen gelegt. Darauf dürft Ihr stolz sein.
Für das Andere dürft Ihr Gott danken.
>3
Ich danke täglich, ich habe so viel, für das ich danken kann. Heute war ein Eisenbahn-Unfall bei Netanya – gestern ist Primus diese Strecke gefahren. (Seine Reaktion natürlich: “verflixt, wäre ich im Zug gewesen, hätte ich helfen können!”)
Ich weiß nicht, wie groß unser Anteil ist. Ich glaube, Erziehung kann Schäden verhindern und Entfaltung ermöglichen. Aber sie kann nichts in eine Menschen legen, das nicht schon in ihm drin ist.
Der Kibbuz ist eine ideale Umgebung, um Kinder großzuziehen. Freiheit und Geborgenheit, die zwei Grundlagen, die auch Astrid Lindgren für Kinder fordert, die gibt es da. Diese Entscheidung also ist unsere und sie hat sich positiv ausgewirkt.
Aber ich kann mir die Erfolge der Kinder nicht an die Brust heften. Ich sehe so viele Eltern, die ihr Bestes geben in der Erziehung, und die Kinder haben trotzdem Probleme. Man steckt nicht drin. Und noch haben wir sie nicht alle groß – wer weiß, was für Überraschungen noch auf uns warten… chalila.
Lila, ich weiß, ein Dummer kann keine Fragen stellen.
Trotzdem, hilf bitte meinem Unwissen.
Immer wieder bin ich dem Wort ‘chalila’ bei Dir begegnet. Ich habe es immer gedeutetmit ‘So Gott will’.
:<3:
Jetzt wollte ich es genau wissen. Habe gegooglet wie versessen.
Das Wort gibt es nicht:
Ja Lila,
sehr schöner ‘Kinderbericht’. Ich freue mich für Dich und Deine Familie.
Das’ ja einst meiner Lieblingsthemen, wie Du wahrscheinlich schon bemerkt hast: Kinder, Erziehung und der Gang der Dinge, von denen man hofft, aber nie wirklich weiß, wohin die Wege der Kindheit tatsächlich führen. ’Da muß man durch – oder auch nicht’.
Bei Bedarf loslassen zu können, auch wenn das nie gelingt, in die eine wie die andere Richtung.
Oder wie Du so treffend schreibst: „Ich weiß nicht, wie groß unser Anteil ist. Ich glaube, Erziehung kann Schäden verhindern und Entfaltung ermöglichen. Aber sie kann nichts in eine Menschen legen, das nicht schon in ihm drin ist …
… Aber ich kann mir die Erfolge der Kinder nicht an die Brust heften. Ich sehe so viele Eltern, die ihr Bestes geben in der Erziehung, und die Kinder haben trotzdem Probleme. Man steckt nicht drin.
Weil’s gerade so passend ist, ich das Buch gerade lese und Du im Folgenden kurz Zeit haben solltest, der Humor auch nicht zu kurz kommt, hier ein Ausschnitt aus Anthony Bourdains Buch ’Ein bisschen blutig’ (Medium Raw):
Ich kam 1956 in New York Presbyterian Hospital zur Welt, doch aufgewachsen bin ich in New Jersey.
Es mangelte mir nicht an Zuneigung oder Aufmerksamkeit. Meine Eltern liebten mich. Keiner von ihnen trank übermäßig. Ich wurde nicht geschlagen. Von Gott war nie die Rede, sodass ich von Religion, Kirche und Angst vor Sünde und Verdammnis verschont blieb. Mein Zuhause war angefüllt mit Büchern und Musik – und oft auch mit Filmen. Als ich noch klein war, arbeitete mein Vater bei Willoughby’s, einem Fotoladen in Manhattan. Am Wochenende brachte er leihweise einen Sechzehn-Millimeter-Projektor und Filmklassiker mit. Später erhielt er eine leitende Stellung bei Columbia Records, sodass ich als Jugendlicher Schallplatten umsonst bekam. Als ich zwölf war, nahm er mich mit ins Musiktheater Fillmore East zu Konzerten von Mothers of Invention, Ten Years After und anderen Bands, die mich interessierten.
Im Sommer grillten wir und im spielten im Gartern Wiffleball. In der Schule wurde ich nicht mehr gehänselt als jedes andere Kind auch, vielleicht sogar ein bisschen weniger. An Weihnachten bekam ich das Fahrrad, das ich mir gewünscht hatte. Im Ferienlager wurde ich nie sexuell belästigt.
Ich fühlte mich elend. Und ich war wütend.
Ich wehrte mich heftig gegen den erstickenden Würgegriff der Liebe und Normalität in meinem Elternhaus – und verglich sie mit der Freiheit, die meine weniger behüteten Freunde genossen. Ich beneidete sie um ihre zerrütteten Familien, die meist leeren Häuser, die mangelnde Aufsicht. Die Geheimverstecke für die bizarren, leicht beängstigenden, aber faszinierenden Exotika ihrer Eltern: verwackelte Pornofilme, Beutelchen mit Gras, Pillen und Schnapsflaschen, deren Verschwinden oder langsames Entleeren niemand bemerkte. Die Eltern meiner Freunde hatten immer etwas anderes, Wichtigeres im Sinn und ließen ihre Kinder verwahrlosen. Meine Freunde durften lange aufbleiben, bei anderen übernachten wenn sie Lust darauf hatten, und in ihrem Zimmer Gras rauchen, ohne Angst haben zu müssen, dass es jemandem auffiel.
Ich war stocksauer. Warum konnte ich das nicht haben? In meinen Augen standen nur meine Eltern zwischen mir und einem bis zur Neige ausgekosteten Leben.
http://derstandard.at/1297820813568/Rezension-Blut-und-Traenen-statt-Balsamico-Reduktion
Keine Angst, Anthony ist seinen Weg gegangen, wenn mitunter auch abenteuerlich bzw. unkonventionell. Er ist ein guter Vater. Und ja, gut ist, und das ist eigentlich schon viel, wenn man sich ’meist bewusst ist’, das ist die eigentliche Herausforderung, auf Eltern- wie auf Kinderseite, für die es, wie Du schreibst, jedoch keine Gewähr gibt. Verflixt und auch mal zugenäht.
Und doch dankbar, wie Du schreibst.
Nochmals Danke für Deinen Bericht und die darauf folgende Anmerkung.
Aktuell ist „Welcome to the Rileys“ nicht nur in diesem Zusammenhang ein großartiger Film. Schon gesehen? Vielleicht zusammen mit den Töchtern?
http://www.sonypictures.com/homevideo/welcometotherileys/
Also isser noch im IDF Wettbewerb? Das ist doch stark. Selbst da kann er doch gut reüssieren, denn die jungen Vollsanis und so weiter können auch mal einen schlechten Tag haben oder eine Fehlentscheidung fällen. Beispiel das mit dem Bauchverletzten. Aber gut, dass Du den Ball schonmal flachhältst. Das zeichnet glaube ich eine echte Optimistin aus.
Viel Glück dem “Kind”. Muha!
“Immer wieder bin ich dem Wort ‘chalila’ bei Dir begegnet. Ich habe es immer gedeutetmit ‘So Gott will’.”
Im Gegenteil. Chalila heisst, “G-tt behüte” (d.h. es soll auf keinen Fall geschehen)
“So g-tt will” heisst “Beezrat hashem” oder “Im irze hashem”.
Daumen gedrückt.
Danke, Loreley und Lila.
Ich habe was dazu gelernt. Also hatte ich einen guten Tag.