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Oh Freude, Februar 10, 2011, 21:06

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ich hab sie alle Vier hier! Beide Söhne sind heute eingetrudelt. Primus kam schon gegen Mittag, und weil er mir genügend Vorwarnzeit gegeben hatte, konnte ich für ihn kochen. Wir haben lange zusammengesessen und er hat mir viel erzählt. Im Moment ist er ja auf den Golanhöhen, an der syrischen Grenze, ein stilles Eckchen. Ihm war die „Linie“ in den Gebieten lieber, wo er oft im Einsatz war – Verkehrsunfälle zumeist. Jetzt macht er normalen Sani-Dienst, sieht nur Soldaten, das ist ruhiger und er hat viel Zeit für madassim (Sport). Sie haben da oben wohl einen guten Fitnessraum und ein paar Trainer, und auch so geht die Zeit rum. Er hat deutlich an Muskeln zugelegt, und das, obwohl er immer schon kräftig war! Es muß schön sein, so stark zu sein. Im Mai geht er zurück in die Gegend von Bet Shemesh.

Nachmittags kam dann Secundus, mager und struppig, mit seinem neuen Abzeichen – er hat schon vier Nadeln, und jetzt ist die „Kämpfernadel“ dazugekommen. Er trägt sie mit Stolz, ebenso wie sein grünes Barett, das Sani-Würmchen und natürlich seine Waffe. Er grinste ein bißchen verlegen und drückte mir ein kleines Päckchen in Hand. „War doch Muttertag am Sonntag, und da dachte ich…“ Oh, da habe ich mich aber gefreut.

Ja, am Sonntag war hier Muttertag, Pardon, FAMILIENtag, wie es ja nun politisch korrekt heißt, mir soll es recht sein. Quarta hatte mir in der Schule was gebastelt (irgendwie bedenken die Kinder zum Familientag trotzdem die Mama, auch das soll mir recht sein…), aber ansonsten ging der Tag ganz einfach vorbei. Ich dachte wohl an Henrietta Szold, deren Todestag als Muttertag und neuerdings als Familientag begangen wird, und wie es mir gefällt, daß eine kinderlose Frau so bedacht wird. Denn Mütterlichkeit ist nicht an biologische Mutterschaft gebunden, und sie hat mehr für die Jugend Israels getan als viele Menschen, die biologisch Eltern sind, aber nicht über die eigenen Interessen hinaus denken.

Aber Secundus erzählte mir, daß am Sonntag viele Soldaten ganz melancholisch waren und ihre Mütter anriefen. Ihm selbst wäre es nie aufgefallen, daß ja Familientag ist. Während sie mitten in Hebron Wache standen, überlegten sie sich, was sie ihren Müttern schenken – wieder dachte niemand an Väter und Geschwister. Blumen, meinten die meisten, aber Secundus hatte eine andere Idee. Auf dem Rückweg ging er bei Steimatzky vorbei und beriet sich dort mit der Verkäuferin (die fand es wohl auch sehr lieb, daß ein abgerissen aussehender junger Nahlawi ein Geschenk für seine Mutter suchte).

Ja, die neue CD von Harel Skaat.

Er hat auch aus Hebron erzählt. Von Haredim, die den Soldaten Süßigkeiten bringen, und von einem Mann, der mit seinem Sohn und einem riesigen Topf vorbeikam und allen Soldaten Suppe austeilte. Bei der Kälte war ihnen das sehr willkommen. Die Soldaten haben die Aufgabe, Araber und Juden getrennt zu halten und Zusammenstöße zu vermeiden. Und dabei fair zu sein.

Er hat jetzt auch mehr von der Woche im Gelände erzählt. Er war als Sani verantwortlich, eine schwere Verantwortung. Drei Soldaten litten an Unterkühlung, Secundus behandelte sie und er sagt, es war ein denkwürdiger Moment, als er neben einem ohnmächtig gewordenen Soldaten kniete und wußte, er ist jetzt der Sani und er muß das Richtige tun.

Jetzt sind die Männer zusammen essen gegangen, Fleisch!, und ich bin mit den kranken Mädchen zuhause.

Kunst in Ashdod Februar 9, 2011, 8:50

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Falls einer meiner Leser da unten im Süden an zeitgenössischer Kunst interessiert ist – ich habe soeben eine Einladung bekommen zu einer interessanten Vernissage. Leider kann ich nicht so weit fahren.

Ich kenne nicht alle Künstler, aber Tsibi Geva, Philipp Rantzer, Gilad Ophir, Arie Aroch, Gershuni… die sind doch sehr bekannt und eigentlich immer sehenswert. Ich war auch noch nie im Museum in Ashdod.

Jede Woche trudeln bei mir so viele Einladungen ein, ich habe so wenig Zeit, hinzugehen, und ich denke mir, vielleicht gebe ich die Einladungen einfach hier mal weiter? Schließlich habe ich genügend Leser, die im Land rumreisen oder leben,  und sich vielleicht für Kunst interessieren.

4 Mörsergranaten, ein beschädigtes Auto… Februar 8, 2011, 15:54

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sonst nichts. Ein ganz normaler Tag in Israels Süden. Gibt es eine deutsche Zeitung, die so eine lächerliche Kleinigkeit erwähnt? Na ja, es steht ja auch hier nicht in der Zeitung, wenn die verrückten Holländer wieder Mörsergranaten auf ihre Nachbarn schießen…

Zwei Schlüsselreize gleichzeitig Februar 7, 2011, 15:53

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Es ist schon fast zuviel für mich! So eine schöne Geschichte in all dem Elend drumherum. Eine hochschwangere Palästinenserin wartete an einem Checkpost* – und auf einmal ging die Geburt los. Eine Gruppe Sanitäter (darunter ein Paramedic, also ein besser ausgebildeter Sanitäter)  stand ihr bei, das Kind kam wohl sehr schnell,  und als es anfangs nicht atmete, reanimierten die Sanis. Sie schafften es, und das Baby begann zu atmen. Inzwischen kam auch ein Hubschrauber und holte Mutter und Kind ab.

Die Sanis sind natürlich stolz. Sie sagen, die Frau war ganz ruhig – wofür ich den Hut vor ihr ziehe, denn es war bestimmt nicht ihre Traumvorstellung der Geburt, in einem Zelt von vier jungen Männern in olivgrüner Uniform entbunden zu werden. Noch dazu ist Geburtshilfe ja nicht ihre starke Seite (wie Primus bemerkte, nachdem er im Zug zu einer Gebärenden gerufen wurde).

Aber für mich mit meiner bekannten Schwäche für alles, was Baby ist, und neuerdings auch alles, was IDF-Sani ist, ist diese Geschichte wirklich ein kleines, beglückendes Licht im Dunkel. Herzlichen Glückwunsch an die junge Familie, und yasher koach an die Sanis.

 

*Nein nein, vergeßt den Checkpoint! Ich muß was mißverstanden haben. Sie war zuhause, und weil es so regnete, konnte nur der Rettungswagen der IDF zu ihrem Haus gelangen.

Haikus for Jews Februar 3, 2011, 16:38

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Für amerikanische Juden, wohlgemerkt, von David Bader.

Beyond Valium,
the peace of knowing one’s child
is an internist.

In a stage whisper
a yenta confides the name
of her friend’s disease.

Left the door open.
for the Prophet Elijah.
Now our cat is gone.

The shivah visit-
So sorry for your loss. Now
back to my problems.

Is one Nobel Prize
so much to ask from a child
after all I’ve done?

Haikus für Israelis müßten anders aussehen, gibt es sie schon? Na ja, in etwa – englische Haikus über Israel gibt es hier.

Fallen mir etwa welche ein? Ein dichterisches Genie bin ich nicht, aber so aus der Lamäng und für die Jeckerei….

_

lange Schlange  steht

Autos hupen wie verrückt

Fahrer zeigt Finger

_

Pita, Falafel,

Humus mit Pinienkernen

Salat kleingehackt

_

die volle Stunde

Radionachrichten – seid still

Sprecher, Erbarmen

_

Schulzeugnis heute

alle Fächer und Noten

sind mir unbekannt

_

Mein Kräutergarten

nur Steine, kaum Wasser

Basilikum, Salbeiduft

_

Himmel,  die Wolken

sie werden zu Dunst und Staub

pausenlos Sommer

_

Auto voll Kinder

keins von ihnen angeschnallt

bestimmt Haredim

_

Auto voll Kinder

keins von ihnen angeschnallt

bestimmt Aravim

_

Auto voll Kinder

keins von ihnen angeschnallt

bestimmt nicht wie wir

_

Katzen auf Müllberg

mit verwilderten Augen

alte Frau füttert

_

Ampel, VW Bus

Arbeiter lachen mir zu

aus den Gebieten

_

Fuchtelnde Hände

Tanzende Augenbrauen

und immer Shalom

_

Eisenbahn zu spät

Sammeltaxi rauscht vorbei

Letzte Hoffnung – Tramp

_

Lacht über Deutsche

wie sie über euch lachen

mit R und mit Ch

_

Schauspiel für Kinder

das Publikum reißt sich um

Tüten voll Bamba

_

Hochzeit in Halle

automatische Chuppa

DJ und Rabbi

_

Zum Frühstück Salat

wer ißt bei der Hitze was

auch  abends nur Obst

_

von schwarz aufgehelllt

der Ansatz deutlich sichtbar

Metallisch im Licht

_

Im Einkaufszentrum

ein Stand, der mich anlächelt

Acryl auch für dich

_

Mor Dor Gal  Inbar

und niemand kann erraten

Ob Mädchen, ob Bub

_

Ich kenne sie lange

als Kinder,  auf der Schule

jetzt in Uniform

_

Kein Durchgang, muß warten

Polizeiroboter kommt

Verdächtiges Bumm

_

Kellnerin schnippisch

Kichererbsensuppe fad

Rechnung nicht zu knapp

_

Zum  Kinderwagen

herabgebeugt, fremde Frau

er braucht einen Hut

_

Sitzen im Kreise

auf Stroh und mit Gitarre

die alten Lieder

_

Abends im Fernsehen

nach Tag voller Furcht und Leid

kommt die Kritik an

_

Na, ich bleib lieber bei der Prosa…

Der niedrigste gemeinsame Nenner Februar 3, 2011, 9:38

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in arabischen Ländern ist immer, immer der Haß auf Israel. Da kann man drauf zählen.

 

Jetzt behaupten Spinner aus dem pro-Mubarak-Lager, daß sie vom Mossad angestiftet werden sollten, Mubarak zu stürzen. Ja, logisch, wir sind ja sooo interessiert an einem Umsturz in Ägypten, nicht wahr?


A young Egyptian woman claims that the Mossad trained her to assist in bringing down Egyptian President Hosni Mubarak’s regime. In an interview withEgypt’s Al Mehwar network the woman, who noted that her facebook page was extremely popular, said that she was sent by an American organization to be specially trained „by Israelis and Jews“ in Qatar.

 

Wie gut haben wir es doch! Einerseits sind wir in der ganzen westlichen Welt verhaßt als Partner von Mubarak (wobei die westliche Welt wohlweislich vergißt, wie sie selbst Mubarak die ganzen Jahre lang gepäppelt haben, weil der Mann Stabilität versprach). Andererseits sind wir bei Mubaraks Anhängern verhaßt als die, die ihn stürzen wollen. Win-win nennt man sowas doch heutzutage, oder?

 

Ich freue mich schon auf den Dreh, den die deutschen Journalisten finden werden, um auch die dümmste Anschuldigung gegen Israel irgendwie einsichtig klingen zu lassen. Mossad stürzt Mubarak! Vielleicht finden die deutschen Medien Mubarak dann wieder sympathischer?

 

 

Ein Wunder Februar 2, 2011, 13:44

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So sieht es aus, wenn eine dieser primitiven, selbstgebastelten Raketen in Israel einschlägt, die von den armen, verzweifelten Freiheitskämpfern im Gazastreifen selbstverständlich rein symbolisch rübergeschickt werden, vermutlich als Friedensmahnung.

 

 

Das war eine Hochzeit in Netivot, vorgestern. Es ist nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn die Rakete ein paar Meter weiter, direkt auf das Gebäude, gefallen wäre. Wieder einmal – shomer Yisrael schläft und schlummert nicht.

Bat Mitzvush Februar 2, 2011, 13:33

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Bei den großen Kindern war Bar Mitzva, Bat Mitzva kein Problem. Die ganze Jahrgangsstufe hat zusammen gefeiert. Jede Familie bekam eine Anzahl Tische auf der großen Wiese und zwei Buffet-Tische, gemeinsam wurde alles geplant, geschmückt, eine Vorführung vorbereitet, und die Eltern der anderen Jahrgangsstufen halfen mit. So war das bei den Jungen, schmerzlos und vergnügt. Familien, die auf die religiöse Zeremonie Wert legten, taten das auf eigene Faust, aber die Party war gemeinsam. Der Kibbuz feierte einen Meilenstein seiner Kinder, gemeinsam mit Gästen und Familien.

So war das bis Secundus´ Gruppe, jahrelang, jahrzehntelang… Doch schon anderthalb Jahre später, mit Tertias Gruppe, war es unmöglich geworden, die divergierenden Vorstellungen aller Eltern unter einen Hut zu bekommen. Ich erinnere mich noch an die Versuche, einen Abend zu organisieren, aber schließlich zahlte der Kibbuz allen Eltern das Geld aus, und jede Familie machte ihre eigene Feier. Wir bei uns im Garten, so wie wir es gern mögen, luden alle Leute ein, die wir gern mögen, und feierten unsere Tochter.

Aber jetzt sind wir keine Kibbuzniks mehr. Unsere Jüngste taumelt im Trubel der Bat-Mitzvah-Extravaganz städtischer Familien. Ihre Freundinnen feiern Bat Mitzvah wie eine verfrühte Hochzeit, mit Book vom professionellen Photographen, einem Auftritt Kobi Peretz in glitzernden Festhallen, künstlichen Fingernägeln, vom Friseur geglätteten und toupierten Haaren, und teuren Klamotten.

Der Auftritt der Bat-Mitzvah-Prinzessin wird inszeniert, gefilmt und zelebriert wie der Auftakt zu einer Kette inszenierter Auftritte – der er wohl auch sein soll. Erstaunlich viele Mädchen heutzutage phantasieren sich Heiratsantrag-Szenarien und erst recht Hochzeiten, die mit dem normalen Leben nicht mehr viel gemeinsam haben.

(Ich saß mal hinter zwei Studentinnen im Bus, die sich ausmalten, wie sich mal jemand um ihre Hand bewirbt – arme Männer, denn ohne bengalische Beleuchtung, Fallschirmspringer in Formation, Live-Übertragung im nationalen Fernsehen zur besten Sendezeit und mindestens eine Kleinstadt voll jubelnder Zuschauer läßt sich bald schon keine junge Frau mehr zum Annehmen des prunkvollen Diamantrings bewegen…aus was für albtraumhaften Filmen haben die jungen Mädchen diese Ideen eigentlich?)

Ach du liebe Güte. Das ist nun gar nicht unser Stil. Wir hätten einfach die ganze bucklige Mishpoke samt Freunden und Freundinnen von Quarta eingeladen, vielleicht noch eine junge Band, die wir kennen, und fertig. Aber Quarta klopft uns langsam weich. Wir sind dazu übergegangen, nicht mehr von Bat Mitzvah, sondern von Bat Mitzvush zu sprechen…

Ich hoffe, der Felsendom und der Fernsehkoch werden es nicht sein müssen, aber ich fürchte, die ganze Feier wird eine Spur gigantischer ausfallen, als wir es eigentlich vorgesehen hatten…

Bewegend Februar 1, 2011, 20:32

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finde ich die Bilder aus Ägypten. Der israelische Reporter (der alte Schulkamerad meiner Schwägerin, Carmel Luzati) interviewt Ägypter, die ihm auf Italienisch, Englisch und Arabisch antworten und ihn als Besucher aus Israel begrüßen, ja, ihm für seine Zeit danken und dafür, daß er ihnen zuhört und ihre Worte verbreitet. Die Demonstranten haben, soweit man es von hier beurteilen kann, im Moment nur ein Ziel: Mubarak zum Rücktritt zu bewegen. Nach dem Brief mit der gleichlautenden Forderung von Obama und anderen westlichen Regierungschefs wird er wohl heute nacht eine entscheidende Rede halten – so meint Ehud Yaari, der haifköpfige Experte, der per Knopf im Ohr eigentlich mehr in Kairo ist als hier.

 

Es ist wirklich ein Volk, das aufsteht (wie im alten Lied von Shlomo Artzi: ein Mann steht auf, entdeckt, daß er ein Volk ist – und er fängt an gehen…). Die Sprechchöre und Plakate und Interviews wenden sich nicht gegen den Westen, sondern im Gegenteil: sie fordern Anschluß an den Westen, an westliche Werte und Rechte. Ich hoffe und bete, daß die Ägypter die Rechte und Demokratie und Freiheit bekommen, die sie sich wünschen, und daß ihr Sieg über Mubarak nicht von anderen umgemünzt wird. Die Welt wird wohl dazugelernt haben seit dem Sturz des Schah. Schade um Mubarak, der die Chance versäumt hat und deutliche Signale übersehen hat, sein Land von innen zu reformieren. Vielleicht wäre es gegangen.

 

Aber man kann nicht anders als beeindruckt sein von den Menschenmengen in Ägypten, und ihnen das Allerbeste wünschen. Und dem ganzen Nahen Osten gleich mit.

Talentiertes Lumpengesindel Februar 1, 2011, 14:57

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Katzen sind vielfach begabt. Sie sind klug, graziös, gelenkig, mutig und können auf Anhieb einschlafen oder aufwachen. Doch ihr größtes Talent ist das Erahnen menschlicher Prioritäten. Mini wird sich auf kein anderes Häuflein Kleidung setzen als die, die ich gerade in den Schrank räumen oder anziehen will. Leonardo wird sich nie auf einem anderen kopierten Artikel fläzen als dem, den ich gerade unbedingt brauche. Und Lucifers scharfer Blick hat erkannt, daß ich gerade zwischen Buch und Häkelarbeit schwanke.

 

 

(Es wird übrigens dieser Schal in grauer Chenille, ganz leicht zu häkeln. Ich habe mir dasselbe Modell schon in drei verschiedenen Garnen gehäkelt, es sieht jedesmal anders aus und das Muster ist ganz einfach).

Musik, Musik (alt, aber golden) Februar 1, 2011, 14:15

Posted by Lila in Muzika israelit.
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Alles von einer CD, die ich heute bei der Hausarbeit gehört habe.

Mashina, Lehitraot neurim (Lebwohl, Jugend)

Bet ha bubot, Sigapo

Idan Raichel Project, Wenn du gehst (wer soll mich dann in den Arm nehmen?)

Idan Raichel Project, Aus der Tiefe rufe ich zu dir

Achinoam Nini, Lichtstrahl (Lied von der Nacht)

Shlomo Arzi, Aussichten der Kindheit

Mashina, … und auch die Sterne brennen auf kleiner Flamme

Beit ha bubot, Bis du kommst

Husten Februar 1, 2011, 12:11

Posted by Lila in Kinder.
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Es ist ein grausamer Trick der Natur, daß die starken Sorgeinstinkte, die schon in der Schwangerschaft einsetzen und in der Phase, in der die Kinder noch klein sind, alles andere überwältigen, sich nicht wirklich abschwächen. Im Alltagsleben mit großen Kindern kriege ich sie per Rationalisierung unter Kontrolle („es ist ja gut, daß er lernt, wie er allein zurecht kommt“),  aber manchmal spielen diese Instinkte mir böse Streiche, stehen in voller Stärke auf  und bringen mich fast um den Verstand. Auf die Gefahr hin, mich unsterblich lächerlich zu machen – bitte sehr.

 

Beide Jungen waren am Wochenende zuhause.  Primus fuhr zu seinen Freunden im Kibbuz und kehrte erst nach Shabatende (Samstagabend) zurück, Secundus war das ganze Wochenende zuhause und ließ sich ein bißchen hätscheln. Er ist nämlich krank. Also, starke Männer werden natürlich nicht richtig krank. Aber er hustete furchtbar (erkältet ist er schon lange) und sah auch fiebrig aus. Fiebermessen ist was für kussiot, eher würde er sich wohl Gelnägel machen lassen als Fieber messen. Er klagt ja normalerweise nie und ist seit Internatszeiten sehr abgehärtet, aber während er sich auf der Couch ausstreckte und warme Getränke schluckte, meinte er, es ist wohl nachts im Negev sehr kalt, wenn man draußen schläft. Er hatte nämlich die ganze Woche vorher „im Gelände“ verbracht, und auch nächste Woche ist eine Geländewoche. (Also jetzt).

 

Ich weiß, daß ich ihn nicht merken lassen darf, wie besorgt ich bin, und warf nur so ein, „na ja, du kannst dir ja mal die Lungen abhören lassen, damit du meinen Verdacht auf Bronchitis fachmännisch widerlegen kannst“, und als er auf der Couch einschlief, deckte ich ihn mit warmen Decken zu und guckte ihn lange an. Groß, knochig, voller Muskeln, keine Spur mehr von dem Kerlchen, das jahrelang jeden Morgen vor Sonnenaufgang zu uns ins Bett gekrochen kam. Jeder Liebesbezeigung abhold (im Gegensatz zu seinem großen Bruder, der mit bärenhaften Umarmungen erfreulich großzügig ist, auch bei seinen Schwestern).

 

Und dann fuhr er morgens ganz früh mit Y. weg. Mit einem wirklich schrecklichen Husten. Primus, der mit mir später fuhr, bestätigte mir, daß Secundus die ganze Nacht durchgehustet hat, und daß der Husten schmerzhaft klingt. Beide wissen wir, daß Secundus natürlich um nichts in der Welt die Geländewoche ausfallen lassen würde – dann müßte er sie ja mit den Weicheiern, die ein Vierteljahr nach ihm eingezogen wurden, nachholen, was für eine Zumutung! Es ist auch klar, daß er im Gelände das Handy ausgeschaltet läßt und ich ihn die ganze Woche nicht erreichen kann. Ich kann mich nicht mal drauf verlassen, daß so ein Jungspund von Sani Secundus husten hört und sagt: das klingt übel, ich gebe dir ein paar gimmelim (wie man das Krankschreiben bei der Armee nennt), leg dich ins Bett. Denn Secundus ist ja der Sani.

 

Und das war Sonntagfrüh. Ich war mit Primus unterwegs, wir haben noch einen Kaffee getrunken (Aroma, Lev ha Mifrats), und er hat auf einen Bekannten, mit dem ich mich dort traf, riesigen Eindruck gemacht mit seiner Höflichkeit und freundlichen Art. Dann war er auch weg. Der Kollege, mit dem ich noch eine Weile im Cafe blieb, fragte mich, wie ich damit fertigwerde, zwei Kinder bei der Armee und bald drei. Ich habe gesagt, daß es weniger schlimm ist, als ich befürchtet habe, weil beide eine sinnvolle Arbeit haben, ihre Lebenszeit also nicht vergeuden, und beide ganz zufrieden sind. Sie sind zwar in kämpfenden Einheiten, aber beide im Moment in relativer Sicherheit. Ich kenne Soldaten und auch Soldatinnen, die kreuzunglücklich sind, und das ist für alle Beteiligten ein Albtraum.

 

Gegen Abend fuhr ich mit der Bahn zurück gen Norden und bemerkte beim Aussteigen eine Gruppe von drei deutschen Mädchen, die überlegten, wie sie denn jetzt nach Rosh ha Niqra kommen. Ich bot ihnen sofort Hilfe an, nahm sie mit zum Taxistand und fragte den Fahrer auf Hebräisch, wie viel er für eine Fahrt nach Rosh ha Niqra nimmt. 40 Shekel! (Ich nehme an, so billig hätte er es für drei Touristinnen nicht gemacht). Die drei freuten sich und ich wurde dreimal herzlich in den Arm genommen.

 

Während ich mit ihnen zum Taxistand gegangen waren, hatte ich sie gefragt, ob sie Studentinnen sind. Sie haben gelacht. Sie sind in meinem Alter – Anfang bis Mitte 40. Mir kamen sie vor wie junge Mädchen, so unbeschwert und fröhlich und voller Schwung. Zu dritt unterwegs, braungebrannt, in typischen Unterwegs-Klamotten. Ich kam mir vor wie hundert Jahre alt im Vergleich mit ihnen. Und ich habe nicht gewagt, sie zu fragen, für wie alt sie mich halten – ich weiß, daß sie mich für Jahrzehnte älter halten mußten als sie selbst.

 

Nach dem kurzen, aber sehr freundlichen Treffen lief ich noch eine Weile in Nahariya herum und fragte mich: warum fühle ich mich so bleischwer, so uralt? Alles, was an mir mal vergnügt und fröhlich und sorglos war, hat sich zurückgezogen in Bereiche meines Ich, an die ich gar nicht mehr drankomme. Drumherum Schichten von Sorge – Sorge im Sinne von care, Sorge im Sinne von worry, und manchmal glaube ich, ich werde verrückt. Ich kann es nicht abschalten. Nachts ist es am schlimmsten. Die erste Nacht nach Secundus´ Rückkehr ins Gelände habe ich auf der Couch verbracht, arbeitenderweise, mit einer leichten Decke.  Y. kennt mich und kontrolliert, daß ich mich nicht ohne Decke auf den kalten Boden lege, aus Solidarität, aber ich finde es schrecklich, im warmen Bett zu liegen und zu wissen, daß irgendwo im Negev mein Junge in einen klammen Schlafsack hustet, und hustet, und hustet.

 

Als er noch keine zehn Tage war, hatte Secundus seine erste und einzige schwerere Erkrankung – eine Bronchiolitis, mit der er auch ein paar Tage im Krankenhaus bleiben mußte. Das Krankenhaus war damals, im eiskalten Januar 1992, so überfüllt, daß keine Pritsche mehr für mich frei war, die sonst für die Eltern neben die Kinderbettchen gestellt werden, und ich auf meinem Wintermantel auf dem Boden schlief. Das hat mir gar nichts ausgemacht, ich weiß noch, wie peinlich es mir war, als die Schwestern einen riesigen Aufstand machten und mir schließlich ein Krankenbett besorgten.

 

Die erste Nacht war schrecklich, weil es Secundus wirklich schlecht ging. Immer, wenn ihm das Pflaster von der Hand rutschte, mit dem der Sensor von diesem Apparat festgemacht wurde, der den Sauerstoffgehalt des Bluts mißt, piepste es fürchterlich, und obwohl ich wußte, daß ich nur das Pflaster neu befestigen muß,  ging mir der Alarmton durch Mark und Bein. Gegen Morgen schlief ich endlich ein, und als ich aufwachte, war Secundus´ Bettchen leer. Ich kriegte einen eiskalten Schrecken, aber die Schwestern brachten mir ihn – sie hatten mich nicht wecken wollen und ihn zu irgendeiner Untersuchung mitgenommen.  Ich riß ihn an mich und ließ ihn nicht mehr los, bis wir entlassen wurden.

 

Wenn mir damals jemand gesagt hätte, daß ich mich mal nach diesen Tagen sehnen werde, hätte ich es nicht geglaubt. Damals konnte ich mein krankes Söhnchen den ganzen Tag auf dem Arm halten und ihn jedem Arzt unter die Nase halten, um ihm die Bronchien abhören zu lassen.

 

Ich hatte Kontrolle über die Situation – mehr als heute, wo ich es dem Kerl selbst überlassen muß, sich um seine Gesundheit zu kümmern. Ich darf mir meine Sorgen nicht mal anmerken lassen, sonst muß er sich auch noch darum Gedanken machen, wie er mich beruhigt, und fühlt sich außerdem nicht ernstgenommen. Und auf die Gefahr hin, wie gesagt, mich unsterblich lächerlich zu machen – es gibt wenig im Leben, das mir so schwergefallen ist wie diese Hilflosigkeit.

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