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Zahlen, Tote, Fragen Februar 21, 2011, 22:09

Posted by Lila in Presseschau.
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Wie viele Tote hat es bei den Protesten gegen Mubarak gegeben, wie viel Gewalt? (Daß die Journalistin Logan, bevor sie vom Mob verprügelt und vergewaltigt wurde, als Jüdin beschimpft wurde, ist doch wohl auch durch die deutschen Medien gegangen?) Wie viele sind es jetzt in Libyen? 160 oder 600?

Einfach nur grauenhaft, was da abläuft. Ich habe heute (obwohl in Arbeit wieder mal ersaufend) für die Jeckerei mal geguckt, wie viele UNO-Resolutionen gegen Israel und wie viele gegen Libyen verhängt wurden. Ich hatte leider keine Zeit, gründlicher nachzulesen, aber das Bild ist klar. Wohlgemerkt, Libyen sitzt im Menschenrechtsausschuß, der in schöner Regelmäßigkeit Israel zur Ordnung ruft – und von harmlosen Menschen auf aller Welt für eine moralische Instanz gehalten wird. Daß dieser Ausschuß ein schlechter Witz ist, sollte ja wohl inzwischen jedem aufgefallen sein.

Vielleicht kommt es ja mal dahin, daß nicht mehr jede Resolution der UNO für unfehlbare, objektive Wahrheit genommen wird – sondern daß mal geguckt wird, wer eigentlich dahintersteht? Leute wie Ghaddafi sind unsere Feinde, Ahmedinijad, Nasrallah – und nicht Holländer oder Tschechen. Wer so brutal seine eigenen Leute preisgibt, als Geiseln hält, sie umbringen und foltern läßt – welches Entgegekommen können wir von solchen Leuten erwarten, welche Fairness in Verhandlungen, welche Zuverlässigkeit?

 

Aber “kein Blut für Öl” scheint nur sehr selektiv angewandt zu werden….

 

Nein, ich kann nicht glauben, daß unsere Nachbarländer jetzt von Diktaturen zu Demokratien werden, quasi über Nacht. Die Diktatoren sind noch nicht verjagt, und ein Blick in die Geschichte reicht, um zu sehen, wie blutig, lang und schmerzhaft ein Weg in die Demokratie sein kann. Wer da jeweils die Macht übernimmt, wenn ein Diktator geht – leider ist es allzu oft ein Diktator, der eine andere Sorte Kreide gefressen hat. Mit dem man dann wieder neue Geschäfte machen kann. Daß in irgendeinem Land des Nahen Ostens jemand ans Ruder kommt, der pragmatisch zu Israel steht, ist zu phantastisch, um wahr zu werden. Es ist auch kein Kriterium für eine Anerkennung, denn wen kümmert es, außer uns, ob ein arabischer Präsident mit Vernichtungsrhetorik gegen Israel bramarbasiert oder nicht? Die Israelis bilden sich das doch alles bloß ein, nicht wahr.

 

Wer erinnert sich noch an die Umfragen, welches Land am unbeliebtesten ist? Wer an die einstimmige Verurteilung Israels durch den Bundestag (obwohl nach jahrelangem Raketenbeschuß Israel weiß Gott guten Grund für eine Blockade hatte)? Ich bin ja mal sehr gespannt, ob es nun auch gegen Ghaddafi eine gibt… Nein, keine Sorge, ich bin kein bißchen gespannt!

Werden wir je wissen, wie viele Menschen damals in Syrien ums Leben gekommen sind, letzten Monat in Ägypten, und heute in Libyen? Und auch während wir nicht hingesehen haben, sind dort Menschen qualvoll gestorben.  Ich finde es sehr schwer auszuhalten, hier normal zu sitzen, während um uns herum die Länder brennen. Man möchte helfen und weiß doch nicht wie.

Kommentare

1. Silke - Februar 21, 2011, 22:19

lies was Ian Ewan anläßlich der Verleihung des Israel-Preises zu sagen beliebte. Als Beschreibung dazu fällt mir nur UNGEZOGEN ein. So etwas tut man einfach nicht, man muß den Preis ja nicht nehmen. Ich gehe auch nicht zu jemandem zum Abendessen um ihn dann in ner Tischrede zu beschimpfen. http://www.thedailybeast.com/cheat-sheet/item/ian-mcewan-criticizes-israel/literary-/?om_rid=C0bFyj&om_mid=_BNYnO3B8ZB7Z9D

in BBC Today haben sie zu dem Blair-Händedruck angemerkt, daß Ghadafi zu der Zeit dabei war, einen schwunghaften Waffenhandel aufzubauen und ein Terrornetz zu unterstüzten. Das sei damals gestoppt worden. Wenn’s stimmt, so mag das als Entschuldigung gelten. Ich würde mir nur wünschen, daß Israel nicht immer so ne Nebenrolle spielt. Lozowick sagt, Blair sei ein Freund Israels, somit muß ich den wohl ausdrücklich ausnehmen.

2. Lila - Februar 21, 2011, 22:30

Ja wenn er das sagt :-) dann wird es schon stimmen.

Vielleicht hat die BBC ja Recht. Ghaddafi hat schwunghaften Waffenhandel betrieben und Terrornetze aktiv unterstützt. Ob er damit wirklich aufgehört hat oder seine Aktivitäten nur delegiert oder verlagert hat? Ich weiß es nicht.

Blair ist glaube ich in erster Linie ein Freund Blairs. So anglophil ich kulturell bin, so sauer bin ich auf die Briten politisch. Was die hier für einen Klumpatsch zurückgelassen haben… und dann rümpfen sie arrogant die Nase über Israel. So von meiner eigenen Weltbedeutung möcht ich auch mal überzeugt sein. Ehrlich, dann würde mir nichts mehr was ausmachen. Wenn ich diese britischen Politiker angucke – Straw, Ashton, Tonge, Livingstone…

3. Silke - Februar 21, 2011, 23:16

Lila – 2
meine große offene Wunde
- ich kann einfach nicht aufhören, die Briten zu mögen (nicht die Briten als zu verwaltendes Personal, das waren genau solche unhandlichen K..tzbrocken wie alle anderen Europäer die Deutschen eingeschlossen auch)

- aber es gibt ja auch Nick Cohen, also so ganz kann da doch noch nich allens wech sein … und Ian McEwan zu lesen, war ich dank eines Auszugs zum Glück nie in Versuchung.

- aber es gibt z.B. den Friday Night News Quiz Comedy Club oder so ähnlich, richtig witzige interessante Sendung, doch seit dem was die anläßlich der Flotille abgelassen haben, gelingt mir das mit dem Lachen nicht mehr so richtig.

Ich etikettiere so etwas mittlerweile alles als “sie bluten nicht wie wir” wenn Du weißt, was ich meine und das läuft dann irgendwie im Hinterkopf mit und verdirbt jede Lust.

4. Marlin - Februar 22, 2011, 0:17

Nee, die Briten sind verrottet.

Und so weit führend im “Multikulturalismus” dass es keine Freude ist.

Lila, ich habe nur Schlagzeilen von Ägypten gelesen, und dass Reporter attackiert wurden, aber von Frau Logan nichts. Hat sie denn wenigstens überlebt?

5. jakobo - Februar 22, 2011, 2:21

“Vielleicht kommt es ja mal dahin, daß nicht mehr jede Resolution der UNO für unfehlbare, objektive Wahrheit genommen wird – sondern daß mal geguckt wird, wer eigentlich dahintersteht? ”

Lilaaaaa??? *klopf, klopf*

Es ist leider sehr in der Mode die UNO fuer USA-gelenkt und pro USA und Israel zu halten…

Kannst du ja mal die leute fragen auf welchem Planeten sie leben aber es wird nicht viel dabei herraus kommen glaube ich.

Wenn du gerade ueber ausländer redest es gab wenn ich mich richtig erinnere mal ausschreitungen von arbeitslosen in libyen gegen afrikanische gastarbeiter.

Was mich interessiert, woher nehmen alle ihre infos zu libyen her? Ich glaub ich hab von der inneren situation, von den leuten in libyen noch nie etwas gehört oder gelsen (ausser die ausschreitungen von oben), immer nur von gadafis verhalten anderen ländern und völkern gegenüber.

J

6. Heimo - Februar 22, 2011, 4:11

neue Gerüchte kursieren via twitter in & um Libyien:
“African mecrenaries are African jews trained in Israel”
“the planes currently dropping bombs on poor people of Libya are Israele Defence Force F-16 Jets”
& der Foreign Minister of Libya: “There’s no bloodshed. All news channels are lying. Qatar is part of conspiracy. Al Jazeera are Zionists”
etc.

Quelle:
http://elderofziyon.blogspot.com/2011/02/crazy-libyan-rumors-of-israeli.html

7. Lila - Februar 22, 2011, 6:10

Heimo, das ist ja entsetzlich. :shock:

Wie bescheuert können die Leute eigentlich sein???

Und wenn einem noch nicht schlecht ist: hier ist ein Artikel über die UNO und Libyen. http://www.jpost.com/Opinion/Editorials/Article.aspx?id=209250

In May 2010, Libya was, absurdly, elected as a member of the HRC, a move that was not blocked by the Obama administration (as Iran’s bid for membership was). This was the culmination of a steady ascendancy to every important diplomatic body at the UN – including the African Union chairmanship, the UN Security Council and the presidency of the UN General Assembly. In a 100-minute rant given before the assembly in September 2009, his first since he took control of Libya in a military coup in 1969, Gaddafi exploited the opportunity to liken the UN Security Council to a “terror council” because of the veto rights enjoyed by the US and the other four UNSC permanent members.

Perhaps if more pressure had been brought to bear against Gaddafi when he just might have been ready to listen, Libya’s citizens would not now be getting shot down in the streets by a “mad dog” regime. At the very least, the UN would have retained a modicum of moral legitimacy.

8. Naomi - Februar 22, 2011, 8:05

Die Deutschen und Gaddafi:

Gaddafi wurde z.B. in Deutschland als einer der großen orientalischen Humanisten und Philosophen gehandelt.
Besonders linke Intellektuelle fuhren auf ihn ab!

Von Gaddafi wurden 2004 Erzählungen veröffentlicht (auch auf deutsch), und die Kritiker in Deutschland überschlugen sich fast vor Begeisterung.

Auch Arno Widmann, Feuilletonchef der Frankfurter Rundschau, kriegte sich fast nicht mehr ein vor lauter Schwärmerei über diesen bezaubernden exzentrischen Orientalen:

“Das sind nicht die Heiligen Texte eines Diktators, das sind die ironischen, Volten schlagenden, extemporierten Vergnügungen eines Spaßmachers. Schon das gibt dem Buch etwas Fremdes, Märchenhaftes, Orientalisches.

Man muss dieses Buch auch lesen, weil es eines der aufregendsten Selbstzeugnisse zum Thema Masse und Macht enthält. “Die Flucht in die Hölle” heißt die Geschichte. Es sind neun Seiten Weltliteratur.
Es gibt wahrscheinlich von keinem Autokraten der letzten dreitausend Jahre auch nur im entferntesten einen ähnlichen Text.

Gaddafi ist der einzige, der einen kalten Blick auf die Liebe der Massen hat.

Dass er das konsequent von der Seite des Herrschers aus betrachtet und nicht eine Sekunde lang – politisch korrekt – auch von der Seite der Beherrschten, das macht den Reiz und die Kraft dieses Textes aus.” …

9. Lila - Februar 22, 2011, 8:12

Was für ein peinliches Geschreibsel. Mein liebster Abschnitt aber ist dieser:

Nichts scheint Gaddafi abwegiger als auf dem Umweg über das Studium der Heiligen Texte in die Moderne gelangen zu wollen. Sie werden so “nicht einmal Palästina befreien” oder “die Stützpunkte des Feindes zerstören“, schreibt er. Es ist schönste Rollenprosa, und Gaddafi macht es Spaß, die unterschiedlichsten Rollen zu spielen.

“Nicht einmal”… Der Rezensent übergeht glatt eine weitere Vernichtungsphantasie gegen “den Feind”. Weil die Rollenprosa so schön ist.

Danke für diesen Link, es ist wirklich unglaublich, was in deutschen Feuilletons alles schön gefunden wird.

Nur zur Information zum Thema Widmann:

er liebt Shlomo Sand

er liebt Avraham Burg

er liebt Moshe Zimmerman

und er möchte mit allen Ansprüchen dieser lästigen Juden auf ihr Heimatland ein für allemal aufgeräumt wissen

Kurz, ein Bilderbuch-Intellektueller.

10. boxi - Februar 22, 2011, 10:56

solange wir geschäfte machen können, ist uns doch die situation in dem land egal.das ist auch nichts neues, war eigentlich schon immer so.
und doch ist es in wirklichkeit komplizierter. nicht nur auf den handel mit lybien müssten, auch auf den mit der usa. beide machen menschenverachtende dinge… aber unter freunden schaut man ja gerne mal weg… so auch wie bei Gaddafi & co…

11. Claudio Casula - Februar 22, 2011, 13:00

Was Logan betrifft, so war in der deutschen Presse von “Misshandlungen” und “sexueller Belästigung” und “sexueller Nötigung” die Rede. Davon, dass sie als Jüdin beschimpft wurde, gar nicht.

12. Lila - Februar 22, 2011, 13:41
13. Sabina - Februar 22, 2011, 23:32

(Daß die Journalistin Logan, bevor sie vom Mob verprügelt und vergewaltigt wurde, als Jüdin beschimpft wurde, ist doch wohl auch durch die deutschen Medien gegangen?)

Mir ist der Vorfall bekannt, aber auch ich habe nichts dazu gelesen, dass sie als Jüdin beschimpft wurde …
Nicht weiter überraschend, eigentlich.

14. Lila - Februar 23, 2011, 8:45

Mehr zum Thema hier.
http://www.thejewishweek.com/news/new_york/media_watch_lara_logan_cover_up

Die anti-israelische und antisemitische Stimmung ist in Ägypten stark ausgeprägt, war es auch vor den Unruhen. Darüber wird außerhalb von Israel fast nie berichtet. Mehrere ausländische Journalisten wurden als “Spione Israels” beschimpft und angegriffen.

Die Geschichte mit Logan ist in verschiedenen Versionen berichtet worden. Was wirklich passiert ist, weiß sie selbst wohl am besten, aber ich weiß nicht, ob sie sich dazu äußern wird.

In der gesamten arabischen Welt ist man gewöhnt, für jedes Problem Israel die Schuld zuzuschieben. Ich habe im Laufe der Jahre dokumentiert, daß kein Vorwurf zu absurd ist, um geglaubt zu werden. Jeder beschuldigt jeden, ein Werkzeug Israels zu sein. Der psychologische Hintergrund dazu, die eigene Machtlosigkeit und das irrationale Aufblähen eines imaginären Gegners (denn Israel hat die Araber nie vernichten wollen), ist eigentlich hochinteressant und hilft beim Verständnis der arabischen Welt.

Wer tatsächlich glaubt, daß die Israelis nicht nur das WTC in die Luft gesprengt haben, sondern auch Bin Laden dazu veranlaßt haben zu glauben, daß er es war (und sich mit Bildern davon zu schmücken), der muß ein völlig gestörtes Verhältnis zur Wirklichkeit haben.

Der kurze Schritt, der dabei von der wahnhaften Furcht vor israelischer Manipulation zu konkreten Anschuldigungen und dann zu gewalttätigen Ausschreitungen führt, der ist tatsächlich beängstigend.

Daß das in den Medien nicht thematisiert wird (ganz unabhängig von Logan), ist verwunderlich. Oder auch nicht.

Aber es ist einer der Schlüssel zur “Mentalität der arabischen Massen” – das Gefühl der Machtlosigkeit, und die Furcht, daß sich hinter jeder Maske die Fratze des Zionismus versteckt.

Wie man das auflösen soll – ich weiß es nicht.


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