Reminiszenzen… September 26, 2010, 17:14
Posted by Lila in Persönliches, Uncategorized.trackback
Und wenn wir schon mal dabei sind: erinnert sich noch jemand an die Zeit, als das Wort Fräulein tatsächlich noch als Anrede (und zwar sehr respektvolle) in Gebrauch war? Ja, ich weiß noch, wie mir ein Fräulein noch respekterheischender vorkam als eine verheiratete Frau. Und als mir irgendjemand erklärte, daß die Anrede ausstirbt, weil es eine Verkleinerungsform war (da muß ich im Grundschulalter gewesen sein), da tat mir das leid, das weiß ich noch. Oh, ich weiß auch jetzt wieder, warum das überhaupt zur Sprache kam: im dritten Schuljahr bekam ich eine Lehrerin, die wir Frau R. nannten, obwohl sie nicht verheiratet war. Und da hab ich wohl nachgefragt.
Wir haben als Kinder auch noch Knicks und Diener machen gelernt. Wenn ich meinen Kindern das erzähle, werfen sie sich weg vor Lachen. Da war ich übrigens froh, wie so oft, Mädchen zu sein, denn ein Knicks ist doch viel einfacher als ein Diener. Der sieht doch irgendwie immer doof aus. Knicks ist viel leichter gut hinzukriegen. Im Kindergarten haben wir vor den Schwestern immer geknickst. Oh ja, da waren Schwestern und Fräulein, Frauen gab es da nicht. Schwestern waren noch formidabler als Fräulein, aber auch die Fräulein waren den Müttern meiner Freundinnen an Würde weit überlegen.
Wir haben ja alle alten Bücherkisten aus der alten Wohnung raus, und ich lese vor dem Einschlafen meine ganzen alten Mädchenbücher wieder. Da steigen die Welten meiner Kindheit auf. Auch wenn es Bücher aus dem Besitz meiner Mutter oder noch älter waren und meine Kindheit der dort beschriebenen schon nicht ähnelte. Meine Kindheit mit der studierenden und arbeitenden Mutter, der emanzipierten Tante und den Fischer-Technik-Geschenken (die ich übrigens nur benutzte, um meinen Puppen etwas zu bauen). Aber es waren Bücher, die meine innere Vorstellung davon, was eine Frau ist und was ein Fräulein und was ein Mädchen, stark geprägt haben.
Eine dieser Prägungen ist das Verhältnis von Mutter und Tante in Gritlis Kindern. (Auch hier nachlesbar, zweites Kapitel, Im Hause des Arztes, Seite 15 und dann 16). Beide sind gleich wichtig, teilen sich die Sorge um die Kinder, und mir fiel beim Lesen wieder auf, daß die Tante mehr Verständnis für die Kinder hatte als die Mutter. Aber groß war der Unterschied nicht. Mir war auch als Kind schon klar, daß die beiden Frauen Schwestern sind, die Mutter ist verheiratet (und wird als Ratgeberin im Ort geschätzt), die Tante nicht, und sie wohnt bei der Schwester und hilft mit. Sie hat nicht den Status der Mutter nach außen hin, aber innerhalb der Familie ist sie nicht weniger wichtig.
Da auch ich mit einer Auswahl erstklassiger Tanten aufgewachsen bin, darunter auch unverheiratete, die mindestens so wichtig waren wie die Tante in Spyris Buch, kam mir eine unverheiratete Frau nie weniger wertvoll vor als eine verheiratete. Und darum kam mir auch der Titel Fräulein nie so vor. Wer mag empfunden haben, daß Fräulein weniger bedeutet als Frau? Die Verkleinerungsform habe ich jedenfalls nie empfunden, so wie ich sie auch beim Wort Mädchen bis heute nicht bemerke.
Im Hebräischen gibt es diese Form übrigens gar nicht. Da sind alle Männer adon und alle Frauen geveret, aber da man eh nie den Nachnamen verwendet, benutzt man das Wort geveret, genau wie Fräulein, wenn man kleinen Mädchen drohen will. Nu, geveret? Na wird´s bald, Fräuleinchen? Der doppelte Diminutiv geht allerdings im Hebräischen nicht… Oh, als Kind habe ich mir den Wirzbald übrigens immer als bärenähnliches Ungetüm vorgestellt, der mich durch den Alltag jagt.
Genug erinnert, ich muß weiter ackern…
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ich habe 1960 mit 18 aus etwas seltsamen Gründen geheiratet und wurde 1961 wieder geschieden, nahm meinen Mädchennamen wieder an und bestand im Büro darauf, wieder Fräulein genannt zu werden. Einige (nette) ältere Männer protestierten, ich fuhr ihnen in die Parade mit, wenn jedes Fräulein im Betrieb noch ne Jungfrau sei, dann sei ich bereit die Anrede mit den üblen Erinnerungen zu akzeptieren. Irgendwann langsam langsam kam dann die Allergie gegen die Untertöne in der bei gewissen Herren beliebten Frage “Frau oder Fräulein?”, so daß als allgemeines Frau vorgeschlagen wurde, ich zu den begeistert Zustimmenden gehörte.
Kinderbücher:
ich bekam die ganze Pucki, das Förster Töchterlein, serviert und habe sie mir auch alle brav reingezogen (das war das wohl mehr oder weniger offizielle NS-Ersatz-Produkt für Nesthäkchen). Zu meinem Glück galten aber seinerzeit Schwab’s Sagen des klassischen Altertums als ein Kinderbuch und bildeten damit die Basis für ein gewisses Gefühl für Qualität. Hier ist er auf Gutenberg http://gutenberg.spiegel.de/index.php?id=19&autorid=540&autor_vorname=+Gustav&autor_nachname=Schwab&cHash=b31bbae2c6
zwar läßt er beim ersten Alleinsein von Penelope und Odysseus das Fleischliche weg, läßt ansonsten aber ne Menge wirkliches Leben drin. Irgendwie haben Geschichten, die Jahrtausende überdauert haben, doch was Besonderes.
Irgendwann so im Alter von 9 kriegte ich dann Robert Graves Ich, Claudius in der gekürzten deutschen Fassung (galt wohl auch als Kinderbuch) und von da an stand das mit der großen Liebe fest. Ich erinnere mich jedenfalls lebhaft, daß irgendwann später jemand von mir verlangte, sein geschenkten “Germanischen Heldensagen” mit gleicher Begeisterung zu lieben und ich hellauf empört war über die Scheinheiligkeit, die mir da abverlangt wurde.
Doch da habe ich etwas Abbitte zu leisten, denn mittlerweile bin ich in der örtlichen Bücherei über eine Lesung der Nibelungen von Franz Fühmann (einem anscheinend vergessenen, weil unglücklichen doch meandernden Kommunisten) gestolpert und da fand sogar ich die Story hinreißend.
Ich hab sie alle noch, Försters Pucki, Elke die Welke, Nesthäkchen natürlich auch, Mamsell Übermut, den Trotzkopf, Goldköpfchen, you name it. Und die bescheren mir immer die Zeitreise: ich lese sie und weiß wieder, wie ich mich mit acht, neun Jahren gefühlt habe.
Gleichzeitig wurde ich von meiner feministischen Tante, die in Berlin studierte und bei Jürgens Buchladen einkaufte, mit revolutionärer Kinderliteratur versorgt. Timurs Bande und so. Die habe ich immer viel weniger gern gelesen, außer Christine Nöstlinger – Maikäfer flieg, wo mir nie aufgefallen ist, daß Cohn, der unheldische Held, natürlich Jude ist. Juden gab es in meiner Jugend eben nicht.
Schwab hatte ich natürlich auch, und die alte Ausgabe steht noch immer in meinem Regal, mit meinem Namen in der Lila-elf-Jahre-Schrift, mit der gar nicht so wenige gute Bücher gezeichnet sind. Ich habe früh angefangen, Erwachsenenliteratur zu lesen, erst heimlich, dann offen.
Ich habe die griechischen Götter so geliebt, daß ich mir einen großen Stammbaum gemalt habe und den ins Zimmer gehängt habe. Ich finde immer, wenn ich sehe, wie die Studenten sich quälen, die Mythologie für einen Kurs schnell aus Handbüchern zusammenzustoppeln und auswendig zu lernen, es ist doch ein riesiger Unterschied, ob man sie als Kind kennengelernt hat oder nicht. Das ist nicht nachholbar, der Zauber einer Geschichte wie von Philemon und Baucis,
Glücklicherweise sind meine Kinder genau wie ich große Mythologiefans. Ich habe schon erzählt, wie wir vor ein paar Jahren im Flieger nach Deutschland saßen und ich zu meiner Jüngsten sagte: …und das da draußen, das ist Griechenland! Da sah sie mich mit ganz verzauberten Augen an und sagte: Mama – Griechenland, ja gibt es das denn wirklich? Es kam ihr so vor wie Mittelerde.
Den Herrn der Ringe habe ich dann natürlich auch gelsen, da muß ich so 13 gewesen sein. Mit 15 habe ich mich in die deutsche Klassik und Romantik verliebt und habe dann fünf Jahre nur Eichendorrf und Arnim und Hölderlin gelesen. War auch schön. Dann europäische Literatur des 19. Jahrhunderts, große Sache.
Das SChöne an einer lebenslangen Lesekarriere ist der Echorausch, den man beim Lesen kriegt. Ich lese nicht nur Krieg und Frieden, ich lese Lila, wie sie im Jahr 1978 allein mit der Eisenbahn zu den Verwandten in Erlangen fährt und dabei Krieg und Frieden liest.
Und für diesen Echorausch ist es egal, ob es die tanzende Natasha ist oder Pucki, unser Mütterchen – das funktioniert immer.
Was Du schreibst, ruft natürlich so viele Erinnerungen wach – das erste Mal, als ich ‘Träumereien an französischen Kaminen’ las und völlig verzaubert war, oder später Oscar Wildes Komödien – und so vieles andere, womit tatsächlich oft die Erinnerung an die Zeit der Entdeckung gekoppelt ist. Irgendwie kann ich mir gar nicht vorstellen, dass sowas NICHT an Bücher gekoppelt ist, sondern an einen elektronischen Reader, obwohl ich sonst immer schon begeistert von den neuesten technischen Errungenschaften war.
O ja, erinnere mich sehr gut: Meine erste Klassenlehrerin hieß Fräulein Zölzer.
Apropos: Weiß nicht mehr, wer´s gesagt hat, aber – die korrekte Anrede für Alice Schwarzer müsste lauten: Fräulein Schwarzer. ;o)
Und wer ihr richtig nahesteht: Fräulein Alice.
Anne
auch wenn meine jetzige Wohnung nur ne Dusche und keine Wanne hat, Zeugs das vermutlich nach nem Bad nicht mehr lesbar ist, kommt mir nich ins Haus – ich habe Taschenbücher die Voll-Tauchbäder überlebt haben, sie sind davon gezeichnet, aber so ist das Leben nu mal
bei einem lausig verregneten Campingurlaub hatten meine Freundin und ich ein Bett im Auto gebaut bekommen. Mangels anderem lasen wir uns abwechselnd im Schein der Taschenlampe Maria Stuart aus Mutter’s gesammelten Werken von ihrer mittleren Reife vor – eine tolle Methode, so hatten wir beide ne Chance mal Maria und mal Elisabeth zu sein. Lila’s gigantische Auswahl iss was für Jungvolk
und nu stell Dir erst vor, was die Reader-generation in der Lage machen würde. Sich geduldig und hingerissen durch Schiller ackern oder schwupsdiwups zum nächsten Pageturner zappen?
Lila
Sag Deinen Kindern einen schönen Gruß, als Griechenland 1968 für mich Wirklichkeit wurde, war es anders als so viele andere erfüllte Träume keine Enttäuschung. Zum Aufwärmen gab’s am ersten Abend Akropolis im Vollmondschein (die war seinerzeit immer 3 Nächte lang offen) Der Marmor sah richtig blau aus und man konnte auf den Stufen des Parthenons sitzen unddas Lichterflimmern einer südlichen Großstadt in der Augusthitze bestaunen. Und dann gab’s Ödipus Rex auf Griechisch im Herodes Atticon zum Klackern der Kombolois – total statisch, ran an die Rampe, deklamiert, nächster und funktioniert hat’s dennoch, als er mit den ausgestochenen Augen dastand habe wurde mir so elend wie’s die Gelegenheit erforderte.
Kopfkino braucht offenbar nich so viel Stimuli und wenn es anfängt zu rattern ist all der Glitz und Glimmer überflüssig.
Was die Mythen anlangt: mein verehrter Robert Graves hat da ne Theorie, wo er zwischen echten Mythen und erfundenen unterscheidet. Die echten sind ne Art frühe Geschichtsschreibung während die anderen wie Narziss oder Ikarus mehr so ne erzieherische Ader haben, also mehr so wie Grimm’s Märchen, die wundervollen. (immer wenn ich höre Israel soll dies und Israel soll das, muß ich an Rumpelstilzchen denken, wo die Müllerstochter Stroh zu Gold spinnen muß, or else … und Rumpelstilzchen verlangt ja nen ordentlichen Preis – oops, lieber nicht weiter mit der Analogie …)
und Oscar Wilde der Großartige Wundervolle – kennt Ihr De Profundis, ersetzt kombiniert mit Kafka’s Brief an den Vater Berge von Psycho-Stunden.
Wer mag empfunden haben, daß Fräulein weniger bedeutet als Frau? Die Verkleinerungsform habe ich jedenfalls nie empfunden, so wie ich sie auch beim Wort Mädchen bis heute nicht bemerke.
.. so ist Mädchen wohl der Diminutiv von Made – Fräulein hatte ich in meiner Kindheit/Jugend auch nie als herabwürdigend empfunden – viele Fräuleins legten großen Wert darauf, nicht als Frau tituliert zu werden – die gleiche öffentlich Unterscheidung bei Männern, also ‘Herrlein’ war aufgrund der festgelegten Rollenverteilung nie opportun. – Mademoiselle, Senorita, Miss – sind diese Begriffe auch schon fossil? –
Interessant ist ja, daß es im Englischen neben Miss & Mrs. noch die dritte Form Ms.
“Mrs” originated as a contraction of the honorific “Mistress”, the feminine of “Mister” or “Master”, which was originally applied to both married and unmarried women. The split into “Mrs” for married women from “Ms” and “Miss” began during the 17th century”
Sah kürzlich eine Doku über ein Land in Südafrika – da tragen Frauen, wenn sie verheiratet sind ein dickes schildartiges TEil aus Ochsenhaut über den Hintern, der anzeigt, daß sie vergeben/verheiratet sind.
.. die ersten Bücher meiner Kindheit scheinen wohl die ‘Pünkelchen’-Bücher gewesen sein (kleines Männchen lebt mit Mäusen im Wohnzimmer einer Menschenfamilie) – kennt die noch jemand ? – später – kaum konnte ich richtig lesen (mit ca. 7) – fing ich mit Karl May Büchern aus dem Buchbestand meines Vaters an & las von da alles was mir in die Finger kam, damals oft noch in dieser ‘deutschen’ Schrift gedruckt – die Ilias fiel mir bei einem Ferienaufenthalt bei Tante & Onkel mit 10 Jahren in die Hände & las den dicken Schinken in der kurzen Zeit bis zum Ende – viele Jahre später bekam ich die griechischen Sagen in dieser Schwab’s Fassung geschenkt, war aber dann enttäuscht, als ich die Kürzungen bemerkte & habe sie in dieser Fassung auch nicht mehr lesen wollen. –
Die “Deutschen Heldensagen” gehörten meinem älteren Bruder, der so auf sein Eigentum achtete, daß er mir verbot, sie zu lesen – aber manchmal war er auch unterwegs & ich nutzte die Chance – diese Sagen sind ja weit mehr als ‘nur’ die Nibelungensage – Wieland der Schmied, Dietrich von Bern, Hildebrandt & Hadubrandt, Wittiche, Heime, Ekkehard der Riese werfen Bilder in meiner vagen Erinnerung auf. – Mein weiterer literarische, leserische Verlauf würde den Rahmen hier sprengen
Die moderne Welt wird durchgegendert, geschlechtliche Unterschiede sind nämlich nur eine Frage der Erziehung. So werden wir alle zur glücklichen Einheitsperson.
Ja, Fräulein kenne ich auch noch, Knicks und Diener weniger. Fräulein ist einfach der Übergang vom Mädchen (Du) zur erwachsenen aber unverheirateten Frau, die höchlicherweise mit Sie angeredet wird. Ich denke, der Verkleinerungsschwachsinn kam von den Feministen.
Fräulein
ob ehrend oder abwertend deutet auf etwas hin, das bis heute munter und Frauen im Beruf nicht gerade förderlich ist
Deborah Tannen nennt es “labeln” =etikettieren
es wird an vielen total unschuldigen(?) Stellen nach wie vor als nötig empfunden, Frauen als etwas Besonderes, als die ABWEICHUNG VON DER NORM herauszustellen.
Ein einfaches Beispiel:
Türschilder bei meinem Arbeitgeber waren beschriftet für Männer mit Vor- + Nachname. Türschilder für Frauen hießen Frau Vor- + Nachname, immer zuzüglich Titel falls vorhanden. Also machte ich einen Verbesserungsvorschlag, bekam ne ordentliche Prämie und die Regel galt, daß bei jeder Neubelegung gender-neutrale Schilder angebracht werden sollten, man entschied sich für die Variante Vor- + Nachname ohne Titel. Nach einigen Kommentaren zu urteilen verursachte das Gefühl, nicht im voraus zu wissen, welches Geschlecht einem hinter der Tür entgegentreten würde solches Unbehagen, daß Schilderwechsel, die nicht von der Standortverwaltung vorgenommen wurden, immer den alten Regeln folgten.
Stell Dir mal vor, gleiche Wünsche würden in bezug auf Alter, Hautfarbe oder Religion geäußert werden.
Ironie der Geschichte könnte jedoch sein, daß, falls Frauen, wie derzeit in den USA wohl zunehmend die Oberhand gewinnen, es ein Qualitätsmerkmal sein könnte, wenn Frau dran stünde
Nicht daß ich mir davon ne bessere Welt versprechen würde.
Karl-Eduard
solltest Du ne Tochter haben, dann hoffe ich, daß Du Dir für sie wünschst, daß sie nie nie nie eine dieser schleimenden “Frau oder Fräulein” Fragen von einem Bessergestellten ertragen muß.
Sehr beliebt war übrigens ne Zeitlang, Männern, die darauf bestanden, uns weiter mit Fräulein anzureden, damit zu drohen, daß wir uns mit “Männlein” rächen würden. Das half in aller Regel.
Auf Hessisch heißt es übrigens erfreulicherweise DIE Fräulein
und last but not least – die jüngere Generation scheint allzuleicht und zu schnell zu vergessen, welche Wege da alle zurückgelegt werden mußten. Man lese z.B. Agatha Christie’s Jubelschrei, als sie, die begeisterte Schwimmerin, endlich einen brauchbaren Badeanzug anziehen durfte …
In meiner Jugend waren Männer fest davon überzeugt, daß es ihre Aufgabe sei, Mädels zu “erwecken” – und wenn das Diminuitiv für Frauen bedeutungslos ist, wo ist dann bitte eins für Männer? Knäblein gibt es ab und zu, Jüngelchen auch, sonst noch welche?
“Junger Mann”, im richtigen Ton gesagt, klingt herablassender als Fräulein. Im Englischen gibt es master und miss für die Jugend, beides inzwischen nur noch in BBC-Verfilmungen gebräuchlich.
Ich bin ja ins Fräulein-Alter erst gekommen, als keiner das Wort mehr benutzt hat. Von daher habe ich keine Erfahrung damit als Angesprochene, außer im “Fräuleinchen, wie sieht dein Zimmer wieder aus…?”
Ich erinnere mich eben nur, daß ein Fräulein eine absolute Respektsperson war.
Wer unverheiratete Frauen als “weniger wert” empfindet, wird das auch tun, wenn er sie nicht Fräulein, sondern Frau nennt. Oder einfach nur beim Vornamen.
Ich sehe das Problem aus der Nähe bei einer meiner besten Freundinnen, die von ihrer Familie auch mit 40 Jahren nicht für voll genommen wird, weil sie unverheiratet und kinderlos ist. Sie muß sich schon mal anhören, “du hast doch sowieso nichts zu tun”, wenn sie nicht sofort bereit ist, die Nichten und Neffen übers Wochenende zu übernehmen. Das wird alles total selbstverständlich kassiert, die Brüder sagen nicht mal Danke. Das mag ein extremer Fall sein, aber sie hat in ihrer ganzen Familie eindeutig den niedrigsten Status, alle erwarten, die sie sich einplanen läßt, wie es den Brüdern und Eltern paßt. Wäre sie verheiratet – ich bezweifle, daß das so weiterginge.
Wobei der Status als Ehefrau natürlich nicht auotmatisch mehr Autonomie bedeutet… Ich finde es befremdlich, wenn ich auf Grabsteinen lese “Ehepaar Hermann Schmitz”, da ist von der Ehefrau dann nichts mehr geblieben. Das macht man aber doch heute nicht mehr.
Und meine Bücher der Jahrhundertwende strotzen nur so von Wendungen wie “da die Frau nun einmal von Natur aus…”. Da müßte ich eigentlich mal eine Zitatsammlung anlegen. Worauf gründeten die Verfasser (auch Verfasserinnen) ihre unumstößlichen Überzeugungen? Auf ihre eigenen Vorstellungen davon, wie es nun mal zu sein hat, und auf Beobachtungen in ihrer Umgebung. So gesehen ganz schön schmale Basis für weltumfassende Behauptungen.
Keiner von uns weiß genau, wie “die Frau” von Natur aus ist, es gibt nun mal so viele und sie sind so verschieden, und keine erreicht befragungsfähiges Alter im Naturzustand. Alles reine Spekulation.
Und daß die jungen Frauen heutzutage keine Ahnung haben, wie viele Kämpfe notwendig waren, bis es so selbstverständlich wurde wie heute, daß sie Abitur machen und studieren – das nervt schon manchmal. Wenn ich so höre, wie die jungen Frauen sagen: “ich habe Feminismus doch nicht nötig, ich erreiche auch so alles…”, dann denke ich mir nur still: wo wärst du ohne die verachteten Feministinnen der Generation meiner Oma und Mutter? in der Frauenfachschule?
Wie viele Töchter wurden früh aus der Schule genommen und mußten zur Überbrückung bis zur Ehe irgendwo arbeiten, damit die Söhne studieren konnten.
Der Traum meiner Oma war, Krankenschwester zu werden. Sie durfte es nicht, weil die Ausbildung zu teuer war und für ein Mädchen ja weggeworfen gewesen wäre. Meine andere Oma hat es gegen ihren Vater durchgesetzt, Lehrerin zu werden. Beide Omas waren von der Wichtigkeit einer guten Ausbildung auch für die Mädchen überzeugt. Das war zu ihrer Zeit absolut nicht so selbstverständlich wie heute.
Aber auch meine Töchter gucken mich nur ungläubig an, wenn ich ihnen das erzähle. Für sie ist das alles selbstverständlich und ein Geschenk des Himmels, für das sich niemand angestrengt hat… Das ist der Lauf der Welt.
Lila
ich gönne allen jungen und nicht so jungen Frauen ihr “das ist doch Schnee von gestern” Gefühl aus ganzem Herzen, wünsche ihnen und uns allen aber, daß sie Geschichte im Blick behalten mögen.
Nur weil heute etwas so ist, heißt nicht, daß es morgen nicht wieder anders sein kann. Und daher finde ich es nützlich, ein paar Grundregeln im Hinterkopf behalten.
DIE (hessische) Fräulein (Dialekt für Lehrerin) ist ohne jeden Zweifel eine Respektsperson, doch das Fräulein meiner Jugend war noch eine direkte Nachfahrin der Jungfer oder Jungfrau und damit der Ansicht, daß wir als Entblümte (deflorierte) weniger wert waren als als “Intakte”.
Diese Art von Vergeßlichkeit erstaunt mich besonders bei jenen Feministinnen, die ach so großes Verständnis gegenüber fremden Kulturen und deren Umgang mit Frauen zeigen. Vielleicht gab es sogar Bereiche, wo Frauen früher richtig schalten und walten konnten, nur waren ihre Wahlmöglichkeiten halt sehr eingeschränkt und da die eine nun mal nich wie die andere iss, kann was für die eine Erfüllung ist für die andere die Hölle auf Erden sein, weshalb ich fürs “die Wahl haben” optiere.
Ich hatte übrigens eine professionell super Kollegin, verheiratet mit Kind um die 40 aus dem bäuerlichen Hinterland stammend, deren Brüder es für selbstverständlich ansahen, daß sie die Pflege der Eltern machte und managte, schließlich war sie das Mädchen in der Familie. Keiner der Brüder war ohne echten Zoff bereit, finanziell oder zeitmäßig sich zu beteiligen. Zoff stand außer Frage, er hätte die kranke Mutter zu sehr aufgeregt. Will sagen, das mit der unverheirateten Frau mag in Konkurrenz mit verheirateten Frauen zutreffen, sonst gilt im Zweifelsfalle “Ladies first!”
Der obige Fall ist nur insofern außergewöhnlich, als sie so erfolgreich berufstätig war, auf’m richtigen Land, wo ich wohnte, war selbiges überhaupt keine Frage, wie auch? um eins draufzusetzen: die Eingeborenen behaupten, daß Männer ihre Frauen nicht pflegen würden, umgekehrt schon.
“Für sie ist das alles selbstverständlich und ein Geschenk des Himmels, für das sich niemand angestrengt hat… Das ist der Lauf der Welt.”
Feiert ihr eigentlich noch am 28. März den Nathaniel Briggs Day? Oder ist der schon vergessen?
Every day is Nathaniel Briggs Day
Nur am 28. März nicht, da hat Y. Geburtstag und da ist Y. Day.
Habe mit einem meiner Söhne in meinem Studienbuch geblättert, er fragte mich, ob es eigentlich keine verheirateten Studentinnen gab, denn das Formblatt enthielt nur den Vordruck Frl. stud.
Des weiteren wollte er wissen, wieso nur die Bezeichnung Herr stud. zu lesen war.
Eine Bezeichnung für unverheiratete ist mir nicht bekannt, in ländlichen Bereichen gab es die Bezeichnung “Jungmänner”, aber sonst?
Bei uns hießen die unverheirateten Frauen in der Verwandtschaft alle Tanten. Als Tanten und Onkel hatten wir auch die Nachbarn zu bezeichnen.
Einen wahren Aha-Effekt erlebte ich im Zusammenhang mit “Fräulein”, als ich entdeckte dass es auf Spanisch auch “Señorito” (der junge Herr, d.h. der Sohn des Hausherren, Gutsbesitzers, etc) gibt.