Fundstück September 24, 2010, 16:56
Posted by Lila in Uncategorized.trackback
Ich lese ein bißchen in Google books herum, einfach was mich so interessiert – zur Geschichte der Hausarbeit zum Beispiel (ich hab schon ewig einen ellenlangen Eintrag über die Waschmaschine im drafts folder
) Und da finde ich dieses goldene Zitat:
So erhöhte sich der Anteil der Männer, die täglich ihre Unterhose wechseln, zwischen 1968 und 1988 von 5 auf 47%.
Wie viele Fragen wirft dieses Sätzchen auf! Wer überprüft wie die Anzahl der Männer, die ihre Unterhosen täglich wechseln? Stichproben? Fragebögen? Telefonische Umfragen? Freiwillige? Und wenn sie alle lügen? Und die, die Unterhose nicht täglich wechseln – wie oft wechseln sie sie, und wie haben sich da die Prozentzahlen verschoben? “Alle zwei Tage”, “zweimal die Woche”, “am Sonntag”, “an kirchlichen Feiertagen”, “zum Schützenfest” und “zu runden Geburtstagen”?
Was ist mit den Frauen, die ja bis ins 19. Jahrhundert oft offene Buxen anhatten, solche Beinlinge? Gibt es dazu keine Forschungen?
Und wie steht es jetzt um die Gewohnheiten der Unterhosenträger? Bestimmt ließe sich das nach Art der Unterhosen aufschlüsseln.
Ich muß sagen, daß ich Geschichte des Alltags faszinierender finde als alle großen Schlachten (obwohl ich bei Krieg und Frieden diesmal alle Schlachtszenen mitgelesen habe – ich finde Gräfin Rostova und Natasha beim Plaudern im Bett aber immer noch interessanter). Und ich glaube, es wird wirklich Zeit für einen Mehrteiler über die Waschmaschine und ihre Bedeutung für mein Leben…
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Ach ja die Waschmaschine – sie hat vermutlich gigantisch zum Glücklicher Machen meiner Jugend beigetragen. Endlich Wäsche Wechseln nach Herzenslust, ohne Mutters Gezeter, daß so viel Wäsche zu waschen sei … von Tele-Leibesvisitationen per Wäscheinspektion ganz abgesehen.
doch weiter gefaßt zum Thema Sauberkeit:
zu Zeiten des Möblierten Zimmers beinhalteten die Mietbedingungen, daß man 1 x die Woche baden durfte (samstags), aber 2x die Woche Treppe putzen mußte.
Irgendwie hatte mir das schon lange vor meiner ersten Bekanntschaft mit Angehörigen von waschfreudigeren Weltgegenden zu denken gegeben.
Liebe Lila, solche statistischen Werte werden und wurden immer schon per Umfrage erhoben. Und bei dieser von Ihnen entdeckten statistischen Ermittlung geht es in Wahrheit nicht um die Verweildauer der Unterhosen am männlichen Podex (weswegen es auch ganz egal ist, ob Eingriffunterhosen oder Boxershorts gemeint sind) – vielmehr handelt sich um eine versteckte Erhebung zur Ehrlichkeit der Männer. Wenn man das erkannt hat (wozu man aber das umfangreiche Standardwerk “Zielsetzungen und Durchführungsmethoden statistischer Umfragen im Wandel, von 1860-2000″ studiert haben muss), dann liest sich das Umfrageergebnis wie folgt: Zwischen 1968 und 1988 sank der Anteil ehrlicher Männer am männlichen Gesamtaufkommen von 95% auf 53%.
Für den Statistiker bleibt nur die Frage, für welche Weltregion diese Erhebung durchgeführt wurde. Und: Wie stark ist der Anteil ehrlicher Männer an der betreffenden männlichen Gesamtbevölkerung von 1988 bis heute weiter gesunken?
Die Unterhose wurde und wird natürlich am Samstag nach dem wöchentlichen Bad gewechselt. Sowas aber auch, dass Du das nicht wusstest!
Und, haben sie sie gar untereinander gewechselt?
Wie dieser Witz aus Armeezeiten. Kompanie antreten zum Unterwäschetausch! Müller tauscht mit Lehmann, Meier mit Schmidt ….
Den ‘Witz kenn ich noch von meinem Vater. Er wird auch hier erzählt, so in einem Sketch bei der Amtseinführung von Gabi Ashkenazi. “Ey, ich hab schon seit zwei Jahren die Socken nicht mehr gewechselt – und auch da nur mit Levy”. Gewechselt und getauscht ist nämlich dasselbe Wort auf Ivrit.
Und das Bad am Samstagabend. Tatsächlich erinnere ich mich noch an ältere Familienmitglieder, die nicht täglich geduscht haben, sondern zweimal die Woche gebadet. Das zweite Mal war wohl dem Fortschritt geschuldet
Und in der Wohnung meiner Kindheit, nach dem Krieg erbaut, gab es keine Dusche, sondern nur eine Badewanne. In meiner ersten Berliner Wohnung gab es nicht mal ein Bad. Ich hab mir das Wasser im Kessel heißgemacht und in einer großen Schüssel eine Art Dusche improvisiert. Oh ja. Das war tatsächlich keine Bauweise für Täglich-Duscher.
Da ich ein älterer Jahrgang bin, habe ich noch lebhafte Erinnerungen an das wöchentliche Bad in der Zinkbadewanne in der warmen, nach Sonntagsbraten duftenden Küche. Einerseits war das ja ganz nett, weil es wenigstens warmes Wasser war, denn an den anderen Tagen hieß es, sich mit eiskaltem Wasser von der Pumpe gründlich zu waschen, wobei die Mutter aufpasste oder energisch nachhalf, denn ich neigte dazu, nur mit einem Waschlappen kurz das Gesicht abzuwaschen – es war so lausig kalt, besonders im Winter. Andererseits mochte ich das Baden im warmen Wasser auch nicht so gerne, weil da meine Schwester und ich zusammen baden mussten und da schwammen dann so kriselige weiße Teilchen im Badewasser, die ich ekelig fand, weil ich überzeugt war, das sei der abgewaschene Schmutz meiner Schwester (nicht meiner, natürlich), während meine Mutter mir immer versicherte, das seien nur Seifenflocken. Ganz überzeugt bin ich bis heute nicht… Ach war es dann schön, wenigstens kaltes Wasser aus der Leitung zu bekommen als ich 6 oder 7 Jahre alt war, und der Höhepunkt des Genusses und der Dekadenz war dann natürlich der Tag, so im Alter von 13-14, als auf einmal auch warmes Wasser aus dem Wasserhahn kam und es sogar Spaß machte, zu baden oder zu duschen, ganz allein und sooft man wollte. Ich empfinde es bis heute noch immer wieder mit Dankbarkeit, wie angenehm und leicht es heute ist, zu duschen oder sich einfach im Sommer zu erfrischen.
Malte
Ich neige dazu, den Männern zu glauben, weil meine eigenen in vielen Jahrzehnten gemachten Beobachtungen und viele Berichten von sich ebenfalls “befreienden” Bekannten nicht irren können
Es begann vermutlich Ende der 60er, als wir Mädels anfingen, uns gegenseitig Mut zuzureden, daß es tatsächlich zumutbar war, energisch darauf zu bestehen, daß “er” frisch geduscht war. Parallel fingen wir auch an, uns zu trauen, Meinungen zu Mako-Feinripp zu haben, der seinerzeit noch dazu neigte, unansehnlich bis unappetitlich schlapp auch am ansehnlichsten Mannsbild rumzuhängen.
Lila
2x pro Woche? ich bin schockiert – noch 2003 galt eine Autostunde von Frankfurt die Regel
“unn samstags wird gebadt” und danach den ehelichen Freuden gefrönt, echt, das Haus in dem ich wohnte war hellhörig
es gab sogar noch alte Leute, die trotz kohlebeheiztem Boiler im gekachelten Bad nacheinander in der gleichen Wanne badeten und das Wasser die Woche über zum Aufwischen aufbrauchte. So sparsam waren die Zeiten anno dunnemals.
Anne
An die Zinkbadewanne erinnere ich mich auch noch, aber das Schlimmste damals war Mutter’s “stell Dich nicht so an”-Stil beim Durchkämmen der gewaschenen langen Haare (Conditioner kamen erst viel später). Noch heute gehe ich die Wänder hoch, wenn’s beim Friseur ziept.
Frage an Männer in diesem thread:
wie populär ist der Spruch “meine Frau erkennt mich auch im Dunkeln” heutzutage noch?
Tja, so ist das mit dem Fortschritt.
Wenn der Boiler schlappmacht, ist alles dahin.
Aber morgen isser hoffentlich wieder aufm Damm.
Alltagsgeschichte – ist das nicht genau die Anziehung von Blogs?
(Meine spanische Großmutter schimpfte meinen Bruder und mich als verzogen, weil wir täglich duschen wollten.)
an das Zinkbaden-Szenario in früher Kindeit erinnere ich mich auch noch als auf dem alten Küchenherd mehrere Töpfe mit heißem Wasser dampften & meine 2 Brüder in wohl gleichem Badewasser & manchmal auch zu zweit in der engen Wanne saßen – später dann im ersten Eigenheim mit richtigem Bad & Badewanne wurde noch immer mit Heizenergie gespart – der mit Holz & Kohle betriebene Badeofen lieferte mit einer Feuerung nur Energie für ca. 1 1/2 heiße Badewannen – da hieß es wieder brüderlich zusammen zu baden – bis man endlich mit so 13 o. 14 darauf bestand, alleine zu baden & war in jener Zeit etwas schockiert, als das ca. 12-jährige Nachbarsmädchen berichtete, daß Samstags sie mit ihrem jüngeren Bruder & den Eltern gemeinsam in einer Wanne badeten – das hätte ich mit meinen Eltern in dem Eltern wirklich nicht wollen..
apropos Alltagsgeschichten oder trivia der Geschichte – mir ist vor einiger Zeit ein interessantes Buch von Jacques Bazun namens “From Dawn to Decadence” in die Hände gefallen, ’500 Years of Western Cultural Life’ – ein netter & ergänzender Gegensatz zu den üblichen Geschichtsfakten von Kriegen, Eroberungen & Regenten –
PS: man kann Unterhosen solange tragen, solange sie nicht … oder … aufweisen, bzw. so sauber sind, daß sie selbst vor einem Partner noch zeigbar sind, ohne sich dafür schämen zu müssen…
Korrektur: Jacques Barzun
Heimo
man kann Unterhosen solange tragen
ne Unterhose und/oder jedes andere Kleidungsstück, in die/das man unzählige Male geschwitzt hat, bleibt lange lange äußerlich sauber
meine Ami-Kollegen in den 7oern verblüfften mich, als ich mitkriegte, daß die sogar ihre (langen) Hosen nach einem Tag in die Reinigung trugen. Kein Wunder, daß die immer wie frisch geduscht aussahen, sie waren auch so nah dran an jenem Zustand wie nur irgend möglich.
außerdem bringt man sich mit dem Wechseln nur wenn’s die Optik gebietet viel zu oft um den Genuß frisch Gewaschenes überzustreifen, aber für die Waschmaschinengeneration ist das wohl viel zu sehr eine Selbstverständlichkeit als daß sie noch den dazu gehörigen Lustschauder wahrnehmen können, der uns 1x die Woche Generation so vertraut ist.
@Heimo: Oh, der Buchtipp hört sich gut an. Da werde ich mal nachschauen, ob das bezahlbar ist.
@Silke: Das mit den langen Haaren habe ich bei meiner Freundin miterlebt! Das muss wirklich grausam gewesen sein. Als sie endlich durfte, hat sie sofort die langen Haare abschneiden lassen, während ich, die immer kurze Haare haben musste, dann endlich durchsetzte, lange Haare haben zu dürfen wie die Zeiten es verlangten (Mitte der 60er Jahre), aber da hatten wir ja glücklicherweise schon ein richtiges Bad mit Dusche.
Ich habe ja sowohl in Deutschland als auch hier mit alten Menschen gearbeitet, und da habe ich diese von-außen-sauber-Mentalität auch ganz hart mitgekriegt. Ich mußte manche alte Damen förmlich aus ihren Kleider rausschmeicheln, sie wollten sie nur aufhängen, “es ist doch noch ganz sauber”. Daß es schon nicht ganz frisch war, hat sie nicht gestört – Hauptsache kein Fleck drauf.
Das ist wirklich für die Dusch-und-Waschmaschinen-Generation völlig unverständlich.
Als ich Kind war, hatten wir in unserer in den frühen 60ern erbauten Mietswohnung auch nur eine Badewanne. Das war in einem Viertel, das extra für Angestellte der damaligen Kernforschungsanlage gebaut wurde, von mir als Kind Kerschungsfor-Anlage genannt. Da wohnten wir zwischen lauter Familien, in denen der Vater Kernphysiker war oder Chemiker, und die Mütter waren alle Lehrerinnen oder Hausfrauen oder Lehrerinnen in der Hausfrauenphase.
Wir Kinder haben jeden Abend gebadet, unter dem gräßlichen Boiler mit dem Vaillant-Hasen – der Hase war nett, vor dem Boiler hatte ich Angst. Ich saß immer unter dem Boiler und auf dem Stöpsel, dafür hatte mein Bruder eine Kachel mehr Platz – als Ausgleich für die Härte, auf diese Privilegien verzichten zu müssen. Hat noch jemand Zweifel, wer von uns es im Leben weiter gebracht hat? Auf dem Stöpsel sitzen und das noch als Privileg empfinden, das können auch nur große Schwestern.
Meine Mutter duschte jeden Morgen auch in der Badewanne, meine Oma in ihrem schönen Bergbau-Siedlungs-Haus ebenfalls. Das ging schon. Ich weiß aber noch, wie toll es war, als wir endlich eine vernünftige Dusche hatten, in der man sich nicht ducken muß.
Meine Oma war übrigens immer wie aus dem Ei gepellt und von ihr kenne ich das überhaupt nicht, die muffigen, aber fleckenlosen Sachen. Meine Oma hatte eine Aura der Sauberkeit und Frische um sich herum, sie war ein Naturtalent der Adrettheit.
Aber auch im Kibbuz gab es noch alte Damen, denen ich beibringen mußte, wie man sich die Haare unter der Dusche wäscht – das waren aber keine geborenen Israelis, die duschen dreimal täglich. Schnell zwar, um Wasser zu sparen, oder mit einem Eimer in der Dusche, und beim Einseifen stellt man das Wasser ab – aber Israelis duschen viel. Sonst kann man doch den Tag gar nicht bestehen, wenn man nicht wenigstens am frühen Morgen sich mal einmal frisch gefühlt hat….
Die noch aus der Alten Welt stammenden Omas aber bestanden darauf, sich mit zwei Kannen den Kopf zu waschen, was natürlich ein Riesenakt war und ihnen irgendwann zu umständlich. Ich habe ihnen dann gezeigt, wie man das in der Dusche macht, und daß man dabei auch saubere Haare kriegt. Und daß es dem Kopf nicht schadet, wenn man öfter als alle zwei oder drei Wochen die Haare wäscht…
Ich hatte als Kind und mein Leben lang lange Haare. Oh, die Erfindung der Drahtbürste, das Teufelsding, mit dem meine Mutter mich getriezt hat. Trotzdem hab ich auch heute noch lange Haare, und meine Mädchen auch. Denen hab ich die Haare aber immer extra sanft entwirrt…