Geschichten Juli 3, 2010, 12:23
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haben sich angesammelt im Lauf der letzten bloglosen Monate, und ein paar davon kann ich noch zusammenkriegen. Eine Gruppe solcher Geschichten dreht sich ums Thema „Soldatenmutter“.
Es ist bestimmt gut, daß mir die meisten Leser davongelaufen sind, denn viele deutsche Leser werden die Mentalität, die ich zu schildern versuche, nicht verstehen. Von der preußischen Leutnants-Huldigung über die zackige, todverliebte Wehrmaschine bis zur sinnentleerten, aber pingeligen und männerwitz-verseuchten Bundeswehr (ja ja, da rede ich von Sachen, von denen ich keine Ahnung habe! Bundis, verzeiht mir!) – Deutsche haben nie eine Haltung zu ihren Soldaten entwickelt wie Israelis. Für die Soldaten bestimmt schade.
(Meinen Geschichten entnimmt man überdies, daß ich regelmäßig mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahre. In der Tat kann ich von Nahariya aus überallhin fahren, mit Bus oder Bahn, das ist billig und praktisch, und ich mag es gern. Ich guck mich gern um.)
Trampen
Wir haben immer schon Tramper mitgenommen und sind auch kleine Umwege für sie gefahren, aber jetzt picken wir wirklich jeden Soldaten auf und bringen ihn nach Hause. Einmal konnten wir nicht anhalten, wegen einer Baustelle, und das Gesicht des Soldaten, an dem wir vorbeifahren mußten, hat mich bis nach Hause verfolgt. Einmal haben wir eine ganze Truppe mitgenommen, die sich zwischen unsere Einkäufe quetschten, alles Drusen. Sie hatten es eng, aber haben den ganzen Weg gelacht.
Wenn die Soldaten aussteigen, sagen sie: danke schön. Und dann sagen wir: wir danken euch.
In der Bahn
Neulich fuhr ich mit der Eisenbahn von Tel Aviv bis Nahariya, eine schöne Strecke, nah am Meer. Neben mir saß ein junger Soldat, und wie ich am Abzeichen an der Schulterklappe erkannte, die Fledermaus - einer vom Nun-mem, der Flugabwehr, wo auch mein Primus dient. Ich zögerte eine Weile, ob ich wirklich die unerträgliche Alte abgeben sollte, die ihre Nase überall reinsteckt, aber dann tat ich es doch. Und sagte freundlich, aber nicht zu freundlich: ich sehe, du bist beim Nun-mem. Wie mein Sohn.

Der junge Soldat hätte nun nur höflich sagen können: ach ja?, und ich hätte nicht weiter insistiert. Statt dessen wandte er sich sofort mir zu und sagte: wirklich? seit wann ist er denn dabei? Ich bin gerade erst gezogen worden und habe noch keine Ahnung… Und ich habe ihn gefragt, wo er Grundausbildung macht, und obwohl ich alles nur aus zweiter Hand wußte, haben wir bis Akko nett über Nun-mem und mögliche Wege dort gesprochen. In Akko hat er sich nett verabschiedet. Ich habe ihm viel Erfolg gewünscht. Und daß er immer gesund nach Hause kommt. Das aber leise, damit er es nicht hört.
Im Bus
Ich saß im Bus von Haifa nach Nahariya. Das ist eine vielbefahrene Strecke, und es gibt mehrere Linien. Eine Linie ömmelt so dahin und hält an jedem Straßenschild. Eine hält an wichtigen Haltestelle. Und die dritte fährt ziemlich strack durch und läßt viele Haltestellen rechts liegen.
Ich saß in einem Bus der schnelleren Sorte, ganz vorn, direkt hinter dem Fahrer. In der Nähe von Akko kam ein ganz junger Soldat nach vorn geturnt und bat den Fahrer, an der nächsten Haltestelle anzuhalten. Der Fahrer ranzte ihn an: da bist du im verkehrten Bus, ich halte hier nicht! Nächste Haltestelle ist Nahariya! Der Junge wurde sofort feuerrot und guckte den Fahrer verdattert an. Das wußte er nicht, stotterte er, und er muß aber nach Akko…. Der Fahrer knurrte, das interessiert ihn nicht.
Nun wußte ich, daß es ein Fehler ist, mich einzumischen, ich mußte es aber doch tun. Allein schon, damit der kleine Soldat sich nicht alleingelassen fühlen sollte. Und ich sagte in den Spiegel des Fahrers hinein: laß ihn doch hier raus, mach doch mal eine Ausnahme! Der Fahrer, wie nicht anders zu erwarten, guckte mich im Spiegel fuchsig an und wurde richtig laut: ich mach keine Ausnahmen! darf ich gar nicht! Nun wurde ich auch fuchsig und rief: Aber das ist ein Soldat! der hat nur so ein kurzes Wochenende! für den kannst du mal ne Ausnahme machen! Und auf der anderen Seite mischte sich eine Frau ein, ebenfalls vom Typus stattliche Matrone: Mensch, halt doch an! Das ist doch eine reguläre Haltestelle!
Von zwei aufgebrachten Damen so in die Enge gedrängt, lief der Fahrer zu großer Form auf. Ich habe fünf Söhne, alle in der Armee! Ihr müßt mich gar nicht belehren! Ich halte hier nicht an! und brauste durch bis Nahariya. Der Soldat zog sichpeinlich berührt zurück. Er muß wohl von Nahariya bis Akko zurückgefahren sein. Bestimmt hat er uns innerlich verwünscht.
Mir hat es trotzdem nicht leidgetan, daß wir Frauen uns eingemischt haben. Das nächste Mal ist der Busfahrer vielleicht netter, allein schon, weil er den Spektakel fürchtet. Es war übrigens das erste Mal, daß ich aus dem Bus stieg, ohne mich beim Busfahrer zu bedanken. Ekeltyp.
Im Bus II
Ich stand in der Schlange am Busbahnhof Mifratz in Haifa. (Ich find den Namen auch sehr putzig – Mifratz….) Vor mir eine ältere Dame vom Typ Osteuropa, vor ihr ein Geschiebe junger, lauter, chaotischer Soldaten mit ihren riesigen Rucksäcken. Es war sehr heiß, und das Einsteigen zog sich hin. Die Frau vor mir murmelte etwas in meine Richtung, aber ich verstand sie nicht, zog nur fragend die Augenbrauen hoch. Da sagte die Frau deutlich: Gott segne und behüte unsere Soldaten, ach, wie die Jungen bei der Hitze so schwer schleppen! Da konnte ich nur sagen: Amen.
Im Bus III
Am Wochenende nach dem Debakel auf See (zu dem ich irgendwann mal was schreiben werde, aber bestimmt nicht heute) kam Primus nach Hause. Er muß mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Gush Etzion bis nach Hause fahren, eine endlose Gurkerei. An diesem Wochenende kam er mit einem etwas schiefen Grinsen an. Er meinte, er ist reihenweise angesprochen worden. Sein Abzeichen ähnelt nämlich dem von der Shayetet 13, dem Kommando der Marine, die nach besagtem Debakel in aller Munde und auf allen Fernsehschirmen waren.
Und Primus meinte, die Leute haben Sachen zu ihm gesagt wie: Bist du von der Shayetet, Jung? Wir stehen hinter euch. Bist du einer von der Shayetet? Wir sind stolz auf euch, ihr macht gute Arbeit. Primus hat verlegen abgewehrt, nein nein, er ist nicht von der Shayetet. Macht nichts, meinten die Leute, feine Jungens und Mädchen seid ihr doch. Primus ist dann schnell geflohen. Er hat es mir erzählt, obwohl es ihm total peinlich war, aber er wußte, daß ich mich freue.
In der Galerie
Für mich ist das Semester noch nicht vorbei, aber fast. Im Kunstinstitut, wo ich unterrichte, werden schon die Ausstellungen vorbereitet, und ich dachte, geh ich doch mal gucken. Ich sehe gern, was meine Studenten und überhaupt Künstler, flügge und unflügge, Studenten und Externe, so produzieren. Ich nutze es auch gern im Unterricht. Und so trat ich in einen Raum der Galerie und vor mir hing, in Lebensgröße, das folgende Bild:

Ich blieb wie angewurzelt stehen, und augenblicklich fand in mir ein fliegender Wechsel statt. Von wohlwollenden-Kritik- und-Kunstfex-Modus wurde ich sofort in meinen privaten Mama-Sentimental-Modus katapultiert und hatte nicht die geringste Möglichkeit, dieses Bild auf irgendwas hin anzusehen außer – auch mein Bub kommt morgen nach Hause! Ich lächelte das Bild eine Weile verzückt an, dann riß ich mich zusammen und sah mir den Rest der Ausstellung an.
Alle Bilder befassen sich mit dem Soldaten, aus der Perspektive der Mutter. Nun verging mir das Lächeln, und ich dachte mit Bangen: es ist doch hoffentlich keine Arbeit als Erinnerung an einen gefallenen Soldaten sein…? Man weiß ja nie. Da trat eine Frau ein, die ich nach dem Selbstporträt sofort als Künstlerin erkannte. Ich kannte sie nicht, sie hat wohl nur Malereistunden bei Elie Shamir genommen. Sie kannte mich auch nicht, ich habe mich also vorgestellt und wir haben uns über ihre Arbeiten unterhalten. Dabei verwischten sich bei uns beiden die Welten wieder – ich fragte nach ihrem Sohn, aber wir sprachen auch ein bißchen über Farben und über Selbstporträts als Genre. Ich bat um Erlaubnis, ihre Bilder im Unterricht zu verwenden, und sie erlaubte es mir.
(Hoffentlich hat sie nichts dagegen, daß ich sie hier verlinke. Ich werd sie fragen.)
Tja, ich weiß. Mütter sind schon schlimm genug, Mütter von Soldaten und Soldatinnen sind noch schlimmer. Wir fühlen uns berechtigt, im Namen der Söhne und Töchter den Mund aufzumachen, auch wenn selbige Söhne und Töchter uns dafür gern knebeln und fesseln würden. Und so wie sich die Soldaten alle gegenseitig knapp als „achi“, mein Bruder, anreden, so haben wir manchmal das Gefühl, andere Soldatemütter sind „achoti“, meine Schwester.
Es ist so ein wichtiger Teil des Lebens. Ich vermisse meinen Primus, ich kann ihn nicht mehr beschützen, ich habe Angst, er wird überfordert oder traumatisiert, ich kann ihm nicht mehr mit den Augen folgen, und ich schlafe nachts ohne Ventilator, wenn ich weiß, daß ihm heiß ist, oder ich schlafe gar nicht. Dabei leidet er gar nicht, er hat es gut getroffen und wie schon beschrieben, er hat eine interessante Aufgabe und erfüllt sie gern. Aber die Armee ist so eine Organisation, die mir den Jungen aus den Händen genommen hat und nun mit ihm macht, was sie will und für richtig und wichtig hält.
Wie leicht sagt es sich zum Beispiel: Gilad Shalit müßte mit einer Kommando-Aktion befreit werden! Ach ja? Dabei kämen unweigerlich Soldaten ums Leben. Nun, bin ich bereit, meine Kinder zu so einer Aktion zu schicken? Die Armee fragt uns nicht, was wir dazu sagen, mit gutem Grund. Denn wenn es nach dem irrationalen Teil der Volksmeinung ginge, dann würde die ganze Armee in Mutters Küche sitzen und Hühnersuppe essen und abends die Geschichte von Himpelchen und Pimpelchen hören. Wir haben auch eine andere Seite, eine rationale und pragmatische. Der haben wir es zu verdanken, daß wir überhaupt eine Armee mit Rekruten haben.
Aber wenn ich schon vorher zu jedem Thema mindestens zwei bis drei Meinungen hatte, dann hat sich diese Zahl noch vermehrt.
Bilder Juli 2, 2010, 19:05
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Das ist der Abschluß-Video von Secundus´ Jahrgangsstufe:
Das sind Bilder von Klassenfahrten und Vorbereitung auf die Armee und von allen möglichen anderen Aktivitäten. Mein Secundus immer mittendrin. Wenn jemand einen Video von der Feier bei Youtube veröffentlicht, stell ich ihn hier rein. Alles nette Kinder auf den Bildern. Eine besonders nette Jahrgangsstufe.
Und „unsere“ Klippschliefer, vom Balkon aus photographiert, morgens und abends:
Ich sehe sie morgens, wenn ich mit dem ersten Kaffee auf den Balkon taumele, um mich von der Morgensonne richtig wecken zu lassen, und ich sehe sie abends, wenn ich der Sonne beim Untergehen über dem Meer zugucke. Sie drapieren sich malerisch auf den Felsen und genießen die Sonne. Wenn jemand sich nähert, sind sie weg, als wären sie nie dagewesen. Ich sehe so gern, wie ihre Jungen über die Felsen hüpfen, wie winzige Gummibälle.
So lang nicht nichts geschrieben…. Juli 2, 2010, 18:32
Posted by Lila in Bloggen, Persönliches.comments closed
Ich fühle mich wie ein Gast hier im Blog, so als hätte ich gar kein Recht mehr, etwas zu schreiben. Viel Zeit habe ich auch heute nicht. Es war gar nicht meine Absicht, so eine lange Pause zu machen, aber alle Sachen, die ich mal angefangen habe zu schreiben für den Blog, die gefielen mir dann doch nicht, und ich habe sie in die Schublade namens draft folder gelegt…. wo sie dann zugestaubt sind.
Allen besorgten und freundlichen Menschen möchte ich danken, daß sie sich gemeldet und nachgefragt haben. Bei uns ist alles absolut in Ordnung und kein Grund zur Sorge. Wir arbeiten wie verrückt, und ich warte ungeduldig auf das Semesterende – da werden dann enorme Mengen von Hausarbeiten über mich hereinbrechen, aber immerhin muß ich nicht mehr durch die Gegend schippern. Y. entwickelt sich beruflich weiter, teils unter Schmerzen, teils mit großem Spaß.
Primus geht in seiner Tätigkeit als Sanitäter auf und hat tatsächlich ein Talent entdeckt. Er kommt ungefähr alle zwei Wochen nach Hause und er ist immer noch der nette, kommunikative Kerl, der er sein Leben lang war. Er hat sich nicht verändert, ist nach wie vor etwas chaotisch und sensibel und wenn er sich durch die Armee verändert hat, dann nur im positiven Sinne: noch verantwortungsbewußter und nachdenklicher.
Er hat schon Kinder gerettet, die auf Minen getreten sind – arabische Autofahrer, die in eine Massenkarambolage verwickelt ware, Soldaten, die sich gegenseitig k.o. geschlagen haben, und das ist noch längst nicht alles. Ich bin stolz, daß er stets die Nerven behält, daß er schon neue Sanitäter anlernt und von einer Weiterbildung zur nächsten zieht. Er nimmt die Sache sehr ernst. Habe ich erzählt, daß er in einem der Kurse dafür gelobt wurde, daß er der Simulations-Puppe erstmal die Hand auf die Schultern gelegt und ihr gut zugeredet hat? Das ist mein Primus – immer menschlich, immer freundlich.
Secundus hat unlustig sein Abitur über die Bühne gebracht (er hat eine kleine Wohnung im Kibbuz, wie seine Freunde – nur daß deren Eltern noch im Kibbuz sind, wir dagegen eine Stunde entfernt – doch das ist auch bald vorbei) und bereitet sich auf seine Zeit bei der Armee vor – bei der Nahal, Termin Ende Juli. Neulich waren wir bei der Abschlußfeier seines Armee-Vorbereitungskurses, der tatsächlich sehr gut war und die Jungen und Mädchen auch zum Nachdenken angeregt hat.
Ich würde gern darüber schreiben, was Secundus mir von den Diskussionen dort erzählt hat – über verbotene Befehle zB, wie man sie erkennt und wie man sich ihnen widersetzt, aber auch über mentale und körperliche Kräfte, die er dort gewonnen hat. Vielleicht schreibe ich da mal was zu. Trotzdem tat es mir so leid, die Gruppe morgens früh, grau im Gesicht vor Müdigkeit, den Hügel raufstolpern zu sehen, wo wir Eltern warteten. Die ganze Nacht hatten sie ihr letztes Trainig, und ich dachte einen Moment an meine gemütliche Jugendzeit, in der es solche Härten nicht gab.
Dafür war seine Abschlußfreier desto sorgenfreier und witziger. Er hat getanzt, so richtig, und da haben seine Oma und ich uns groß angeguckt. Oho, wo ist der genante Jugendliche hin? Ein charmanter junger Mann tanzt an seiner Stelle auf der Bühne, ganz allein, mit einem hübschen Mädchen im Arm. Secundus ist nach wie vor in allen möglichen Ausschüssen engagiert, er arbeitet und engagiert sich und ist immer auf Jück. Die Jugendleiter im Internat haben mit guten Worten förmlich überschlagen.
Tertia hat ebenfalls Punkte fürs Abitur an ihrer neuen Schule gesammelt, an der sie sich tadellos eingelebt hat. Sie ist wirklich nett aufgenommen worden und hat einen Kreis netter Freundinnen und Freunde aufgebaut, und den Kontakt zu den alten Freunden hält sie auch sehr gut. Sie rebelliert ein bißchen, aber das muß so sein. Es ist schön, daß sie kritisch ist – das macht das Zusammenleben interessant. Wir haben richtige Frau-zu-Frau-Gespräche, das genieße ich so. Sie erinnert sich manchmal an ihre Kindheit, diese Reminiszenzen, und dann fühle ich mich 100 Jahre alt. Für mich war das vorgestern, für sie in der Jungsteinzeit.
Quarta hatte anfangs Schwierigkeiten auf der neuen Schule, weil sie auf der alten Schule so unbestritten die Königin der Jahrgangsstufe war, daß der Neuanfang ihr besonders schwerfiel. Inzwischen hat sie ihren Status als Königin auch an der neuen Schule etabliert, spielt in den Pausen Fußball mit den Jungens und zieht nachmittags mit den Mädchen aus dem Moshav durch die Gegend. Sie kennt jeden der vielen Klippschliefer um unser Haus herum mit Vor- und Nachnamen, „guck, das ist der mit der Narbe auf dem Rücken, der ist jetzt in diese Felsgruppe umgezogen“, und hat sich ebenfalls gut eingelebt.
Bei ihrer Abschlußfeier meinte die Lehrerin: wir haben das Gefühl, Quarta war immer schon in dieser Klasse! Viele Eltern haben mich angesprochen und gesagt, daß ihre Tochter bzw ihr Sohn soo gut mit Quarta befreundet ist…. sie hat sich also ihren Platz erobert. Leicht war es nicht, aber traumatisch hoffentlich auch nicht.
An Wochenenden habe ich hier immer wechselnde Konstellationen von Kindern. Es sind nie alle vier gleichzeitig zuhause – Quarta schläft oft bei ihrer besten Freundin aus der alten Klasse, die an Wochenenden ihren Vater in Nahariya besuchen kommt, Tertia fährt oft zu ihren alten Freundinnen und schläft in Hazorea oder Mishmar haEmek, Secundus kommt oft zu uns und wir grillen, weil er das so gern mag, oder gehen in Nahariya essen, und wenn Primus hier ist, dann ist er auch oft unterwegs. So ist das mit großen Kindern. Ich muß sie ziehen lassen, telefonieren aber hinter ihnen her und habe oft nachts Sorge. Verratet es den Kindern aber nicht.
Und ich? Ich genieße jeden einzelnen Tag. Ich habe das Leben im Kibbuz geliebt und genossen, und jetzt liebe und genieße ich das Leben außerhalb. Niemand fragt mich mehr, ob ich „in die Stadt“ fahre, weil ich so fein angezogen bin, und daß im Kibbuz über unseren Auszug getratscht wurde oder vielleicht auch noch wird, stört mich nicht mehr. Die soziale Kontrolle des Kibbuz, die ja positive und negative Seiten hat, ist aus unserem Leben verschwunden, und wir genießen das. Wie ein griechischer Chor, der von der Bühne abtritt – er hat uns über Jahrzehnte begleitet, aber er fehlt mir überhaupt nicht.
Es war mir immer wichtig, in einer „gemischten“ Gegend zu leben, und das hat sich nicht geändert. Wir kaufen unsere Brötchen im christlich-moslemischen Kfar Yasif, alles andere in einem Supermarkt im Drusenort Yarka, und auch unter meinen Studenten habe ich Angehörige aller Minderheiten. Egal was für balagan im Land abgeht, das alltägliche Zusammenleben wird davon nicht gestört, es läuft höflich und auch herzlich weiter. Weniger problemlos als zu Oslo-Zeiten, aber wir müssen auch die letzten Überreste von Toleranz und Verständnis im Alltag bewahren.
Wir fühlen uns hier im äußersten Norden ausgesprochen wohl. Wir sind nah an der Grenze, und ich habe mein Leben lang an Grenzen gelebt: an der Grenze zu Dänemark, zu Holland, an der Berliner Mauer, und jetzt hier an der Grenze zum Libanon. Ich mag Grenzen.
Dazu kommt meine schlichte Freude an Haus, Garten und Aussicht, obwohl wir wegen der Wasserknappheit nur wenig wässern. Ich stelle unter die Ausgänge der Klimaanlage, die wir mittags trotz Seebrise anstellen müssen, Gießkannen, und das Wasser, das sich dort sammelt, benutze ich zum Gießen. Meine Mutter hat mir zum Geburtstag einen Einkauf im Gartencenter in Kfar Yasif geschenkt, und das Ergebnis ist ein kleiner Kräutergarten, der im Laufe der Zeit wachsen wird. In unserem vorletzten Haus hatte ich auch einen Kräutergarten und freue mich so, daß ich wieder einfach rausgehen und pflücken kann.
Wir genießen es, am Ende der Welt zu leben, und hatten schon viel Besuch. Jeder sagt: ist ja wie in Ferien hier… und das stimmt. Es ist so friedlich wie im Kibbuz, und noch stiller. Wenn wir in den Kibbuz zu Besuch fahren, ist das auch sehr schön, und ich freue mich, die Menschen wiederzusehen, die mir was bedeuten. Wir haben ja Freunde und Familie dort. Aber für uns war der Entschluß, wegzugehen, genau richtig – und genau zum richtigen Zeitpunkt. Irgendwann werde ich mal aufschreiben, was mir dazu so durch den Kopf zieht. Sehnsucht nach dem Kibbuz, wie er heute ist, habe ich jedenfalls nicht – sehr wohl aber nach dem Kibbuz, wie er mal war, solidarisch, pragmatisch, genügsam. An diese Jahre denke ich oft, bevor die Schicht der Erneuerer-um-jeden-Preis die Sache übernahmen und den Kibbuz herumdrehten….
Es ist auch nicht eingetreten, wie so viele Leute immer sagen: Kibbuzniks kommen „draußen“ nicht klar. Ganz im Gegenteil, der Übergang war so leicht. Es war für mich sowieso natürlich, die Verantwortung für meinen Haushalt nicht an Großküche und Wäscherei abzugeben – dafür habe ich das immer schon viel zu gern gemacht. Für mich also kein Unterschied. Und obwohl im Kibbuz Strom und Wasser viele Jahre lang umsonst waren (in den letzten Jahren nicht mehr), haben wir nie die „ideale Temperatur für Kibbuzniks“ im Haus gehabt – Klimaanlage an, Fenster auf. Oder: Klimaanlage laufen lassen, während man bei der Arbeit ist. Oder auch: trotz Wasserkrise einen Wimbledon-reifen Rasen pflegen – der Kibbuz wird´s schon zahlen. Nein, das haben wir nie so gehandhabt, und darum sind unsere Strom- und Wasserrechnung sehr niedrig. Und auch sonst kommen wir prima klar, und kein „böses Erwachen“ hat uns erwartet.
Von den verschiedenen Weltereignissen, die sich ohne mein Zutun entwickeln und die mich grämen, versuche ich so wenig wie möglich Notiz zu nehmen. Meine persönlichen Energien sind knapp genug, und ich kann mir im Moment nicht leisten, damit zu aasen. Trotzdem habe ich letzten Sonntag um 7 Uhr früh im Nachbarort Hila auf der Wiese gestanden, Aug in Aug mit den Shalits, und bin mit ihnen durch die sengende Hitze bis Kabri marschiert. Es war mehr Erbarmen mit den gequälten Menschen und Solidarität als das Gefühl, rundherum das Richtige zu tun – es wäre wohl besser gewesen, wir hätten auf Botschaften, Rotes Kreuz oder die Grenze zum Gazastreifen zugehalten. Daß Beifall von der Hamas für diesen Marsch kommt, macht mir Bauchschmerzen. Und doch – als ich das ungläubige kleine Lächeln im Gesicht von Aviva Shalit sah, als sie die Menschenmengen sah, war es dann doch wieder gut, daß ich mitgegangen bin.
Ich habe noch nie an so einem Massen-Event teilgenommen, ich war noch dazu allein. Y. ist gegen den Marsch, obwohl er mich nicht davon abgehalten hat – er hat verstanden, daß ich als Mutter eines, bald zweier Soldaten und nächstes Jahr einer Soldatin noch dazu ehrlich zugeben muß, daß auch ich wie Aviva Shalit fordern würde, ALLES zu geben. Aber ich verstehe auch Bibi, der hart bleibt und sagt: ALLES geht nicht, ich habe noch mehr Bürger als die Familie Shalit. Und so ist die ganze Sache verzwickt und schmerzhaft.
Warum das Rote Kreuz sich nicht wenigstens für Gilads Grundrechte starkmacht, das ist nicht zu erklären. Vier Jahre lang schlägt die Hamas allen internationalen Regeln ins Gesicht, aber es scheint niemanden zu stören, „weil man von denen ja eh nichts anderes erwartet“. Wunderbar, solche Feinde zu haben, die vollkommen außer Recht und Gesetz stehen, wirklich. Man möchte es niemandem gönnen – aber verstehen kann es wohl auch niemand.
Tja, was sonst? Ich liebe meine Arbeit und meine Studenten und Kollegen, ich liebe meinen Mann und meine Kinder und meine Freunde, ich liebe die Nana-Büsche im Gärtchen und den Himmel, wenn er sich über dem Meer verdunkelt und der Abend kommt. Ich habe es wirklich gut im Leben und bin mir dessen sehr bewußt. Ich versuche, das Gefühl weiterzugeben.
Puh, das war lang – aber überfällig! Mal gucken, ob ich noch ein paar Bilder auftreibe, die ich nachreichen kann… von den Klippschliefern, an denen ich so große Freude habe…





