Das Shalit-Dilemma I Juli 10, 2010, 12:47
Posted by Lila in Land und Leute.trackback
Ich meide ja Nachrichten, weil sie zu schmerzlich, zu unerträglich sind. Gestern abend habe ich mir aber eine Reportage angeguckt, die in Deutschland vermutlich nie gesendet würde. Sie beleuchtete das Dilemma zum Thema Gilad Shalit, und das geht mir dauernd im Kopf herum.
Das Dilemma des Falls Shalit wird immer schwieriger, je mehr Zeit vergeht, je mehr Lebenszeit diesem jungen Soldaten schon abhanden gekommen ist, je mehr wir als Gesellschaft ihm schulden.
Zur Erinnerung für Leute mit kurzem Gedächtnis: vor vier Jahren drangen Hamas-Terroristen auf israelisches Gebiet vor, ermordeten zwei Soldaten und verschleppten einen in den Gazastreifen. Dort halten sie ihn in einem Keller gefangen, man kann sicher sein, daß er gefoltert wird und kein Tageslicht sieht, und weder Rotes Kreuz noch sonstige internationale humanitäre Organisationen dürfen ihn besuchen. Er bekommt keine Briefe, ganz zu schweigen von den Haftbedingungen der Gefangenen in Israel, die wie Samir Kuntar an der Offenen Universität akademische Grade erwerben können und Besuch von ihren Frauen und Familien empfangen können.
Die Hamas fordert die Freilassung von c. 1000 Terroristen. Ich weiß, es ist für viele deutsche Leser ungewohnt, die Hamas als Terror-Organisation zu sehen – es sind für sie Freiheitskämpfer, edle Widerstandskämpfer gegen brutale israelische Besatzung. Nur daß der Gazastreifen schon fünf Jahre nicht mehr besetzt ist, und daß die israelischen Siedler den Bewohnern Gazas Infrastrukturen hinterließen, mit denen sie eine funktionierende Wirtschaft hätten aufbauen können. Israel hätte ihnen gern dabei geholfen.
Ich erinnere noch einmal daran, daß im Anschluß an die Räumung des Gazastreifens Olmert gewählt wurde, mit dem Wählerauftrag, eine ähnliche Räumung auch in der Westbank durchzuführen. Das war eine Chance, doch bekanntlich zog die Hamas es vor, die Gewächshäuser zu demolieren und sich auf die Produktion von Kassam-Raketen zu verlegen. Außerdem führte sie einen brutalen Machtkampf mit der Fatah, in deren Verlauf unglaublich widerliche Verbrechen begangen wurden – nicht gerade unter Anteilnahme der Weltöffentlichkeit, die sich für arabische, besonders palästinensische Opfer nur dann interessiert, wenn irgendwie Israelis darin verwickelt sind. Uns hat die ganze Entwicklung gezeigt, daß wir weder von den Palästinensern noch von Europa noch auch von unseren Nachbarn, den Ägyptern, irgendwelche Hilfe oder Unterstützung zu erwarten haben.
Die von Europa so bitterlich beweinte Blockade der Seewege sollte dazu dienen, ich rufe es nur noch einmal in Erinnerung, um erstens die Bewaffnung der Hamas zu erschweren und zweitens Druck auf sie auszuüben, Gilad Shalit freizulassen. Beides hat sie nicht wirklich fertiggebracht, und sie hätte wohl schon eher aufgehoben werden sollen, nicht auf Druck der Weltöffentlichkeit. Also, auf diese Weise bewegen wir die Hamas nicht dazu, Gilad wieder nach Hause zu schicken.
Warum läßt Israel also diese 1000 Leute nicht einfach frei? Im Tennenbaum-Deal hat Israel doch Hunderte überführter Terrorisen freigelassen, und das war nicht das erste Mal. Der früher eisern gehaltene Grundsatz, mit Terroristen nicht zu verhandeln, hat im Konflikt mit dem anderen eisernen Grundsatz, keinen im Feld zurückzulassen, den Kürzeren gezogen. Im Moment sieht es aus, als wären beide Grundsätze außer Kraft: Israel verhandelt mit Terroristen, sogar eifrigst, aber der Gefangene ist trotzdem nicht zuhause.
(Da in Israel alle Jungen und Mädchen nach dem Abitur eingezogen werden, außer Ultra-Orthodoxen, Christen und Moslems, kann der Staat sich nicht leisten, sein Versprechen zu brechen und Soldaten im Feld zurückzulassen. Verwundete, Gefangene, Gefallene – jeder soll zurückgeholt werden, lebend oder auch tot – um ein Grab in Israel zu bekommen).
Aber die Reportage gestern abend hat einfach mal die Karriere eines der für Tennenbaum freigelassenen Terroristen nachgezeichnet. Es fing damit an, daß die Reporter ein paar Jugendliche in der Westbank befragten, wer der wichtigste und am meisten bewunderte Shahid von allen ist. Ohne Zögern sagten die Jungens: Luay Sadia. Der hat die meisten Juden umgebracht. Sein Bild hängt an vielen Hauswänden, er wird als Held gefeiert. (Es wundert mich immer, daß Pax Christi und Konsorten sich am Kult der Gewalt bei den Palästinensern kein bißchen stoßen – tja, es lebe die selektive Wahrnehmung…)
Luay Sadia hat nach seiner Freipressung mehrere Anschläge organisiert – im Club Stage, im Einkaufszentrum von Netanya, einzelne Attentate. Bei einer Auseinandersetzung mit israelischen Truppen ist er 2005 erschossen worden. (Man vergleiche den konsternierten Bericht der BBC über Saadis Ende mit dem Bericht bei IsraelInsider – ganz interessant, wie ein und dasselbe Ereignis jeweils gewichtet und beurteilt wird). Die Schwester eines der von Saadi ermodeten Opfer marschiert mit den Shalits mit – andere Angehörige von Todesopfern können es nicht über sich bringen. Sie sind gegen jeden Deal mit Terroristen, weil sie sagen, daß dann andere Menschen mit dem Leben bezahlen. Diese Abwägung ist einfach schrecklich, wie löst man das ethisch einwandfrei auf?
Für die Familie Shalit ist die Situation natürlich unerträglich. Gilad ist seit vier Jahren, seit er 19 Jahre alt, in Händen der Hamas. Seine kleine Schwester ist Soldatin. Die Shalits sind loyale Israelis und halten ihren Bund mit dem Land – sie fordern, daß das Land den Bund ebenfalls hält. Sie sind sehr zurückhaltende, ja spröde Leute. Wir wohnen ja jetzt im Ort neben ihnen, und Bekannte aus Hila haben mir erzählt, daß niemand die Shalits kannte. Sie waren sehr für sich, sehr stille, introvertierte Menschen. Also haben sie zuerst auch nicht viel gesagt, haben die Regierung, die Unterhändler mal machen lassen, haben den Versprechen wohl geglaubt. Inzwischen sind sie zornig, haben das Gefühl, sie und ihr Sohn sind alleingelassen worden.
Der Marsch von Hila nach Jerusalem, den die Familie Shalit mit Tausenden von Menschen zurückgelegt hat, ist ein starker Protest gegen die Regierung. Die Shalits fordern von Bibi die Freilassung Gilads. Aviva Shalit sagt, und nicht zu Unrecht, daß die Lage heute anders ist als vor sieben oder acht Jahren, als hier täglich Bomben explodierten. Dank “Apartheidsmauer” und guter Arbeit der verschiedenen Sicherheitsorgane haben sich die Anschläge wirklich deutlich verringert. Aviva Shalit meint, das Risiko ist nicht mehr so groß, daß es das Verrottenlassen ihres Sohns rechtfertigt. Und wenn man sich überlegt, daß für diesen zwielichtigen Verräter Tennenbaum so ein großes Risiko eingegangen wurde, kann man den Zorn der Shalits noch besser verstehen.
Kommentare
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kann man den zorn nicht von beiden seiten verstehen? niemand ist im hass auf die welt gekommen und doch entsteht er auf beiden seiten.
Beide Seiten!? Informiere dich bitte, wie die Haftbedingungen für palästinensische Terroristen in Israel sind und dann, wie Hamas, Hisbollah und Konsorten israelische Gefangene behandeln…
Besonders verabscheuungswürdig finde ich, daß all den Personen und Organisationen, die sich so aufopferungsvoll um das Wohl der Bewohner des Gazastreifens kümmern, dieser von ihren “Lieblingen” unter unsäglichen Bedingungen eingesperrte junge Mann keinen Halbsatz wert ist…
“Die Shalits fordern von Bibi die Freilassung Gilads.” Das könnte glatt in einer europäischen Zeitung stehen.
Das Dilemma, das Du so einfühlsam beschrieben hast, ist wirklich so eine Horror-Situation des Lebens – wer möchte Gilads Familie eiskalt zumuten, ihren Sohn dem Wohl des Größeren, Ganzen zu opfern, besonders da man sich ausmalen kann, zumindest ansatzweise, was er vermutlich erdulden muss – was für ein Horror für seine Familie! Und andererseits wirklich, was für ein Horror, wenn für ihn ein neuer ‘Held’, der Juden in großer Zahl tötet, freigesetzt wird… Bei solchen Szenarien bin ich immer ganz feige froh, dass ich nicht die politische Verantwortung für die tatsächliche Entscheidung habe, die getroffen werden muss. Die menschliche Verantwortung haben wir wohl in gewisser Weise alle. Damit leben kann ich eigentlich nur in den Momenten, in denen ich alles verdränge.
[...] die sonst, in unserer schnellen und oberflächlichen Zeit, nicht zu lesen sind. In ihrem Blog äussert sich Lila zum Fall Gilad Shalit. In aller notwendigen Ausführlichkeit, in zwei Teilen. Aber kein Satz ist [...]
@Anne: Volle Zustimmung. Ich denke auch das niemand auch nur annähernd nachvollziehen kann was die Familie von Gilad Shalit durchmacht. Aber es bleibt auch ein grosses Gefühl von Hilflosigkeit bei Menschen die irgendwie helfen wollen – in Israel und anderswo. Was soll man z.B. in Deutschland organisieren ? Noch eine Demonstration ? Noch eine Mahnwache ? Ich weiss es nicht. Mein kleines, hilfloses, Mittel als Blogger ist einfach das Widget mit Gilad ganz nach oben in meinen Blogg zu setzen und immer wieder über Gilad zu schreiben. Sonst fällt mir auch nichts sinnvolles ein.
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