Das Shalit-Dilemma II Juli 10, 2010, 12:58
Posted by Lila in Land und Leute.trackback
Nun habe ich ja schon erwähnt, daß ich am ersten Tag, von Hila bis Cabri, mitmarschiert bin – mehr war zeitlich nicht möglich. Ich möchte, bevor ich es vergesse, aufschreiben, wie ich diesen Marsch erlebt habe.
Wir wußten nicht, wie viele Leute kommen würden. Y. hat mich gegen kurz nach sieben über den Wirtschaftsweg hinter unserem Haus, der nach Hila führt, gefahren, aber da er diesen ganzen Marsch sehr kritisch sieht, ist er nicht mitgekommen. Ich bin den Hügel raufgelaufen, zum Gemeindezentrum von Hila, und es waren schon massenhaft Menschen da. Um halb neun sollte es losgehen.
Viel Polizei, Sicherheitsmenschen haben Zettel verteilt und gelbe Bänder (die zum Symbol des Protests geworden sind), viele Schüler von Gilads Schule, Pfadfinder, ältere Leute – alle strömten auf eine Wiese und einen Platz vor dem Gemeindezentrum. Ich wollte mir ein stilles Plätzchen im Schatten suchen, bis die Shalits das Zeichen zum Aufbruch geben, aber auf einmal schubste mich ein junger Kerl zur Seite, der mir bekannt vor – ein Fernsehreporter, der live berichtete. Ich verzog mich, wollte nicht gefilmt werden, und suchte mir ein stilleres Plätzchen.
Auch dort wurde ich bald zur Seite geschoben, weil die Familie sich genau neben mir einen Weg zur Bühne bahnte. Noam Shalit ist kleiner, als ich erwartet hatte, im Gesicht seiner Frau sieht man schwärzeste Verzweiflung. Eine kurze Zeremonie, und die Menschenmengen strömten den Hügel wieder runter. Ich mag keine Menschenmengen, und ich ging erst gegen Ende mit. Wir wanderten durch Meilia, eine arabische Ortschaft – dort wohnen libanesische Christen, Katholiken. Auf den Straßen stehen Madonnenfiguren.Viele Leute guckten aus den Fenstern, vor einem Haus stand eine Großfamilie mit einem Plakat von Gilad Shalit.
Als wir die Schnellstraße Maalot-Nahariya erreichten, war ich schon nicht mehr am Ende der Schlange. Ich war verblüfft, was für Menschenmengen die Straße entlangströmten, es wurden immer mehr Leute. Die eine Straßenseite war für uns gesperrt. Überall Polizisten, Hubschrauber in der Luft, Begleitfahrzeuge mit Musik oder Sanitätern. Mir wurde langsam klar, was für eine riesige Sache das war. Es war ein angenehmer Morgen, etwas Wind kam uns vom Meer entgegen, und wir gingen und gingen. Ich bin noch nie mit so einer Menschenmenge marschiert, ich meide Menschenansammlungen und es war gut, daß ich allein war – so konnnte ich genauer mitkriegen, was die Menschen um mich herum sagten. Fast alle waren mit Hemden oder T-shirts mit Gilads Bild ausgestattet, alle trugen das gelbe Band. Ich hatte meins an meine Tasche geheftet.
Während ich so ging, dachte ich nach. Warum gehe ich mit? Eigentlich nur, um Solidarität mit den verzweifelten Eltern zu zeigen. Eigentlich wäre ich mehr dafür, wenn die Idee umgesetzt würde, als Frauenmarsch nach Gaza reinzumarschieren und vor dem Büro der Hamas zu demonstrieren. Da wäre ich sofort dabei.
Von einem Hügel sah ich unser Haus, inzwischen war ich schon in der vorderen Hälfte. Die Hitze wurde schwerer. Bis wir in Cabri angekommen waren, war ich ganz vorne. Es war sehr merkwürdig, sich umzudrehen – ich konnte das Ende der Menschenmenge nicht absehen. Blauweiße Kleidung, blauweiße Fahnen – ich fühlte mich beklommen und wie ausgehebelt aus der normalen Welt. Jemand sagte per Megaphon durch, daß die Polizei die Menge auf 10.000 schätzt. Kein Wunder, daß die Schlange vor den Feldtoiletten so lang war, und viele Leute sich in die Büsche schlugen. Dauernd rannten Photographen rum und filmten oder knipsten. Manche Leute sangen.
Die Autos auf der anderen Fahrbahn reagierten fast alle. Ein paar Autofahrer hupten oder winkten, eine ganze drusische Familie hängte sich aus den Fenstern und rief uns was zu. Ein paar Autos hielten auch an. Vor einem Familienauto stand ein rundlicher Vater mit zwei ebenfalls rundlichen Kindern. Das kleine Mädchen hatte ein vor Eifer rosiges Gesicht und rief aus Leibeskräften: Noch lebt Gilad! noch lebt Gilad! Ich hörte sie noch lange schreien. Das fand ich sehr rührend, denn vermutlich waren weder Vater noch Kinder in der körperlichen Verfassung für den Marsch, aber sie wollten auch etwas tun.
(Zwischendurch hatte ich auch ein kleines Erlebnis, das typisch für mich ist und mit den Shalits nichts zu tun hatte. Vor mir ging ein junger, sportlicher Vater, lange Beine, Sportbekleidung. Er schritt wacker aus. Auf den Schultern trug er seinen Sohn. An der Hand zog er seine Tochter mit sich – sie mag fünf, sechs Jahre alt gewesen sein und versuchte verzweifelt, mit dem Papa Schritt zu halten. Sie machte Riesenschritte, rannte alle paar Meter eifrig hinter ihm her und doch machte er keine Anstalten, sein Tempo dem Kind anzupassen.
Wenn es etwas gibt, das mir den Blutdruck durch die Decke jagt, dann so ein Anblick. Ich überholte den jungen Mann und sprach ihn an. “Normalerweise mische ich mich ja nicht in fremde Familienangelegenheiten, aber merkst du eigentlich nicht, daß du viel zu schnell läufst? Deine Tochter kann gar nicht Schritt halten! Ich gehe seit Neve Ziv hinter euch her und kann es nicht mehr mit ansehen!” Ich war so wütend, daß er richtig erschrak. Er wurde langsamer, fiel zurück. Mich trieb die Wut weiter, und ich war schließlich der vordersten Gruppe auf den Hacken. Es war mir peinlich, aber ich bereue es trotzdem nicht.)
Irgendwann war die Etappe vorbei und Y. holte mich ab. Weitere Etappen konnte ich zeitlich nicht mitmachen. Ich war und bin auch innerlich zu gespalten. Denn Bibi hat tatsächlich Recht, wenn er sagt, daß der Preis sehr hoch, eigentlich zu hoch ist. Aber kann man wirklich auf das Leben eines Menschen einen Preis setzen? Und was, wenn Gilad morgen zu Tode gefoltert wird – wie werden wir uns fühlen, wenn wir für 1000 Terroristen schließlich eine gräßlich zugerichtete Leiche, Gott bewahre, ausgeliefert bekommen? Und wie werden wir uns fühlen, wenn der Shalit-Deal durchkommt und zehn Monate nach Gilads Freilassung ein Schulbus bombardiert wird, oder ein Altenheim, oder ein Gemüsemarkt?
Wer kann überhaupt so eine Entscheidung verantworten?
Entschuldigt, daß das wieder so lang geworden ist, aber manche Dinge lassen sich nicht verkürzen, zumindest nicht von mir… meine Gedanken mäandern so herum, ich bitte um Verzeihung. Ich habe zwei Teile draus gemacht, vielleicht ist es ja nun lesbarer?
Kommentare
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ist das nicht das klassische dilemma. kann man das leben von menschen gegeneinander aufwerten? ist es richtig einen menschen zu töten damit 2 leben können?
ich kann sowas nicht beantworten, das einzige was ich weiß ist, dass jeder tote einer zuviel ist, egal auf welcher seite. er führt zu mehr spaltung als zu versöhnung. kurzfristig mag sich das teilweise sogar lohnen, mittelfristig endet es im disaster.
Und was willst Du damit konkret sagen?
das beide seiten zuviele menschen töten?
Wahrscheinlich nur einfach was gesagt haben…
Schalom Lila,
schön, dass du wieder da bist!
Leider ein ganz schwieriges Thema. Die Skepsis deines Mannes teile ich,
verstehe aber auch, dass du als Soldatenmutter anders denkst.
Rein rational muss man aber Netanjahu beipflichten, Israel kann nicht jeden Preis bezahlen. Und der Druck auf die Regierung kann nur eine Stärkung der Hamas bewirken.
Ich wünsche Gilad von ganzem Herzen eine gesunde, glückliche Heimkehr, aber wer wäre dann der Nächste, zu welchem Preis?
Gerade hat die Hamas einen riesigen Sieg verbucht, mit der Flotille und dem darauffolgenden Ende der Blockade. Nach dem Sieg an der Propagandafront gleich einen weiteren in diesem Nervenkrieg hinterher, da müsste es denen zu wohl werden.
Dass in der Vergangenheit ein Typ wie Tennenbaum teuer freigkauft wurde mag für Gilads Eltern bitter sein, aber die Fehler der Vergangenheit rechtfertigen nicht, so immer weiter zu machen.
Ich wünschte Gilad ein “entebbemäßiges” Freikommen – wer nicht? Er scheint wohl nicht auffindbar zu sein, und so bleibt nur falsch oder grottenfalsch übrig.
Wünsche dir und deiner Familie anhaltende Ruhe da oben,
Charly
[...] In ihrem Blog äussert sich Lila zum Fall Gilad Shalit. In aller notwendigen Ausführlichkeit, in zwei Teilen. Aber kein Satz ist überflüssig. Wer sich einen, mit Fakten belegten, Überblick zum Fall Gilad [...]
Köstlich, Wolfram. Wo hast den denn das tolle Bild gefunden ?
@Grenzgänge (7): ich weiß es nicht mehr; ich habe mir den Link mal abgespeichert.
Ich glaube, es handelt sich um eine ganz bestimmte zoologische Gattung.
[...] [...]
die Zeichen sind ziemlich eindeutig… wenn ich mich nicht sehrserr irre – http://thatwoman.files.wordpress.com/2008/06/troll_spray.jpg
Um aufs Thema zurückzukommen: LeMonde.fr hat das hier veröffentlicht.
B”H
Lila, gut, dass es Dich wieder gibt in der Blogosphere.
Ich bin nicht mitgelaufen, weil ich gegen den Deal bin, obwohl israel. Medien / polit. Experten staendig aehnliche Deals aus den 70igern oder 80igern als Beispiele heranziehen. Da seien auch Unmengen von Terroristen freigelassen worden (bei Yoske Groff etc.) und es sei hinterher nichts Besonderes passiert. Die heutige Zeit jedoch ist anders.
In den naechsten Tagen werde ich einmal im Shalit Ohel vorbeischauen. Noch haben sie regen Promibesuch, doch das wird sich in kurzer Zeit legen und dann stehen sie allein da. Ich kenne die typische Haltung der Oeffentlichkeit noch von Chaoten – Vicky (Knafo).
Mal sehen, ob die Shalits in Jerusalem durchhalten. Die Regierung baut auf den Winter und wenn der kommt, ist im Ohel nicht elicht kirschenessen.
Ich glaube, ein zweites Mal packen sie ihren Kram nicht mehr zusammen.
Vicky Knafo war was anderes – ein nine day´s wonder und auch selbst reichlich überkandidelt.
Die Shalits können sich auf viel größeren Rückhalt in der Bevölkerung verlassen.
Ich stehe dem Deal auch sehr kritisch gegenüber, aber letztendlich können wir uns nicht verweigern. Wenn Gilad nicht nach Hause kommt, wie kann ich dann meine Vier dem Staat in den Rachen schmeißen?
Daß der internationale Druck auf Hamas kaum vorhanden ist, das ist natürlich bitter. Ich kenne das genaue Ausmaß der deutschen Vermittlung nicht, bin aber froh darüber, daß nicht zum ersten Mal deutsche Vermittler aktiv werden und sich nicht klüglich raushalten.
Miriam,
ich stimme Dir zu und bin ebenfalls nicht mitgelaufen. Der ganze Medienrummel spielt Hamas in die Haende, treibt den Preis hoch und zoegert einen Deal hinaus. Ich verstehe, dass es vielen Menschen darum ging, der Familie Shalit ihre Anteilsnahme zu zeigen.
Lila,
was ist mit den Soldaten, die ihr Leben hingegeben haben, um einen Teil dieser Terroristen hinter Schloss und Riegel zu bringen? Was ist mit den Menschen, die kuenftigen Anschlaegen dieser freigelassenen Terroristen zum Opfer fallen? Was ist mit den Soldaten, die wieder ihr Leben riskieren, um dieselben Terroristen dingfest zu machen? Sind das nicht auch alle unsere Soehne und Toechter?
Ruth, hast Du gelesen, was ich geschrieben habe? Oder reicht es Dir zu wissen, daß ich mitgegangen bin? Meinst Du, ich habe das nicht bedacht?
Ich zitiere mich mal eben selbst, weil Du das vielleicht bei meiner Bleiwüste überlesen hast:
Es ist nun mal nicht alles im Leben eindeutig.
B”H
Ich will dieser Tage unbedingt einmal zum “Shalit – Zelt” gehen und ein paar Aufnahmen machen. Hunderte von Menschen sollen taeglich vorbeistroemen und gestern war, wie schon beim Marsch selbst, Rona Ramon (die Witwe von Ilan Ramon) dort.
Mir kommt das alles so vor als sonne sich Noam Shalit nicht schlecht im Medienrummel. Jimmy Carter traf er auch vor wenigen Tagen. Eine Loesung ist aber laengst nicht in Sicht.