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Kurios, kurios November 15, 2009, 23:10

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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Wir tragen uns ja schon seit über einem Jahr mit dem Gedanken, anderswo neu anzufangen, aber auf einmal geht alles ziemlich schnell. Wir haben die Verhandlungen über unsere Abfindung reibungslos überstanden – die Summe reicht für unsere Pläne aus, und wir hakeln nicht um einzelne Punkte, an denen wir mehr „rausholen“ könnten. Wenn das Haus für den Übergang rechtzeitig frei wird, ziehen wir Chanukka schon um – also in zwei, drei Wochen. Ich horte schon Zeitungspapier, wir suchen uns einen günstigen Spediteur, und Umzugstips aller Art sind uns hochwillkommen.

Nach unserem letzten Umzug vom winzigen Häuschen in unsere jetzige Wohnung habe ich mir geschworen: ich ziehe nie wieder um, ich hab die Schnauze voll. Die vielen Bücher! der ganze Familienkram! Aber diese Umzüge im Kibbuz haben wir natürlich allein gemacht, nur mithilfe von Freunden und Familie. Diesmal wird es ohne Spediteure nicht gehen, wir haben keine Zeit und Nerven, uns selbst mit den schweren Möbeln abzuäschern. Aber mir graust davor.

Wir gehen abends, wenn es geht, wie immer um den Kibbuz, Y. und ich – Tageserlebnisse austauschen, frische Luft schnappen und den Körper dran erinnern, daß der Schreibtischstuhl nicht notwendigerweise ein Teil von ihm ist. Jetzt gucken wir den Kibbuz mit ganz anderen Augen an. Einerseits wehmütig – wir kommen an unsren alten Häusern vorbei, an den Kindergärten der Kinder, am Fabrikeingang, wo ich früher auf Y. gewartet habe, Primus im Kinderwagen dabei. Wir gehen am Vordach vorbei, wo die vielen Traktoren und landwirtschaftlichen Maschinen stehen – wie viele Nachmittage habe ich damit verbracht, den Kindern zuzugucken, wie sie auf jeden Traktor klettern und stolz rufen: John Deere!

Aber wir kommen auch an den winzigen Häuschen vorbei, in denen sich die Familien mit vielen kleinen Kindern drängen, und an den wesentlich größeren Häusern, die die Chaverim ab 50 bekommen, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Das System des Wartens, bis man dran ist, hat ausgedient. Keiner kommt mehr dran, der Kibbuz baut nicht mehr, die Chaverim müssen Baudarlehen aufnehmen und können dann bauen – aber nicht jeder hat genügend Eigenkapital für so ein Darlehen.  Und es ist schon absurd, wenn wir die großen Häuser sehen – in denen wohnen jetzt Empty-nesters allein. Meist Paare, die ihre vier Kinder in denselben bedrängten Verhältnissen großgezogen haben wie wir. In anderen Kibbuzim ist das nicht so kraß wie bei uns, da wird Wohnraum für die jungen Familien gebaut, aber unser Kibbuz hat anders geplant. Absurd eigentlich, und alle wissen, daß es falsch geplant ist. Aber es ist schwer zu ändern. Der Kibbuz ist, wie der Sekretär sagt, ein schwerfälliger Körper – und jede Entscheidung hängt davon ab, welche Interessengruppe am aktivsten zur Versammlung und Abstimmung geht.

Die Aussicht ist so schön, das Fleckchen Erde bestimmt eines der schönsten im ganzen Nahen Osten – die Hügel, die Bäume, die hellen Steine, das Meer so nah und die schöne Linie der Carmelberge als Begrenzung. Heute war die Luft ganz klar, und wir gingen in der Abenddämmerung den Weg von Westen nach Osten. Fette Wolken über dem Meer, man sieht die Küstenlinie runter bis Hadera, wo die Schornsteine im Meer stehen. Und schon Dunkelheit über Um el Fachm, deren Lichter am Hügel gegenüber blinken. Ich höre die Frösche quaken, die Schakale jaulen, und im Gebüsch vor unserem Haus raschelt „unser“ Igel hektisch, als wir wiederkommen.

Es ist ein seltsames Gefühl, Abschied zu nehmen, wir wollten das nie. Y.  fällt es leichter, er möchte Veränderung, er hat darauf gedrängt, und ich kann den armen Mann nicht sein Leben lang an denselben Ort bannen, nur weil ich mich hier wohlfühle. Er hatte schon öfter den Drang, wegzugehen, und er geht mit Leichtigkeit, weil er seine Entscheidungen rational fällt, und rational gesehen dies die richtige Entscheidung ist. Außerdem ist er mit dem Kibbuz so verwurzelt, daß er ihn sowieso mit sich trägt, egal wo er ist.

 

Für mich ist es anders. Für mich ist dieser Kibbuz mein Zuhause in Israel und ein Teil von mir wie mein Name. Aber auch meinen schönen Nachnamen habe ich mir erheiratet – und den Kibbuz auch. Ich habe Angst, wegzugehen – daß mir dann keine Verbindung mehr bleibt.

Aber der neue Ort hat uns bezaubert. Selbst mein kritischer Schwiegervater, der am Wochenende extra hingefahren ist, um sich das Projekt mal anzugucken (und der auf dem Rückweg einen Autounfall hatte, Gott sei Dank ist ihm nichts passiert, auch wenn das Auto hin ist), mußte zugeben: das ist ein schönes Fleckchen, da kann man schon verstehen, daß ihr euch dort ansiedeln wollt. Auch meiner Mutter hat es ja gefallen, wenn sie es auch gar zu abgelegen fand.

Mit etwas Glück kriegen wir das aller-äußerste Grundstück, das wirklich nur wenige Meter vom Grenzzaun entfernt ist.  Noch sind die Verhandlungen weder im Kibbuz noch in Bezug aufs Übergangshaus noch auch am neuen Ort abgeschlossen. Falls Ihr also noch ein Däumchen freihabt…

Kommentare»

1. Janina - November 16, 2009, 11:43

Liebe Lila, für das schönste aller Grundstücke und einen reibungslosen streßfreien Umzug drücke ich alle Daumen!

Mein Tip:
Bei meinem Umzug habe ich alle Zimmer in der neuen Wohnung farbig durchnummeriert, rote 1= Küche, blaue 2=Wohnzimmer etc, dann die Zahlen groß und farbig an die jeweilge Tür geklebt, Grundriß mit allen Zahlen draußen vor die Tür und die einzelnen Kisten nur farbig durchnummeriert. Große Zahl für die Möbelpacker, damit sie wissen, wo es hinmuß und für mich in kleiner Schrift, was die Kiste enthält. Hat super geklappt. Und da ich wiederablösbare Etiketten benutzt habe, konnte ich das bei den Möbeln auch machen, habe die Etiketten danach von den Kartons abgemacht und die dann verkauft.
Zahlen sind einfacher als „linkes Kinderzimmer“ oder „unteres Bad“ für Möbelpacker.

Es ist trotzdem stressig und anstrengend und man fragt sich, warum man sich das eigentlich antut…dafür ist es umso schöner, wenn man beim ein- und auspacken (insbesondere der Bücher) „alte Freunde“ wiederfindet, Dinge, die man lange nicht mehr bewußt in der Hand hatte und sich daran erinnert, wann und wie es in den eigenen Besitz gewechselt ist.

Ich wünsche Euch alles alles Gute!

2. Flash - November 16, 2009, 12:25

Das intensive Durchgraben des gesamten Besitzes ist ein nicht zu verachtender positiver Effekt eines Umzuges. Man ist plötzlich zur Entscheidung gezwungen, was bleibt und was entsorgt wird. Und man entdeckt alte Bestände, die schon längst aus dem Bewußtsein verschwunden waren. Man kommt mit einer Neuordnung des Besitzes aus dem Chaos heraus. Und das tut gut.

Es ist ein Lebensthema, diese Kämpfe „rational“ vs. „emotional“, und Abschiednehmen ist wirklich eins der emotionalsten Themen des Lebens. Trotzdem gehts ja auch wieder neu los. Es lohnt sich auf jeden Fall, denke ich. :)

3. hendrik - November 16, 2009, 18:14

Ach, natürlich drücke auch ich Dir die Daumen für Verhandlungen und den Fortschritt in der wilden Idylle. Aber ein wenig schwer fällt es schon, denn irgendwie hast Du für mich dort im Kibbutz immer ein bisschen den Traum gelebt, den ich mir selbst nicht erfüllen konnte und wollte, weil mir der Kibbutz als Volontär schon nach ein paar Monaten zu eng geworden war, nach dessen Gemeinschaft und Geborgenheit aber ein stetes Sehnen weiter bestand. Und auch wenn es andere Kibbutzim und Zeiten waren, solange Lila in ihrem Kibbutz sitzt und über ihn, Kinder und Katzen schreibt, scheint diese Welt noch in Ordnung, existiert sie noch, auch wenn sich sich in Wahrheit schon längst geändert hat. Verzeihe Deinen Lesern, speziell mir, also bitte auch ein bisschen selbstsüchtige Wehmütigkeit. Abgesehen davon natürlich wünsche ich Euch viel Glück beim Umzug!

4. Peter - November 16, 2009, 19:20

Mit etwas Glück kriegen wir das aller-äußerste Grundstück, das wirklich nur wenige Meter vom Grenzzaun entfernt ist.
Ob das Glück ist?
Ganz schön leichtsinnig auf die (fast) alten Tage als „Wehrbauer“ anzufangen mit der Hisbollah als Nachbar!
Anderseits so habt ihr das Feuer „unterlaufen“
So oder so,viel Glück!

5. Barbara - November 16, 2009, 22:25

Das geht ja wirklich schnell bei euch! Uns steht (aber hoffentlich erst im nächsten Jahr) auch ein Umzug bevor – und auch wir dachten, wir würden so schnell nicht mehr umziehen, aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt ;)

Ich wünsche euch, dass alles reibungslos klappt!

6. Marlin - November 17, 2009, 21:59

Drücke beide Daumen, große Zehen und die Katzen werden sicher auch ne Kralle freihaben. :D

Und Umzüge hasse ich mit Leidenschaft.. *buerks*

Aber viel Glück dabei.

7. Eva - November 20, 2009, 12:21

Liebe Lila,
besser als Hendrik haette ich es nicht ausdruecken koennen. Ich schliesse mich seiner Wehmut an…
Thema Umzugstipps:
a) Kartons oben und kurze Seite beschriften, dann kann man auch uebereinandergestapelte Kartons identifizieren.
b) Maedchenkisten packen: Maenner koennen 2 auf einmal nehmen und wir Damen eine ohne Hexenschuss.
Ich wuensche euch viel Glueck fuer euren mutigen neuen Anfang.