Lachhaft September 27, 2009, 11:18
Posted by Lila in Presseschau.trackback
Wann hat ein israelischer Regierungschef zum ersten Mal vor den iranischen Nuklearwaffen gewarnt? War es Ariel Sharon? Oder schon früher? Ich weiß es nicht mehr. Aber jahrelang haben die westlichen Medien so getan, als hätte Israel diese Bedrohung nur erfunden, um von eigenen Übeltaten abzulenken.
Ein Klassiker ist und bleibt diese Schlagzeile: Israel droht mit Selbstverteidigung! Ja, wenn es schon so weit gekommen ist, daß Israel mit Selbstverteidigung droht…
Noch vor ein paar Tagen erschien ein Artikel in der ZEIT, der zeigt, wie “ausgewogen” manche deutschen Journalisten den Konflikt sehen. Am besten zitiere ich mal daraus:
Mit gegenseitigen Beschimpfungen hat das Schaulaufen Irans und Israels vor der UN-Generaldebatte begonnen.
…der neue verbale Schlagabtausch…
….die neuen Misstöne zwischen Teheran und Jerusalem…
Alles klar? Beide Seiten beschimpfen sich gegenseitig. Doch woher kommen diese Mißtöne eigentlich?
Irans Präsident reagierte damit auf eine Äußerung von Israels stellvertretenden Außenminister Danny Ajalon, der die seit Jahren übliche Floskel wiederholte, wonach im Hinblick auf das iranische Atomprogramm “alle Optionen auf dem Tisch liegen”.
Israel droht – der arme kleine Iran reagiert nur darauf! Und warum drohen die Israelis eigentlich? Haben sie einen Grund? Nein, natürlich ist das nur ein Vorwand.
Erneut wird Israels Premier die Welt davon überzeugen wollen, dass ein Stopp des iranischen Atomprogramms höhere Priorität habe als die Nahost-Friedensverhandlungen mit den Palästinensern.
Wie nennt man diese grammatikalische Form noch einmal? Er wird es tun wollen – aber nicht sicher, ob es ihm auch gelingt. Natürlich gelingt es ihm nicht, natürlich wird sich niemand Sand in die Augen streuen lassen, natürlich ist diese Taktik der Israelis altbekannt. Ablenkungsmanöver, alles Ablenkungsmanöver!
Nur die Bildunterschrift, vermutlich von anderer Hand verfaßt, nennt das Kind mit dem Bart beim Namen:
Israel-Hetze aus Teheran: Erneut verunglimpft Irans Präsident Mahmud Ahmadineschad den jüdischen Nachbarstaat
Ja, er hetzt. Aber, impliziert der Artikel, reicht das schon als Grund für Israels Drohungen?
Auf einmal aber dreht sich der publizistische Wind. Die “Enthüllung” der Atomanlage bei Qom ist wohl der Auslöser dafür, den Iran auf einmal ernstzunehmen. Und warum? Ach so. Weil Ahmedinijad jetzt den Westen provoziert, nicht nur Israel.
Am Montag will Iran Rundfunkberichten zufolge außerdem eine Mittelstreckenrakete vom Typ Shahab 3 testen, eine Waffe, die bis zu 2000 Kilometer weit fliegen kann – und somit auch Israel und amerikanische Stützpunkte in der Golfregion treffen könnte.
Man bemerke den Unterschied! Am Ende wird noch jemand außer den schimpfenden Israelis zu Schaden kommen!
Das islamische Land, bitter verfeindet mit Israel, steht nach wie vor unter Verdacht, am Bau eigener Atomwaffen zu arbeiten.
Und nur ein paar Worte zum Thema “bitter verfeindet”. Vor der Revolution der Ayatollahs waren Israel und Iran Handelspartner und hatten gute Beziehungen. Die Iraner sind keine Araber, und obwohl die Juden in Persien mal bessere, mal schlechtere Zeiten hatten, waren bis zu dieser Revolution Israel und Iran alles andere als bitter verfeindet. Die bittere Feindschaft geht einzig und allein von den fundamentalistischen Ayatollahs aus und wird von regimekritischen Iranern auch nicht geteilt.
Es waren die Ayatollahs, die sich auf Israel eingeschossen haben und alle Wut des Korans auf die Söhne von Affen und Schweinen losgelassen haben. Im Gegensatz zu dem Kausalverhältnis, das der ZEIT-Artikel suggeriert, ging alle Feindseligkeit von Iran aus. Und das ohne jeden Anlaß – Israel und Iran haben keine gemeinsame Grenze, der Iran ist viel größer und volkreicher als Israel und kann sich nicht bedroht fühlen, und die angebliche Unterdrückung der Palästinenser in Israel ist weniger schlimm als die im Libanon, in Jordanien oder Syrien – nur kümmert das niemanden, wo Araber andere Araber unterdrücken oder umbringen.
Die üblen Szenen auf den Straßen Teherans vor ein paar Monaten sind vom Westen mit Schweigen beantwortet worden. Das ist eine Schande. Daß Ahmedinijad seinen Wahlbetrug durchziehen konnte, hat er dem Westen zu verdanken.
Und nun sehen wir uns einmal die Größenverhältnisse zwischen Israel und Iran an, um zu sehen, ob beide Staaten tatsächlich so gleich stark und gleich aggressiv sind, wie der ZEIT-Artikel vermuten läßt. (Ich verlasse mich dabei auf das Länderlexikon von SPon).
Fläche:
Iran: 1 648 195 km²
Israel: 22 072 km²
Bevölkerung:
Iran: 71,956 Mio. Einw. davon 51 % Perser, 24 % Aserbaidschaner, 8 % Masandaraner, 7 % Kurden, 3 % Araber
Israel: 7,308 Mio. Einw. davon 76,2 % Juden, 23,8 % nichtjüdische Minderheiten
Bevölkerungsdichte:
Iran: 43 Einw./km²
Israel: 326 Einw./km²
Allg. Wehrpflicht:
Iran: 18 Monate
Israel: 24 (w) / 36 (m) Monate
Streitkräfte:
Iran: 545 000 Mann (Heer 350 000, Revolutionäre Garden 125 000, Luftwaffe 52 000, Marine 18 000)
Israel: 168 300 Mann (Heer 125 000, Luftwaffe 35 000, Marine 8000)
Der Iran ist ein riesiges Land mit geringer Bevölkerungsdichte und einer großen Armee, die es mit Leichtigkeit unterhalten kann – relativ kurzer Wehrdienst nur für junge Männer. Israel ist so klein, daß nicht mal sein Name auf der Landkarte Platz hat, mit hoher Bevölkerungsdichte und einer Armee, die es nur aufrechterhalten kann, indem es junge Männer und Frauen einzieht – auch die Frauen dienen hier länger als die iranischen Männer.
Es ist lachhaft, so zu tun, als wären die Drohungen Irans nicht ernstzunehmen, oder nur von Israel erfunden, um von den notwendigen Friedensverhandlungen mit den Palästinensern abzulenken. Sharon und Olmert haben vor den iranischen Atomwaffen gewarnt und gleichzeitig Verhandlungen mit den Palästinensern geführt (Sharon hat den Gazastreifen geräumt, Olmert sehr großzügige Angebote gemacht – nur zur Erinnerung).
Was soll ich also jetzt davon halten, daß Sarkozy und Obama und Brown den Iranern lauthals nu-nu-nu zurufen? Ich hoffe, daß sie tatsächlich mal Druck auf die iranische Regierung ausüben. Ich würde mir wünschen, daß bessere Zeiten für die Iraner anbrechen, daß die inner-iranische Opposition und auch die Opposition im Exil endlich mal ernstgenommen werden, und daß Israel nicht mehr allein dasteht. Daß endlich mal ein Unterschied gemacht wird zwischen Demokratien und Diktaturen, zwischen irrsinnigen Haßpredigern und normalen Regierungschefs. Ich würde mir auch wünschen, daß Heinzelmännchen nachts meine Küche aufräumen, daß der Osterhase durchs Oberlicht springt und das Christkind mir die Organisation des Heiligabends abnimmt. Ja, das wäre schön!
Kommentare
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Netanyahus großartige Rede vor der UN-Vollversammlung wurde in der deutschen Presse kaum thematisiert. Ein Schelm wer Böses dabei denkt. Außerdem nannte Bibi ganz unverschämt Fakten zum Nahost-Konflikt, die in D-land kaum einer hören will.
Ja, Bibis Rede war gut. Ich bin kein großer Fan, aber diese Rede war wirklich gut und ehrlich und zornig und offen. Ist sie in Deutschland tatsächlich nicht wahrgenommen worden?
Ich hab die Rede mal hier reingestellt. Vielleicht finden sich ja ein paar deutsche Kommentare, würde mich wirklich interessieren.
Die Resonanz war schwach. Meistens war die Rede den deutschen Medienvertrtern nicht mal einen eigenen Artikel wert, sondern wurde nur als Aufhänger für einen allgemeine Bericht über die UN-Vollversammlung genutzt. Ausführlich berichtet wurde über den ersten Teil, wo er sich gegen die Holocaustleugnung wehrt. Der Rest fiel stillschweigend unter die Redakteurstische.
http://www.zeit.de/newsticker/2009/9/25/iptc-bdt-20090924-732-22491026xml
http://www.sueddeutsche.de/politik/525/488918/text/
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,651136,00.html
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,651139,00.html
PS: Ich seh gerade, da hängt noch ein Satzfetzen in meinem vorherigen Post rum (gemacht worden wäre). Wäre toll, wenn Du das löschen könntest.
Sie wurde kaum wahrgenommen, als wenn sie nicht gehalten worden wäre. Danke für das hineinstellen der Rede.
Bei Rika findet sich die deutsche Übersetzung.
“Es waren die Ayatollahs, die sich auf Israel eingeschossen haben und alle Wut des Korans auf die Söhne von Affen und Schweinen losgelassen haben.”
Das hier spielte wohl auch eine gewichtige Rolle:
“Prior to the Iranian Revolution of 1978–79 in Iran, SAVAK (Organization of National Security and Information), the Iranian secret police and intelligence service was created under the guidance of United States and Israeli intelligence officers in 1957 to protect the regime of the shah by arresting, torturing, and executing the dissidents (especially Leftists). After security relations between the United States and Iran grew more distant in the early 1960s which led the CIA training team to leave Iran, Mossad became increasingly active in Iran, “training SAVAK personnel and carrying out a broad variety of joint operations with SAVAK.”
http://en.wikipedia.org/wiki/Mossad#Iran
[...] 29. September 2009 — Bernd Dahlenburg Letters from Rungholt mit einer sehr gelungenen Analyse journalistischer „Glanztaten“ und ihrem politischen [...]
Letters from Rungholt mit einer sehr gelungenen Analyse journalistischer „Glanztaten“ und ihrem politischen Widerhall, was den iranisch-israelischen Konflikt betrifft.
http://freeirannow.wordpress.com/2009/09/29/lachhaft/
FreeIranNow!
http://freeirannow.wordpress.com/
[...] Lila hat wieder einmal sehr treffend beschrieben, wie es um unsere Medien und die öffentliche Wahrnehmung des Iran und Israel bestellt ist – nämlich völlig an allen Fakten vorbei, also lachhaft. [...]