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Ernst ist das Leben, heiter die Kunst Mai 23, 2009, 23:35

Posted by Lila in Kunst.
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Meine Unterrichtsreihe über Gefühle in der Kunst ist fast zu Ende. Jede Stunde stand unter dem Zeichen eines anderen Gefühls: romantische Liebe, Lust, Eifersucht und Rivalität, fromme Gefühle, Angst und Schrecken, Hysterie und Hypochondrie – jedesmal habe ich versucht, die einzelnen Aspekte zu zeigen. So ist ein grundlegender Unterschied, ob ein Kunstwerk ein Gefühl zeigt oder auslöst oder beides. Manche Gefühle sind tabu, manche werden gern allegorisch gezeigt oder in Narrative verpackt, manche sind hochdramatisch und andere sind kaum zu entschlüsseln.

Die vorletzte Stunde ist dem Glück gewidmet. Natürlich ist es viel, viel schwerer, Glück in der Kunst zu verorten als Angst. Ich suche so herum, seit Wochen schon, und habe eine ganze Sammlung von Bildern und auch Skulpturen, die Glück ausstrahlen. Bilder von lachenden Leuten – damit fange ich an. Lachende oder lächelnde Gesichter in der Kunst sind oft ein bißchen irre, oder beschwipst, oder zynisch, oder melancholisch.

Liebende, ja, die sehen schon glücklicher aus, aber oft auch ein bißchen wistful (und die Kunst bevorzugt sowieso mehr oder weniger dramatische unglückliche Liebende, ob Dido oder Ariadne oder Mr and Mrs Clark). Ruhige, stabile Ehepaare, mit oder ohne Kinderschar, strahlen zwar auch Glück aus, aber es ist mehr von der unaufregenden, stillvergnügten Art.  Auch Kinder sehen oft glücklich und vertrauensvoll aus, aber der Betrachter weiß, daß Kinder sehr unglücklich sein können und das Vertrauen der Kindheit schnell und unwiderruflich verlorengeht… weswegen das Glück auf gemalten Kindergesichtern ein bißchen wehmütig stimmt. Na, mich zumindest.

Interessanterweise fand ich die glücklichsten Gesichter bei Menschen, die Musik machen. Das hab ich nicht erwartet, und ich habe keine Ahnung, was ich mit dieser rein subjektiven Erkenntnis anfangen kann.  Die Musik legt einen Schimmer von Glück über die Gesichter, der ansteckender wirkt als alles andere. Nur die Bilder von arbeitenden Menschen (denkenden Männern, stickenden oder klöppelnden Frauen) haben einen ähnlich versunkenen, still glücklichen Ausdruck.  Aber die Musik scheint noch etwas hinzuzufügen.

Nächste Woche, wenn die letzte Stunde dran ist, zeige ich Selbstporträts, und wir werden versuchen zu erkennen, welche Gefühle sich darin jeweils spiegeln. Nachdem ich die ganzen Wochen über säuberlich getrennt und aufgeteilt habe, was gar nicht zu trennen ist, werden wir dann die heiteren, zweifelnden, verschwiegenenmelancholischen und stets vieldeutigen Selbstporträts ansehen, in denen sich alles wieder mischt.

Kommentare

1. grenzgaenge - Mai 23, 2009, 23:46

oh … noch so ein(e) nachtarbeiter(in) … macht bloggen etwa doch suechtig ??
:-)

2. oskopia - Mai 24, 2009, 7:18

Das interessiert mich sehr. Können Kunstwerke Gefühle definitiv auslösen. So, wie vom Künstler beabsichtigt. Oder ist das ausgelöste Gefühl auf einen auf einen Kreis von Kunstnutzern beschränkt, der entsprechend sozialisiert wurde. Also, ich meine, gewisse Gerüche (wenigstens einer, der von Aas) löst ja bei allen Menschen auf der Welt ein bestimmtes Gefühl aus. Doch sonst sind die Menschen auf der Welt recht unterschiedlich bei dem, über was sie lachen, oder vor was sie sich fürchten.
Das mit der Musik finde ich schön. Hätte ich auch nicht gedacht, daß sie das Versunkensein in irgendeine Tätigkeit übertreffen kann.

3. Lila - Mai 24, 2009, 7:32

Ist ja auch nur mein Eindruck, beim ersten Hinsehen. Ich habe nicht das gesamte Material durchgesiebt.

Es gibt schon ein paar allgemeine Regeln. Das Lorenzsche Kindchenschema wirkt – auch wenn jemand Kinder haßt, wird er vielleicht beim Anblick eines Kükens oder Lämmchens oder Fuchswelpen weich. Kinder als Motiv oder Zuwendung zu Kindern löst deswegen bei vielen Betrachtern eine Reaktion aus.

Auch die Reaktionen auf Formen, Farben und Richtungen sind in unserer Kultur ziemlich festgelegt. Wir alle reagieren auf ein rotes Zimmer anders als auf ein blaues, und auf einen expressionistischen Abstrakten anders als auf einen geometrischen. Ein warmstichiges Bid wirkt anders als ein kaltstichiges.

Beleuchtung ist noch so was tief Verwurzeltes, glaube ich wenigstens. Obwohl wir die Freiheit haben, alles nach Willen zu beleuchten oder zu verdunkeln, bedeutet Dunkelheit Gefahr, Geheimnis, Verborgenes. Wir sehen nun mal nicht so gut in der Dunkelheit. Eine dramatisch schräg einfallende, begrenzte Lichtquelle a la Caravaggio wirkt nach wie vor anders als ein gedämpftes, sanftes Mondlicht wie bei van der Neer oder ein helles, kühles, gleichmäßiges Licht wie bei David.

Ich glaube auch, wir lesen Körpersprache instinktiv. Keiner braucht uns zu sagen, was Charles I über uns denkt – so wie er uns den Ellbogen vor die Nase haut. Auch die verzückte Anbetung der Pilger in der Loreto-Madonna erkennt man sofort.

Ja, wir sind einerseits sehr verschieden, aber die Konventionen in der westlichen Kultur haben uns alle stark geprägt. Bei Filmen ist das besonders auffällig. Ohne das Bild zu sehen, kann man anhand des Soundtracks prophezeien, ob der Held stirbt oder gerettet wird, ob der neu auftretende Fremde im schwarzen Ledermantel bedrohlich oder hilfreich ist.

Ich glaube nicht, daß wir zum Entziffern solcher Signale eine besondere Ausbildung brauchen.

Guck Dir Leute an, die an einer Bar sitzen. Und wenn es von hinten ist. An der Haltung der Schultern, der Beine, der Hände erkennst Du, wer an wem interessiert ist und ob es erwidert wird. Vom Gesicht gar nicht zu sprechen.

Unser Überleben hängt davon ab, ob wir die Signale unserer Mitmenschen verstehen. Mein Kurs zielt mehr darauf ab, den Leuten überhaupt mal klarzumachen, wie viel wir lesen, ohne daß wir es überhaupt beachten. Unsere stummen Fähigkeiten.

4. oskopia - Mai 24, 2009, 10:28

Ja, Körpersprache empfinde ich als sehr eindeutig – wenigstens an den Orten wo ich mich bewege.
Jetzt fahre ich gleich weg – nicht in ein wirklich anderes Kulturgebiet, Belgien, doch dort habe ich letztes Mal eine Russin kennengelernt, die meinte, als sie dorthin kam hatte sie anfangs ein wirkliches Problem damit, daß ihr Freund, ein Belgier dauernd lächelt. Er lächelt durchschnittlich viel. In Russland wird nicht gelächelt.
Vor kurzem sah ich eine ältere Dokumentation über Mexiko – da fiel mir das auch auf. Die Menschen lächeln nicht – kucken aber entspannter, als die Russen. Es waren noch einige russische Kollegen in Belgien gewesen.
Ich habe den Thread abonniert. Ich freue mich, ihn bei meiner Rückkehr zu lesen.


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