Im Anfang Februar 25, 2009, 10:26
Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.trackback
Gestern abend war ich mit einer Freundin bei einem Abend mit Meir Shalev, in HaZorea, einem Kibbuz hier in der Gegend. Es ging um Shalevs neues Buch, Reshit (im Anfang), das sich wieder mit der Bibel beschäftigt. Auf Deutsch gibt es das wohl noch nicht.
Shalev geht an die Bibel ein bißchen anders ran als religiöse Interpreten, aber er liest sehr genau. Ein Buch, das mit den Worten Be-reshit, im Anfang, anfängt, mißt Anfängen große Bedeutung zu. Shalev untersucht, wann in der Bibel zum ersten Mal geträumt, gelacht, geliebt, gekämpft und geweint wird. Gestern sprach er über die Liebe.
Das erste Mal wird die Wurzel אהב in der Geschichte von der Opferung Isaaks erwähnt. Gott befiehlt Abraham, seinen Sohn zu opfern, “den du liebst”. So wie Gott Himmel und Erde erschaffen und dann benannt hat, so wie Adam den Tieren Namen gab, so gibt Gott jetzt dem Gefühl einen Namen, das Abraham für seinen Sohn hegt: das, was du fühlst, das ist Liebe. Und stellt ihn gleich auf die Probe.
Nach der Opferung teilen sich Abrahams und Isaaks Wege, ein interessantes Detail, auf das ich nie geachtet habe, obwohl ich die Bibel ganz gut kenne. (Und ach, wie schön ist der Urtext!)
Dann wandte sich Shalev der Liebe zwischen Mann und Frau zu. Isaak und Rebekka – zuerst wird geheiratet, dann geliebt, und so will es die Bibel. Das ist die richtige Reihenfolge, denn in der Ehe geht es um Nachkommen, nicht um Gefühle. Jakob, der gegen die Regel verstößt und liebt, bevor er heiraten kann, wird dafür bestraft – durch das Erwachen mit Leah, und Rahels Unfruchtbarkeit.
Shalev liest mit solcher Genauigkeit, daß ich am liebsten Wort für Wort erzählen würde, was er alles gesehen hat. Es war sehr interessant, und meine Freundin und ich haben beschlossen, das Buch zu kaufen. Es war schade, daß wir es nicht schon hatten, wir hätten es nämlich signieren lassen können – ich hab doch so gern signierte Bücher. Und wir hätten den Abend noch mehr genossen.
Meir Shalev meinte zum Abschied: also, mehr Bibel lesen! Schade, daß ich Tertia nicht dabei hatte. Sie schreibt heute eine Arbeit im Fach Bibel und hat dazu nicht die geringste Lust. Das Buch Könige kommt ihr wie eine einzige Abfolge von Krächen und Versöhnungen zwischen Gott und dem Volk vor. Obwohl sie eine fleißige Schülerin ist, langweilt sie sich in den Bibelstunden und malt ihr Heft voll. Sie malt übrigens wirklich gut.
Secundus dagegen, der eine bessere Lehrerin hat, interessiert sich in letzter Zeit erstaunlicherweise dafür. Seine Lehrerin hat mit den Schülern andere Schöpfungsgeschichten mit der biblischen sehr genau verglichen, mit erstaunlichen Ergebnissen. Wenn mein Secundus, für den die Schule nur ein lästiges zeitraubendes Nebengeschäft darstellt, das interessant nennt, dann ist die Lehrerin gut.
Ich habe ja mehrmals Unterrichtsreihen über biblische Geschichten in der Kunst gehalten, wo dann noch der zusätzliche Kick dadurch entsteht, daß es christliche Maler sind (bis ins späte 19. Jahrhundert), die Szenen aus der hebräischen Bibel (AT) darstellen und eine Art Deutungshoheit gewinnen. Sie bevorzugen natürlich Szenen und Figuren, die sich als Präfiguration christlicher Gestalte und Ereignisse verwenden lassen. Es ist sehr interessant, christliche und jüdische Interpretationen zu vergleichen.
Es war also genau das Richtige für mich gestern abend. Mehr Bibel lesen! Und genau, genau hingucken.
Kommentare
Sorry comments are closed for this entry


Hach, schöner Text und faszinierendes Thema. Wenn ich mich nur mit dem verdammten Hebräisch nicht so schwer tun würde, um das auch im Originaltext zu lesen. Dann muss ich auf die Deutsche Ausgabe warten. Übrigens ist ja bei uns in zwei Wochen Buchmesse, dann kommen Sarah Shilo, Assaf Gavron, Yoram Ben-Zeev und Lizzie Doron für Lesungen nach Leipzig. Kannst Du davon jemanden empfehlen, wen sollte man nicht verpassen? Nebenbei liest dann auch der Iraker Najem Wali über seine Reise ins Herz des Feindes, also Israel. Ok, genug Werbung gemacht.
HaZorea ist doch so eine Jeckes-Hochburg, oder? Hab da vor Jahren mal Bekannte besucht. Irgendwie fand ich den Kibbuz rein architektonisch seltsam aufgebaut, im Vergleich zu anderen.
Vielleicht haben wir ja gemeinsame Bekannte? Ja, HaZorea ist eine Jeckes-Hochburg, und ich habe die Ehre und das Vergnügen, viele von ihnen zu kennen. Als ich mich gestern so umguckte und die Leute betrachtete, konnte ich nicht anders als denken: wie dämlich müssen die Deutschen gewesen sein, diese Menschen nicht nur gehen zu lassen, sondern zu verscheuchen und zu verfolgen? Das ist wirklich kaum faßbar.
[...] Gestern abend war ich mit einer Freundin bei einem Abend mit Meir Shalev, in HaZorea, einem Kibbuz hier in der Gegend. Es ging um Shalevs neues Buch, Reshit (im Anfang), das sich wieder mit der Bibel beschäftigt. Auf Deutsch gibt es das wohl noch nicht. [...]
danke fuer diesen wunderbaren text, liebe lila. wirklich toll geschrieben. wenn das buch genau so spannend zu lesen ist kann ja nichts schiefgehen.
Hi Lila – ich hoere mit Freundinnen auch immer gerne die Yale online Study courses zur Hewbrew Bible … sehr interessant, auch besonders in Bezug auf den historischen Kontext des Textes und Vergleich mit aehnlichen Texten aus der Umgebung.
Ich hoffe, es geht Dir und den Deinen gut, uns schon, nur mein sechs-Wochen altes Baby schlaeft zu wenig!
http://oyc.yale.edu/religious-studies/introduction-to-the-old-testament-hebrew-bible
Juhu, Du hast noch ein Baby!!! Kannst Du es aber gut haben!!! Bilder her! Was sagt die große Schwester? Ich hör ja selten von Dir, aber wenn, dann gibt es immer was Neues. Oh, ich hab Babies gern. Die riechen so gut und sind so kuschelig.
Grosse Schwester ist mittelmaessig bis gar nicht begeistert (“Baby zu Oma auf den Arm!! ICH zu Mommy”).
Meine Mutter geht mitte Maerz zurueck nach Deutschland, dann muss die Kleine wirklich teilen. DAS wird lustig.
Bilder kommen, welche email addresse ist aktuell?
Jessica:
lilale777@yahoo.com
Ach, die kleinen Geschwister, ja die sind lästig. Ich hab drei von der Sorte
Wenn man sich aber erstmal dran gewöhnt hat, will man sie nicht mehr missen. Tertia wollte Quarta auch durchs Klo ins Meer schicken, damit sie mit den Haien schwimmt, aber bisher ist es dazu nicht gekommen. Da helfen nur Geduld, Mitgefühl und eine gewisse Langzeit-Perspektive… das wirst Du schon schaffen.
Oh weh mir! Ich mach mich doch gerade daran, über Gen 22 zu schreiben. Jetzt hab ich nochmals einen Blickwinkel dazu bekommen, und wie in aller Welt soll ich das nur zitieren?
“Hab ich in nem Blog gelesen…”
Am Ende liest noch mein geschätzter Professor hier mit und wüsste ganz genau, dass ich mir das nicht selbst ausgedacht hab…
Jessica,
unsere Grosse fragte, wann wir das Baby wieder ins Krankenhaus zurueckbringen.
Bei meinen beiden half, als ich das Baby einige Male mit in den Kindergarten brachte, wenn ich die Grosse abholte. Alle ihre kleinen Freunde waren begeistert, wollten streicheln und belagerten ihre Muetter, dass sie auch ein Baby wollen. Und die Grosse fuehlte Besitzerstolz.
Ein guter, ermutigender Text! Zustimmung!!