Noch kein Ende Juli 16, 2008, 17:47
Posted by Lila in Land und Leute, Presseschau.trackback
Noch ist der Tag nicht zu Ende. Ich habe fast den ganzen Tag den Fernseher laufen, um genau zu wissen, was vorgeht. Es ist alles so nah bei uns, Nahariya kenn ich so gut, da ist Tertia zur Welt gekommen. Kiriat Motzkin, ein Vorort von Haifa, ist auch so nah. Wir kennen die Familie von Smadar Haran, einige der Offiziere, die immer wieder interviewt werden, und um ein paar Ecken kennt sich ja das ganze Land.
In Beirut wird jetzt gefeiert. Kuntar schreitet über den roten Teppich. Man fremdschämt sich beim Zusehen. Das kann doch nicht der Libanon sein, diese todessüchtige Orgie, dieser… oh, ich sage das gar nicht oft und gar nicht gern… ja, dieser faschistische Stil. Eine pompöse Inszenierung. Ehud Yaari und Miri Eisen sagen beide: alle arabischen Medien stehen dahinter, kein kritisches Wort wird laut. Diese Inszenierung, diese Jubelfeier, dieser Verherrlichung der shahada ist in der ganzen arabischen Welt heute kritiklos hingenommen worden, sagen sie.
Im Laufe des Tages habe ich viele Meinungen gehört – empörte, die meinen, wir hätten niemals diesen Deal eingehen sollen, der Nasrallah die Gelegenheit zum Feiern gibt (obwohl auch die Libanesen weiß Gott keinen Grund dazu haben). Ein Beispiel für eine solche Stimme ist David, dessen Argumenten ich nichts entgegensetzen kann, obwohl ich trotzdem letzendlich sage: der Deal mußte gemacht werden.
Mein Mann sagt nicht viel dazu, er ist gegen all diese Deals und meint aber, nach dem Tennenbaum-Sündenfall (oder dem Jibril-Sündenfall) blieb keine andere Wahl mehr. Ich muß ihn mal getrennt zu diesem Fall interviewen, scheint mir. Wäre interessant, das mit Davids Ansicht zu vergleichen – Y. ist ein linker Kibbuznik, David Siedler, und ich schätze, sie liegen in diesem Falle nahe beineinander.
Emanuel Rosen , einer der Journalisten, die von Anfang an deutlich für den Deal waren und zum öffentlichen Druck beigetragen hat, der den Deal schließlich bis durch die Knesset getragen hat, vertrat die Ansicht, daß unser eigentlicher Fehler war, die Sache so hoch aufzuhängen. Wir selbst haben Kuntar zu einem Symbol gemacht, meint er, er ist eigentlich ein obskurer kleiner Verbrecher aus einer Organisation, die es längst nicht mehr gibt, und als Druse hat er sich der schiitischen Hisbollah aus reinem Opportunismus als Galionsfigur zur Verfügung gestellt – weil sie ihn freipressen kann. Er meint, es ist absurd, daß Nasrallah jubelt, denn Israel hat den Preis soweit wie es nur ging gedrückt.
Und zwei deutsche Kommentare.
Ulrike Pütz hat entweder einen Ghostwriter oder die Medikamente gewechselt oder einen israelischen Freund – sie schreibt einen Kommentar ohne eine einzige Spitze gegen Israel, in dem tatsächlich Israelis als lebenswertes Leben vorkommen. Ich bin angenehm überrascht. (Sie verwechselt zwar Kibbuznikim und Kibbuzim, aber hey, nur Kibbuznikiot wie ich sind so kleinlich, daß ihnen das auffällt!) Sie erwähnt sogar die oft unterschlagenen Todesopfer bei dem Überfall der Hisbollah.
Zwei Jahre lang hatten die Familien Goldwasser und Regev, hatte ganz Israel gehofft, die beiden am 12. Juli 2006 von der Hisbollah verschleppten Soldaten lebend heimkehren zu sehen. Doch zuletzt war durchgesickert, dass zumindest einer die Kommandoaktion gegen ihre Einheit vermutlich nicht überlebt hatte – so wie acht Kameraden, die bei dem Angriff umkamen.
Noch erschröcklicher: sie hat das T-Wort gelernt.
Die Hisbollah trieb bis zuletzt ein Spiel mit der Frage nach Leben oder Tod der beiden Soldaten. Es war Psychoterror. Der Hisbollah-Unterhändler triumphierte noch bei der Übergabe im Beisein peinlich berührt dreinblickender Repräsentanten des Roten Kreuzes: „Wir haben es bis zum Schluss geschafft, im Unklaren zu lassen, ob die Soldaten noch leben.“ Dann öffneten sich die Heckklappen zweier Pickup-Trucks, mit denen die Delegation der Terrororganisation zum Austausch vorgefahren war. Erst zogen Hisbollah-Männer einen schwarzen Sarg heraus. Dann, nach einer Art Kunstpause, den zweiten.
Tatsächlich, sie hat TERRORorganisation zur Hisbollah gesagt. Ich zweifle, daß ihre Kontakte zur Hamas das sehr charmant finden. Aber die Beschreibung ist fair und korrekt. Ich nehme an, sie hat mit Israelis die Bilder gesehen und mitgekriegt, wie um sie herum die Leute in Tränen ausbrechen.
Letztlich aber kulminierte die Debatte immer wieder in einer Frage: Darf man einen Mörder, einen Terroristen wie Kuntar freilassen, nur damit zwei Israelis ordentlich bestattet werden können?
Der Libanese Kuntar war 1979 nach Nordisrael eingedrungen, hatte einen Polizisten und einen jungen Vater und dessen vierjährige Tochter brutal getötet. Zu 524 Jahren Haft wurde er für seine Untat verurteilt. Am Nachmittag wurde er mit den vier weiteren Libanesen in sein Heimatland überstellt, als freier Mann.
Sie sagt Untat, sie sagt brutal. Tatsächlich, sie benutzt Worte mit wertender Bedeutung. Die Stimme der Frau namens Merav, die sie zitiert, klingt authentisch. Ich bin froh, daß sie im Gegensatz zu Bettina Marx oder diesem Kühntopp die Fähigkeit zur Empathie nicht verloren hat, auch wenn es sich um Israelis handelt, die sie bis vor kurzem nur als Täter auf dem Kieker hatte. Der Artikel ist ein fairer Kommentar, der tatsächlich versucht, deutschen Lesern klarzumachen, was hier vorgeht. Wenn sie hier mitliest, ist sie zu einem berühmten israelischen Labberkaffee bei mir auf der Wiese eingeladen.
So sind wir das von Gisela Dachs gewöhnt; über viele Jahre hinweg schreibt sie sehr treffende Schilderungen der Atmosphäre und des Lebens hier.
Natürlich stellt sich wie – immer bei solchen Tauschaktionen – die Frage nach dem Preis. Denn Israel bekommt zwei tote Soldaten zurück; im Gegenzug liefert es 199 ebenfalls tote Hisbollah-Kämpfer. Aber Israel lässt zusätzlich auch fünf lebende Libanesen frei, darunter Samir Kuntar.
Seine Taten vergisst kein Israeli, dessen Erinnerung in den April 1979 zurückreicht. Kuntar drang damals mit anderen Terroristen mitten in der Nacht in das Haus einer jungen israelischen Familie in Naharihya ein. Er entführte den Vater sowie dessen vierjährige Tochter.
Als die ersten Polizisten auftauchten, erschoss Kuntar den Vater aus nächster Nahe. Den Schädel des Mädchens ließ er an einem Felsbrocken zerschellen. Die Mutter, die sich mit ihrem Baby Zuhause vor den Terroristen versteckt hatte, musste feststellen, dass der Säugling bei dem Versuch, ihn am Schreien zu hindern, erstickt war.
Dass das israelische Kabinett dem Austausch dennoch mit einer Mehrheit von 22 zu 3 Ministern zustimmte, lässt sich mit einem generellen Verantwortungsgefühl gegenüber den Familien erklären, aber auch als Botschaft an alle künftigen Pflichtsoldaten und Reservisten werten: Dass der Staat weiterhin alles ihm Mögliche tun wird, um seine Soldaten nach Hause zu bringen. In jüngster Zeit hatte sich in der Bevölkerung immer mehr das Gefühl breitgemacht, dass man dieser Pflicht weniger als früher nachgekommen sei.
Dieses Gefühl passt zur allgemeinen Kritik an der Regierung und deren Management des Libanonkriegs. Dass Hisbollah den Austausch nun als ihren „Sieg“ feiern kann, ist ebenso ernüchternd wie die Tatsache, dass Hisbollah trotz aller internationaler Maßnahmen heute wieder gut gerüstet ist.
Ja, und Israel Hasson meint, bald schon werden wir die Quittung kriegen. Seit dem Krieg vor zwei Jahren hat die Hisbollah sich ja mehr rhetorisch als militärisch hervorgetan; sie hat sich bewaffnet, um in den nächsten Waffengang mit besseren Karten zu ziehen. Ich hoffe, Hasson hat Unrecht. Aber Nasrallah hat heute die Drusen im Libanon vereinnahmt und damit Jumblat besiegt, er hat Siniora zu einer Marionette degradiert, und ich denke mir, in Teheran merkt man schön auf.
Nein nein, das ist nur ein Tag in einer langen Auseinandersetzung, und sie ist noch nicht zu Ende.
Kommentare
Sorry comments are closed for this entry



Nicht zu vergessen den (ja komplett aus den deutschen Medien fehlenden) „Bericht“ über das Schicksal von Ron Arad.
Ulrich Sahm liefert noch ein Paar interessante Details. Unter den 199 Särgen die an die Hisbollah aus geliefert wurden, befand sich anscheinend auch der Leichnahm von Dalal Mughrabi.
„Am 11. März 1978 landete sie mit elf weiteren Kämpfern aus Libanon mit Schlauchboten am Strand nördlich von Tel Aviv. Am Strand erschossen sie die bekannte amerikanische Photographin Gail Rubin und kaperten dann zwei Busse auf der Autobahn zwischen Haifa und Tel Aviv. Beim nachfolgenden Feuerwechsel mit Soldaten, die versuchten, die Geiseln in den Bussen zu befreien, starben 35 Israelis und die Terroristen. Mughrabi war die Befehlshaberin des Kommandos. Israel hatte sich bisher geweigert, ihre sterblichen Überreste herauszurücken und verweigerte auch wiederholte Bitten Jassir Arafats, diese „Volksheldin“ in Ramallah begraben zu lassen. In den Palästinensergebieten wurden Schulen nach dieser „Märtyrerin“ benannt.“
Und das ganz große Aufgebot wartet anscheinend schon in Beirut:
„Am Flughafen, so die Berichte aus Libanon, würden neben dem Präsidenten auch Regierungschef Fuad Siniora und sogar der Intimfeind Nasrallahs, Saad Hariri, der Sohn des mit einer Autobombe ermordeten Rafik Hariri, zur Siegesfeier erwartet. Von dort werde Kuntar im offenen Wagen durch Beirut in die schiitischen Viertel südlich von Beirut gefahren werden. “
Und damit die Feier auch richtig abgeht:
„Die Hisbollah verkündete, dass bei der Gelegenheit auch ein Film gezeigt werden solle. Die Attacke auf das Patrouillenfahrzeug und die Entführung der beiden Soldaten sei gefilmt worden.“
http://www.n-tv.de/994967.html
PERVERS!
B“H
Fuer mich persoenlich war dieser Tag sehr schwer, denn ich hatte bis zum Schluss doch noch ein kleines Fuenkchen Hoffnung gehabt.
Kuntar wird sicher nicht der Superstar werden, wie er sich das gerne erhofft. Im Laufe der Zeit wird er merken, dass er nur eine weitere Marionette Nasrallahs ist.
Mikado, ich hab den Laptop gerade noch mal aufgeklappt, um an Dalal Mughrabi zu erinnern, und ich sehe, Du hast das schon getan.
„Otobus ha-damim“, der Blut-Autobus. Wer nach Tel Aviv fährt, kommt an der Gedenkstätte vorbei. Einmal im Jahr fährt Y.s liebster Kollege mit seiner Frau hin, zur Gedenkfeier. Ihre Eltern saßen in diesem Bus. Der Vater starb, die Mutter überlebte. Ich habe sie noch kennengelernt, sie war auch Überlebende der Shoah – Überlebende der Shoah und des Terrors, und von beiden ihrer liebsten Menschen beraubt.
Was sind das für Schicksale? Israel ist voll von Menschen, die solche Geschichten haben. Das Land ist voll Narben vergangener Katastrophen. Wie wir überhaupt noch leben, weiß ich nicht.
Und dazu die erbarmungslos verurteilende Welt, von denen die meisten Leute sich nicht vorstellen können, wie sich das anfühlt für die Frau von Y.s Kollegen: den Vater von Terroristen ermordet, Großeltern und -tanten in der Shoah verloren. Und alle Kinder waren in der Armee, der Jüngste ist gerade durch.
Das sind Streßlevel, die einfach schwer vorstellbar sind.
Die Frau von Y.s Kollegen ist übrigens eine tüchtige und rundherum erfolgreiche Buchhalterin, und niemand würde erraten, mit welch schwerer Familiengeschichte sie lebt.
ich weiss noch so recht. ich wuerde eher glauben das frau pütz billige betroffenheitsrhetorik abliefert. aber ich wuerde mich auch sehr gerne eines besseren belehren lassen.
Ich würde ja auch gern etwas zu den Ereignissen des heutigen Tages sagen, etwas Tröstliches oder Hoffnungsvolles – leider habe ich irgendwie einen Kloß im Hals….
[...] ein paar lesenswertere Beiträge zum Leichenaustausch: – Glückwünsche (Letters from Rungholt) – Noch kein Ende (Letters from Rungholt) – Ein verheerender Deal (Spirit of Entebbe) – Eine Mords-Fete (Gil Yaron [...]
Ein Kommentar in der JPost versucht zu erklären, warum Israel auf so einen Deal eingeht.
Auch Rosner in Haaretz versucht zu erklären, warum Israel auf solche Deals eingeht.
Ulrich Sahm über den Zynismus der Hisbollah bis zum letzten Moment.
Das läßt nichts Gutes für die Zukunft ahnen.
Ein Vergleich der Stimmung und der persönlichen Haltung, Libanon vs. Israel.
Ähnlich auch in Ynet. Der Gegensatz zwischen uns und unseren Nachbarn war selten deutlicher als gestern.
Auch in der JPost, mit Video.
Es war auffallend, mit welcher Würde und Zurückhaltung sich sämtliche Beteiligten verhielten. Ich werde mal versuchen, ein Bild zu finden, auf dem man die Bürger sieht, die sich an der Straße versammelten, um den Wagen mit den Särgen die letzte Ehre zu erweisen.
Heute in der HAZ
http://www.haz.de/newsroom/politik/zentral/politik/ausland/art666,639660
Zum ersten Mal ein Artikel, in dem die kritische Haltung zur Hisbollah überwiegt …
ich wollte es Dir nicht vorenthalten!