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Wackersteine Juli 15, 2008, 22:20

Posted by Lila in Land und Leute.
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Niemandem ist leicht ums Herz, wenn wir an morgen denken. Die Klippschliefer werden wieder Unruhe haben morgen, aber diesmal richtig. Israel schickt tote und lebendige Terroristen rüber in den Libanon, darunter Samir Kuntar, dessen Namen man kaum aussprechen möchte. Kuntar hat im Gefängnis studiert, er hat einen B.A. gemacht bei den unmenschlichen Israelis. Er hat Jahrzehnte abgesessen, und wäre er auf normalem Wege wie mancher andere Mörder irgendwann in aller Stille entlassen worden, wäre das schlimm genug. Aber zu sehen, wie in Beirut Bühnen gebaut werden für die Jubelfeier, wie die libanesischen Zeitungen titeln: Israel trauert, der Libanon feiert – das gibt einem schon zu denken. Samir Kuntar ist also ein Held? Was für Menschen sind sie, daß sie Kuntar als Helden feiern?

Nasrallah demütigt morgen nicht nur uns, mit seinen allen internationalen Gepflogenheiten ins Gesicht schlagende, ja spuckende Katz-und-Maus-Spiel. Er demütigt auch den Libanon, er zeigt, wer dort heute herrscht. Alle sind Statisten in der großen Siegesfeier der Hisbollah. Obwohl die Hisbollah mit ihren Abenteuern das Leben von Tausenden libanesischer Bürger aufs Spiel gesetzt und geopfert hat. Das soll morgen alles vergessen sein. Der Feind ist natürlich Israel, und morgen wird ein Sieg zelebriert. Ein Sieg, den es nicht gegeben hat – ein Sieg, den die UNO mit ihrer ritterlichen Nachsicht der Hisbollah erst geschenkt hat.

Ich sehe es einerseits, wie stets, als Stärke Israels, daß wir das Spiel „Gesicht wahren um jeden Preis“ nicht mitspielen. Das Gesetz der Schande und Ehre, das in der arabischen Welt oft das Handeln bestimmt, hat hier nicht dasselbe Gewicht. Peres und das Kabinett und Olmert und wir alle haben abgewogen und eigentlich keine richtige Entscheidung treffen können. Wie kann man Leid gegen Leid abwägen, Blut gegen Blut?

Auf der einen Seite das zynische Spiel Nasrallahs, zu dem man, wäre man denn konsequent, einfach sagen müßte: wir spielen nicht mit, such dir jemand anders, behalt was du hast und wir behalten, was wir haben. Doch ein Blick in die gequälten Gesichter der Familien Regev und Goldwasser reicht, und wir wissen wieder: Regev und Goldwasser sind wir alle. Heute sind sie es, morgen wir, die eine Nummer wählen, und keiner hebt mehr ab. Wir können uns ihrem Leid nicht verschließen, es ist auch unseres.

Und so gehen wir den unteren Weg, beugen uns, hören noch heute die höhnischen Anspielungen, daß einer der Soldaten noch lebte… und hängen den Gedanken nach, welcher von ihnen es wohl gewesen sein mag und was dann mit ihm passiert ist. Nasrallah und seine Leute kennen keine Menschlichkeit, sein sattes Lächeln wird morgen auf allen Fernsehschirmen der Welt zu sehen sein.

Dabei hat er einen Teil des Vertrags bereits gebrochen, das Papier über Ron Arad ist wertlos; Leute, die es gesehen haben, sagen, es ist ein Hohn. Sie sagen, er hätte genausogut leere Blätter abgeben können. Warum machen wir diese Farce trotzdem mit? Warum haben wir nicht einfach gesagt: bis es eine Lösung des Rätsels Ron Arad gibt, gibt es auch keinen Deal? Aus vielen Gründen, einer davon mag auch sein, daß keiner mehr bei Null anfangen wollte und vermutlich auch der deutsche Unterhändler nicht in eine weitere Runde gehen konnte oder wollte.

Wir sind angeschmiert worden – oder auch nicht, oder haben wir etwa vorher geglaubt, der Bericht gibt mehr her? Nein, wir wußten es. Wir gehen sehenden Auges in eine fürchterliche öffentliche internationale Niederlage, die weitere Entführungen und Morde herausfordert, die das Schicksal von Gilad Shalit vielleicht, chas ve chalila, besiegelt (warum einen Mann durchfüttern, wenn seine Leiche so viel wert ist?), eine Niederlage, die die Toten des Kriegs wie überflüssige Anstrengung aussehen läßt – und alles, damit die Familien Regev und Goldwasser Gräber haben, die sie besuchen können. Ist es das wert? Nach dem israelischen Ethos: ja. Ohne wenigstens ein Grab im Land Israel versprechen zu können, kann man nicht Generation um Generation Söhne und Töchter ins Feld schicken. Ohnehin keine sehr verlockende Aussicht – aber im schlimmsten Falle, ja, ein Grab.

Es ist aber nicht allein unsere Niederlage, es ist die Niederlage der westlichen Welt, die gedacht hat, mit Genfer  Konvention und Rotem Kreuz ein Mindestmaß an Menschlichkeit zu garantieren. Nasrallahs Sieg über die Genfer Konvention ist doppelt und dreifach. Erst mißachtet er sie selbst, dann zwingt er uns durch seine Geiselnahme ganzer Wohnbezirke in Beirut und ganzer Landstriche im Libanon, sie zu mißachten, und dann kann er sich die Hände reiben, wenn die Welt Israel dafür verurteilt, ihm gegenüber aber nachsichtig ist. Man erwartet ja nicht von ihm, daß er Zivilisten und Kombattanten getrennt hält oder daß er Kriegsgefangene vom Roten Kreuz besuchen läßt. Als Terrororganisation unterliegt er diesen lästigen Beschränkungen nicht. Die Folgen tragen der Libanon und Israel.

Wie haben wir uns so benutzen und manipulieren lassen? Wie hätten wir es verhindern können? Hätte Olmert nicht so großmundig ein unmögliches Kriegsziel verkündet, wäre es nicht so leicht für Nasrallah gewesen, einen Sieg zu verkünden. Hätte die westliche Welt an ihn dieselben Maßstäbe angelegt wie an uns, hätte er sich nicht wiederbewaffnen können. Hätte, hätte, wäre, wäre. Meine Prophezeiung, die mir mehrere Leser bis zur persönlichen Vendetta übelgenommen haben, ist wahrgeworden. Ich zitiere sie hier nicht zum ersten Mal, hoffentlich zum letzten Mal.

31. Juli 2006:

Ich hatte heute das Gefühl, wir werden uns an diesen Tag lange erinnern. Nicht unsere Opfer haben uns besiegt, sondern die der anderen Seite. Man wird uns nun zu einem einseitigen Waffenstillstand zwingen, keiner hat die Weitsicht, zu erkennen, was das bedeutet – die Hisbollah bewaffnet und durch unsere Torheit gestärkt zu belassen, wo sie ist. Die nächste Runde wird die Hisbollah mit dem Kredit der Welt, schönen neuen Waffen und einem kalten Lächeln beginnen. Wann? Das ist doch egal. Ich habe das Gefühl, die Uhr tickt. Wir hätten uns weiter, wie die letzten sechs Jahre, beschießen und beschimpfen lassen müssen. Wir hätten gleich die weiße Flagge hissen müssen oder einen von Achmedinidjads kreativen Vorschlägen annehmen sollen. Denn gegen Leute, die sich hinter Kinderbettchen verstecken, kann man nicht gewinnen. Und wenn man es versucht, dann ist der Versuch so bitter, daß man am liebsten die Augen schließen möchte und sein eigenes Leben im Tausch bieten möchte.

Es kann gut sein, daß auch die beiden Soldaten ihr Leben im Tausch bieten würden und auf ein Grab verzichten würden – ich kenne sehr viele Soldaten und Soldatinnen, von denen jeder sofort sagen würde: um DEN Preis – nein. Laßt meine Leiche in einem Keller in Beirut oder Teheran verrotten, aber laßt Kuntar nicht frei und gebt der Hisbollah keinen Anlaß zu einem Propagandasieg, der den nächsten Krieg näher heranrückt. Laßt keine Terroristen frei, die schon morgen wieder Anschläge auf das Leben von israelischen Zivilisten planen und sie übermorgen durchführen.

Doch es sind die Familien, denen wir nicht ins Auge sehen können.

Am wenigsten vielleicht der Familie von Ron Arad, für den wir nicht genug getan haben, der gestorben ist, unter wer weiß was für Qualen, und dessen Mutter gestorben ist, ohne ihn noch einmal zu sehen. Mit dem Pseudo-Bericht, für den wir im Gegenzug lebende Terroristen freilassen, haben wir Ron Arad noch einmal totgeschlagen.

Am Eingang zur Uni hängt ein großes Plakat mit den drei Gesichtern, und ein Zitat aus Jeremias, „ve-shavu banim le-gvulam“. Morgen werden vielleicht zwei der Gesichter von der Wand genommen. Ich habe diese Bilder und diese Inschrift nicht mal angucken können, ich weiß nur von ferne, wo ich den Blick abwenden muß, um irgendwie daran vorbeizukommen.

Meine Gedanken gehen im Kreis, ich habe hier auch nichts Neues gesagt, nur ein bißchen Luft gemacht. Ach ach, morgen wird ein schwerer Tag. Ich kann mir nicht ausmalen, wie ihn die Menschen überstehen, die unmittelbar betroffen sind.

Kommentare

1. B.L.O.G. - Bissige Liberale ohne Gnade » Miese Nachbarn - Juli 16, 2008, 10:01

[...] Israel erhält zwei von der Hisbollah entführte, nun tote Soldaten für viele tote und ein paar lebende Terroristen (FAZ / Letters from Rungholt). [...]

2. Gefangenen-Austausch … nicht ganz « abseits vom mainstream - heplev - Juli 16, 2008, 21:09

[...] bewundere Menschen wie Lila von Letters from Rungholt, die bei dieser Thematik so „neutral“ aufzuschreiben in der Lage sind, mit etwas geistiger Distanz, wie die Stimmung in Israel ist, wie die [...]

3. Lila - Juli 16, 2008, 21:20

Bei Heplev gefunden: ein paar Links mit Einschätzungen zur Situation.

Spirit of Entebbe

Achse des Guten, Gil Yaron

Tagesspiegel

Faulheit siegt – danke!


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