jump to navigation

Unweigerlich Juni 26, 2008, 23:58

Posted by Lila in Edle Selbsterkenntnis.
trackback

erinnere ich mich dieser Tage an die letzte WM, in Deutschland, und die vergnügten Wochen, die wir damals hatten. Das ist alles im Blog niedergelegt, der nur noch auf einer CD gespeichert ist, im Internet aber nicht mehr zu finden ist. Ich mag nämlich große Turniere und Länderspiele und gucke sie seit Kinderzeiten (was auch daran liegt, daß ich in einer fußballverrückten Familie großgeworden bin, das reicht bei uns Generationen zurück).

Mir gefällt es, daß Spieler, die sonst in einer buntgemischten internationalen Mannschaft zusammen spielen, auf einmal wie beim Spiel Obstsalat ine Schüssel zurückgerufen werden. Birnen zusammen, Bananen zusammen, Ananas zusammen! Mir gefällt das ganze Brimborium mit Flaggen, Wappen, Hymnen, Staatsoberhäuptern im Taumel, ich gebe es zu. Archaisch, aber es hat was. Eine Art moderner Buhurt.

Ich finde es auch spannend, besonders, weil ich ja von hier aus zugucke und Israel aus den bekannten Gründen nicht mitspielt, und ich daher einen fast neutralen Sofaplatz habe, wie wir immer wieder versuchen, nationale Vorurteile und Spielweise auf einen Nenner zu bringen. Die ordentlichen, defensiven Bunker-Deutschen verwirren die Welt, wenn sie offensiv und mit sichtlicher Freude spielen – und noch mehr, wenn ihre Fans keine fremdenhassenden Niederknüppler sind, sondern Bierdosen ebenso begeistert schwenken wie die Deutschlandflagge. Wie paßt das denn nun zu den sorgsam zurechtgelegten Vorurteilen?

Von den Spaniern erwartet man stolze, mühelose Siege, von den Portugiesen seeräuberhafte Verwegenheit, von den Franzosen Eleganz, Brillanz und Flamboyanz, von den Italienern Genialität und Hochmut, von den Tschechen ehrliche Wertarbeit und von den Österreichern liebenswertes-lässiges Ertragen von Niederlagen. Und von den Deutschen ungeliebte, dem Schicksal irgendwie abgeluchste Siege. Um so lustiger, wenn tatsächlich etwas davon eintritt.

Ja, ich mag das gern und finde es schade, daß es nun fast schon wieder vorbei ist. Meinetwegen könnten sie noch mal von vorne anfangen.

Ich werde auch die Erinnerung an 2006 nicht los. Einen Abend sitzt man vergnügt zusammen und guckt Fußball und feuert an und knackt Sonnenblumenkerne und vergleicht Wettlisten – kurze Zeit später verfolgt man in den Nachrichten nervös Raketenangriffe auf den eigenen Arbeitsplatz, fragt sich, wie man jetzt an Bücher aus der Bücherei kommt und wie die schwangere Freundin in Haifa das durchhält, sucht man nach bekannten Namen in Verlustlisten und kann nachts nicht einschlafen, weil einem die Decke wortwörtlich aufs müde Haupt fallen könnte.

Ich weiß noch, wie brennend ich mir damals gewünscht habe, eine Zeitmaschine könnte mich wieder zur WM zurücktransportieren, wo die einzige Sorge war, daß nicht alle Bierflaschen in den Kühlschrank passen, weil die Schüssel Kartoffelsalat so pummelig ist. Die Zeitmaschine hat es nicht geschafft, aber wenn auch alles andere ungewiß – hirschlederne Lederhosen, die bleiben bestehen, und nach der WM (ha-mondial) folgt zwei Jahre später die EM (ha-yuro).

Ich hoffe aber, der Rest der Vorstellung bleibt uns erspart, und die nächste Krise biegt nicht schon wieder um die Ecke. Ehrlich, ich habe da keine Kraft mehr für.

Es ist ja Quatsch, aber das deja-vu-Gefühl stellt sich bei mir ganz unweigerlich ein…

Kommentare

1. distinction - Juni 27, 2008, 0:20

Israel war doch bei der EM-Quali recht gut, nur wenig fehlte zur Qualifikation. Also vielleicht sind sie 2012 in Polen/Ukraine dabei. Oder vielleicht ja schon zur WM in Südadrika? Die Quali-Gruppe ist doch machbar! Ich habe jedenfalls den Eindruck, das sowohl Nationalmannschaft als auch die Vereinsmannschaften immer wettbewerbsfähiger werden.

2. Lila - Juni 27, 2008, 0:28

Israels Problem: wie in der UN und im Roten Kreuz, so wird auch in der FIFA Israel nicht als normales Mitglied geführt. Israel ist von den Nachbarstaaten aus der Gruppe ausgestoßen worden (ist ja ganz natürlich, nicht wahr?), und die FIFA hat das akzeptiert. Statt also gegen Mannschaften aus dem Nahen Osten anzutreten, Saudi-Arabien, Tunesien, Jordanien, Iran – gegen die wir eine gute Chance hätten, in aller Bescheidenheit – müssen wir gegen Mannschaften vom Kaliber von England, Deutschland, Schweden antreten. Und scheiden regelmäßig aus.

Ohne diese politisch begründete Ungerechtigkeit, nur eine von vielen, denen Israel permanent ausgesetzt ist, hätten wir schon manche große Meisterschaft mitmachen können. Selbst wenn wir in der Vorrunde rausgeflogen wären – das wäre schon ein Erlebnis (und würde israelische Spieler international bekanntmachen).

Aber niemandem stößt das sauer auf, nur uns. Viele Europäer fragen noch: wieso mischen die Israelis eigentlich bei UNSEREN Meisterschaften mit? Ganz einfach, weil sie in ihrer eigenen Gegend nicht mitmachen dürfen.

3. Jessica - Juni 27, 2008, 6:42

Ich habe gedacht, Israel spielt einfach gern bei uns mit! Kannste mal sehen, wie viel ich vom Fussball verstehe. Und von der Politik.

4. Lila - Juni 27, 2008, 7:29

Hier ist es richtig erklärt, das mit der FIFA und Israels Ausschluß aus der Asien-Gruppe.

Israel used to be in the Asian Federation, as are the rest of the countries of the Middle East, but were cast out in the Seventies due to pressure from the rising Arab bloc. They then became an associate member of Oceania before being accepted into Uefa in 1992.

Ja, es ist schon unglaublich, daß auf Druck der arabischen Länder Israel in fast allen internationalen Organisationen “Sonderstatus” bekommen muß, wenn nicht ganz und gar rausfliegt.

In der UNO gehören wir keiner regionalen Gruppe an, was einen großen Verlust an Einfluß bedeutet.

The United Nations Regional Groups were created in 1961. From the onset, the majority enjoyed by Arab countries within the Asia group allowed them to block the entry of Israel. For decades, Israel was one of the few countries without membership to a group. This prevented her participation to important activities at the UN.

In 2000, Israel was admitted to the WEOG thereby enabling it to be a candidate for election to various UN bodies but her membership is limited to activities at the UN’s New York City headquarters. “Israel is an observer, but not accorded the rights of a full member in WEOG discussions and consultations at the UN offices in Geneva, Nairobi, Rome and Vienna; therefore, Israel cannot participate in UN talks on human rights, racism and a number of other issues handled in these offices.

Das erklärt, warum ausgerechnet eine Menschenrechts-Kommission, so gern Israel als Zielscheibe ihrer Kritik wählen – sie tun fast nichts anderes. Es reicht, sich die Mitgliederstaaten anzugucken, um zu verstehen, warum. Denkt daran, wenn es das nächste Mal rundgeht (vermutlich in einer Neuauflage der Durban-Konferenz).

The actual situation for the State of Israel, however, is that its rights as a Member of the United Nations to participate in the work of the United Nations are largely nullified by its exclusion from membership of a regional group. In practical terms it is simply denied participation in many (indeed most) of the activities, functions and offices in which all other Members do participate and are able by a generally accepted means to exercise influence and power, to nominate for appointments including appointments or elections to UN agencies and organs.

Das Ergebnis sah man gestern, als die UNO ausgerechnet uns für den Bruch der Waffenruhe tadelte, ohne die auch gestern fallenden Raketen auch nur zu erwähnen!

So ist es, wenn man in der UNO Paria ist. Leider wissen das die meisten nicht, die immer wieder die UNO-Resolutionen gegen uns ins Feld führen. (Oder sie halten es für gerechtfertigt.)

Das Rote Kreuz hat sich jahrzehntelang geweigert, den Roten Davidstern aufzunehmen – mit dem Roten Halbmond gab es keine Probleme, aber die Halbmond-Länder haben blockiert. Bis es schließlich zu dem unsäglichen Kompromiß mit dem roten “Diamanten” kam. Es ist islamischen Ländern anscheinend nicht zuzumuten, einen Davidsstern zu sehen, selbst wenn in dessen Zeichen Menschenleben gerettet werden.

For fifty years, the International Red Cross has refused to admit Israel’s MDA even though it meets all other criteria for membership, on the grounds that it does not use one of the approved symbols.

However, it is clear this excuse does not really hold water. When Muslim states refused to recognize the Red Cross for religious reasons, the Red Cross recognized the Red Crescent and the Red Lion and Sun Societies, and these were included in the 1929 and 1949 Geneva Conventions.

Obwohl Israel vollkommen legal aus der Taufe gehoben wurde, eher mit mehr internationaler Zustimmung als unsere Nachbarstaaten – allesamt Erben der kolonialen Mächte, haben die Araber es in harter Arbeit geschafft, Israel als Außenseiter, Bastard und KW (kann wegfallen) zu brandmarken.

Die Ergebnisse dieser schlauen Politik kann man sich jeden Tag in Leserbriefen, Kommentaren und Äußerungen vom Schlag “Israels Gründung war ein Fehler und muß rückgängig gemacht werden”, “Israel ist kein Staat wie jeder andere” ansehen.

Kein anderer Staat wird von der internationalen Gemeinschaft so kaltschnäuzig diskriminiert – und dann auch noch mit moralischem Zeigefinger belehrt. Dabei sind wir eine Demokratie, alle Bürger sind gleichberechtigt, Todesstrafe gibt es nicht, und für ein solchermaßen belagertes Land haben wir unsere Sinne noch recht gut beieinander.

Die Mehrheit wählt Parteien im Mittelfeld, Extremisten haben keine reale Chance (viel weniger als die NPD in Teilen Deutschlands….) und die beste Methode, israelische Wähler zu ködern, ist von Frieden, Kompromiß und Annäherung zu sprechen.

Verkehrte Welt!

Ich habe das schon öfter erwähnt, aber die meisten Menschen wissen es nicht und können sich nicht vorstellen, was für ein Gefühl das ist, wenn einen die Feinde, die einem mit dem Tod drohen, so viel Einfluß haben, daß sie uns effektiv aus allen internationalen Gremien ausstoßen können oder uns dort von Anfang an zum Außenseiter machen.

Und trotzdem glauben die meisten, Israel ist ein Gigant, der überall die Strippen zieht.

5. Christian - Juni 27, 2008, 10:05

Es ist schon gut und richtig, daß Israel mit den Europäern Fußball (und andere Sportarten) spielt. Von der Geschichte, der Mentalität, dem säkularen und demokratischen Verfassungsstaat her gehört Israel eindeutig zu den europäischen Nationen. Und geographisch ist Israel von Zentraleuropa auch nicht viel weiter entfernt als Zypern oder Malta. Wenn es jetzt noch etwas besser mit dem Fußballspielen klappt, seid Ihr bald auch in der Vorrunde großer Turniere.

6. Jessica - Juni 27, 2008, 14:06

Das mit den Gremien und dem “kein Land wie alle anderen” ist wirklich ein starkes Stück. Das das überhaupt jemand abkauft? Hat denn keiner mehr auch nur einen Hauch Geschichtskenntnisse? Nicht zu fassen.

7. Marlin - Juni 27, 2008, 20:02

Bezüglich UNO. HAbe heute einen Bericht in der NEON gelesen, die ich nicht kaufe. Da haben wohl einige Ex-Mitarbeiter ein Buch geschrieben, über die “Arbeit” der UNO. Grauenhaft.

Wenn gewünscht, kann ich ja mal den Titel angeben. Wenn auch nur die Hälfte stimmt, was die im Interview erzählen (glauben kann mans getrost), dann… tja.


Sorry comments are closed for this entry