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Reden, denken, fühlen Juni 20, 2008, 7:52

Posted by Lila in Land und Leute.
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Im Moment ist wieder viel die Rede von den vermißten Soldaten. Regev und Goldwasser sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit tot, sonst würde die Diskussion um den Austausch von Samir Kuntar nicht so kontrovers diskutiert – ein lebender Terrorist der übelsten Sorte gegen Tote? Es gibt Leute, die sagen, für Tote – nur Tote. Allein die Tatsache, daß Nasrallah immer Katz und Maus mit uns spielt und nicht offen sagt, daß sie tot sind, schlägt allen Regeln der Kriegsführung ins Gesicht.

Was in den Familien vorgeht, jetzt, wo dieser Austausch so nah bevorsteht (hoffen wir es), das kann man nicht mal ahnen. Ich erinnere mich noch gut an die drei Särge von Har Dov, die wir letztes Mal erhalten haben, an die versteinerten Gesichter der Familien Avitan, Souwad und Avraham, und mir graut vor einer Wiederholung dieses Albtraums. Immerhin haben die Familien ein Grab, einen Schlußpunkt.

Auch an die Familie Shalit mag man nicht denken und trotzdem denke ich dauernd an sie. Der Vater ist seit zwei Jahren in den Medien präsent, ein Mann mit höchster Selbstkontrolle, stets leise, präzise und höflich sprechend. Die Mutter sieht und hört man selten. Jetzt werden Interviews mit ihr ausgestrahlt, sie hat seit zwei Jahren zum ersten Mal Fragen beantwortet. Ihr gequältes Gesicht, wenn sie davon erzählt, was sich in ihrem Kopf pausenlos abspielt, ist auch grauenhaft und schneidet ins Herz. “Das ist der israelische Albtraum”, sagt sie, “davor hat man all die Jahre Angst, während man die Kinder großzieht. Bei uns ist er eingetroffen. Es ist, als bräche der Himmel über einem zusammen”.

Man mag auch gar nicht abwägen, was nun schlimmer ist: zu wissen, der geliebte Mensch ist tot, und es wird um die Modalitäten der Rückgabe seiner Leiche gestritten, die irgendwo im Libanon in einem Kühlhaus ruht, ein Zankapfel und Streitpunkt beim Feilschen um Preis und Wert. Oder zu wissen, der geliebte Junge lebt und ist seit zwei Jahren in den Händen von Feinden, die mit ihm machen können, was sie wollen, die unter keinerlei Kontrolle von Rechtsstaat oder internationalen Organen sind, die sich doch normalerweise um das Schicksal von Kriegsgefangenen sorgen sollten. Das Rote Kreuz zB sagt da gar nichts (kein Wunder, wenn man bedenkt, wie anti-israelisch diese Institution von jeher ist und mit welch vorgeschobenen Argumenten sie sich jahrzehntelang gegen die Aufnahme Israels sperrte).

Im Moment wird also viel geredet, über Grundsätze von Gefangenenaustausch, über Wert des Lebens, über Grundsätze israelischen Zusammenlebens. Das Gefühl, daß der Staat alles tut, um die Söhne und Töchter nach Hause zu holen, tot oder lebendig, ist Basis des Zusammenlebens, denn der Staat fordert ja auch, daß diese Söhne und Töchter ihr Leben in seine Hand legen. Wer wird noch bereit sein, das zu tun, wenn der Staat seinen Teil des Handels absagt und nicht mehr alles tut?

Andererseits, wie erpreßbar dürfen wir sein? Freigelassene Terroristen machen weiter Terror, belohnte Entführungen ziehen weitere Entführungen nach sich, und wo liegt die Grenze zwischen vertretbaren Proportionen und maßloser Erpreßbarkeit? Ist es eine magische Zahl: wenn wir mehr als 10, mehr als 100 oder mehr 1000 Gefangene für eine Leiche herausgeben müssen?

Diese Diskussionen gehen manchmal hart an die Grenze des Erträglichen. Am selben Tag, als Gilad Shalits Eltern einen Brief von ihm bekamen, in dem er über schlechte Gesundheit klagt und darum bittet, alle Bedingungen für seine Freilassung  zu erfüllen, veröffentlichten Reserveoffiziere einer kämpfenden Einheit bei der Infanterie einen offenen Brief an die Armeeführung und die Regierung. Darin bitten sie ausdrücklich, daß im Austausch für sie, falls sie in Feindeshand fallen sollten, kein einziger Terrorist freigelassen werden soll. Sie wollen die Erpreßbarkeit des Staats damit individuell aufheben – aber ob im Falle eines Falles die Angehörigen dieser Männer nicht doch auf die Barrikaden steigen würden, ist noch die Frage.

Es sagt sich leicht dahin, so wie wir sagen, “oh, wenn ich Krebs hätte, würde ich bestimmt keine Chemo machen” oder “wenn ich unfruchtbar wäre, würde ich lieber verzichten, als diese unnatürlichen Prozeduren machen” oder all diese anderen oberflächlich einleuchtenden Aussagen, die nur möglich sind, weil man in der Lage einfach noch nicht war. Ich fand das Timing unglücklich, und diese beiden Briefe heizten die Diskussion natürlich sehr an.

Die Diskussion, die Gedankengänge, die dahinter stehen – das ist alles im Moment wieder akutell, zwei Jahre nach den Vorfällen, die zu den beiden Entführungen von israelischem Boden geführt haben, im Süden und im Norden. Eine Lösung im Norden scheint näher, im Süden leider noch weit entfernt.

Aber was die gefühlsmäßige Seite angeht – das kann keiner verstehen, der nicht hier lebt. Die Identifikation mit den Entführten und ihren Familien ist total. Das sind Leute wie wir, ganz einfach. Keine Abenteurer, von denen man sich emotional abkoppeln kann, “mir würde das nicht passieren”, sondern brave Bürger, die ihre Bürgerpflicht erfüllen und dabei in die Mühlen eines Albtraums geraten. Sie wachen daraus nicht mehr auf, jahrelang.

Auf vielen Autos sind Aufkleber mit den Gesichtern der drei. An der Uni hängen große Plakate. Ich kann nicht mal Besuchern erklären, was draufsteht, das Zitat aus Jeremia, ohne daß mir die Stimme versagt. Habanim heißt auch die Website über diese drei – die Söhne (Plural von Ben, so wie in Benjamin). Denn so irrational oder blöd es für Deutsche klingen mag, in ihrer sicheren Welt, an der kein Konflikt ernsthaft kratzt – die Söhne sind es, Söhne des Landes, Söhne wie unsere, auch unsere Söhne. (Und es könnten ebensogut Töchter sein, genügend Familien haben auch Töchter in dem Konflikt verloren, in Uniform und Zivil).

Wäre dieser Albtraum nur erst zu Ende, der letzte Stein geflogen, die letzte Kugel geschossen, das letzte giftige Wort gesprochen. Würden sich unsere Nachbarn nur endlich schon mit der Existenz des Staats Israel abfinden, unsere Grenzen unverletzt lassen, und der Konflikt wäre vorbei. Bis dahin schleppen wir sie wie Wackersteine im Magen mit uns herum, die Überlegungen: wieviel lebende oder tote Terroristen geben wir heraus, für unsere Söhne? Genug, um sie freizubekommen, aber nicht so viele, daß wir weitere Söhne und Töchter gefährden? Ein Dilemma wie Sophie´s Choice.

Kommentare

1. Heimo - Juni 21, 2008, 4:30

ach so – ich las die Tage die Nachrichten, daß der Austauch von Regev und Goldwasser mit diesem Samir Kuntar bald statt finden sollte & hatte das erst als positive Nachrichten empfunden – ‘wenigstens ein Lichtblick’ – aber unter diesem Aspekt, dass sie höchstwahrscheinlich nicht mehr leben – jeder Entführer sendet ja zumindest eine Lebenszeichen seiner Opfer zur Bekräftigung seiner Forderung – solange das nicht geschieht, kann man wohl kaum davon ausgehen, dass die Entführten noch leben. & jeder Erpresser sollte wissen (das sagt schon jeder alte Kriminalfilm) dass man mit toten Entführten kein Geschäft mehr machen kann.
Es ist ein makabres & unwürdiges Geschäft, das da verhandelt wird & die sowas anbietet sind für mich nur verachtenswert.

Ich sprach kürzlich mit einem iranischen Freund über den Fall als ‘Leichenteile’ aus dem Libanon gegen einen libanesischen Spion ausgetauscht wurden und äußerte meine Abscheu gegen diese Art von ‘deal’ – er verstand mich überhaupt nicht & meinte nur, man müßte doch auch an die Mütter denken (die dann endlich ihren Sohn begraben könnten)

Ich verstehe sehr gut den offenen Brief dieser Offizier & heiße ihn auch gut – auch wenn es, falls man wirklich in die Falle gerät, völlig anders aussehen & die eigenen moralischen Intentionen & Kräfte übersteigen mag.

Aber jede andere Haltung ist zunehmende Erpressbarkeit – dann wird es nicht ‘nur’ bei entführten Soldaten bleiben – dann wird bald jeder Israeli vom Zivilisten, Frauen bis zum Kleinkind zum potentiellem Entführungsopfer avancieren oder auch wieder jeder Juden auf der weiten Welt ‘mal sehen ob wir damit paar hundert unserer Gotteskämpfer damit freipressen können..’

2. grenzgaenge - Juni 22, 2008, 11:50

eine schwierige sache. trotz der gefahr der erpressbarkeit bin ich fuer den austausch. selbst wenn goldwasser und regev nicht mehr leben ist es wichtig deren familien gewissheit zu verschaffen. nicht zuletzt ist es wichtig die sterblichen ueberreste in der israelischen erde beizusetzen. das ist nicht nur eine mitzva sondern auch tradition.

3. Heimo - Juni 23, 2008, 1:27

hm: ach – das ist so ein heikles Thema – letztlich bin ich da auch gespalten – ich sehe auch die Berechtigung den Familien Gewissheit zu verschaffen, die sterblichen Überreste in irsaelischer Erde beizusetzen etc. –
Es sind ja bis jetzt nur Einzelfälle – Es sollte zumindest ein himmelweiter Unterschied sein in der Höhe des ‘Lösegelds’ (sprich ausgetauschter Gefangener) – sonst ist es ja egal für Hamas & Hizbullah, ob sie etwaige Gefangene überhaupt noch am Leben lassen, wenn sie für Getötete das gleiche bekommen wie für Lebende. – Gab es eigentlich vergleichbares in den Kriegen zuvor mit den arabischen Gegnern dazumal, daß da Geschäfte gemacht wurden mit der Herausgabe gefallener Gegner? – Es sollte selbstverständlich sein, dass man zumindest die Gefallenen dem Gegner überläßt – ich möchte nicht diese Entscheidungen treffen müssen..


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