Bagrut Mai 19, 2008, 13:40
Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.trackback
Neulich stand ich auf einer Party neben einer Gruppe von Lehrern, die sich unterhielten. Dabei fiel mir auf, daß Lehrer eine Abiturklasse als Statussymbol betrachten. Wer seine Schüler bis zur “bagrut”, der Refeprüfung, bringt, der läßt das mit großem Stolz einfließen. Ich finde ja so ein Statuspoker immer amüsant, wenn ich es als Zaungast mitkriege, und außerdem freut es mich, wie ernst Lehrer die Sache nehmen und dafür auch Anerkennung von anderen Lehrern bekommen. Es ist ja auch wirklich viel Arbeit und eine große Verantwortung.
Aber eigentlich segelt mein Sohn mit solcher Nonchalance durchs Abi, daß ich kein bißchen Streß davon habe. Das liegt teilweise daran, daß die Schule so locker ist und keinen Druck auf die Kinder ausübt, teilweise daran, daß mein Primus auch ohne Lernen halbwegs gute Noten hat und ohne Mühe seine Prüfungen besteht, und daß weniger gute Noten ihn nicht stören. Das Zentralabitur fällt bestimmt nicht allen so leicht wie Primus, und vermutlich sind nicht alle Eltern so nonchalant wie wir. Denn um eine schlechte Note haben wir noch nie Trara gemacht.
Y. sind Noten nicht wichtig, weil er sagt, die Kinder lernen für sich selbst, nicht für ihn. Wenn sie finden, eine miese Note ist gut genug für sie, dann bitte sehr. Er hilft gern, wenn sie Hilfe brauchen, aber nicht um eine Note zu verbessern. Ich frage bei Elternsprechstunden immer zuerst nach Sozialverhalten, Interesse und ähnlich “weichen” Dingen. Und da es an der Schule kein Sitzenbleiben und Runterfliegen gibt, bleiben keine Druckmittel. Meine Kinder wissen nicht mal, was für Druck Schule machen kann und wie gut sie es haben.
Das liegt auch daran, daß man in Israel das Abi leicht nachmachen oder auch verbessern kann. Ich kenne mehrere Leute in Deutschland, die sich mit dem zweiten Bildungsweg schwertaten - wer über längere Zeit hinweg nichts tut, weder eine Ausbildung macht noch arbeitslos gemeldet ist, dessen Optionen schmelzen ziemlich zusammen. Der einfachste Weg ist wirklich der normale, also gymnasiale Oberstufe. Hier ist das nicht so.
Kibbuzschulen haben erst vor etwa 15 Jahren Abiturprüfungen eingeführt. Vorher waren sie grundsätzlich dagegen, dem Lernen ein anderes Ziel zu geben als den Wissenserwerb selbst. Und tatsächlich ist es ja absurd, wenn für das Abi gelernt wird und nicht für die Erweiterung des eigenen Wissens. Die Kibbuzschulen haben also den Schülern dasselbe beigebracht wie staatliche Schulen und die Schüler dieselben Arbeiten schreiben lassen wie Schüler an anderen Schulen, um sicherzugehen, daß sie nicht weniger wissen. Aber sie haben ihnen dafür weder Noten noch Abizeugnis gegeben.
Für Kibbuzschüler und andere Leute ohne Abitur war es aber kein Problem, an einer Uni zu studieren. Ein Einführungskurs, den auch viele Leute von normalen Schulen absolvieren, bringt alle innerhalb von einem Jahr auf einen Stand. Dieser Kurs heißt Mechina, Vorbereitung, und ich wünschte für mehrere verzweifelte Schulabbrecher, sowas gäbe es in Deutschland auch. Jede Uni bietet solche Kurse an, egal was das Vorwissen ist, was man in der Zwischenzeit gemacht hat und von wie vielen Schulen man abgegangen ist. Manche Schüler haben nur in bestimmten Fächern Bagrut gemacht, andere fehlen ihnen. Sie können das nachholen, wenn sie wollen.
Oft ist das ziemlich mühsam. Einer unserer Neffen hatte nie Lust auf Bibel und hat darin auch kein Abi gemacht. Für die Uni fehlte ihm dann diese Note, und er konnte die Prüfung als Externer an seiner alten Schule nachholen. Er fühlte sich schon ein bißchen blöd dabei, nach Wehrdienst, einem Jahr Trampen und Jobben in Australien und zwei Jahren Arbeit in Tel Aviv wieder seiner alten Bibel-Lehrerin gegenüberzusitzen. Aber er hatte gut nachgearbeitet und bestand. Mühsam und ärgerlich, aber keine biographische Katastrophe.
Mir gefäll es, daß das Abitur hier nichts Unerreichbares ist, das man, wenn man es einmal verpaßt oder vergeigt hat, nur unter bestimmten Auflagen neu machen kann. Denn eigentlich wird es doch überschätzt.
Meine kleine Schwester meinte neulich, jede Hausarbeit oder Klausur in ihrem Studium ist schwieriger als das ganze Abi zusammen, und sie lächelt heute über die Reden der Lehrer, die das Abi als so eine schwierige Hürde hinstellten. Ich erinnere mich auch, daß es nichts weiter war als ein paar etwas längere Klausuren, und die mündlichen Prüfungen waren auch nicht die Welt. (Ich habe mündliche Prüfungen eigentlich immer ganz gern gemocht, man ist flexibler als bei schriftlichen Prüfungen und wenn das Gegenüber ein souveräner, geübter Prüfer ist, dann kann es sogar Spaß machen.)
Dabei hat sich den in den Mädchenbüchern, die ich als Kind gelesen habe, das Abitur als etwas sehr Schwieriges und Anstrengendes dargestellt. Vielleicht, weil es zu der Zeit, als die Bücher geschrieben wurden, Abitur für Mädchen wirklich schwer zu erreichen war. Als ich alt genug fürs Abi war, hatte ich diese Bücher schon hinter mir gelassen, aber ich war trotzdem überrascht, daß das Abi nicht schwer war. Ich hatte aber auch Glück mit meinen Lehrern (hatte ich eigentlich immer).
Also, insgesamt ist dieses Abi eine ziemliche Antiklimax für uns Eltern, wie es das auch vor einem Vierteljahrhundert war. Mal gucken, wie das bei den jüngeren Kindern wird…


Hochinteressant! Gerade der vereinfachte Uni-Zugang über einen Vorbereitungskurs wäre für viele frustrierte Angestellte hier sicher eine Option, würde den Fachkräftemangel beseitigen und zu einer Entlastung des Arbeitsmarktes führen können. Hinzu kommt, dass das Abitur zumindest nach meinen Beobachtungen bei den meisten Menschen/ Schülern den intellektuellen Horizont auf viele Jahre hinaus deutlich und spürbar erweitert. Hier in Deutschland wogt übrigens ja gerade die Diskussion um das Turbo-Abitur in der 12. Klasse, das Schüler, Lehrer und Eltern überfordere. Diese Diskussion wird allerdings bei mir im Osten nicht ganz verstanden, denn da war das Abi in der zwölften auch in den letzten Jahren die Regel und lief relativ Problemlos. Auf der anderen Seite nehme ich allerdings bei vielen Gymnasiasten heute eine absurd hohe Hausaufgabenmenge und Klausurenfrequenz wahr, die nicht nur mein Abi vor 15 Jahren, sondern auch ein durchaus engagiert geführtes geistes- und sozialwissenschaftliches Studium locker in den Schatten stellt. Vor allem, da man im Studium eher die eigenen Stärken ausspielen kann und mir zum Glück in den letzten Jahren niemand mit höherer Mathematik oder Chemie gekommen ist. Vielleicht noch ein Wort zu ein paar interessanten Entwicklungen im zweiten Bildungsweg. Hier scheint es, dass das Zusammenkommen von privaten Bildungsträgern und verminderten Hartz IV Zahlungen für unter 25 jährige dazu führt, dass junge Leute das Abi beginnen und Schülerbafög beantragen, sich dann aber kaum oder gar nicht sehen lassen und die Bildungsträger das einige Zeit tolerieren, weil sie ja von den Zuschüssen pro Schüler leben. So entstehen momentan Abbruch- bzw. Durchfallquoten bis zu zwei/drittel.
Ja, das sind wirklich traumhafte Bedingungen. Ich tat mir nach Ausbildung und 6 Jahren Arbeit schwer - es gibt wenige Moeglichkeiten, die allgemeine Hochschulreife auf dem 2. Bildungsweg zu machen, Fachabi ist dann doch noch einfacher und kuerzer (=weniger kostenintensiv), beschraenkt einen aber doch in der spaeteren Wahl Hochschulausbildung. Zum einen muss man wieder lernen, zu lernen und zum anderen ist man auch schon einen Lebensstandard gewohnt, der reduziert werden muss. Auch hier sind einige deswegen durchgefallen, weil sie in mindestens einem Hauptfach Probleme hatten und es keine Moeglichkeit gab, Defizite aufzuholen, bzw. dies am Zeitfaktor scheiterte.
Zum Thema Lernen ohne Druck: es wuerden sich so viele lernschwache Kinder hier persoenlich besser entwickeln, wenn die Erwartungshaltung einfach geringer sein koennte oder die Lernziele und Bedingungen (Dyslexie z.B.) angepasst werden koennen. Nein, es muss stur nach Plan “gleiche Bedingungen fuer alle” laufen. Genausowenig kann ich doch von einem Rollstuhlfahrer verlangen, einen 100-Meter-Lauf mitzulaufen, und ihn dann bei Nichterfuellung mit einer “ungenuegend” bewerten. Unser Schulsystem ist nur auf Leistung abgestellt, und wer die nicht bringt, geraet persoenlich wie fachlich in das Abseits und in eine Spirale von Minderwertigkeitsgefuehlen und Resignation. Bei uns besteht wahrlich noch viel Handlungsbedarf.
Ich denke mal das Ungleichgewicht liegt auch daran dass Deutschland in Sachen zweiter Bildungsweg ein ziemlich schlechtes Beispiel ist. Jedenfalls wenn ich das mit Österreich vergleiche, wo mir der Weg zur Matura (oder Berufsreifeprüfung), ergo zur Studienzulassung, auch durchaus machbar erscheint.
Aber das System erklärt durchaus auch den hohen Prozentsatz mit Universitätszulassung in Israel. Nur sag mal: Bei so vielen Hochqualifizierten, haben da nicht Menschen ohne Abi ein ziemliches Problem nicht auf Hilfsarbeiterjobs abgeschoben zu werden?