Das Schöne am Bloggen ist, … Mai 18, 2008, 16:52
Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.trackback
…daß man Dampf ablassen kaunn, auch wenn der heiße Dampfstrahl nicht den erwischen wird, der ihn verdient hätte.
In diesem Fall hat ihn der Mann verdient, den wir zum “Ökonom”, ausgesprochen Äkonom, gewählt haben. Das Amt des Ökonom ist wichtig, denn der Ökonom leitet den Lebensmittelladen, die Küche und den Dining room. Er gestaltet die Feste kulinarisch, leitet die Köche an und entscheidet, welchen Joghurt es im Laden gibt und wie viel die Kohlräbchen kosten. Ein wichtiger Job also.
Bisher haben ihn meist Chaverim oder Chaverot erfüllt, die außer einem guten Kopf für Zahlen, einer Neigung zum Kochen und Verständnis für die Vorlieben des Kibbuz vor allem eine dicke Haut hatten. Denn natürlich kommen täglich jede Menge Leute zum Ökonom und meckern. Der Salat ertrank in Sauce, die Kartoffeln zerfielen und die Suppe war versalzen. Und warum schon wieder Nilprinzessin, gibt es keine anderen Fische?
Ich kann also verstehen, daß dieser Job schlaucht und niemand ihn gern machen möchte. Übers Wetter und übers Essen läßt sich immer gut meckern. Also, Nachsicht für den Ökonom.
Vor hm, zwei Jahren?, wurde ein neuer Ökonom gewählt. Zur Wahl standen der vorige Ökonom, ein wohgelittener, friedlicher junger Chaver, der im Kibbuz geboren und aufgewachsen ist, dessen Mutter jahrelang beliebte Ökonomin war, der gern kocht und ein solides, aber zuverlässig langweiliges Programm abspulte (ah, es riecht nach Couscous? ist denn schon Mittwoch?). Und ein von draußen reingeheirateter, ehrgeiziger junger Chefkoch eines Hotels “im Zentrum”, also da, wo das Leben brummt und die Leute gern gut essen und überhaupt… kurz, der strahlende Ruf des ehrgeizigen jungen Kochs sicherte ihm den Sieg.
Und nun muß ich ein bißchen Hintergrund dazu geben, was ein Dining Room für einen Kibbuz bedeutet (schöne Bilder auch hier). Die ersten Gebäude, die ein Kibbuz baut, und die sich stets in der Mitte des Kibbuz befinden, sind stets Kinderhäuser und Dining room. Im Dining room wurden früher nicht nur alle Mahlzeiten gegessen, umsonst natürlich!, sondern man konnte sich dort auch zwischendurch bedienen. Es war immer frisches Brot in einem vergitterten Schrank, eine Schneidemaschine, so daß man sich jederzeit Brot holen konnte. Oder nur die Knäppchen, wenn man wollte. Die Kühlschränke waren gefülllt, und man konnte sich Milch rausholen. (Auch im Laden war das meiste umsonst. )
Der Tag begann nur mit einer Tasse Kaffee nach dem Aufstehen, die Arbeit fing um sechs oder sieben an, und Frühstück gab es erst um acht im Dining Room. Da saß dann der ganze Kibbuz und schnibbelte die Gemüse für den Salat, denn das ißt der gemeine Israeli am liebsten zum Frühstück. Einen schönen großen Salat, meist aus Tomaten, Gurken, Avocados und Oliven bestehend, dazu entweder Zitronensaft und Olivenöl oder eine einfache Sauce.
Im Dining Room gab es immer auch Rühreier, Joghurt, alle möglichen Sorten Brot und Corn Flakes und Marmelade und Honig, kurz, man konnte sich ordentlich, gesund und lecker vollfuttern. Je nachdem, wie der Ökonom oder der Koch gerade drauf waren, gab es auch manchmal Apfelstrudel (unvergessen, weil mir eine Freundin mal welchen ins Krankenhaus brachte, als ich mit Tertia dort einen lange Monat festhing) oder andere Leckereien. Im Winter gab es immer Grießbrei.
(Eine vermutlich apokryphe Geschichte besagt, daß nach einem Verkehrsunfall mit Todesopfer die ersten Trauergäste in den Kibbuz strömten, um der Mutter des Toten zu kondolieren. Sie trafen sie an, wie sie, mit dem Alu-Töpfchen in der Hand, zum Dining room tappte, “es soll heute Krapfen geben…”)
Meist saßen die Leute vom jeweiligen Arbeits”zweig” zusammen, also ein Tisch für die Elektriker, einer für die Frauen von Nadel und Faden, einer für die Arbeiter der Küche…
Damals hatten auch fast alle noch zur Arbeit Arbeitsklamotten an, also irgendwelche Blaumänner. Ja, das ist noch nicht lange her, aber weit entfernt!
Die meisten Arbeitsplätze hatten übrigens die Sitte, daß um zehn noch mal kurz zusammen Tee oder Kaffee getrunken wird (aruchat esser), und dann gegen 12 ging es zum Mittagessen. Der Kaffee um vier, halb fünf wurde meist zuhause getrunken, denn um vier kamen ja die Kinder nach Hause. Y. meint, in seiner Kindheit wurden Marmeladenbrote im Dining Room ausgeteilt, für die Kaffeepause zuhause.
Das war der Gipfel der Privatheit, zuhause Marmeladenbrote aus dem Dining Room essen, mit Nescafe - das Wasser dafür wurde im Finjan heißgemacht, bevor es elektrische Kessel gab. (Ich war schon hier, als diese Erfindungen den Kibbuz eroberten, ich habe vorher auch im Finjan Wasser gekocht.)
Das Abendessen haben zu Y.s Kinderzeiten die Kinder im Kinderhaus, die Eltern später im Dining Room gegessen. Als Primus klein war (der ja zur ersten Kindergruppe gehört, die von Anfang an zuhause schliefen), sind wir jeden Abend mit ihm in den Dining room gegangen und haben dort mit der Familie gegessen - meiner Schwiegermutter, Y.s Tanten und ihren Familien (alle sehr kinderreich). Oft auch mit Freunden. Die meisten Familien hatten angestammte Plätze.
Das war eigentlich sehr gemütlich und zwanglos. Wir haben erst damit aufgehört, als wir das zweite Kind, eine größere Wohnung und damit eine etwas funktionalere Küche hatten. Aber dann hatten wir oft meine Schwiegermutter abends dabei, das war immer ein schöner Ausklang. (Ich habe nämlich eine ungewöhnlich nette Schwiegermutter, die mir sehr geholfen hat, mich hier einzuleben.)
Irgendwann gingen nur noch die alten Leute abends in den Dining room, die sich allein nichts zu essen machen konnten oder wollten. Sie hatten gern Gesellschaft, und sie wußten sich auch in der Küche nicht allein zu helfen. Y.s Großmutter zum Beispiel hat nie etwas anderes als einen großen, allerdings sehr guten Salat für die ganze Familie gemacht, sie wollte nie Hausfrau sein und hatte kein Talent zum Kochen.
Als der Dining room abends zugemacht wurde, weil es den Arbeitern dort zuviel wurde, abends mehrere Stunden zu arbeiten, für einen einzigen Tisch alter Menschen…. da war das für sie und ihre Freunde ein echter Verlust an Lebensqualität. Dazu muß man wissen, daß es hier ein Sprichwort gibt, “wer allein ißt, stirbt allein”. Gemeinsam essen gilt hier sehr viel.
Dann wurde der gesamte Zweig “privatisiert”, was in Kibbuz-Begriffen bedeutet: man muß für das Essen bezahlen, bekommt aber einen Aufschlag aufs Budget, der die Kosten abdeckt. Es wurde also errechnet, was ein durchschnittlicher Chaver ausgibt, wenn er im Lebensmittelladen einkauft und im Dining Room ißt (was beides billiger ist, weil subventioniert - oder damals zumindest war es billiger), und was Kinder brauchen, und das wurde den Familien jeweils ausgezahlt. So daß keiner draufzahlen muß, nur weil das Essen jetzt was kostet - aber so wurde der Mißbrauch abgestellt, daß es um zwei Uhr, wenn die Oberschüler kamen, keine Hühnchen mehr gab, weil viele Chaverim die für ihre Katzen und Hunde mitnahmen.
Am langen Band der Spülmaschine konnte man nämlich sehen, wie viel Essen weggeschmissen wurde, weil es umsonst war. “Kartoffeln oder Reis? Nehm ich mal beides, was mir nicht schmeckt tu ich weg”. Das gab es tatsächlich. Es war zwar immer nur eine kleine Zahl Leute, die das System mißbrauchten, aber der Kibbuz konnte seine Ausgaben für Lebensmittel nach der Privatisierung drastisch senken, ich hab die genaue Zahl vergessen, aber sie war eindrucksvoll.
Dann war ein paar Jahre lang Ruhe. Mal hatten wir einen guten Koch, dann einen weniger guten. Die Schulkinder hatten extra Tische und wurden extra betreut bei allen Mahlzeiten, mein Mann ging immer hin, Hallo sagen, und meine SChwiegermutter auch. (Ich habe zu der Zeit schon nicht mehr im Dining room gegessen, sondern die Familienmahlzeit abends zu Hause vorgezogen). Viele Kibbuzniks haben auch die Angewohnheit, was ich nie gemacht habe, aus dem Dining Room Essen mit nach Hause zu nehmen und es dort entweder zu “verfeinern” oder so wie es ist zu essen. Salate, Gemüse, Pasteten, das warme Abendessen am Freitagabend. Mir war dieses Großküchen-Essen nur selten lecker genug. Ich esse lieber einen Apfel und einen Joghurt als eine warme Mahlzeit, die mir nicht schmeckt.
Nun, dann wechselte irgendwann die Leitung der Fabrik, vor anderthalb Jahren? Und den Arbeitern dort wurde verboten, zum Frühstück in den Dining room zu gehen, das würde zu viel Zeit kosten - mit Arbeitern meine ich ALLE; auch Abteilungsleiter und Laboranten und Sekretärinnen und die Chefetage. In der Fabrik wurden Sandwich-Automaten aufgestellt, und das sollte reichen.
Für meinen Mann war das eine Katastrophe. Ohne seinen morgendlichen Salat ist er überhaupt nicht zu gebrauchen. Er hat sich oft das Mittagessen gespart, weil sein Salat ihn bis abends fit hielt. Er und seine Kollegen haben protestiert, aber geholfen hat es nichts. Inzwischen nimmt er sich entweder Salat mit, wie es auch viele andere machen, oder er kommt schnell nach Hause und schnibbelt seine Gurken und Tomaten.
Für diese Maßnahme konnte der Ökonom natürlich nichts. Aber er sah, daß sich sein Dining room leerte. Und der neue Ökonom, der ehrgeizige junge Koch, sah die Kibbuzniks überhaupt mehr als Störfaktor. Er schloß den Dining room mittags eher, so daß die Oberschüler kein warmes Essen mehr bekamen. (Meine Kinder essen lieber zuhause, ich bin mittags oft zuhause, und Secundus hat die Möglichkeit wahrgenommen, im Dining Room des Nachbarkibbuz, direkt an der Schule, zu essen. Der Dining Room der Schule hat nämlich auch zugemacht.)
Der Ökonom zog nämlich in der Großküche ein Catering-Unternehmen hoch. Und noch dazu ein sehr erfolgreiches.
Während die Kibbuzniks über eine aboslut schematische, minimale Speisekarte klagen, die sich jede Woche penetrant wiederholt, zaubert der Ökonom in de Küche wunderbare Kreationen, die er auf Festen und Feiern serviert. Er nutzt die Fest-Ausrüstung des Kibbuz, schöne Rechauds, Tischdecken und so weiter, seine Angestellten. Er bringt viele Besuchergruppen in den Kibbuz, organisiert alle möglichen festlichen Ereignisse, und er soll dabei sehr gut sein. Wir haben ihn zu Tertias Bat Mitzva bestellt, und er hat uns relativ günstig ein sehr gutes Essen und tadellose Bedienung geliefert. Ich war erstaunt, daß er so gutes Essen machen kann, denn sein Normalfraß ist fade, als würde man die Zunge zum Fenster raushängen. Da ist sein Herz einfach nicht drin.
Und jetzt hat er das Frühstück auch abgeschafft. Vorher konnten die Kinder dort vor dem Schulbus noch mit ihren Freunden frühstücken, was oft sehr praktisch war, denn direkt nach dem Aufstehen hat keines von ihnen Hunger. Der einzige Dienst, den der Ökonom den Kibbuzniks im Dining room noch bietet, ist sein Mittagessen, für das me-tschuk-mak (armselig) noch ein Euphemismus ist.
Zum Ärger der meisten Kibbuzniks hat er jetzt noch die Küche kaschern lassen, natürlich der reinste Witz. Ene Küche, in der seit 70 Jahren unkoscher gekocht wurde, wird durch ein bißchen kochendes Wasser und ein paar Segenssprüche nicht koscher, das ist Hokuspokus. Soll jetzt hier wie in der Mensa ein Mann mit Kippa rumlaufen und Leute verweisen, die nach dem Wurstbrot einen Milchkaffee trinken oder sich mit Käsebrot in die fleischige Abteilung setzen? Kibbuzniks sind säkular und schätzen es nicht, wenn im Herzstück ihres Imperiums auf einmal andere Regeln gelten. Wie der Ökonom all diese Sachen durchdrückt, ist mir schleierhaft, vermutlich reicht es heute, auf wirtschaftliche Gründe hinzuweisen, Gewinn!, Gewinn!, und alles knickt ein.
Dazu paßt auch, daß er verweigert, was jeder Ökonom vorher immer anerkannte: daß für große Feste und Ereignisse der Dining Room geöffnet wird, daß dort Vorführungen und natürlich auch Proben stattfinden. Er macht es dem Kulturausschuss fast unmöglich, in “seinen” Bereich einzudringen. Deswegen hatte er mal einen bösen Zusammenstoß mit meinem Mann, als der noch für die Tontechnik zuständig war und dem Ökonom klargemacht hat, daß der Dining Room ALLEN gehört, nicht etwa nur dem Ökonom. Und daß Kultur nicht weniger wichtig ist als sein Catering-Unternehmen.
Mein Mann sagt, viele Leute sind stocksauer auf den Ökonom, während andere seinen Geschäftssinn bewundern, auch wenn der zu ihren Lasten geht, zumindest was die Qualität des Essens angeht. Für meinen persönlichen Geschmack geht die Tendenz des Kibbuz, Eigeninitiative positiv zu verstärken, in diesem Falle entschieden zu weit. Ich weiß nicht genau, wie sein Abkommen mit der Leitung des Kibbuz aussieht, d.h., wie viel er für die Nutzung von Küche etc zahlt und inwieweit die Kibbuz-Ökonomie und sein Unternehmen säuberlich getrennt sind. Ich denke mal, der Kibbuz verliert dabei wirtschaftlich nichts, dafür kenne ich doch unsere Verwaltung.
Aber es ärgert mich persönlich schon sehr, wenn so ein Reingeschneiter seine Chance wahrnimmt, dabei aber rücksichtslos Einrichtungen kaputtmacht, die zum Herzstück des Kibbuzlebens gehören. Gehörten.
Traurig, traurig. Ich hoffe, wenn seine Amtszeit abgelaufen ist, macht er sich selbständig und nimmt unsere Küche nicht mehr in Anspruch. Und ich hoffe, der nächste Ökonom orientiert sich wieder an den sozialen Bedürfnissen des Kibbuz. Das hält die Menschen nämlich hier, Lebensqualität und soziale Kontakte.



lila, du bringst es mal wieder auf den punkt *GRINS*
“…daß man Dampf ablassen kaunn, auch wenn der heiße Dampfstrahl nicht den erwischen wird, der ihn verdient hätte.”
Ja, traurig. Ich habe in Mizra und Ramat Hakovesh in der Küche des Dining Rooms gearbeitet, in der Zeit vor der Privatisierung, die damals gerade geplant wurde. Schon damals konnte man am Zustand des Dining Rooms erkennen, wie ’sozial’ das Leben im Kibbuz, wie eng der Zusammenhalt war.
Besonders in Mizra war er das Herz des Kibbuz, Lebensmittelpunkt aller. Hier konnte man zum Frühstück und zum Mittag erleben, dass man in einer Gemeinschaft zu hause war. Daneben gab es Limonade aus Hähnen an der Wand, zum Abendbrot trafen sich hier die Alten, die russischen Austauschschüler und die Volontäre. Jeden Sabbat war er festlich geschmückt, nach dem Erev Shabat standen die Familien mit ihren Freunden, die Jugendlichen immer noch lange auf der von Laternen beschienen Wiese und unterhielten sich oder warteten auf den Beginn des Kinos oder eines Konzertes im angrenzenden Saal. Ok, das Essen war Großküchenstandard, Fleisch war oft TK Ware, aber der arabische Koch gab sich Mühe, das Gemüse war frisch, viele Soßen selbst gemacht… Ich habe da gelernt, Humus und Falafelteig aus der Erbse zu machen, Fische zu filetieren und zu marinieren, leckere Geflügelleber zuzubreiten… hach, schön wars. Die eigene Käserei war gleich nebenan und der stolze Käser (oder Kaser) hat immer darauf geachtet, dass alle im Dining room wissen, was für gute Frischkäse und Joghurts er macht. Habe da meine Liebe zum Hüttenkäse mit so einer speziellen Kräutermischung entdeckt. Und die Ökonomin (übrigens auch die in Hakovesh) war mit Herzblut dabei. Wehe, ein Lieferant wollte ihr für “Ihre Chaverim” schlechte Ware anbieten! Hoffe, ihr könnt Euren Cheder Ochel retten, ohne kann ich mir Kibbuz gar nicht vorstellen.