Albtraum Mai 9, 2008, 4:42
Posted by Lila in Land und Leute, Presseschau.trackback
Ich bin zu früh aufgewacht, ein Wolkenbruch mit Donner und Blitz hat mich aus einem Albtraum erlöst. Darin spielten eine riesige Spinne, die mir zu Heilzwecken ins Gesicht gesetzt wurde (sie sollte mich an-atmen, huh), und irgendwie auch Olmert, eine Rolle. Muß ich betonen, daß die Spinne im Vergleich ungeheuer sympathisch wirkte?
Ich bin gestern nacht noch wachgeblieben, bis die Sperre für die Medien aufgehoben war, obwohl dann natürlich nichts gesagt wurde, was ich nicht schon vorher aus Blogs wußte. Olmert hat als Bürgermeister von Jersualem seine Taschen großzügig polstern lassen. Pech, daß er seinen politischen Kurs so geändert hat, daß dieselben Leute, die ihn damals mit Geld überschüttet haben, nun stinksauer auf ihn sind und ohne Scheu gegen ihn aussagen. Noch weiß man nicht, wo die Gelder hingegangen sind, Olmert selbst meint natürlich, er hat NIE einen Shekel für sich verwendet. Sollen wir auf sein Ehrenwort warten? (Einzelheiten hier und hier.)
Interessant an dem Spektakel waren also weniger die Informationen, die nun ausgebreitet werden konnten. Sondern mehr die Erleichterung der Journalisten, die schon seit Tagen wortreich bedauerten und beklagten, daß sie uns nicht alles sagen konnten, was sie wußten. Sivan Rahav-Meir war vielleicht am schlimmsten dran. Sie hatte den Hauptzeugen bereits exklusiv interviewt, konnte aber nur ein verschwommenes Bild zeigen, in dem er ein frohes Fest wünschte, und sagen, daß er ein charmanter älterer Herr ist. Ach, wie sie durchatmete und loslegte, als Sperre fiel!
Ähnlich Ayala Hasson auf Kanal 1. Das war lustig. Nicht lustig genug, ich bin auf der Couch eingeschlafen und habe Olmerts Ansage glatt verpennt.
Dann der Albtraum und nun die Artikel im Internet. Der Mann ist doch tatsächlich nicht zurückgetreten! Was haben unsere Politiker nur am Hosenboden, daß sie so verflixt an ihren Stühlen festkleben? Wir haben aber auch Pech. Katsav, der Präsident mit den Büro-Angewohnheiten, die beim Nachrichtenhören Bürger zum Erröten bringen – da muß man Kinder aus dem Wohnzimmer schicken, wenn berichtet wird, wie es im Büro des Ex-Präsidenten (jedes Wortspiel verkneife ich mir) zuging.
Jede Menge Knesset-Abgeordnete, besonders aber nicht nur von der Shas-Partei, die korrupt sind, daß es zum Himmel stinkt, aber mit unschuldigem Augenaufschlag meinen, sie sind sich keiner Schuld bewußt. Natürlich nicht, dafür brauchten sie ja ein Gewissen!
Und Olmert – man verliert schon die Übersicht bei seinen Skandalen. Das kann kein Zufall sein, der Mann mag sich noch so vehement als verfolgte Unschuld ausgeben.
Ich weiß auch nicht, wieso die Politik so zwielichtige Biedermänner anzieht. Wir brauchen dringendst eine Regierung, auf die man sich in jeder Hinsicht verlassen kann. Ob es um Verhandlungen oder Verteidigung geht, wir leben nicht gerade in einem ruhigen Eckchen der Welt.
Peres macht als Präsident eine gute Figur, ich glaube, auch seine Kritiker müssen zugeben, daß er seinen Posten mit Würde und Intelligenz und Ehrlichkeit füllt. Wäre er schon anno wannwars in den Posten gewählt worden, statt dank Kungelei Katsav draufzuschieben, wäre uns viel erspart geblieben. Ich bezweifle, daß ein ähnlich kompetenter Ersatz für Grotten-Olmert gefunden wird.
Sehr deprimierend. Ein Albtraum wirkt dagegen geradezu eskapistisch.
Kommentare
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Frau Levini kann doch Olmert problemlos ersetzen. Sie ist sympathischm, sie sieht gut aus und dazu als Frau hat sie auch Vorteile bei Condi.
Ruck zuck die Roschade machen. Tzipi for MP!
Tzippi Livni habe ich schon recht früh in ihrer Karriere geschätzt, weil sie mit Diplomatie und Ego-Verzicht ein paar innerparteiliche Krisen gelöst hat, während ihre männlichen Kollegen sich ineinander verhakt hatten. Sie war Sharons loyale Mitarbeiterin und hat mit ihm gemeinsam die Likud verlassen, um Kadima zu gründen. Nach Sharons Hirnschlag hat sie sich auf Gedeih und Verderb mit Olmert politisch verbunden, als seine second in command.
Das bedeutet: sein Wahlerfolg war ihr Ticket nach ganz oben, seine Skandale bekleckern sie. Sie hat es während des vermurksten Kriegs geschafft, sich rauszuhalten, und war daher, als die Ergebnisse der offiziellen Untersuchung veröffentlicht wurden, in der idealen Situation, einen Sturz des Königs anzuführen. Sie hatte das verhüllt auch schon mehr oder weniger angekündigt.
Doch als es drauf ankam, das war wirklich eine Pressekonferenz, bei der alle darauf warteten, daß sie sagt: Olmert muß abserviert werden, ich trete gegen ihn an!, da hat sie gekniffen und sich rausgeredet. Damit hat sie es sich mit vielen Leuten vermasselt: Olmert hat nicht vergessen, daß sie ihn kritisiert hat, bevor der Winogradbericht rauskam. Olmerts Gegner haben nicht vergessen, daß sie im entscheidenden Moment ausgewichen ist. Und für die Wählerschaft ist sie Olmerts zögerlicher Pudel.
Sie hatte ihren Kairos, und ein versäumter Kairos ist schlimmer als ein Kairos, der nie kommt. Sie könnte bei einem erfolgreichen Mißtrauensvotum Olmert ablösen, schon wieder nur zwei Jahre Regierungsperiode!, aber gewählt würde sie wohl nicht. Dafür ist sie Rechten zu links, Linken zu rechts und vielleicht sitzt auch die Erinnerung an Goldas Mißerfolge im Yom Kippur-Krieg den Leuten noch zu sehr in den Knochen.
Der Showdown mit Iran rückt näher, und da wollen die meisten lieber einen Mann mit militärischer Erfahrung im Premiers-Sessel sitzen sehen. Olmert hatte das nicht, Peretz erst recht nicht, und das Ergebnis kennen wir alle. Es mag eine Illusion sein, weder Barak noch Netanyahu haben große Erfolge als Premiers zu verzeichnen, aber sie werden versuchen, daraus wahlkämpferisch Kapital zu schlagen, nach dem Motto, “auch Rabin war beim zweiten Durchgang besser, ich hab meine Lektion gelernt”.
Bibi oder Barak, Barak oder Bibi. Eines Tages wird mal jemand ein Buch schreiben über die Rivalität und Verwandtschaft dieser beiden Männer, deren Lebensweg sich so oft gekreuzt hat, seit ihrer Armeezeit .
Barak, Bibi und auch Livni haben gemeinsam, daß sie nicht gehalten haben, was sie zu Anfang ihrer Karriere versprochen haben. Wer von ihnen in anderthalb Jahren am Ruder ist, weiß ich nicht, aber ich schätze mal, Bibi.
Vielleicht machen sie es ja so wie Peres und Rabin: zwei Jahre der eine, dann kommt der andere dran. Als Doppelspitze wären sie vielleicht besser als allein. Aber sie haben beide ein recht gebieterisches Ego und ich weiß nicht, ob sie das können.
Ach weiste, die Politik und die Biedermänner… jeder dieser Biedermänner findet sein Pendant in der Wirtschaft und alle zusammen sind Teil unserer Gesellschaft. Natürlich stellt man zurecht hohe moralische Ansprüche an die Politiker, die für ihre Integrität gewählt werden, aber ich bin durchaus der Ansicht, dass man sie zu Unrecht nicht auch an die Industrie-Eliten stellt, die über ihrer Macht und ihre privilegierten Stellung als Teil dieser Gesellschaft, in der sie leben, eine besondere Verantwortung für diese Gesellschaft haben, denn diese erst ermöglicht ihnen ihre privilegierte Position.
Um Livni tut es mir wirklich Leid. Schon irre, dass ihre unbedingte Loyalität (erst Sharon, dann Olmert gegenüber) ihr das politische Genick brechen soll, würde dieser Charakterzug doch nahe legen, dass sie sich genauso loyal auch ihrem (Wahl-)Volk gegenüber verhalten würde. Dass, was ich von ihr wahrgenommen habe, scheint sie eine starke, geradlinige, intelligente und verlässliche Frau zu sein, also Eigenschaften, die man sich für manchen Politiker wünschen würde.
Lieber Piet, da kann ich Dir das Interview mit Yossi Sarid in der ZEIT zitieren: das kann Israel sich nicht leisten.
Um meine alte Schiffsmetapher noch mal auszugraben: wir sind kein großes, wohlgebautes Schiff auf bekannter Route, das sich einen Routinier als Kapitän leisten könnte oder auch mal ein paar Jahre jemanden, der nur mit Müh und Not sein Patent bekommen hat. Wir sind eine Nußschale in unruhigem Wasser ohne Seekarte. Wir brauchen ein Genie der Seefahrt und Navigation. Und wir haben eine Landratte, der man nicht mal den Rumvorrat anvertrauen möchte.
Bibi oder Barak?
die beiden hatten schon ihre Chance gehabt. Daruas kam nichts gescheites raus. Wen gibt es noch? Tippi soll es doch versuchen. Und gegen den Iran wird ihr Gabi zur Seite stehen. Der ist Fachmann vom Dienst.
Ich sage ja: wenn Olmert zurücktritt, übernimmt vermutlich Tzippi. Wenn es Neuwahlen gibt, wird sich vermutlich entweder Bibi oder Barak durchsetzen. Das ist nur meine Vermutung. Es kommt auch darauf an, wie die post-Olmert-prä-Wahlen-Zeit läuft.
na, ich wuerde ja auf bibi hoffen wenn es neuwahlen gibt
Na wer weiß, wenn sich Tzippi in der Übergangszeit gut schlägt und zeigt, dass sie es kann, ist das vielleicht ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Schließlich scheint mir, dass für viele die Wahl zwischen Bibi und Barak wie zwischen Pest und Cholera scheint und eine dritte Alternative willkommen wäre. Wenn sie sich gut schlägt, wie gesagt. Vielleicht sollte Olmert allein schon deshalb zu schnell wie möglich zurücktreten, um Livnis und Kadimas Chancen zu stärken.
Wenn ich mich übrigens an das internationale Ansehen Israels und die innergesellschaftlichen Spannungen zum Ende von Bibis Amtszeit erinnere, dann bekomme ich Alpträume!
ich sehe jetzt erst, dass du wieder da bist. schön!
Apropos Alptraum – das sieht nicht gut aus im Libanon ….
Nein, das sieht nicht gut aus, und die Leute tun mir leid. Wie stets sind “normale” Moslems erbarmungslos verfolgte Opfer von extremen Moslems, in diesem Falle Nasrallahs Irre.
Es gibt in dieser Gegend viele Konflikte, mit denen wir nichts zu tun haben, oder in die wir gegen unseren Willen reingezogen werden.
Was ich über Larson denke, der jetzt beklagt, daß sich die Hisbollah wiederbewaffnet hat und ihre Waffen auch einsetzt…. das brauche ich ja wohl nicht extra zu sagen.
Wir können nur beten, daß da keine Lawine losgeht, die die ganze Gegend begräbt. Wie schön ist der Libanon, und wie schön könnte das Leben dort sein.
das urteil ueber larson teile ich. die un kann sich wieder mal beglueckwuenschen. sie hat die ereignisse im libanon schliesslich an prominenter stelle (mit)zu verantworten. wenn es nicht so boesartig waere koennte man eine gewisse absicht dahinter vermuten. aber die einseitigkeit der un in den verurteilungen israels spricht auch ohne boeswilligkeit mehrere tausend baende.
wenn man sich dann das versagen der un in unzaehligen konflikten und krisen vor augen fuehrt koennte man auf den gedanken kommen sich zu fragen warum die organisation eigentlich existiert.
das mit dem versagen in unzaehligen krisen und konflikten betrifft uebrigens auch europa. ich glaube die nachfolgestaaten des (ehemaligen) jugoslawien liegen nach der allgemeinen definition in europa. nun, was hat die un getan um screbenica zu verhindern ? sie hat dem abschlachten tatenlos zugesehen. das ist natuerlich auch eine moeglichkeit mit akuten krisen umzugehen.
aber warum nimmt man das abschlachten tausender zivilisten (unter den augen der un) in kauf und kritisiert auf der anderen seite israels fuer sein zurueckhaltendes vorgehen gegen den terror ?
eine erklaerung waere das sich die israelis brav abschlachten lassen sollen (unter den augen der un ?). das hatten wir ja schon mal und nicht nur in deutschland sind tote juden sehr beliebt. fuer diese werden gedenktage abgehalten. der geoeteten und verwundeten israelischen soldaten gedenkt man nicht. am allerwenigsten in der uno. die verletzten und getoeten haben eben den fehler begangen in israel zu leben und waren damit “legitime angriffsziele” ! ?
wenn bei israelischen militaeraktionen palaestinenser verwundet und getoetet werden sind das natuerlich opfer (!) der israelischen besatzung. auch wenn sie auf dem weg zu attentaten auf israelische grenzposten oder in die herzen israelischer staedte waren. dann protestiert die uno. waren ja auch keine juden und keine israelis.
ich denke letztendlich kann sich israel nur auf sich selbst verlassen.