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Kleine Geschichte März 23, 2008, 20:30

Posted by Lila in Land und Leute, Presseschau.
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aus den Nachrichten. (Für mehr reicht es im Moment nicht, tut mir leid, aber ich habe einfach zu viel zu tun, so unglaubhaft das auch klingt!)

Ein kleines Mädchen, nur anderthalb Jahre alt, starb überraschend. Ihre Eltern (religiöse Juden aus der Siedlung Tekoa) gaben die Erlaubnis, ihre Organe zu zu entnehmen und in den Körper kranker Kinder zu verpflanzen. Vier Kinder wurden dadurch gerettet. Solche Geschichten werden regelmäßig in den Nachrichten erwähnt, weil in Israel die Willigkeit, Organe zu spenden, relativ gering ist - die jüdische Halacha verlangt die Beerdigung des unverletzten Körpers. Das ist auch der Grund dafür, daß Juden normalerweise Brand- und Seebestattung ablehnen, daß nach Anschlägen versucht wird, möglichst alle Leichenteile einzusammeln und zuzuordnen, und daß das grausame, grablose Ende der Opfer der Shoah besonders schmerzlich empfunden wird. Oh, das kam jetzt ein bißchen makaberer raus, als es gemeint war. Aber die Medien bemühen sich, die positiven Seiten der Organspende, das gerettete Leben, zu zeigen.

So auch heute im Fall der Kleinen, deren Tod vier anderen Kindern neues Leben schenkte. Die Begegnung des Großvaters, Jude mit Bart und Kipa, mit den Vätern der vier Kinder. Was können sie einander sagen? Die Tragödie des einen ist die Rettung der andren, und da die anderen sich selbst der Katastrophe so nahe sahen, können sie sich nicht einfach freuen. Einer der Väter ist Araber, sein Sohn wird hoffentlich nun gesund werden. Die Männer stehen bewegt und wortlos herum, bis die Kamera sie in Ruhe läßt.

Dabei fällt mir auf, wie oft ich solche Bilder schon gesehen habe, auch umgekehrt - arabische Angehörige, die einer Organspende zustimmten und jüdisches Leben damit retteten. Vielleicht bin ich sentimental, daß ich aus solchen menschlichen Geschichten immer wieder kleine Hoffnungsstrahlen lese. Manche Bereiche, darunter der medizinische, scheinen von dem Irrsinn, der die Welt besetzt und die Menschen vergiftet, frei zu sein. Die herzkranken Kinder aus arabischen Ländern, die von einer jüdischen Organisation nach Israel gebracht werden, um hier operiert zu werden. Die israelischen Ärzte, arabische und jüdische, die sich für die medizinische Versorgung des Gazastreifens einsetzen, hüben wie drüben.

Ich kann den Glauben nicht aufgeben, daß in uns Menschen ein unverletzlicher Kern existiert, und daß einer den Kern des anderen erkennen und anerkennen kann. Ich glaube auch, daß dieser Kern nicht von außen zerstört werden kann, sondern nur von innen: dadurch, daß ein Mensch sich dem Haß und der Todeswut verschreibt und den Kern in sich vernichtet. In krisenhaften Momenten, wenn es um Menschenleben geht, besonders junges Menschenleben, das einem anvertraut ist - da erkennt man diesen Kern der Menschlichkeit. Und ist für einen Moment wieder voller Hoffnung für dieses verkorkste Geschlecht, dem wir angehören dieses menschliche, unmenschliche.

Kommentare»

1. grenzgaenge - März 23, 2008, 21:15

das mit der organspende und der halacha ist eine schwierige sache. ich selbst wuerde meine organe auch spenden obwohl das nicht mit der halacha vereinbar ist (da gibt es aber ein anderes problem). mein rabbiner ist liberal genug um das zu akzeptieren obwohl er orthodox ist. wir hatten ja schon mal die gelegenheit das durchzusprechen und ich bin froh das nun klare fronten herrschen. ich habe die erfahrung gemacht das es immer am besten ist probleme offen auszusprechen als mit sich herumzutragen. letzteres kann krank machen.

du erwaehnst die segensreiche arbeit von zaka. ich bin auch immer wieder ueberrascht woher diese menschen die kraft fuer ihre schreckliche taetigkeit nehmen. die antwort ist fast immer gleich: aus der religion. auch wenn ein zurueckkehren in den alltag nach solchen “einsaetzen” kaum moeglich ist. sie machen weiter. ich habe tiefste bewunderung fuer diese menschen. nicht weil sie religioes, nicht weil sie (ultra)orthodox sind, nicht weil sie ein gebot der halacha erfuellen. sondern weil sie etwas fuer menschen tun die nicht mehr danken koennen. gibt es eine groessere selbstlosigkeit ?

2. Kaa - März 23, 2008, 21:54

Ja, so etwas leuchtet und man sieht nicht nur mehr die Gewalt. Es sind verschiedene Leute, die das eine oder das andere machen. Und die, die die unlöschbare Gewalt im Herzen haben, sind lauter. Auch wenn sie vielleicht nicht weniger sind. Aber es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.

3. Kaa - März 23, 2008, 21:55

Korrektur: Das nicht ist zuviel, es soll heißen: Auch wenn sie vielleicht weniger sind.

4. Lila - März 23, 2008, 21:57

Ich glaube, wenn es überhaupt einen Konsens in Israel gibt, dann wohl zum Thema Zaka. Sie sind ja auch bei Unfällen und allen Arten von Katastrophen zur Stelle. Alles freiwillig.

Oft gibt es böses Blut, wei die Ultra-Orthodoxen nicht bei der Armee dienen - aber der Einsatz bei Zaka, der ja freiwillig ist, wird mindestens ebenso respektiert wie der Einsatz bei der Armee. Bei der Armee gibt es Jobnikim - bei Zaka wohl nicht.

Sie haben übrigens, so weit ich weiß, eine Art Gesprächsgruppe miteinander, um ihre Einsätze seelisch zu verarbeiten. Ob sie weitere Begleitung haben, weiß ich nicht.

Zum Thema Halacha wird oft geantwortet: pikuach nefesh. Die Rettung einer Seele rechtfertigt Übertretungen der Halacha - sonst könnte kein jüdischer Arzt am Shabat helfen. Da kann man lange hin und her diskutieren. Ich halt mich da raus … zwingen kann und sollte man niemand.

5. beer7 - März 24, 2008, 9:58

Fuehrende Rabbiner in Israel und anderswo haben immer wieder betont, dass die “Rettung von Leben” Vorrang vor allen Mitzwot hat (mit drei Ausnahmen: Mord, Inzest, Goetzendienst), also auch vor der Beerdigung des ganzen Koerpers:
http://www.hods.org/English/issuesE.shtml
http://www.uktransplant.org.uk/ukt/newsroom/fact_sheets/religious_leaflets/judaism_and_organ_donation/EngJud.pdf
http://www.jstandard.com/articles/1779/1/Organ-donation-called-a-mitzvah

Es handelt sich also nicht in erster Linie um religioese Bedenken, sondern um tiefsitzende Aengste und Bedenken, die natuerlich gerade in der traumatischen Situation, wenn man gerade einen Angehoerigen verloren hat, stark sind.

Es sind die Angehoerigen, die letztlich die Entscheidung treffen. Ich bilde mir ein, dass selbst mit Organspenderausweisen immer noch ihre Erlaubnis eingeholt wird.

6. grenzgaenge - März 24, 2008, 12:46

@ruth: im prinzip hast du recht wenn du sagst das die angehoerigen die entscheidung ueber organspenden treffen. die ausnahme ist eine patientenverfuegung oder sonstige erklaerung die der potenielle organspender zu seinen lebzeiten abgegeben hat. diese erklaerung muss notariell beglaubigt sein. wenn sie vorliegt kann eine organentnahme auch gegen den willen der angehoerigen durchgefuehrt werden. ob/wie oft von dieser moeglichkeit gebrauch gemacht wird weiss ich nicht.