Juhu! Februar 11, 2008, 23:56
Posted by Lila in Edle Selbsterkenntnis.trackback
Ich hab gerade eine Mail gekriegt – daß meine Bestellung abgeschickt ist – und das ist die DVD Cranford – die heute erst rausgekommen ist – und die ich schon vor einem Monat bestellt hab – und wie gut ist das denn – weil es Cranford nicht mal mehr auf Youtube gibt – und ich das so gern richtig sehen will – und ich bin eine der ersten, die es haben – und juhu!!! (jetzt atmen!!!)

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Nicht, dass ich die Serie kennen wuerde, aber im Dunklen begegnen moechte ich den beiden aeusseren Damen nicht.
Wirklich? Ich wünschte, ich würde Imelda Staunton mal begegnen, ob Tag oder Nacht, ich finde sie ganz großartig.
Hier ist ein Interview mit ihr, über ihre Rolle als Miss Pole, mit ein paar Ausschnitten aus Cranford, eher quirky (das ist auch mehr Stauntons Stil). Die Serie selbst ist natürlich ernst, wie Gaskells Bücher.
Die Miss Pole von der Photo schluege mich locker in die Flucht: Ein solcher Blick verheisst selten Gutes. Ms Staunton hingegen wuerde ich nach dem Interview wohl auch gern begegnen, sie muss eine ausgezeichnete Schauspielerin sein. Und jetzt gehe ich nach Gutenberg, dem Angefixtwerden froenen:
http://onlinebooks.library.upenn.edu/webbin/book/search?amode=start&author=Gaskell%2c%20Elizabeth
Ja, sie ist eine richtige solide Schauspielerin, hat jahrelang hart gearbeitet, bevor sie berühmt wurde. Sie sagt auch in irgendeinem Interview, daß sie dankbar dafür ist. Instant stardom, davon hält sie nicht viel.
Die BBC-Serie ist übrigens aus drei Romanen von Gaskell entstanden: Cranford (Gaskells berühmtestes Buch), My Lady Ludlow und Confessions of Dr. Harrison. Sie sind so gut zusammengenäht, daß man das gar nicht bemerkt, wenn man es nicht wüßte.
Oh. Sieht aus, als muesse ich Urlaub nehmen. Meine Erkenntnis des Tages lautet naemlich: “Cranford” sollte man auf gar keinen Fall in der Nacht vor einem Arbeitstag lesen. Erstens kann man die Lektuere unmoeglich rechtzeitig unterbrechen. Zweitens hindert einen die Erinnerung an calashes & Co. auch an der letzten moeglichen Stunde Schlaf (”Do you know what a calash is? It is a covering worn over caps, not unlike the heads fastened on old-fashioned gigs; but sometimes it is not quite so large”). Und drittens machen einen Saetze wie “Do you ever see cows dressed in grey flannel in London?” nicht sonderlich gesellschaftsfaehig. Schon gar nicht, wenn sie einem mitten in der Sitzung einfallen.
Mit den DVDs ebenso viel Vergnuegen, wie ich es beim Lesen hatte!
Der Vollstaendigkeit halber:
“The spring evenings were getting bright and long when three or four ladies in calashes met at Miss Barker’s door. Do you know what a calash is? It is a covering worn over caps, not unlike the heads fastened on old-fashioned gigs; but sometimes it is not quite so large. This kind of head-gear always made an awful impression on the children in Cranford; and now two or three left off their play in the quiet sunny little street, and gathered in wondering silence round Miss Pole, Miss Matty, and myself. We were silent too, so that we could hear loud, suppressed whispers inside Miss Barker’s house: “Wait, Peggy! wait till I’ve run upstairs and washed my hands. When I cough, open the door; I’ll not be a minute.”
And, true enough it was not a minute before we heard a noise, between a sneeze and a crow; on which the door flew open. Behind it stood a round-eyed maiden, all aghast at the honourable company of calashes, who marched in without a word.”
Danke, ich habe das Buch auch geliebt. Ich habe es schon ewig und habe nur darauf gewartet, daß Gaskell wieder ins Bewußtsein dringt.
Auch North and South und Wives and Daughters kann ich nur empfehlen, sowohl die Bücher als auch die Verfilmungen. Leider legen letztere mal wieder das Hauptgewicht auf die Liebesgeschichten, was glücklicherweise bei Cranford nicht der Fall ist. Mich interessieren die anderen menschlichen Beziehungen immer viel mehr als Liebesgeschichten.
Ach ja, Leute verlieben sich ineinander, unverständlicheweise, aber wie kommen Geschwister, Leute aus verschiedenen Schichten, Eltern udn Kinder, alte Bekannte, Vorgesetzte und Untergebene, Konkurrenten etc miteinander aus? In Cranford sind diese Beziehungen viel wichtiger als die Liebesgeschichten.
trotz dieses Mangels (den viele Zuschauer natürlich als Vorteil sehen) sind sowohl North and South als auch Wives and Daughters sehr gute Verfilmungen. Sie haben Gaskell den Popularitäts-Kick gegeben, den sie verdient hat.
Miss Pole, Miss Matty, and myself.
Ach ja. Die gute Mary, die so treu alles schildert, und selbst ganz im Hintergrund bleibt. Die Beziehung zwischen ihr und Miss Matty gehört zu den schönsten menschlichen Beziehungen in der Literatur. Ohne pädagogisches Pathos von Seiten der Älteren, ohne Ungeduld von Seiten der Jüngeren.
Hätte ein Mann sowas schreiben können??? Keine Ahnung. (Dickens nicht, seine jungen Frauen sind Püppchen, in ihren Adern fließt Himbeersaft… )
Hilfe, ich muß schlafen gehen!!! (Aber Miss Pole und Miss Matty nehm ich mit).
Liebesgeschichten in Ehren, aber die Drumherum-Beziehungen geben doch wesentlich mehr her. Vielleicht ist es aber anspruchsvoller, ueber letztere zu schreiben?
Gaskells andere Buecher kenne ich noch nicht, aber “Cranford” finde ich grossartig: die Sprache, das Auge, der Humor, der immer geschmackssichere Spott, der Takt, und das alles an der jeweils richtigen Stelle. Es ist die perfekte Skizze: von allem gerade eben genug, von nichts zu wenig. Ohne Humor und Spott waer ’s suess und tragisch, fuer meinen Geschmack zu sehr, und ohne die Prise Schmelz und den Ernst waere mir das Buch gern erinnerte Unterhaltung, aber eben nicht mehr.
Ob Maenner das auch koennen? Mir fallen Thomas Mann ein (z. B. “Buddenbrooks”), Doderer (”Strudlhofstiege”) oder, nicht in derselben Liga, aber ebenfalls empfehlenswert: Kellers “Leute von Seldwyla”. Alles “Alte”, faellt mir auf.
Gute Nacht!
Und bei Miss Pole muss ich mich entschuldigen. Nicht, dass sie mich in einer dunklen Gasse nicht immer noch in die Flucht schluege. Aber gibt es eine ruehrendere Verschwoerung als jene zur Errettung der Miss Matty?
(Notiz an mich selbst: Beim Einschlafen nicht an das konspirative Treffen denken, es schlaeft sich schlecht beim Kichern.
“It seemed as if this was all the company expected; for now Miss Pole made several demonstrations of being about to open the business of the meeting, by stirring the fire, opening and shutting the door, and coughing and blowing her nose.”)
Mit der Frage nach den Männern habe ich nicht künstlerische Größe gemeint – ich glaube, da gibt es Beispiele ohne Ende. Ich meinte nur die Schilderung einer Beziehung zwischen zwei Frauen, diese Art Nähe, ohne daß der Bezugspunkt Mann irgendwo mitspielt.
Tony und Erika? Nein, da geht es immer um Männer, oder um Konkurrenz zu anderen Frauen. Bei Tolstoy auch, Natascha und Sonja sind in Konkurrenz zueinander. Natascha und ihre Mutter? Fontanes Schwestern Melanie und Jacobine? Mißgunst. Armgard und Melusine? Konkurrenz.
Ich denke noch mal nach…
Mit der Frage nach den Männern habe ich nicht künstlerische Größe gemeint – ich glaube, da gibt es Beispiele ohne Ende. Ich meinte nur die Schilderung einer Beziehung zwischen zwei Frauen, diese Art Nähe, ohne daß der Bezugspunkt Mann irgendwo mitspielt.
Tony und Erika? Nein, da geht es immer um Männer, oder um Konkurrenz zu anderen Frauen. Ansonsten sind seine Helden männlich. Bei Tolstoy auch, Natascha und Sonja sind in Konkurrenz zueinander. Natascha und ihre Mutter? Hm. Dolly und Anna zu Anfang? Da geht es um den Mann bzw Bruder, obwohl sich um Dolly herum gute Beziehungen zu anderen Frauen finden.
Fontanes Schwestern Melanie und Jacobine? Mißgunst. Armgard und Melusine? Konkurrenz.
Charlotte und Ottilie? Bezungspunkt Eduard.
Ich denke noch mal nach… mir fallen gerade nur weibliche Autoren ein, wenn es um solide Frauenfreundschaften geht.
Frauenfreundschaften waeren fuer einen maennlichen Schriftsteller vielleicht auch etwas schwierig zu schildern, zumindest fuer einen aus dem 19. Jahrhundert. (Die weiblichen Figuren der “grossen Romane” jener Zeit finde ich uebrigens fuerchterlich, vor allem die russischen: immerzu heulen sie in der Gegend herum und sterben an Herzeleid.) Aber ueber Freunschaften und Beziehungen haben Maenner durchaus geschrieben, und nicht nur frueher, wie mir heute morgen einfiel. Da waere z. B. eine wunderschoene Erzaehlung ueber die Freunschaft zwischen einem alten Immigranten und einem Jungen, vermutlich Ende der achtziger Jahre erschienen – ich werde die Regale durchpfluegen muessen (wenn nur mein Gedaechtnis fuer Namen und Titel etwas besser waere). Hoffentlich war der Autor maennlich
Aber es hat schon was: maennliche Autoren schreiben zwar auch ueber nicht-amouroese Beziehungen, und diese koennen in den Romanen eine durchaus wichtige Rolle spielen; eigentliches Thema aber sind sie in den Buechern, die ich erinnere, selten.
Ja, Maennerfreundschaften koennen Maenner natuerlich beschreiben (Schildknapp, Schwerdtfeger und Zeitblom, die sich um Leverkuehn gruppieren, Eugene Wrayburn und Mortimer Lightwood… Orestes und Pylades!). Aber Frauenfreundschaften, hm, fallen mir wie gesagt nur nur von Frauen beschriebene ein.
Vielleicht Melanie van der Straatens Gesellschafterin – Fontane hat ja ganz interessante Beziehung neben den Liebesgeschichten geschrieben.
Das ist leicht zu erklaeren, aber mich erstaunt, dass somit aus dem Kanon ganze wichtige Erlebnisbereiche einfach rausfallen. Das ist mir frueher nie so aufgefallen.
Ich finde auch, die Frauen in den grossen russischen Romanen sind ziemlich furchtbar, Drama-Drama. Ob die sich nicht alle gegenseitig auf den Nerv gegangen sind, die Maenner und die Frauen? Oder dachten sie, Frauen sind von Natur aus so? Seltsame Erscheinungen. Diese Leidenschaften, schrecklich…
Ja, man steckt schon sehr in seiner Haut, so fest, dass man oft gar nicht merkt, dass das die eigene Haut ist und nicht das Menschliche schlechthin