Zum Film Shahida Februar 10, 2008, 15:47
Posted by Lila in Land und Leute, Presseschau.10 comments
Zu Natalie Assoulines Film über palästinensische Selbstmordattentäterinnen, die in israelischen Gefängnissen einsitzen: ein Interview mit der Regisseurin im SPon, eines in Haaretz. An die dort erwähnte junge Frau mit den schweren Brandverletzungen erinnere ich mich noch gut. Hier ist ihre Geschichte:
One woman coyly describes wanting to blow up a hospital which treated her for severe burns following a kitchen accident, even though the Israeli doctors were kind. Another cuddles her son and says she wanted to destroy an Israeli kindergarten. “I can understand that they are victims of many things, of society, of their occupations, the life they are born into,” the director said.
“But for me they stopped being victims when they took action, when they took somebody else’s life. This is the thin line I was working on.”
She admitted that “Shahida” did not answer the film’s most pressing question - why? - and said she struggled at times to get the women to be truthful when they were being filmed.
“I realised that there is something in front of the camera and something behind the camera,” she explained.
Scared of reprisals by radical fellow inmates, the “Brides of Allah” made some of their most telling revelations only when the camera was turned off, Assouline said.
Diese problematischen Aspekte sind im deutschen Artikel weniger sichtbar, dafür erfährt man mehr über die Zustände im Gefängnis.
Die Gefangenen haben ein ausgeklügeltes System. Die Palästinenserinnen gehören entweder zur Fatah oder zur Hamas. Beide Gruppen wählen eine Sprecherin, die mit den Wärtern über Haftbedingungen verhandelt. Tatsächlich ist das Gefängnis ein fast gastlicher Ort. Zwar sind die Zellen winzig. Aber die Frauen haben sich einen friedlichen Mikrokosmos aufgebaut.
Das kann man wirklich nicht verstehen. Der Film ist bestimmt interessant. Es gibt ja auch eine israelische Forscherin, die versucht hat, durch Gespräche besser zu verstehen, wie weibliche Shahids ticken (ähm, makabre Metapher…). Trotz allem weiß man nicht, was man dagegen tun kann, außer, sie auf dem Weg aufzuhalten. Aber das Phänomen der Shahada selbst, diesen heißen Willen zu Tod und Vernichtung und Mord, müssen die arabischen Moslems selbst bekämpfen, so weit reicht unser Einfluß nicht. Leider tun sie genau das Gegenteil und befeuern ihn noch.
Seltsam, daß mich das bei einer Frau noch mehr befremdet als bei einem Mann. Nicht etwa aus einer sentimentalen Vorstellung heraus, daß wir Frauen nun mal besser, sanfter, gebärend statt tötend sind oder sonstwie moralisch überlegen… Vielleicht finden wir ja gesellschaftskonformere Wege, unsere Aggressionen auszuleben, oder wenden sie gegen uns selbst oder Wehrlose im stillen Heim. Nein, es wundert mich, weil ich wie Miss Deborah davon ausgehe, daß eine Frau doch eigentlich mehr Verstand haben sollte. Denn das Kalkül geht nicht auf - weder zwingen Selbstmordattentate den Staat Israel in die Knie, noch bringen sie den Staat Palästina näher.
Besser spät als nie Februar 10, 2008, 14:48
Posted by Lila in Land und Leute, Presseschau.4 comments
Ein Artikel über den Volunteer aus Ecuador in Ein HaShlosha, einem Kibbuz im Süden. Er ist bei der Feldarbeit von einem Scharfschützen aus dem Gazastreifen ermordet worden. Das ist zwar fast einen Monat her, doch zu meinem Erstaunen bringt SPon das heute. Ich dachte beim ersten Lesen, oh nein, nicht noch einer! Doch es war ein Hintergrund-Artikel, kein News-Aufmacher.
Ulrike Putz mal wieder. Immerhin ist sie von den Kibbuzniks nicht mit Waffen bedroht worden, es hat ihr anscheinend gefallen. Ich hoffe, ihr ist der Unterschied aufgefallen zwischen dem Todesgefahr-Kokettieren der Qassam-Bande und dem stoischen Mut der Kibbuzniks.
“Man hört hier regelmäßig Explosionen”, sagt Rico. Viel geredet werde unter den Kibbuzniks jedoch nicht über die Angriffe. “Die Leute hier versuchen einfach, weiter ihr Ding durchzuziehen.”
Das Ding ist Landwirtschaft und ganz normales Leben. Die Kibbuzniks, überhaupt die Israelis, schießen nicht zurück, sondern erwarten von der Armee, daß sie das Problem in die Hand nimmt. Obwohl es für einen guten Scharfschützen überhaupt kein Problem wäre, sich dort ins Feld zu legen und in die Häuser von Khan Younis zu ballern. Aber das ist irgendwie nicht israelische Art.
Natürlich muß gezeigt werden, daß es auch Israelis gibt, die die Palästinenser nicht mit geiferndem Haß verfolgen, sondern sogar bereit sind, ihnen entgegenzukommen. Ausländische Medien lieben altersmilde Linke.
“Ich habe früher die Kinder des Kibbuz unterrichtet und ihnen immer gesagt, dass die Palästinenser einen eigenen Staat haben müssen”, sagt der mehrfache Großvater. “Wir müssen versuchen, ein bisschen das gut zu machen, was bei der Staatsgründung 1948 schief gegangen ist.”
Was dabei schief gegangen ist? Lieber Großvater, die Staatsgründung ist Gott sei Dank glatt gegangen, was schiefgegangen ist, ist der Angriff der Araber einen Tag später, der Krieg - und daß die Araber ihn bis heute weiterführen. Daß Unrecht geschehen ist, wie in allen Kriegen, und daß einige Einheiten des Staates Israel, der ja noch gar nicht richtig organisiert war, gegen arabische Zivilisten brutal vorgegangen sind, ist sicher richtig. Was dabei an Unrecht geschehen ist, soll wiedergutgemacht werden.
Aber die meisten Flüchtlinge sind geflohen, weil ihnen ihre Führung versprochen hat, daß sie wiederkommen können, sobald der Yahud besiegt ist. Und ich möchte lieber nicht wissen, wie die arabischen Armeen hier gehaust hätten, so sie gewonnen hätten. Die Araber jedenfalls, die geblieben sind, können sich nicht beschweren. Sie leben besser als in den meisten arabischen Ländern.
Aber es ist mal wieder typisch israelisch, die Fehler auf der eigenen Seite zu sehen und zu überlegen, wie man sie beheben kann. Wer hat die Araber denn daran gehindert, einem der Teilungspläne zuzustimmen und einen Staat aufzumachen? Nichts als ihr eigener Extremismus und Maximalismus. Bis 1967 hätten sie ohnehin machen können, was sie wollen.
Daß wir die Fehler nach 1967 auf unsere Kappe nehmen, ist sehr großzügig von uns - ich sage nur Khartoum. Und daß wir auf solche Großzügigkeit nicht rechnen können. Selbstkritische Analyse ist nicht die Stärke unserer Gegner. Aber optimistisch meint der Kibbuznik:
“Wenn man erstmal Enkel hat, merkt man: Auf der anderen Seite leben auch Leute, auch in deren Adern fließt Blut. Letzten Endes wollten doch alle Menschen nur eins: ein besseres Leben führen.”
Das ist sehr schön, daß ein Mensch nach einem langen und von erlittenem Unrecht bestimmten Leben noch an die Menschheit glaubt. Auch ich glaube an die Menschlichkeit als Potential in jedem Menschen, und ich glaube auch, daß es auf der anderen Seite Leute gibt, denen genauso graut wie mir, wenn sie sich ansehen, was um sie herum geschieht. Aber ich habe keinen Zweifel, daß die Extremisten stärker sind, daß sie die Jugend beeinflussen und daß sie von der Mehrheit nicht als Extremisten, sondern als wählbare Vertreter gesehen werden. Leider haben sie mich überzeugt, die Hamasniks, es war nicht ganz einfach und hat viele Jahre gedauert, aber sie haben es geschafft.
Und wir wissen, was die Extremisten auf der anderen Seite wollen: ihrer Jugend beibringen, daß ein “guter Tod” (sprich: die Shahada) besser ist als ein gutes Leben. Und dagegen kommen wir nicht an. Denn der gute Tod beinhaltet, daß wir mitsterben, und soweit gehen wir denn doch nicht. Auch so langmütige Kibbuzniks nicht.
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Aber wer beide Artikel back to back liest, den über die Qassam-Fritzen und den über die Kibbuzniks, der hat eine ganz gute Vorstellung, was sich da für Leute im Abstand von wenigen Kilometern gegenüberliegen. Welche Art von Wertsystem dahintersteht, wie weit sie bereit und fähig sind zu Kompromissen und tragfähigen Abkommen.

