Erinnert sich noch jemand Januar 23, 2008, 23:39
Posted by Lila in Edle Selbsterkenntnis, Land und Leute.2 comments
an diesen Mann und meine Arbeit für ihn?
Der erste Teil ist beendet. Er hat ein Buch über seine Entdeckungsfahrt zu seinen Eltern geschrieben. Ich habe ihm zugearbeitet, ihm den Hintergrund geliefert, die Briefe übersetzt, erklärt, bin dabei selbst tief in die spannenden Geschichten dieser Familie von Jeckes gerutscht, die wirklich Gott und die Welt kannten. Manchen handgeschriebenen Brief eines Menschen, den ich sonst nur aus Büchern kannte, habe ich dabei in der Hand gehalten. Ich habe Schutzbriefe aus dem 18. Jahrhundert übersetzt, Doktorurkunden, Liebesbriefe, Tagebücher, sogar ein paar uralte Tonbandaufnahmen transskribiert. Ich habe in Büchereien gestöbert und Lexika gewälzt und Dr. Google abgeklopft. Ich habe Unterschriften identifiziert und ihm dadurch geholfen, verloren geglaubte Verwandte aufzustöbern.
Und das vielleicht Schönste: seine Kinder, die bisher mit der Nonchalance geborener Sabras auf seine Familiengeschichte blickten, haben Feuer gefangen. Sie kennen sich inzwischen besser im Familienstammbaum aus als er, sie sind nach Europa geflogen, um Menschen zu treffen, die den Großvater noch kannten, und ein Sohn hat sogar seiner neugeborenen Tochter einen Namen aus der Familie gegeben, der nicht verloren gehen sollte. Das freut ihn sehr.
Neulich war er bei mir, mit dem Manuskript, um mir zu danken. Er hat dabei eine kleine Ansprache gehalten, und wir waren beide höchst gerührt. Viel Zeit für Rührung blieb nicht, denn das nächste Projekt steht schon auf der Matte. Die Geschichte der Familie seines Vaters ist geschrieben, nun kommt die Mutter dran. Diese Mutter habe ich noch kennengelernt - und ich freue mich auf die Arbeit.
Es ist so schön, daß mein Deutsch-Sein hier so fruchtbar wird, daß diese doppelte Verwurzelung, die ja manchmal an mir zerrt, doch gute Früchte trägt. Wenn das Buch auf Deutsch rauskommt, geb ich Bescheid - es kann aber noch eine Weile dauern.
Bei den Kindergärtnerinnen Januar 23, 2008, 23:23
Posted by Lila in Kunst.4 comments
Ich hab ja schon ein paarmal erwähnt, daß ich eine Fortbildung für Kindergärtnerinnen mache, mit einer Kollegin zusammen. Dieser Kurs geht so gemischt, na ja, die Frauen gewöhnen sich langsam an mich und haben inzwischen mehr Spaß. Sie quasseln noch immer unaufhörlich, ich hatte im Leben noch kein so unruhiges Publikum! auch nicht, als ich 14jährige unterrichtet habe!, aber die Stunden haben auch ihre Höhepunkte.
Wir fragen vor Beginn der Stunde immer, ob jemand was zu erzählen hat. Dann kommen schöne Geschichten raus, von Aktivitäten und Ideen und “Farbfesten” im Kindergarten. Am schönsten war die einer Frau, die uns erzählte, wie sie mit den Kindern einen Miro-Tag gemacht hat. Sie hat ein Bild von Miro aufgehängt, die Kinder mit Grundfarben malen lassen, ein Mobile aus Miro-Linien mit ihnen gebastelt, kurz, es war ein kreativer Tag.
Gegen Mittag kam ein Opa zu Besuch, von einem der Kinder, und dem zeigte das Enkelkind stolz die Kunstecke. Der Opa war begeistert. Er ist Schreiner, und am nächsten Tag brachte er dem Kindergarten eine Überraschung mit: eine Staffelei für die Kinder. Die Kindergärtnerin wollte nun wissen, was sie damit alles machen kann und was der Unterschied zwischen Arbeit am Tisch und Arbeit an der Staffelei ist.
Außerdem sagte sie mit erstauntem Unterton: “Ich habe mich bisher nie an Kunst herangewagt, meine Stärke waren immer mehr Naturwissenschaften. Aber eigentlich macht es Spaß…” Sie war stolz auf sich selbst, und das kann ich gut nachempfinden. Es ist so ein schönes Gefühl, wenn man die eigenen Grenzen erweitert und sich auf Neuland traut - und dabei noch Erfolg hat! Ihre Kolleginnen haben ihre Ideen notiert. Da war sie noch stolzer.
Da habe ich also nicht umsonst ein paar Pfund Nervenstränge investiert, es kommt tatsächlich was dabei raus. Wobei ich natürlich fairerweise sagen muß, daß meine Kollegin die praktischen Anweisungen bringt (ich habe aber natürlich auch ein paar Asse im Ärmel, Kunstlehrerin, das sitzt drin!) und ich vorher den theoretischen Boden dafür lege.
Wir geben immer eine Doppelstunde: ich 90 Minuten, sie 90 Minuten. Das ist natürlich am Ende eines Arbeitstages im Kindergarten knochenhart, das sehe ich ein. Die insgesamt sieben Treffen bringen so viele Punkte ein wie ein ganzes Semester, das ja auch 14 Treffen (oft auch nur 13) beinhaltet.
Wir halten diesen Kurs an zwei Zentren und vergleichen ständig, was wir tun, verbessern, reflektieren, feilen an der Übereinstimmung und an der Präsentation. Wir bringen Materialien mit, empfehlen Bücher und Spiele, ich habe ja auch noch einen ganzen Fundus selbstgemachter Hilfsmittel und Ideen, von denen meine Kollegin ebenfalls profitiert.
Ich nenne den Kurs “Grundbegriffe der Kunstbetrachtung”, meine Kollegin nennt ihren Kurs “Kunst im Kindergarten”. Angefangen habe ich mit einer allgemeinen Stunde über den Zusammenhang von Kunst und Kindheit und Kreativität allgemein. Dann kam eine Stunde über grundlegende Informationen über Kunstwerke: Name des Künstlers, Name des Kunstwerks, Entstehungszeit, Größe, Format, Technik, Aufenthaltsort - und was diese Grundinformationen einem alles verraten können, wenn man sonst keine weiteren Quellen hat.
Dann eine Stunde über Linie und Form, und dann eine über Farbe und Farbtheorie. Die nächste Stunde, die wir heute vorbereitet haben, behandelt Raum, Perspektive und Komposition. Dann eine über figurative und abstrakte Malerei - das Verständnis abstrakter Malerei ist mir wichtig für Menschen, die mit Kindern arbeiten, denn kindliche Kunst hat oft mehr mit abstrakter Malerei gemeinsam als mit figurativ-realistischer. Die letzte Stunde wendet sich dann Inhalten zu: Kind und Familie, Gefühle und Beziehungen in der Kunst.
Wie gesagt, ich mach den theoretischen Teil, die Kollegin den praktischen. Die Kindergärtnerinnen können Reproduktionen zum Thema mitnehmen. Es besteht bereits Bedarf nach einem zweiten Teil im nächsten Jahr, meinte die Leiterin des einen Zentrums. Ich weiß noch nicht, ob ich das wirklich will… aber eine Idee dazu habe ich schon. Ich würde den zweiten Teil nur für Absolventen des Grundkurses öffnen, und dann würde ich die sieben Treffen jeweils verschiedenen Themen widmen: Tiere in der Kunst, Mädchen und Jungen, biblische Geschichten, Humor, optische Täuschungen und Spiele, Schiffe und Meer, Wetter in der Kunst, alt und jung, Außenseiter, Bäume, Essen und Trinken in der Kunst… das sind nur ein paar Ideen.
Ich finde immer, es ist einfacher, ein Thema zu verfolgen als einfach nur den Stil einer Epoche zu lernen. Wer nicht genau weiß, was Impressionismus ist, dem kann ich entweder eine ganze Stunde lang Renoir und Monet zeigen, oder nach Poussin und Chardin als Vorbereitung Renoir und Monet, und dann Cezanne und Picasso. Ich finde, die jeweiligen stilistischen Eigenheiten des Impressionismus kommen bei so einer Gegenüberstellung klarer und schmerzloser raus, als wenn ich eine ganze Stunde drauf rumreite. Außerdem lernt man dabei, ein Thema per Kunst aufzubereiten.
Meine Kollegin, die erstmal ganz sicher war, der nächste Kurs muß Stilrichtungen und Epochen behandeln, war begeistert von der Idee. Darauf wäre sie gar nicht gekommen. Sie ist ja keine Kunsthistorikerin, sondern Frühpädagogin, und kennt aus den Kursen, die sie besucht hat, nur die typische Stilrichtungs-Salami. Also scheibchenweise einen Stil nach dem anderen schlucken, ohne Rücksicht auf Inhalte. “Nimm noch ein bißchen Klassizismus, der ist lecker… schieb die Romantik gleich hinterher…”
Ich halte davon nicht so viel, es ist natürlich für Kunsthistoriker unabdingbares Grundwissen, aber was soll man damit außerhalb von Museum und Seminar anfangen? Ich halte viel mehr von der Fähigkeit, eigenständig formal zu analysieren, wie mein Kurs es ja lehren soll. Einfacher gesagt: gründlich hingucken. Und dann wissen, was man sieht.
Ich kenne ja all die Fallstricke, wenn man an der Hochschule Stilrichtungen lehrt. Das 20. Jahrhundert wird dann zum katalogischen Albtraum. So fragen die Lernenden immer total verunsichert: “…und was fürn Stil ist das jetzt noch mal, Schmidt-Rottluff???”, und wenn man antwortet, “Expressionismus”, dann glauben sie erleichtert, mehr muß man nicht wissen. Und sehen gar nicht mehr, was das eigentlich bedeutet, Expression. Ich mag diese -ismus-Ballerei nicht sehr gern, sie ist nur für Kunsthistoriker interessant, aber nicht für Leute, die hinterher damit arbeiten müssen. Für die ist viel interessanter, wo sie interessante Bilder zum Thema Nashorn herkriegen.

Na ja, mal sehen, wie die Reaktionen auf unseren Kurs dieses Mal aussehen werden. Dann sehen wir weiter.
Wie immer bin ich für alle Anregungen aus dem Leserkreise dankbar…
Gaza, heute abend Januar 23, 2008, 22:29
Posted by Lila in Land und Leute.16 comments
Ich wußte doch - auch Pierre Heumann weiß nicht, wie Israel tickt… er wundert sich.
Israel bleibt erstaunlich ruhig - obwohl auch Radikale jetzt Reisefreiheit haben.
Ich habe oft genug geklagt, daß die anderen Nachbarstaaten der Palästinenser (richtig - die, die NICHT mit Raketen beschossen werden!) ihre Grenzen geschlossen halten und trotzdem kein Mensch titelt: “Ägypten riegelt den Gazastreifen ab!” Denn daß wir, die wir beschossen werden, die Grenze überhaupt noch offenhalten, um den armen verhungernden Palästinenser Lebensmittel und Treibstoff zu bringen, hat ja auch sein Absurdes, nicht wahr…
Wenn wir die Grenze zum Gazastreifen schließen, ist das Abriegelung und ein Verbrechen gegen die Menschenrechte. Wenn die Ägypter ihre Grenze zum Gazastreifen schließen, ist das ganz normal.
Also gut, wir, die erklärten Feinde, “riegeln” also “die Grenze ab”. Na gut. (Wieso erinnert mich das bloß immer an den alten Englischlehrer-Scherz? “Fog over Channel - Continent isolated”… Wie wäre es statt dessen mit: “Israel riegelt den gesamen Nahen Osten ab!)
Und jetzt haben die Palästinenser mit großem Remmidemmi die Grenzwälle der Ägypter aufgemacht und strömen rüber. Und Heumann ist verblüfft, daß wir nicht hysterisch werden.
Lieber Herr Heumann, da haben wir nur drauf gewartet, daß die Ägypter mal ein bißchen ihren lieben Verwandten helfen. (Vielleicht hat er nicht mitgekriegt, daß noch vorgestern ägyptische Grenzsoldaten auf Palästinenser geschossen haben - 60 Verletzte? Ach nein, das ist irgendwie nicht so durch die Medien gegangen wie die Kinder mit den Kerzen…) Und Waffen und Drogen werden tatsächlich täglich durch unterirdische Tunnel geschmuggelt - übrigens werden dazu meist Kinder eingesetzt.. Nur mal zur Erinnerung ein Video:
Wir sind nicht so naiv, daß wir glauben, bei geschlossenen Grenzen kein Streichholz über die Grenze kommt… Und wir wären mehr als erleichtert, wenn die Ägypter und auch andere Nachbarn ein bißchen von dem Druck übernehmen können, der sonst nur auf uns lastet. Der Albatros um unseren Hals, wie David Bogner das gestern nannte…
The Gazan border with Egypt is, for all intents and purposes, open. Weapons, money and people pour across from Egypt unchecked every single day. There is no reason why the world can’t channel it’s sympathy for the Gazan population into humanitarian aid supplied via Egypt. Except, of course, that this would remove the albatross from around Israel’s neck… something that nobody really wants to do.
The world seems to enjoy the delicious irony of Israel being forced to keep the lights and heat on in the kassam workshops and explosive laboratories of Gaza, even as the lethal fruit of those laboratories rains down on the heads of Israeli civilians in the western Negev.
Die Palästinenser haben nun nicht darauf gewartet, daß Ägypten sie einlädt - interessante Frage, warum haben die Ägypter das nicht getan, warum haben sie nicht ihrerseits die Grenzen geöffnet? Fragt sich das jemand außer uns?
Jerusalem nimmt das Chaos an der Südgrenze des Gazastreifens deshalb gelassen hin. “Die Öffnung der Grenze entbindet uns von der Verantwortung für Gaza”, heißt es in israelischen Regierungskreisen, “und wenn uns die internationale Gemeinschaft auffordert, die israelische Grenze zu Gaza zu öffnen, werden wir jetzt auf die ägyptische Rolle verweisen”.
Richtig. Und ich glaube, den Ägyptern ist das klar.
Übrigens: den rührend besorgten Schönen Seelen, die glauben, wenn die Palästinenser nur genügend Treibstoff und Mehl und Strom von Israel bekommen, dann geben sie auch Ruhe (Umkehrschluß der Grundannahme: wenn die Palästinenser Raketen schießen, müssen sie irgendwie von Israel dazu getrieben worden sein, von allein würden diese friedlichen, für ihre Besonnenheit bekannten Menschen das nie tun…), schreibt die Hamas ins Stammbuch:
The Palestinians’ battle will not end with the entry of fuel into the Strip, and even if Gaza drowns in fuel the battle won’t be over, Hamas politburo chief Khaled Mashaal said Wednesday. Speaking at a conference in Damascus, Mashaal added that “the struggle must continue until the entire siege on the Strip is lifted and until the liberation of Palestine – all of Palestine.”
All of Palestine? Was meint er wohl damit???

Ah. Walla!
Nach Meisterung Januar 23, 2008, 9:09
Posted by Lila in Edle Selbsterkenntnis.5 comments
etlicher technischer Hürden habe ich doch tatsächlich gestern abend zum ersten Mal per Skype mit Liebschwesterchen und Kleinbrüderchen kommuniziert! Schwesterchen in Spanien, Brüderchen in Deutschland, ich in Israel. Und das für kein Geld! Ja Wahnsinn. Ich danke hiermit den Lesern und Freunden, die meine eingefleischte Abneigung gegen jede Art von Neuheit überwunden haben. Ich glaube, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft…



