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Hagar Januar 17, 2008, 17:57

Posted by Lila in Uncategorized.
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Immer wenn ich Lorrains Bilder über Hagars Schicksal sehe, so wie soeben… erinnere ich mich an eine wahre Geschichte, die mir eine Bekannte mal erzählt hat.

Diese Bekannte und ihr Mann haben mal für ein paar Jahre in Deutschland gelebt, und es hat ihnen eigentlich ganz gut gefallen. Dann wurde ihre Tochter geboren. Der Vater ging aufs Standesamt, um die Geburt anzuzeigen - ich weiß nicht mehr warum ausgerechnet aufs Standesamt, als Israelis. Aber jedenfalls teilte er dem Standesbeamten mit, daß seine Tochter Hagar heißen sollte. Und der Standesbeamte, voll der Amtsgwalt, teilte ihm mit, daß das nicht geht.

Warum nicht? Das ist in Israel ein ganz normaler Mädchenname, er kommt aus der Bibel, ist seit Jahrhunderten bekannt. Wie sollten Israelis denn ihr Kind nennen? Grete oder Galadriel oder was gerade in Deutschland akzeptiert wird? Warum keinen israelischen, jüdischen Namen? Den Standesbeamten beeindruckte das nicht. Hagar ist in Deutschland unbekannt, meinte er, und es klingt zu sehr wie ein männlicher Name.

Die Bekannte erzählte mir diese Geschichte bis dahin, weil es sie seit diesem Vorfall gequält hatte, was das für ein Vorname sein könnte. Sie kannte keinen Deutschen mit Namen Hagar. Ich grübelte eine Weile, bis mir aufging, was der Standesbeamte gemeint haben könnte. Oh Gott, natürlich. Hägar den Schrecklichen. Und weil der Hagar für eine Form von Hägar hielt, wollte er israelischen Eltern, die zufällig in Deutschland ihr Kind geboren hatten, den Namen Hagar verbieten.

Die Eltern gaben aber nicht nach. Sie wollten den Namen Hagar. Der Standesbeamte gab ebenfalls nicht nach. Von Altem Testament, Abraham und Sarah, und auch von Lorrain oder einem anderen der vielen Maler des Hagar-Motivs hatte er noch nie was gehört, sein Bildungshorizont ging eben bis Hägar. (Auch meine Bekannte kam nicht auf die Idee, Rembrandt oder Lorrain ins Feld zu führen. Wer geht schon mit einer Enzyklopädie der Ikonographie der Bibel aufs Standesamt?)

Claude Lorrain, Die Verstoßung der Hagar, 1668
Der Standesbeamte ließ sich schließlich dazu herab, den Namen Hagar als Mädchennamen zuzulassen, aber nur in Verbindung mit einem eindeutig weiblichen Namen. Da in Israel im Moment Namen en vogue sind, die für beide Geschlechter in Gebrauch sind, kam den Israelis das höchst seltsam vor. Aber sie waren recht zermürbt und gaben einen eindeutig weiblichen Zweitnamen, ich weiß nicht mehr, welchen.

Deutschen kommt es ganz normal vor, daß ein Standesbeamter die Macht hat, ihnen Namen zu verbieten. Es scheint ihnen einsichtig, daß man Kinder davor bewahren muß, mit Namen wie Hägar oder Lurchi oder Pumuckl verschont zu werden. Und ein Standesbeamter scheint ihnen der beste Garant dafür zu sein. Schließlich hat er den Wasserzieher im Regal stehen. Und dann muß es stimmen.

In Israel kann man seine Kinder Osama Bin Laden nennen, wenn man will, oder auch Gachlilit (Glühwürmchen). Da mischt sich kein Amt ein. Und wenn jemand unter seinem Namen leidet, ist es nicht schwer, den Namen ändern zu lassen. So wird in Israel verhindert, daß jemand mit einem Namen rumlaufen muß, den er als unpassend empfindet. Nicht der Standesbeamte ist Wachhund des guten Geschmacks, sondern die Leute selbst.

Übrigens geht nicht fehl, wer hinter dieser Geschichte eine kleine persönliche Reminiszenz wittert. In der Tat war auf dem Heirats-Hürdenlauf eine Haupthürde die Übersetzung der Papiere meines Mannes, die ein alter Jecke angefertigt hatte. Selbstverständlich hatte er Y. als J. transskribiert, wie ja Yehoakim Joachim heißt und Yirmiyahu Jeremias. Das hebräische yud wird nun mal im Deutschen als j transskribiert. In seinem Reisepaß dagegen wurde natürlich die englische Schreibweise benutzt, also Y. Das konnte der Standesbeamte nicht verstehen. Wie war das möglich, daß für ein und denselben Namen zwei Schreibungen existieren? Schließlich griff er entnervt zum Wasserzieher und schlug den Namen nach. Sah uns entsetzt an und rief aus: “Den Namen gibt es gar nicht!” Ich wäre nicht überrascht gewesen, wenn er nun erklärt hätte, daß auch Y. nicht existiert.

Es ging alles gut aus, wir haben den Zermürbungskampf gewonnen und der gute Mann hat uns getraut. Er erinnert sich sogar noch an uns, behauptet meine Mutter, die ihn manchmal trifft.

Aber beim Gedanken an einen Standesbeamten, der den Namen Hagar nicht kennt, Hägar dagegen wohl, habe ich immer noch ein peinliches Gefühl. Obwohl - nichts gegen Hägar.