Wenn schon, November 16, 2007, 23:36
Posted by Lila in Land und Leute, Uncategorized.trackback
dann aber richtig. Ich habe seit langem nicht mehr Nachrichten geguckt, hab auch keine Lust dazu. Heute hat es mich irgendwie ins Wohnzimmer verschlagen, ich glaube, mit einem Wäschekorb voller Sockenmonster-geschädigter Socken, und es gab Nachrichten. Ich hab nur ein einziges Item von vorn bis hinten angehört, aber davon hab ich so die Krätze gekriegt, daß ich es vermutlich wieder bleiben lasse, das Nachrichtenhören.
Nein, diesmal sind weder UN noch deutsche Journalisten Zielscheibe meines Zorns. Wir haben wirklich genügend Ungerechtigkeiten hier in Israel, ich brauchte eigentlich nie so weit zu gucken (tut man dann aber doch…). Es ging um die Vergabe verbilligter Eigentumswohnungen. In Israel wollen ja alle eine eigene Wohnung, noch besser, ein Haus besitzen. Da Grund und Boden knapp sind, begnügen sich die meisten mit einer Wohnung. (Solche Häuser sind auch oft in ganz dicht auf dicht besiedelten Schukarton-Vierteln, daß man mit einer geräumigen, großzügigen Wohnung besser dran sein kann….)
Das Wohungsbauministerium unterstützt manche Bauprojekte, damit junge Familien billiger Wohungseigentum erwerben können. Die Preisunterschiede zwischen solchen Projekten und normalen, auf dem freien Markt verkäuflichen Wohnungen können ganz beträchtlich sein. Doch an welche Ortschaften oder Kommunen werden solche Projekte vergeben? In den letzten vier, fünf Jahren nur an Orte, in denen Ultra-Orthodoxe die Mehrheit stellen.
Die potentiellen Käufer müssen sich einer (ungesetzlichen, aber rätselhafterweise doch praktizierten) Befragung durch ein Auswahl-Komittee unterziehen. Das Komittee achtet natürlich besonders auf eines: daß die Kandidaten ultra-orthodox sind. Andere religiöse Juden werden abgelehnt, von säkularen Juden oder Minderheiten mal gar nicht erst zu sprechen. Es gibt Klagen gegen diese Praxis, und es gibt Gerichtsurteile, die eindeutig sind: diese Bevorzugung eines bestimmten Sektors ist ungesetzlich und muß aufhören. Sie geht aber fröhlich weiter.
So kommt es, daß zwei junge Paare recht nah beieinander wohnen. Das eine Paar hat bei der Armee gedient, arbeitet, zahlt Steuern und hat die Wohnung für teures Geld gekauft. Das andere Paar war nicht bei der Armee, ist von Steuern befreit, arbeitet nicht oder nur die Frau arbeitet, soweit sie kann (der Mann lernt Thora zu seinem eigenen Besten, was hat der Staat von den Tausende Thora-Studenten?), bezieht Unterstützung und hat die Wohnung billig bekommen.
Dabei sind die Ultra-Orthodoxen oft so anti-zionistisch, daß sie denselben Staat Israel, der ihnen vorn und hinten alles reinschiebt, auch noch verfluchen, an säkularen Feier- und Gedenktagen ihrer Verachtung aktiven Ausdruck verleihen - jedes Jahr empören wir naiven Bürger uns wieder über die Ultra-Orthodoxen, die fröhlich über die Straße hetzen, während um sie herum unter der dröhnenden Decke der Gedenk-Sirene für Gefallene oder Shoah-Opfer das Land stillsteht…
Ja, so blöd sind wir, das lassen wir uns gefallen. Ein Land von Fraierim, von Trotteln, die sich von einer winzigen Minderheit über den Löffel balbieren, erpressen lassen. Nein, ich habe nichts gegen Religiöse, die nach ihrem Gewissen leben und ihr Leben dem spirituellen Weiterbestehen des Judentums widmen. Aber warum müssen sie das auf meine Kosten tun?
Y. meinte, die unproportionale finanzielle Unterstützung der Ultra-Orthodoxen ohne Gegenleistung stört ihn nicht mal besodners - er meint, jeder Sektor kümmert sich um seine Interessen, und auch wir Kibbuzim haben Vorteile, die wir verteidigen, und die Araber, und die Moshavim, und die Bewohner der Grenzstädte, und die der “Entwicklungs”städte. Wer gibt schon freiwillig Privilegien auf? Daß der Staat aus Schwäche bestimmten Lobbies gegenüber ungerechte Entscheidungen fällt, ist ärgerlich, aber nicht ungewöhnlich.
Was ihn mehr stört, ist das Kalkül, die Ultra-Orthodoxen als Garant für die “jüdische Mehrheit” zu sehen und deswegen zu bevorzugen (natürlich wegen der relativen Macht ihrer relativ kleinen Parteien in der Knesset). Nach dem Motto: die kriegen viele Kinder, sie sind die einzigen, die mit den Geburtenzahlen des arabischen Sektors mithalten können. Was für eine Milchmädchenrechnung, und was für eine Verkennung der Tatsachen. Der Tag, an dem die Ultra-Orthodoxen uns demographisch in die Tasche stecken, wird kein schöner Tag für Israel…
Immerhin hat der Ärger mich so beschwingt, daß kein einziger Sock und Strumpf mehr partnerlos durchs Leben gehen muß.
(Default: ultra-orthodox ist natürlich, wie jedes Wort, das mehr als einen Menschen bezeichnet, eine unzulässige Verallgemeinerung. Auf Ivrit heißen sie Haredim. So sehen antizionistische Haredim sich selbst, so sieht Peace Now ultra-orthoxe Siedler. )



es gibt keinen mangel an korruption bei den sekularen und national-religiösen.
Nee, das hab ich auch nicht behauptet. Guck Dir allein mal an, wie bei uns im Kibbuz diese Wahl durchgeboxt worden ist - bestenfalls grenzwertig. Wo man hinsieht, lichluch.
Man kann das eine aber nicht gegen das andere aufrechnen. Und diese Geschichte fand ich schon sehr unschön.
Der Bericht war auf Channel10, oder? Leider nicht gesehen.
Aber bei aller Fremdheit der haredischen Gesellschaft - ich finde die Kritik der Sekularen meist uebertrieben. Wieviele gibt es denn in Israel? Gerade mal 8% der Bevoelkerung. Von einer demographische Mehrheit ist das weit entfernt.
Und meistens sind sie mit Torah oder mit sich selbst beschaeftigt. Allzuviel Protektzia haben sie in Israel nicht, denn die einflussreiche Gesellschaft ist ja (noch) sekular.
Zu dem geschilderten Fall mit der Wohnung gibt es gewiss eine Menge andere Beispiele, wo (vermutlich) kinderreiche Dossim keine Chance haetten.
Ich glaube, es gibt ganz andere Probleme als die Noete und Beduerfnisse der paar Dossim, deren Gesellschaft ja auch am Anfang grosser Umwaelzungen steht (37% der Maenner arbeiten inzwischen, 50 der Frauen).
War Arutz 2, die JPost hat auch sofort einen Artikel dazu rausgehauen, wo nichts anderes drinstand als was sie in den Nachrichten gesagt haben.
http://www.jpost.com/servlet/Satellite?cid=1195127523814&pagename=JPost%2FJPArticle%2FShowFull
Prinzipiell bin ich ganz Deiner Meinung, und ich sehe sogar eine gewisse Tendenz darin, daß Arutz 2 jeden Freitagabend ein Item “gegen” die Dossim bringen - Y. meint, letzte Woche war eine Geschichte über die Dossim, die sich in säkularen Orten Wohnungen kaufen und dann anfangen, die Bewohner dort mit ihrer modesty patrol und so weiter zu tyrannisieren. Also Schulmädchen wegen ihrer Jeans anzupöbeln, es ist sogar zu Prügeleien gekommen.
Der Interessengegensatz zwischen Haredim (Ultra-Orthodoxen oder salopp Dossim) und Chilonim (Säkularen - nicht als Atheisten mißzuverstehen!) ist nun mal scharf und deutlich, und so wenig es mir gefällt, wenn die Säkularen die Religiösen provozieren - so wenig gefällt es mir umgekehrt. Diese modesty patrols, getrennten Busse, Beschimpfung von Bürgern und Bürgerinnen (Shickse, Nazi, Deutsche, Kapos… sie haben einen interessanten Wortschatz)…… das ist für die jeweils Betroffenen alles andere als Kleinigkeit.
Und da geht es nicht um eine Wohnung, sondern um Tausende. Tausende, die Jahr für Jahr gebaut werden und NUR dem ultra-orthodoxen Sektor zur Verfügung stehen. Wenn Du bedenkst, wie viele andere Leute ebenfalls Wohnungsnot leiden - dann kannst Du nicht mehr sagen, Peanuts.
Wo ist die Zahl mit den 37% her? Interessant. Ist immer noch reichlich wenig… können wir uns das auf die Dauer leisten? Wie hoch ist Euer Steuersatz? Ich verdiene nicht viel, zahle aber deftig Steuern… und das trotz nikui mass. Von höheren Einkommen mal ganz zu schweigen.
Irgendwann platzt dieser Kessel mal. Vor allem, wenn man bedenkt, daß ja auch Siedlungen uns viel Geld kosten.
Wenn man dann noch bedenkt, wofür wiederum nur wenig Geld da ist (Lehrergehälter, Stipendien für Studenten, Einrichtungen für Behinderte, Renovierung von Schulgebäuden, Unterstützung für Rentner und Holocaust-Opfer…), dann kann man sich erst recht ärgern. Also, so dick haben wir es nciht, glaube ich, daß wir uns leisten können, einen unproduktiven Sektor so großzügig zu alimentieren. Not soll keiner leiden, aber warum bevorzugte Behandlung??? (Auch im Schulbereich kriegen ja religiöse Schulen recht üppige Subventionen….)
Die 37% waren in verschiedenen Artikeln in diesem Monat genannt, bei Yedioth, aber auch bei der Jpost: http://www.jpost.com/servlet/Satellite?cid=1195127523814&pagename=JPost%2FJPArticle%2FShowFull
Ich war ebenfalls ueberascht, dass es 37% sein sollen.
Eine laengere, aber aeltere Studie dazu gibt es hier:
Gottlieb, Daniel (2007): Poverty and Labor Market Behavior in the Ultra-Orthodox Population in Israel. Unpublished.
http://mpra.ub.uni-muenchen.de/4024/
Zu den Wohnungen: das liest sich wie so eine typische Kombinatzia: Die Projekte werden laut Arutz2 ueberhaupt erst nur in Elad und Beitar Illit gebaut. Klar, wem sie dann zu gute kommen. Bestimmt nicht den low-income Problemgruppen in Lod und Ramle.
Das Ministerium meinte dazu “various non-haredi municipalities have refused to take part in the program because they “don’t want [economically] weak residents.”
Die Ungerechtigkeit besteht also schon in der Lage der Wohnungen, nicht weil es eine (halb)offizielle Sanktion gegen sekulare low-income Familien gibt. Jedenfalls stellt es das Ministerium so dar. Aber man kann sich schon vorstellen, dass es bei der Ausschreibung auch immer um Gefälligkeiten geht.
Aber warte mal, wenn demnaechst irgendwelche Siedlungen geraeumt werden, verschwindet das wieder aus der Presse.
Siehst Du das am Horizont? Smol-mert rides again…???
ich muss sagen, ich kann haredi-bashing nicht leiden. ich kann auch chiloni-bashing nicht leiden. es ist sooo kontraproduktiv.
ich kann nicht keine prozentzahlen bieten, aber ich denke wie david, dass die zahlen doch immer kritisch zu betrachten sind.
dazu kommt, dass artikel in der jpost und anderswo NICHTS an irgendwelchen zuständen ändern werden - vor allem: nichts an zuständen, die innerhalb der haredi-welt sein mögen und wo eine veränderung wünschenswert wäre. erstens weil haredim nicht die jpost lesen, und zweitens, weil dort die kritik in einer form geleistet wird, die bei chilonim dann wiederum formen der kritik auslöst, die haredim schon überhaupt nicht erreichen werden. es wird lediglich zu einem weiteren auseinanderdriften kommen.
ich habe keine lösung anzubieten, nur eine beobachtung, die aus dem ganz gewöhnlichen konfliktreichen leben, wie es überall besteht,kommt: meckern und fingerzeigen und berichte dieser art in blogs bringt einfach gar nichts.
Ich wußte gleich, daß ich mir mit diesem Artikel Kritik einhandle, aber ich habe keine Lust mich selbst zu zensieren.
Ich habe keine Zahlen gebracht - ich bin gar nicht von Zahlen ausgegangen, sondern von einer Geschichte in den Nachrichten.
Es sind nicht die Haredim, die ich hier bashe, wie bei genauerem Lesen vielleicht deutlich wird - die nehmen sich, was sie geboten kriegen, wie Leute fast überall, ein paar Fraier ausgenommen. Sondern das Wohnungsbauministerium, wo sachlich nicht haltbare Entscheidungen gefällt werden. Vielleicht nicht mal aus Interessantiut, wie man das hier nennt, sondern aus Shlumieliut. (Dasselbe gilt für die gesamte strukturelle Bevorzugung bestimmter Sektoren, die oft seltsame Züge annimmt - siehe “grenznahe” oder “gefährdete” Gebiete…)
Und David hat natürlich recht, daß auch die verschiedenen Kommunen, die keine sozial schwache Bevölkerung haben wollen und das Projekt nicht in Anspruch nehmen, ebenfalls zu der Ungerechtigkeit beitragen.
Aber mit den Konsequenzen dieser und ähnlicher Entscheidungen müssen wir hier leben. Niemand sonst.
Meinst Du, ich habe mir beim Schreiben, “Meckern und Fingerzeigen” gedacht, ab morgen wird alles anders? Dann hast Du mich aber komplett mißverstanden. Ich habe meinem Unmut darüber Ausdruck verliehen, daß die Wüste der unerfreulichen Nachrichten und Neuigkeiten innenpolitisch beginnt.
Sehr treffend geschrieben. Ich rege mich darüber auch immer wieder auf. Die automatische Befreiung der Charedim vom Militärdienst ist unzeitgemäß und unfair (und alle weiteren Vergünstigungen auch). Es ist schon irgendwie kurios, dass sich junge Männer in Israel reihenweise befreien lassen können, während Auslands-Israelis, die als Minderjährige das Land verlassen haben, für ihren Militärdienst nach Israel zurückkehren müssen. So wie auch in unserem Fall:
http://mittendrin.wordpress.com/2007/10/24/militaerdienst-in-israel-gleiche-pflichten-fur-alle-bitte/