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Der dritte Durchlauf November 13, 2007, 17:15

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Uncategorized.
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Diesmal wird der Antrag auf „Shinui“, auf Veränderung des Kibbuz wohl durchkommen. Die Zahl der Gegner schrumpft jedesmal, und die Feinarbeit am Modell überzeugt wohl die meisten von ihnen. Oder sie geben einfach auf. Ich weiß nicht.

In einer Stunde sitze ich im Wahllokal, diese wichtigen Wahlen werden zwei Tage lang abgehalten, und nicht im Dining Room, weil der ja auch mal geschlossen wird. Alle Mitglieder stimmen mit ab, wer es vergißt, der wird angerufen. Für so eine bedeutende Veränderung braucht man eine große Mehrheit. Diesmal, denke ich, wird sie zusammenkommen.

Ich weiß nicht genau, was ich nun wählen soll, dafür oder dagegen. Die Option „mit Bauchschmerzen – meinetwegen“ oder „wenn ihr unbedingt alle wollt“ oder „was versteh ich schon von Geld“ oder „fragt meinen Mann, der hat eine Meinung“ – die gibt es alle nicht. Y. meint, das alte System trägt nicht mehr, und es ist an der Zeit, das auch formal anzuerkennen. Die meisten anderen entscheiden danach, ob sie nach dem Wandel mehr oder weniger Geld pro Monat haben werden. Wir werden eindeutig mehr haben, aber das verstärkt mein Zögern eher noch.

Wie kann eine Entscheidung für eine Gemeinschaft tragbar sein, wenn jeder nur nach eigenem Interesse entscheidet? Andererseits – alle Entscheidungen in einer Demokratie fallen so, und die Partikularinteressen gleichen sich oft gegenseitig aus, und eine bessere Idee als Demokratie habe ich im Moment auch gerade nicht.

Also, demnächst sind wir dann nur noch dem Namen nach Kibbuz, aber eigentlich eine Art Wohngemeinschaft mit teils gemeinsamer Kasse, oder ein loser Verbund mit gemeinsamen Regeln, oder weiß der liebe Himmel was. Yishuv kehillati vielleicht?

Ich mag nun mal keine Veränderungen. Vermutlich werde ich nach einer Weile sehen, daß es gar nicht so schlimm ist… und ich weiß ja, daß die Kibbuzbewegung ihre Erneuerung, sozial und wirtschaftlich, ihrer spätgefundenen Flexibilität verdankt.

Und wieder zurück. Meine zwei Stunden sind um, ich habe sie vergnüglich verbracht. 85% der Mitglieder haben bereits abgestimmt. In zwei Stunden gehe ich zum Stimmenzählen noch einmal hin. Ihr werdet das Ergebnis also noch vor den meisten Chaverim wissen…

Und das letzte Update: ja ja, wie erwartet, beim dritten Wahldurchgang ist das Modell Shinui durch. Ich bin nicht glücklich damit, denn es war ja mehr oder weniger dreimal dasselbe Modell, über das abgestimmt wurde. Es bleibt der Eindruck, daß es einfach so lange zur Wahl gestellt wurde, bis die Gegner aufgeben. Na ja, Y. meint, der Kibbuz war schon nicht mehr Kibbuz, seitdem vor ein paar Jahren jedem Arbeitsplatz, wenn auch nur virtuell, ein Gehalt, ein geldlicher Wert zugesprochen wurde.

Damals kam ja extra ein Experte für Human Resources und rechnete durch, welcher Kibbuznik wie viel wert ist. Obwohl sich das noch nicht auf das Einkommen auswirkte, hat es den alten Kibbuzgrundsatz unterhöhlt, nach dem jeder dasselbe wert ist. Es war zwar dazu gedacht, allen eine reale Berechnungsgrundlage für die eigene finanzielle Zukunft zu geben, wenn die Veränderung durchkommt oder nicht – aber hat gleichzeitig damit die Einstellung zementiert, daß jeder nach seinem eigenen Interesse abstimmt. Daß es auch andere Entscheidungswege gibt, scheint manchen Leuten wohl zu unwahrscheinlich – besonders wohl denen, die beruflich mit Geld arbeiten.

So ist also in gewisser Hinsicht das Papier, nach dem wir ab morgen leben, das Ergebnis eines multiplen Tauziehens verschiedener Interessengruppen: die Eltern von kleinen Kindern für billige Früherziehung gegen die Eltern von Soldaten, die Wohnungen für Soldaten fordern. Pensionäre gegen Studenten, alleinerziehende Mütter gegen Behinderte, alle um denselben Topf, in dem sich unser gemeinsames Einkommen befindet. Obwohl nun pro forma jeder sein Einkommen auf sein eigenes Konto erhält (wir haben noch gar keins, uns reichte immer das Konto im Kibbuz, das auch mit Kreditkarte verbunden war), geht davon ein großer Teil an Kibbuz-eigenen Steuern ab, so daß für viele der erwartete Wohlstand wohl ausbleiben wird.

Kurz, ich halte unser Modell für eine ziemliche Mißgeburt, auch wenn ich selbst mich nicht beschweren darf, denn ich habe in keinem think tank gesessen und alternative Vorschläge gemacht. Nur im Blog meckern ist ja wohl sinnlos. Ich kenne recht viele Leute, die wie ich skeptisch sind, aber auch wissen, daß kein Weg mehr zurück geht in den Kibbuz von einst.

Und wenn ich ganz ehrlich bin: im Kibbuz von einst würde ich wohl immer noch in der Wäscherei arbeiten. Ich habe das gern gemacht (nicht umsonst war der Grenzgänger von der Wäscherei beeindruckt!), ich wäre damit nicht unglücklich geworden, aber ich hätte mich nicht entfaltet, wie ich es in bescheidenem Rahmen doch konnte. Der Kibbuz, wie er heute ist, schreibt seinen Mitgliedern nicht mehr vor, wie viele Stunden sie arbeiten müssen – wie es früher war, als jede Arbeitsstunde das gleiche galt, und alle Lehrer und Dozenten des Kibbuz die Sommer- und Semesterferien über in der Gärtnerei oder Küche arbeiten mußten, statt ihre Stunden vorzubereiten. Seit das von mir so mißtrauisch beäugte Prinzip „unterm Strich zählt“ eingeführt wurde, wird nur noch geprüft, ob mein monatliches Einkommen eine Mindestgrenze überschreitet – und zwar durchschnittlich über jeweils ein halbes Jahr weg berechnet. Und dann läßt der Kibbuz mich in Ruhe, es kümmert ihn nicht, wie viele Stunden ich aufwende, um zu diesem Einkommen zu gelangen. Und als ich eine Zeitlang darunter lag, hat ebenfalls niemand mich in die Gärtnerei oder Küche beordert, sondern die Verantwortliche hat gemeint, eine gute Position zu finden kostet eben Zeit, und die gibt der Kibbuz mir natürlich.

Solche Lebensläufe wie meiner sind also Ergebnis einer neuen Art Kibbuz, und daß das heute formal in eine neue Form gegossen wurde, darf mich eigentlich nicht stören oder wundern. Ich wollte hier aber trotzdem mein ehrliches, persönliches Unbehagen mit jeder Art Veränderung ausdrücken. Ein Plan, der Shinui, also Veränderung heißt, kann von vornherein nicht auf meine uneingeschränkte Sympathie hoffen…