Erev polin November 7, 2007, 1:09
Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Land und Leute.32 comments
Vielleicht erinnert sich noch jemand, daß Primus im August auf Abschlußfahrt war - in den Sommerferien zwischen elfter und zwölfter Klasse, die ja hier die Abschlußklasse ist. Die traditionelle israelische Abschlußfahrt geht nicht nach Florenz und nicht nach Amsterdam, sondern nach Polen, genauer gesagt, nach Auschwitz, Birkenau, Treblinka, Warschau. Es ist eine Gedenkfahrt.
Ich kenne eine der großen pädadogischen Persönlichkeiten, die diese Fahrten entwickelt haben, aus dem Gedanken heraus, daß zum Erwachsenwerden in Israel und zum Aufbau der Identität als Israeli diese Fahrt notwendig ist. Denn die Shoah kann man nicht als Lernstoff in der Schule pauken wie den Dreißigjährigen Krieg oder die Elemententabelle, die Shoah ist Teil des lebendigen Lebens hier, Teil der Familien, und das muß man lebendig erfahren. Obwohl diese Fahrt natürlich im Unterricht ein ganzes Jahr lang gründlich vorbereitet wird - die israelischen Geschichtslehrer arbeiten daran in unermüdlichem Eifer und Fleiß.
Diese Pädagogin hat interessanterweise heute große Zweifel an dem Projekt, das sie selbst mit entwickelt hat, und meint, für manche Schüler ist der emotionale Schock zu groß. Die Frage, wie weit wir in der Vergegenwärtigung der Shoah für das Gedenken gehen dürfen, ist ja eine offene und ungelöste. Als Tertia im Kindergarten war, kam sie am Yom ha Shoah nach Hause, am Gedenktag, und meinte, sie will nachts auf dem Boden schlafen, “denn die Kinder in Theresienstadt hatten keine Decken und Matratzen”. Da hatte ich das Gefühl, die Kindergärtnerin ist zu weit gegangen in ihrem Wunsch, den Kindern die Shoah zu erklären.
Oder das traurige Buch über den Jungen mit der Mundharmonika, der bei Janusz Korczak im Waisenhaus war und an der Rampe überlebt hat, weil er musikalisch war und im Orchester spielen konnte. Der bei der Selektion die Augen schloß, um die bekannten Gesichter nicht zu sehen. Dieses Buch hat meine Schwiegermutter den Kindern geschenkt, als es herauskam, weil es das Schicksal ihres Onkels ist, das dort geschildert wird - eines Onkels, den ich auch noch kennengelernt habe. Wir haben noch ein Bild von ihm, wie er Primus auf seinem tätowierten Arm hält. (Shmuel Gogol). Wie fern darf ich das von meinen Kindern halten, wie nah darf ich es an sie herankommen lassen?
Primus hat nicht viel erzählt. Er meinte nur, der Brief, den wir ihm mitgegeben haben (das gehört dazu: die Eltern geben den Kindern verschlossene Briefe mit, die die Kinder in Auschwitz öffnen und lesen und einander vorlesen), war sehr gut. Und daß er seine Freunde jetzt viel besser kennt. Und daß Amotz im Hotel immer das beste Zimmer hatte. Aber sonst, meinte er, kann man das nicht erzählen.
Heute abend also, der Abend, an dem die Eltern eingeladen sind, sich von den Kindern berichten zu lassen, was sie erlebt haben. Der Polen-Abend, erev polin. Er fand im Foyer der Kulturhalle der Gegend statt, wo wir das letzte Mal alle zusammen waren, als diese Jahrgangsstufe die Grundschule abschloß, wie immer mit einer großen Inszenierung und einem riesigen Fest. Diesmal war aber eine ganz andere Stimmung. Wie immer trafen wir jede Menge Leute, die mit Y. in der Schule waren, auf deren Hochzeiten wir getanzt haben, deren Kinder mit unseren gespielt haben und die nun synchron erwachsen werden.
Der Abend selbst - viele Reden und Ansprachen, von Schülern, Lehrern, den extra dafür ausgebildeten jungen Reisebegleitern (wohl Studenten, die einen sehr guten Eindruck machten), Eltern. Die beste Rede hielt der alte Mann, Überlebender von Auschwitz, der die Kinder begleitet hat und, obwohl er anfangs dachte, er kann es nicht, sich den Kindern richtig geöffnet hat und ihnen Dinge erzählt hat aus seinem Leben, die er vorher für sich behalten hatte. Er machte diese Reise als Begleiter von Schülern erst zum zweiten Mal, aber es war ihm wichtig, daß seine Lebensgeschichte nicht vergessen wird. Es ist für ihn eine Art Abschluß.
Er meinte, mit seinem starken polnischen Akzent, an die Eltern gerichtet: “als Eltern und Großeltern sagen wir immer, oh, als WIR in dem Alter waren! Aber ich will euch was sagen: als WIR so alt waren - waren wir nicht so gut wie eure Kinder”, und hat uns erzählt, wie wunderbar unsere Kinder auf der Fahrt waren, wie offen und wie gut sie zuhören können und wie gut sie genau die richtigen Fragen stellen. Alle waren sehr gerührt und viele elterliche Hände rubbelten mal schnell über ein jugendliches Knie oder Schulterblatt.
In der Jahrgangsstufe sind ein paar begabte Kinder, die sehr schön Gitarre spielten und sangen. Ein paar Mädchen hatten einen Tanz zum Thema choreographiert, so eine Art lyrischer Expressionismus, mit dem ich bei solchen Gelegenheiten weniger anfangen kann - aber da die tanzbegeisterten Mädchen sich auf diese Art und Weise ausdrücken, bin ich mal nicht so kritisch.
Dann der Film. Das Mädchen, das den Film gemacht hat, hat ganze Arbeit geleistet. Ich habe ihr hinterher gesagt, ich finde, der Film sollte ins Internet gestellt werden, weil er gut ist. Aber wie traurig ist es, unsere Kinder so bedrückt durch Auschwitz schleichen zu sehen, in ihren weißen Hemden, mit der Flagge. Ich habe irgendwo gelesen, wie es die Polen nervt, daß diese israelischen Jugendlichen mit ihren Flaggen allgegenwärtig sind - aber wäre die polnische Erde nicht mit jüdischem Blut getränkt, gäbe es auch diese Besucher nicht. Die Schüler hatten Listen mit Namen von Familienmitgliedern mit, die sie dann auf Friedhöfen suchten. Sie fanden auch ein paar.
Primus hatte vorher meine Schwiegermutter interviewt und hat die Namen der Geschwister und Eltern ihrer Mutter, also seine Urgroßeltern und Großonkel und -tanten, verlesen. Das sind die Verwandten, die kein Grab haben - also die Mutter meiner Schwiegermutter vor etwa einem Jahr begraben wurde, sagte die einzig überlebende Schwester traurig, “sie hat wenigstens ein Grab, alle anderen Schwester und Brüder haben das nicht”. Die Namen dieser Geschwister, nach denen in der Familie auch immer wieder Kinder genannt werden, hatte Primus also dabei, ihre Geschichten, die Namen der Orte, in denen sie gelebt hatten.
Besonders fiel mir eine Szene auf. Die Kinder besuchten, begleitet und vorbereitet von den Lehrern, Gruppenleitern und dem alten Mann, ein uraltes Ehepaar. Zwei chassidei umot ha-olam, Gerechte unter den Völkern - Menschen, die in Yad vaShem als Gerechte geehrt wurden, weil sie unter Einsatz ihres Lebens Juden gerettet haben. Die alte Frau erzählte, weinte dabei, der Enkel übersetzte ins Englische.
Hinterher ließen die Kinder sich mit dem alten Paar photographieren. Die Kinder lächelten, die alten Leute auch. Sie beugten sich hinterher so respektvoll zu dem Paar, um sich von ihnen zu verabschieden, die auf ihrer Bank saßen - das hat mir gefallen. Ich sehe ja diese Fähigkeit zur Dankbarkeit, diesen Willen, jede positive Tat anzuerkennen und zu benennen und nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, als besonderes Charakteristikum der jüdischen Mentalität, wenn es sowas überhaupt gibt… Das war wohl sehr wichtig, die Nichtjuden nicht zu dämonisieren, sondern zu zeigen, wie mutig manche waren.
Doch die alte Frau sagte öfter, die Deutschen. “Als die Deutschen kamen”. Die Deutschen, tja. Wo kommen meine persönlichen Gefühle als Deutsche ins Spiel?
Ich habe ja schon öfter gesagt, daß die Shoah der Juden und die Shoah der Deutschen zwei verschiedene Minenfelder sind. Ich habe mein deutsches Problem bewußt zurückgehalten, es weder mit Primus noch mit seinen Lehrern herausgehoben. Es spielte einfach keine Rolle. Ich mußte meine Fragen mir selbst stellen.
Als Mutter finde ich, die Kinder wurden durch eine zu harte Erlebniswelt geschickt, auch Y. fand das, er sogar noch mehr als ich. Als Israelin finde ich, wir müssen alles tun, um die Shoah nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Und als Deutsche frage ich mich in großem Schmerz, warum die Nachkommen der Opfer den Schmerz nach-erleiden müssen und wollen und sich ihm stellen, während die Nachkommen der Täter ihre Abschlußfahrten mit Strand und Disco verbringen.
Ja ja, ich weiß, springt mir an den Hals. Deutsche Klassen werden durch Dachau und Buchenwald geschleust, deutsche Schüler lernen über Krieg und Holocaust, bis es ihnen zum Hals heraushängt. Aber wichtig ist die Shoah doch nicht. Sie ist abgetan, vorbei, Geschichte, wir waren es nicht, wir würden auch nie, man muß doch mal sagen dürfen. Der Diskurs der raffgierigen Juden, die per Shoah ihre Schäflein ins Trockene bringen, ist fast schon wieder akzeptiert. Der Diskurs der rachsüchtigen Juden, die an den Palästinensern nun ihr Mütchen kühlen, nachdem sie die Welt ausgetrickst haben, um ihnen den Staat zu stehlen, ist in Deutschland mainstream-fähig.
Kurz, mit dem Schmerz bleiben die Nachkommen der Opfer allein. Es tat weh zu sehen, wie sie sich verstört-trotzig in die blauweiße Flagge wickeln. Magen David, der Schild Davids, mit den Streifen des stilisierten Gebetsmantels. Darunter allein sucht man Zuflucht, weil keine andere Zuflucht sich als tragend erwiesen hat. Daß unsere Kinder so früh damit konfrontiert werden, daß im Zweifelsfall keiner hilft, keiner da ist - das ist hart. Als Baby haben Primus und seine Freunde gemeinsam in ihren ABC-Schutzzelten gelegen, als wir uns damals mit unseren Babies trafen und Scud-Alarm war - Februar 1991 war das, wir erinnern uns bei jedem Treffen daran. Wir Erwachsenen haben die Gasmasken übrigens nicht angelegt, um die Babies nicht zu erschrecken. Dann die Terrorwellen. Letztes Jahr der Krieg.
Womit wachsen unsere Kinder auf? Mit dem Gefühl der Bedrohung von außen, der Stärke von innen.
(Oh, und ich werde die Kommentarfunktion, wenn es geht, für diesen Beitrag ausschalten oder brutal Kommentare löschen, wenn mir jetzt die Traumverlorenen erklären, wie wir schon längst Frieden hätten haben können, wenn wir nur… alles BS, wir leben überhaupt nur noch, weil wir die gegen uns geführten Kriege überlebt haben und die von arabischen Staaten angezettelten UN-Sanktions-Orgien ignoriert haben, wenn sie uns unser Überleben gekostet hätten. Illusionen! Weder Ahmedinjad noch Hamas haben die Absicht aufgegeben, Israel von der Landkarte zu löschen. Da haben wir ein ganz eingeschränktes Aktionsfeld. Wer das nicht weiß, soll es nachlesen.)
Und wie wage ich es, Kinder in die Welt zu schicken, Kinder, in denen dieses doppelte Erbe liegt? Ich weiß es nicht, ich weiß nur, daß ich sie stark machen will, und daß es mir mit Primus gelungen ist.
Obwohl dies hier schon zu lang ist, eine letzte Geschichte. Ich habe schon öfter meine Nachbarin zwei Häuser weiter erwähnt, die Malerin, eine Französin, die ihre gesamte Familie verloren hat, im Waisenhaus aufgewachsen ist, dort schneidern lernte, dann Malerin wurde und mit ihrem Mann im Kibbuz eine Familie. Sie sprach Jahre kein Wort mit mir, bis sie durch Zufall in meine Stunden kam. Seitdem meint sie, ich bin ihr Sauerstoff zum Leben, besonders seit ihr Mann tot ist. Der Vormittag bei mir, das ist ihr Sauerstoff.
Diese hochintelligente, sensible und wache Frau also sagte mir vor ein paar Tagen, Primus erinnert sie an jemanden. Mir sank das Herz, an wen kann mein großer, blonder, blauäugiger Sohn diese von Deutschen brutal verfolgte Frau erinnern? Da sagt sie, “er erinnert mich an meinen großen Bruder. Ich hatte so einen Bruder, der auch so klug war und so ein netter, hilfsbereiter Kerl wie dein Primus. Immer sagt er so freundlich Shalom und lächelt. Ich sehe auch, wie sich um seine kleinen Schwestern kümmert, wie Quarta auf seinen Rücken klettert, wie er dir die Tasche trägt. Genauso war mein Bruder zu mir…”
Das hat mir das Herz um und um gedreht. Wenn mein Sohn einer solchen Frau nicht das Gesicht der Mörder, sondern ihres Bruders in Erinnerung ruft, dann war meine Entscheidung richtig, ihnen dieses doppelte Erbe zuzumuten. Primus zumindest ist daran gewachsen, ist dem gewachsen.
Aber was war das für ein schwieriger Abend. Ich bin fix und fertig, allein vom Zuhören und Nachdenken…
PS: Angesichts der freundlichen Reaktionen habe ich die Kommentarfunktion geöffnet. Paßt irgendwie nicht, sie zu sperren - hoffen wir, daß die Trolle nicht hungrig sind…

