Problem gelöst November 6, 2007, 13:24
Posted by Lila in Kunst.3 comments
Ich war in den letzten Wochen höchst unzufrieden mit mir selbst, was die Arbeit angeht. Ich unterrichte ja nun an einer bunten Auswahl von Institutionen, von denen jede andere Zeiten hält - seltsam, das ist mir noch nie passiert, normalerweise ist ja die 45 bzw 90-Minuten-Schiene die Norm. Nein, dieses Jahr sind überall irgendwelche Zwänge daran schuld, daß ich mal 60 Minuten unterrichte, woanders 75, wieder woanders 120 am Stück. Erfolg: meine innere Uhr ist total durcheinandergekommen. Ich verliere die Übersicht über die Zeit, die mir noch zur Verfügung steht, verkalkulier mich.
Uhr tragen hilft nicht, ich gucke ja nicht mittendrin auf die Uhr und rechne nach (eine Art Stoppuhr vielleicht…). Ich habe immer mehr Material, als ich in die vorgesehene Zeit stopfen kann. Auch wenn es nur ein Bild ist, das nicht mehr in die Stunde paßt, und kein Zuhörer das merkt: ICH ärgere mich und weiß nicht, wie ich das ändern soll. Nach jedem Vortrag überlege ich, hm, hätte ich den Mantegna mal weggelassen… warum habe ich so viel Giotto gezeigt… war der dritte David nicht zu viel… Mein Instinkt, der mir bis vor Beginn dieses verwirrenden Semesters genau sagte, wann ich in die Endgerade einlaufe, scheint zu versagen. Und ich gräme mich und will das unbedingt ändern.
Bis vor ein paar Tagen mein Mann mit im Publikum saß. Er ist ja wirklich immer wieder das Schwert, das durch meine gordischen Knoten mit schmerzloser Leichtigkeit fährt. “Du brauchst für jedes Dia ungefähr drei Minuten. Mal länger, mal kürzer. Rechne dir vor jeder Stunde aus, wie viele Dias du zeigen kanst. Du hast gern Reserve, also kannst du ein paar mehr nehmen, als du brauchst.”
Aber natürlich, warum ist mir das nie aufgefallen? Drei Minuten, genial. (Das bedeutet nicht, daß ich jedes Kunstwerk nur drei Minuten zeige. Aber ich habe viele verschiedene Bilder und Dias zu ein und demselben Kunstwerk - Vergleiche, Ausschnitte, Diagramme, Texte…. drei Minuten pro Dia kommt hin.) Ich habe ja sowieso in jeder Power-Point-Präsentation, die ich ausarbeite, wesentlich mehr Bilder und Text, als ich je brauche - so baue ich die Dinger auf, ich stecke viel rein und wähle dann aus. Unter dem Bild, im Notes-Teil des Dias, der für Zuschauer unsichtbar ist, sind meine sämtlichen Notizen, Verweise und so weiter, die sind auch dann nützlich, wenn ich das Dia selbst gar nicht zeige. Diese Verberg-Funktion ist sehr nützlich. Mein Motto lautet ja bekanntlich, “auch wenn ich nur ein Löffelchen verfüttere, muß der Topf Suppe doch gekocht werden”.
Kurz, ich jäte jetzt vor jeder Stunde nach der Y.-Formel aus. Dann gucke ich, welches Dia die Halbzeit markiert, und statt schwarzen Hintergrund (Kunst präsentiere ich nie farbig, das ist barbarisch! denn Umgebungsfarbe beeinflußt natürlich das Bild selbst, Stichwort Komplementärkontrast…) kriegt es einen dunkelgrauen. Ich habe meine letzten Stunden gestern so vorbereitet, und siehe da, ich bin haargenau hingekommen. Da meine Stunden oft kreisförmig aufgebaut sind und am Ende noch einmal zeigen, womit ich eröffnet habe, freut es mich sehr.
Wieso bin ich da eigentlich selbst nicht drauf gekommen? Weil ich noch gar nicht über das Stadium “grummelnde Unzufriedenheit mit mir selbst” hinausgekommen war. Y. verschwendet auf solches Grummeln keine Zeit, sondern denkt sofort: was tun?
Mal sehen, ob sich die Formel morgen bewährt. Morgen muß ich in 75 Minuten das Thema “Bildhauerei der Renaissance” abhandeln. Ein Kinderspiel, nicht wahr? Allein der Wettbewerb um die Tür des Baptisteriums in Florenz kann eine Stunde füllen. Nein nein, ich jäte pflichtgemäß, damit ich von Ghiberti bis Giambologna komme.
Schnellkurs Hebrew Slang: tsumi November 6, 2007, 11:07
Posted by Lila in Land und Leute, Uncategorized.34 comments
Das Hebräische hat ja viele lustige Abkürzungen und merkwürdige Slangausdrücke. Von einer Studentin habe ich mal das Wörtchen tsumi gelernt - das hat mit Tsunami nichts zu tun!
Tsumi leitet sich vom Wort tsumet lev her, Aufmerksamkeit. Das ist die Substantivierung einer hübsch bildhaften Verbverbindung - lasim lev heißt Acht geben oder wörtlich Herz geben - lev ist nämlich das Herz. Man benutzt es als Warnung (simu-lev! “seid vorsichtig!”), aber es kann wie im Deutschen auch heißen, daß jemand achtsam ist und sich konzentriert. Und wenn man ein Kind beachtet, dann heißt das eben auch tsumet lev. Attention eben.
Wenn ein Kind um Aufmerksamkeit bettelt, dann nennen die Erwachsenen das tsumi. “Mir scheint, er braucht ein bißchen tsumi“, “was würde dieses Kind nicht alles tun für tsumi!”. Tsumi kann dabei jede Art von Zuwendung bedeuten. Kinder, die das Aufmerksamkeit-Heischen auf unschöne Gipfel treiben, heißen dann tsumati. Das ist auch eine Art attention deficit disorder, nur daß die attention hier von den Eltern, nicht dem Kind, gefordert wird.
Bis sich die Lage eines Tages umkehrt und die großgewordenen Kinder zueinander sagen, “unsere Mama sieht aus, als würde ihr ein bißchen tsumi fehlen”, und einen dann mitleidig umarmen…
Es ist ein nützliches Wort für ein menschliches Grundbedürfnis. Gibt es im Deutschen ein ähnliches Wort, das mir unbekannt oder entfallen ist?


