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Groß, klein. Warm, kalt Oktober 27, 2007, 12:18

Posted by Lila in Edle Selbsterkenntnis, Uncategorized.
38 comments

Männer wegklicken, ist nichts für euch.

Als Teil der seltsamen Riten des Erwachsenwerdens stößt jede Frau auf die weitverbreitete Ratschlags”literatur”. Auch wenn man Frauenzeitschriften meidet, dringen in unsere Augen und Ohren die dringlichen Botschaften, daß unser natürliches Aussehen unbedingt verbessert werden muß. Schon als Mädchen, also zu Zeiten, in denen diese Ratschläge mir viel notwendiger vorkamen, habe ich mich gefragt: wieso müssen Frauen mit weit auseinanderstehenden Augen dieselben optisch näher zusammenmalen, die mit nah beieinanderstehenden sie optisch aber auseinandermalen?

(Falls noch ein Mann mitliest: das soll man mittels dunklem und hellem Lidschatten in ausgeklügelten Malereien bewerkstelligen.) (Weswegen die meisten Lidschatten im Zweierpack verkauft werden, die Industrie weiß warum.)

Wieso soll eine Frau mit großem Mund die Lippen klein malen, eine mit kleinem Mund ihn groß malen? Damit alle hinterher denselben durchschnittlichen Mund haben? Aber das funktioniert ja sowieso nicht. Ist es nicht schön, daß Münder verschieden sind?

Mir fiel das neulich ein, als ich mit Tertia einkaufen war - eine herrliche Fahrt übrigens, Bücher und weitere Schmuck-Materialien für ihre Werkstatt- das Geburtstagsgeld juckte wohl in der Tasche! Wir standen vor einem Fenster, wo fast gleich aussehende Lockenscheren und Glätteisen angeboten wurden. Tertia kicherte, ich auch. “Wie”, meinte sie, “wer Locken hat, will sie glatt haben, und wer glatt hat, will Locken?” Ja, genau.

Das ist also die eine grundlegende Regel: erkenne Deine Abweichungen von der Norm, auch “Mängel” oder “Schönheitsfehler” oder “Problemzonen” genannt, und behebe sie trickreich. Das ist die sogenannte negative Botschaft.

Die zweite grundlegende Regel wendet die Selbsterkenntnis dann ins Positive: erkenne die Farben, die dir stehen, und stimme dich darauf ab. Es gibt kaum einen Artikel über irgendein weibliches Thema, der dieses Themenfeld nicht erwähnt. Blasse Blondine mit blauen Augen? Blau, weiß, eventuell grau. Dunkelhäutige Brünette mit braunen Augen? Rot, gelb und alle warmen Farben.

(In Deutschland fiel mir eine Werbekampagne auf, war es für Nivea?, in der wohl in Drogerien goldfarbene und silberfarbene Tücher aushänge. Die soll frau sich vors Gesicht halten, sich im Spiegel angucken und urteilen, welches sie schön, lebendig und frisch aussehen läßt, und welches grabesreif, welk und untot. Dementsprechend kann frau sich dann mit den entsprechend schmeichelnden Farben ausstatten…falls sie nicht sowieso und immer grabesreif, welk und untot aussieht!)
Irgendwann hat ein gewitzter Mensch dieses warm-kalte Grundschema weiter abgewandelt und es in die Form der allgemein menschlichen, allzeit beliebten Struktur der Vier Jahreszeiten gepreßt (daher meine neuerliche Beschäftigung mit dem Thema, die 4J interessieren mich einfach so als Thema in Kunst, Kultur und analogem Denken, ich finde es faszinierend).

Obwohl die Farbschemata kaum Ähnlichkeit mit den Jahreszeiten selbst aufweisen (Sommer ist kalt - ???), werden sie von Verbraucherinnen anscheinend fraglos hingenommen. Irgendwann bin ich mal bei einer Feier einer solchen Farbberaterin in die Hände gefallen, und sie hat konstatiert, daß ich ein kalter Typ bin und kalte Farben tragen soll. Ich hatte gerade einen lila Pullover an und den fand sie genau richtig.

Aber was soll ich nur machen? Ich passe in kein Schema. Die eine Hälfte meines Kleiderschranks besteht aus kalten Farben - grau, schwarz, dunkles Violett, kaltes Grün. Die andere aus warmen Farben - braun, tomatenrot, olivgrün. Sämtliches Zubehör - alles in zwei Paletten vorhanden. Ich entscheide eben jeden Tag, ob ich kalt oder warm bin. Ich habe sogar mein Make-up in zwei Gruppen aufgeteilt, für die kaltfarbigen und warmfarbigen Tage.

Noch schlimmer: andere Frauen tun das auch. Ich sehe massenweise Frauen, die diese eisernen Regeln ignorieren, ihrem Instinkt folgen und sich in Farben wohlfühlen, die von jeder Farbberaterin als nicht von ein und derselben Frau tragbar erklärt werden. Und niemand wendet entsetzt die Augen ab.

Wie ich nun meine Tochter durch die Untiefen der Eisernen Regeln für die Gepflegte Frau schippern sehe und mich erinnere, wieviel hundertfach ich das ganze Zeug schon gesehen, gelesen, gehört habe - da kommt es mir noch viel lächerlicher vor als früher. Ein Vorteil des Älterwerdens: man verläßt sich mehr auf den eigenen Instinkt als auf die Eisernen Regeln.

(Diese Überlegungen gehören im weitesten Sinne zur Vorbereitung auf die Stunde über Farbtheorie, die ich bei meinen Kindergärtnerinnen halten werde - alle meine Kollegen würden vor Entsetzen in Ohnmacht fallen, daß ich nicht mit Goethe und Konsorten anfange, aber ich glaube, für dieses Publikum greife ich besser auf Themen aus der Alltagswelt zurück ;-) )