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Die guten Zeiten zum Bloggen… Oktober 17, 2007, 17:38

Posted by Lila in Edle Selbsterkenntnis, Kunst, Uncategorized.
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…sind fürs erste wieder vorüber. Die hektischen Wochen mit der Nase im Computer, in denen ich den Semesteranfang vorbereite, aber immer zwischendurch mal eine halbe Stunde für einen schnellen Eintrag oder eine Antwort auf einen Kommentar habe (oder mir nehme…), die sind erstmal wieder vorbei.

Jetzt sind die hektischen Wochen dran, in denen ich jede Menge neuer Gesichter lernen muß (ich schreibe mir nach jeder Stunde die Namen auf, die ich mir gemerkt habe, mit einer kleinen physiognomischen Skizze…), und wieder mit Erstaunen feststelle, wie Recht doch die Gestalttheorie hatte: jede Klasse, jede Gruppe von Zuhörern ist mehr als nur die Summe ihrer Einzelmitglieder. Die Größe der Gruppe, ihre inneren Beziehungen, der Raum, das Thema, das alles kommt noch hinzu. Und dann etwas Undefinierbares. So eine Art ruach kvutza, Geist der Gruppe, oder Atmosphäre.

Ich stelle mich auf alle ein, passe meine Pläne für die nächsten Wochen an - da kann ich das Tempo anziehen, bei denen muß ich drosseln. Ich bin wieder mehr unterwegs - obwohl ich nach wie vor nicht die ganze Woche arbeite, und dann auch nicht von morgens bis abends. Hier ein Häppchen, da ein Häppchen. Eigentlich ein schönes Leben.

Draußen vor meinem Fenster wird es langsam Herbst - ich mag das und freue mich über jedes kühle Windchen, über jede Wolke, über jede Hoffnung auf den ersten Regenschauer. Ich mag es auch, daß die Tage kürzer werden.
Wir haben eine kleine Straßenkatze adoptiert, erstaunlicherweise ist das Tierchen stubenrein, lieb und geradezu wohlerzogen. Es muß sie jemand ausgesetzt haben - sie hatte eindeutig kein Zuhause, hat sich hier aber sofort zurechtgefunden. Die Kinder haben den Kleinen Leonardo genannt, Leo paßt ja zu Lutz, und sie sind beide schwarz - aber Kater Lutz ist keineswegs bereit, Leo in seine Pfoten zu schließen. Und Mini wendet nur schockiert die Augen ab - schon wieder so ein vulgärer Eindringling! Ihre Menschen haben den Verstand komplett verloren!

Wir werden ihn morgen von einem Tierarzt untersuchen lassen, impfen lassen und ihm dann ein neues Zuhause suchen, damit Mini und Lutz nicht schwermütig werden.  Ich habe schon ein Nachbarsehepaar im Auge, die für den Mann, nach einem Schlaganfall, ein Haustier suchen. Sie sind Katzenfreunde, und Quarta könnte Leo dort auch besuchen… mal sehen.

Am letzten Wochenende waren wir bei sehr guten Freunden, Studienfreunden von Y. Wir sind eine Gruppe von vier Familien, kennen uns seit über 15 Jahren und treffen uns alle paar Monate. Meist bei der ältesten Familie, in einem Kibbuz am See Genezareth. Wir schleppen Mengen von Essen ran, tauschen Rezepte aus, unsere Kinder wachsen heran, die Männer erinnern sich an vergangene Zeiten… das sind immer schöne Treffen. Gerade weil man sich nicht dauernd sieht. Wir haben alle Kibbuz-Hintergrund - im Vergleich sieht man auch, wie sich unsere Kibbuzim gewandelt haben. Ich freue mich schon auf das nächste Mal.

So, morgen steht mir wieder ein neuer Tag vor neuem, unbekanntem Publikum bevor. Die erste Stunde eines Kurses über die Renaissance.  Morgen  also rede ich über die Grundlagen der Renaissance, zeige den Zusammenhang mit der Antike, aber auch die Kontinuität mit dem Mittelalter. Ich habe mich entschlossen, mit der Malerei anzufangen - die läßt sich leichter zeigen als Architektur oder Skulptur, die ja immer einen viel größeren Sprung der Vorstellungskraft erfordern. Die bewahre ich mir also für später auf. Außerdem sind gerade die originären Leistungen der Renaissance in der Malerei am deutlichsten sichtbar, weil dafür antike Vorbilder fehlen - Pompeji war ja damals noch nicht ausgegraben. Die Maler mußten sich also selbst ihre klassischen Ideale schaffen.

Komisch, jedesmal, wenn ich Renaissance unterrichte, wie auch beim Thema Impressionismus, denke ich: nun, jeder liebt die Renaissance, kann ich ihr denn nicht widerstehen? Ist mir das nicht zu harmonisch, zu ideal, zu ausgewogen, zu intellektuell-allegorisch-neuplatonisch? Und jedesmal werfe ich mich dem bestrickenden Reiz, um dieses Klischee bis zu Ende zu bedienen, der Botticellischen Linien, der sanften Hälse von Filippo Lippi, der reinen Umrisse von Piero della Francesca und des milden Lichts von Ghirlandaio in die Arme…

Noch schlimmer wird es bei den allseits beliebten Madonnen von Raphael, deren Schönheit mich immer an die Experimente erinnert, in denen das Wesen der Schönheit psychologisch ergründet werden soll. Zu diesem Behufe überblenden die Forscher ein Bild nach dem anderen - und je mehr Bilder überblendet werden, je durchschnittlicher und allgemeiner das Gesicht wird, das da entsteht - je perfekter sich die jeweiligen individuellen Unvollkommenheiten gegenseitig aufheben — desto schöner wird das Gesicht empfunden. So empfinde ich auch Raphaels Madonnen - jede Unregelmäßigkeit ist aufgehoben, sie sehen alle aus wie Frauen, die nie die Stimme, ja nicht mal die Augenbraue heben, sondern in schönem Gleichmaß durch die Welt wandeln.

Dabei ist die Raphaelsche Welt so schön, seine Landschaften im Hintergrund sind so wunderbar, daß ich am liebsten die Madonna mal für einen Moment wegschicken würde, um die Landschaft einfach genießen zu können. Sie sitzt mir im Weg… Doch Raphael schenkt uns nur kurze Ausblicke auf diese Welt, wir sind wie Alice, die durch ein Türchen gucken muß, durch das sie nicht durchpaßt.

Aber egal wie ich mich wappne - schon nach kürzester Zeit lächele ich diese perfekten Madonnen versonnen an und merke, wie mein Blutdruck, Herzschlag und Atmung in seliges Nirvana taumeln. Ich gebe es auf. Renaissance, du hast gewonnen. Himmlische Schönheit, ich tue Abbitte. Irgendwas weht in dieser Kunst - und wenn alle sie lieben, dann haben eben alle Recht.  (Dasselbe gilt für Monet - wie ich auch versuche, den allzu beliebten Seerosen zu widerstehen, ich versinke auch hier im dämmernden Grünblau… da ist nichts zu machen.)