Gemischte Neuigkeiten - Channel 2, Ynet und ZEIT Oktober 7, 2007, 21:41
Posted by Lila in Land und Leute, Uncategorized.3 comments
Die Nachbarn aus Gaza haben heute eine Grad-Rakete abgefeuert, damit kommen sie weiter - bis Netivot. Sie peilen auch Ofakim an, Ashqelon. Eine Grad richtet auch mehr Schaden an. In Kibbuz Kerem Shalom sind acht Mörsergranaten gefallen, wie jeden Tag. Normalerweise wird auch bei uns darüber gar nicht geredet.
Ja ja, wir können bis die Kühe nach Hause kommen mit Abu Mazen verhandeln, im Vorfeld des Gipfels schon Versprechungen und Andeutungen machen…… glaubt jemand, daß das die Katyushas, Qassams und Grads verhindern kann? Da lachen sich die Hamasniks aber kaputt.
In der ZEIT war heute ein Artikel über die Soldaten des Zweiten Libanonkriegs. Ich kenne natürlich selbst jede Menge solcher jungen Männer, auch Frauen (die im Artikel nicht vorkommen). Das Trauma, der Einbruch der feindlichen Umwelt, die sonst im Fernsehen stattfindet, ins eigene Leben. Wir erziehen unsere Jugendlichen (natürlich nicht in jeder Bevölkerungsgruppe gleich) insgesamt wie die ganze westliche Welt: MP4-Player, Internet, Tokyo Hotel-Konzerte, Schule, Sport, Reisen, Sprachen, der Versuch einer gewissen Weltläufigkeit. Man mag den Hedonismus oder die Oberflächlichkeit beklagen, in die unsere Jugend reinwächst und die sie gar nicht selbst erschaffen hat - ich persönlich finde junge Leute unter 20 viel anregender als uns, mit ihrer kompromißlosen Kritik und ihren wilden Ideen.
Diese Art Erziehung bereitet natürlich unsere Jugend nicht auf den Einsatz im Krieg vor. Das ist unsere Stärke, daß wir eine westliche, zivile Gesellschaft haben, trotz der allgegenwärtigen Soldaten überall. Daß wir nicht mit monolithischen Feindbildern leben, unsere Medien kritisch sind und der Diskurs laut und lebhaft. Daraus erwächst Kreativität, die sich ja immer wieder zeigt - ich kriege selbst vieles nicht mit, erst durch den Rundbrief von ILI… Ich glaube auch, daß wir letztendlich deswegen überleben werden - WENN wir überleben.
Aber für den einzelnen, jungen Studenten, der seine Freunde sterben sieht, ist der Schock groß. Ich kenne mehrere junge Männer mit “helem krav”, shell shock. Mir scheint, die in der ZEIT interviewten jungen Männer zeigen verschiedene Symptome. Die Tragödie ist, daß wir uns diesen Konflikt nicht ausgesucht haben, daß er uns jeden Tag seit Gründung des Staats und schon vorher aufs Auge gedrückt wird. Unsere Soldaten gehen da rein mit dem Gefühl “ein brera”, wir haben keine Wahl.
Beim Lesen der Leserkommentare in der ZEIT kommen einem natürlich die grünen Gruselpocken am ganzen Körper incl. Fußsohlen. Die Feindseligkeit, die aus manchen Leuten ausbricht, ei ei ei. Sie sind nicht imstande, sich dem Artikel zu widmen, sie kommen mit ihrer Haudrauf-Argumentation. Seltsames Phänomen, das mir in allen Talkbacks auffällt.
Nur wenn es um das Thema Alimentenzahlungen und Sorgerecht geht, ereifern sich Leser ähnlich giftig. Vermutlich sind es immer dieselben Verdächtigen, die sich da äußern. Ich hab die Kommentarseite nicht bis zu Ende gelesen. Aber es scheint manchen Leuten einfach nicht klar zu sein, daß die Gründung des Staats Israel fair war und kein Verbrechen, daß im Nahen Osten genügend Platz sein sollte für uns alle, und daß die Aggression eindeutig von einer Seite ausgeht. Die einen dürsten nach Kampf und Auseinandesetzung, die anderen sehnen sich nach Frieden. Die einen sehen dem Sterben in ekstatischem Stolz zu, die anderen wollen leben und trauern um jedes unersetzliche Menschenleben. Das dringt irgendwie nicht durch.
Auch wenn die Autoren das nicht beabsichtigt haben, hat mir dieser Artikel die ganze Tragödie des israelischen Friedenswunsches vor Augen geführt, und die Unmöglichkeit, Frieden zu erreichen. Ich hoffe sehr, im letzten Punkt irre ich mich.
Und in Ynet: wieder ein Christ ermordet im Gazastreifen. Hört Ihr von sowas in Deutschland? Wohin soll das führen, der Kampf des extremistischen Islam gegen andere Religionen oder moderate Angehörige der eigenen Religion?
Und außerdem: während der Feiertage sind sieben Selbstmordanschläge verhindert worden. Mauer, Checkpoints - die deutschen Bischöfe erinnert das an das Warschauer Ghetto. Ich kann mich nicht erinnern, daß die polnischen Juden Selbstmordattentate verübt hätten - aber vielleicht wissen die Bischöfe ja etwas, das ich nicht weiß?
Oh, und meine Kinder, die Großen, freuen sich: Streik! Streik! Lehrerstreik! Und er wird lang diesmal. Verrückte Welt.
Pet peeve Oktober 7, 2007, 18:31
Posted by Lila in Edle Selbsterkenntnis, Rat und Tat, Uncategorized.14 comments
Endlich ein Buch (von der Linguistin Deborah Cameron), das den immer wieder zitierten BS von den genetischen Unterschieden in der Kommunikation von Männern und Frauen entzaubert. So bequem es ist, wenn jedes Geschlecht sich seufzend in seine Ecke zurückzieht, der Mann mit der Bohrmaschine und sein Frauchen mit dem Telefonhörer - so zerstörerisch wirken sich diese Mythen des Alltagslebens auf Beziehungen auf. Denn man braucht sich dann gar keine Mühe zu geben, den zottigen Kerl mit der Bohrmaschine zu überzeugen. Der weiß ja sowieso, daß wir unberechenbare Plappermäulchen sind. Steht ja bei Gray.
Ich habe tatsächlich schon Leute getroffen, die diese Bücher richtig ernstnehmen und sogar in Diskussionen zitieren. Natürlich habe ich, als ich so ein Buch geschenkt gekriegt habe, es auch gelesen - allein schon, um mich so richtig herzlich zu ärgern.
Dabei macht mich besonders nervös, wie einfach es sich die Schreiber machen. Sie schildern unsere prähistorischen Vorfahren als Fred und Wilma Feuerstein: er jagt und brummt und kämpft, sie hält die Höhle in Ordnung, wickelt die Kinder in Pelze und sammelt quasselnd mit ihren Freundinnen Beeren und Pilze. Ergo ist Frau Sammlerin, Mann Jäger.
Ein wunderbarer Zirkelschluß. Da unsere Vorfahren so rücksichtsvoll waren, keinerlei schriftlichen Dokumente zu hinterlassen, tobt sich die menschliche Phantasie an den Überresten aus. Niemand weiß genau, ob in der Urhorde nicht auch die Frauen jagten und die Männer sammelten. Obwohl in allen Prähistorischen Museen und Buchillustrationen der höhlenzeichnende Mann und die im Kochtopf rührende Frau gezeigt werden, spiegeln diese Rekonstruktionen nichts anderes wider als die Realität, die ihre Erschaffer im Kopf hatten.
Sich auf diese Projektionen zu berufen, um heutige Kommunikationsmuster damit zu erklären, ist mehr als gewagt. Wir würden das in Bezug auf menschliche Gesellschaften nicht mehr durchgehen lassen, glaube ich. Aber wenn es um Männer und Frauen geht, wo wir ja alle einen Hausschatz von Dönekens zur Verfügung haben, greifen wir gern auf so schlichte Erklärungen zurück. Aber stimmt es?
Great sheaves of academic papers, says Cameron, show that the language skills of men and women are almost identical. Indeed, the central tenets of the Mars and Venus culture – that women talk more than men, that men are more direct, that women are more verbally skilled – can all be debunked by scientific research. A recent study in the American journal Science, for instance, found men and women speak almost exactly the same number of words a day: 16,000.
Warum also, wenn die Fakten so sind, werden diese Erklärungen trotzdem gern geglaubt? Es ist leichter, meint Cameron, Konflikte auf Kommunikationsprobleme zurückzuführen als auf echte Probleme, die man dann lösen muß. Oder man müßte akzeptieren, daß man sich nicht einig ist. Da haben Venus-Mars-Theorien etwas Beruhigendes.
“There has been a revolution in gender politics – there is much more blurring between the roles of men and women – and I think a lot of men and women are uneasy about that. Books like Mars and Venus tell us that although men and women may be very similar on the outside, we are profoundly different on a deeper level – that we’re ‘hard-wired’ differently.”
Also, es lohnt sich vielleicht, diesen Artikel zu lesen, auch wenn man Camerons Buch nicht lesen mag, wenn man, wie ich, von diesen Theorien die Nase voll hat, die die Welt so einfach und unveränderlich und übersichtlich machen.
Oh, der Kerl mit der Keule kommt wieder, ich muß das erlegte Zebra kochen und ihm den Pelz lausen…
Scharf und schärfer Oktober 7, 2007, 16:50
Posted by Lila in Land und Leute.15 comments
werden die Bilder in Google Earth. In den israelischen Medien wurde mit Besorgnis auf das neue Update von Google Earth reagiert, das wesentlich höher aufgelöste Bilder zeigt als bisher. Vorher sah eigentlich unsere Gegend aus wie das Innere eines grünen Darms, und der Süden wie das Innere eines gelben Darms. Man konnte nicht viel erkennen. Jetzt sind die Bilder schärfer. Wenn wir auch noch so gern mit Überraschung auf das kleine Buckelchen in Dimona blicken würden (Braatmaalfräschä? düüüü gübt es hür nücht!)… ja wer hat denn da ein Kino-Multiplex in Form eines Reaktors in die Wüste gesetzt?… das geht jetzt nicht mehr.
Ich halte aber das abgrundtiefe Entsetzen dieses Artikels für wirklich naiv (oder eine besonders raffinierte Irreführung von Terroristen, die davon abgehalten werden sollen, sich noch schärfere Bilder zu besorgen…). Als ob es nicht vor Satelliten da oben wimmelte, die uns schon längst viel schärfer photographiert haben als Google Earth - und nicht alle Satelliten sind israelische Satelliten, sondern es sind auch welche dabei, deren Besitzer uns nicht freundlich gesonnen sind. Ich glaube, wer wirklich wissen will, welche Farbe die Socken des Verteidigungsministers haben und wo militärisch sensible Einrichtungen sind, der hat schon längst Quellen dafür gehabt.
Und welchen strategischen Zwecken Israels Zweideutigkeit zum Thema Nuklearwaffen dient, ist schon oft genug diskutiert worden. Ob unsere Regierung Atomwaffenbesitz zugibt oder bestreitet - politischer Fallout ist auf jeden Fall die Folge. Deswegen tut sie so, als wüßte sie selbst nicht, was sie nun eigentlich hat. Aber hat wirklich jemand in Israel geglaubt, daß sich jetzt die Welt überrascht anguckt und ausruft: Walla! Also bitte…
Das Internet bietet heutzutage Terroristen jeden Service, den sie brauchen. Wo habe ich noch mal gelesen, daß die Anschläge vom 11.9. gewissermaßen zusammengegoogelt wurden? Im Internet ist jede Menge Information unterwegs. Terroristen benutzen das Internet, um ihre Botschaft zu verbreiten, neue Anhänger zu rekrutieren, Informationen auszutauschen und zu beschaffen. Sie brauchten nicht auf Google Earth zu warten. Abgesehen davon gibt es auch klassiche Spionagemethoden. Google Earth gibt vielleicht jetzt umsonst Zugang zu Informationen, die uns verletzlicher machen. Aber auch Google Earth ist nicht Echtzeit. Die Aufnahmen sind mindestens ein Jahr alt, vermutlich älter, zumindest den Baustellen nach zu schätzen, die ich identifizieren kann - unsere Kläranlage!
Man sieht sogar unser Haus, den Garten. Vorher konnte ich im Garten meiner Mutter den Gartenschirm und vorm Haus das rote Auto erkennen. Aber bei uns nichts - bis jetzt. Es gibt auch kleine Pannen. In der Nähe von Tivon ist eine amüsante Nahtstelle, wo zwei Bilder nicht genau zusammenpassen. Die Straße nach Haifa scheint zu hüpfen. Ein nettes Spielzeug.
We must understand that terms such as “ambiguity” and “state secrets” are being gradually eroded as a result of technological leaps.
All that is left for us to do is internalize the fact that we are transparent and take it into consideration when we undertake any kind of military activity. Just like we got used to the fact that cellular phones are one of the major means for leaking information, we must get used to the notion that the most secret facilities are no longer that secret – and conduct ourselves accordingly.
Aber ja. Wann wurde der Sputnik I ins All geschossen? Ist schon ein paar Jahre her. Boker tov, würde ich sagen… und ich bin überhaupt nicht besorgt. Verglichen mit militärischen Satellitenaufnahmen ist Google Earth nämlich nach wie vor ein Spielzeug für Amateure. Was der Artikel also verbreitet, nennt man hier Panika! Panika!
Und dann ist es ja auch so, daß der Schuh auch am anderen Fuß paßt. Wer mein Haus sehen kann, dessen Haus kann ich auch sehen. Ätschi!
Und ich glaube irgendwie nicht, daß sich unsere Armee mit Informationen aus Google Earth behelfen muß….
Und wo ist er heute? Oktober 7, 2007, 15:35
Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Land und Leute.4 comments

