Nach den Ferien… Oktober 5, 2007, 23:12
Posted by Lila in Edle Selbsterkenntnis, Land und Leute.3 comments
…ist vor den Ferien, heißt hier die Devise. Nach den Sommerferien fängt am 1. September die Schule wieder an - in ganz Israel, wir haben ja keine Bundesländer, sind ja selbst kaum eins!, und wir haben keine Bayern, die uns immer die besten Ferientermine wegschnappen! (Ich hab Cousinen in Bayern, da hört man den Neid aus Kinderzeiten noch raus….) Oft verlängern die Lehrer die Ferien durch einen Streik. Ich werde nie vergessen, wie enttäuscht Secundus damals war, als er in die Schule kommen sollte, und ein endloser Lehrerstreik verzögerte den Schulanfang! Jeden Morgen hörten wir Radio, nun, fängt die Schule endlich an? Bittere Enttäuschung, wenn es hieß: sie streiken noch.
Aber dann, nach Schulanfang, folgen Rosh haShana, Yom Kippur, das Laubhüttenfest. Zwischendurch ist immer ein paar Tage Schule, dann wieder frei. Ein paar Tage Schule, wieder frei. Sukkot, also das Laubhüttefest, hat den Kindern zehn Tage Ferien beschert. Aber ab Sonntag ist wieder Schule - bis Chanukka, tfu tfu tfu.
Das heißt, wenn die Lehrer nicht schon wieder streiken. Sie haben es angedroht. So hieß es zumindest in den Nachrichten.
Die Nachrichten haben wir heute aber nicht geguckt. Es reichten uns die Schlagzeilen - Al Quds-Tag, flammende Reden in Teheran und Beirut. Man könnte geradezu megalomanisch werden, wenn man hört, wie Ahmedinijad und Nasrallah alles, aber auch alles auf die Existenz dieses Micker-Staats zurückführen. Wir haben uns das nicht angehört. Vielleicht sollte man diesen Reden auch gar nicht so viel Beachtung schenken, ich weiß es nicht. (Zu dem Thema BBC, Kölner Stadtanzeiger.)
Die Rede Vitriol zu nennen wäre noch geschmeichelt…
Der Präsident wiederholte zudem seine Forderung, Israel aus dem Nahen Osten zu verlegen. “Die Europäer wollen die zionistische Herrschaft in ihrer eigenen Region nicht ertragen, aber dem Nahen Osten aufzwingen. Gebt ihnen das weite Land von Kanada und Alaska, damit sie sich dort ansiedeln können.”
Na, die Kanadier würden sich bedanken für die zionistische Herrschaft…
“Iran will nur sein Recht im Einklang mit international anerkannten Regeln und als aktives Mitglied der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) wahrnehmen”, sagte er am Freitag in Teheran. “Aus unserer Sicht ist das Atomdossier geschlossen und wir sind nicht bereit, unser unwiderrufliches Recht zur Diskussion zu stellen.”
Immer die gleichzeitige Nennung des zionistischen Geschwürs und des Atomprogramms… Bin ich die einzige, der sich da immer eine geschmacklose Assziation aufdrängt: vielleicht plant er ja, dieses bösartige Gewächs mittels Bestrahlung zu vernichten?
Oh, und ich finde beim Zeitungs-Blättern noch das Dokument von Abbas und Olmert (nicht mehr taufrisch, von vor drei Wochen - im Rahmen der Vorbereitungen für diesen Gipfel im November) (zum heutigen Treffen: hier). Es klingt prima. Das einzige, winzige Problemchen ist, daß beide inzwischen so wenig Autorität haben, daß sie vermutlich nicht mal eine Erhöhung der Hundesteuer durchdrücken könnten, geschweige denn ein Abkommen über so heikle Fragen. Nun, ich kann mich auch irren. Vielleicht, weil sie gerade beide in einer so prekären innenpolitische Lage sind und beides alte Füchse, vielleicht können sie ja was auf die Beine stellen. Aber daß die grundlegende Bereitschaft wenigstens verbal proklamiert wird, ist ja schon mal was.
Der Inhalt des vorliegenden Dokuments stimmt mit schon früher bekannten Zitaten und Absichtserklärungen beider Seiten überein. Die auf Hebräisch verfasste Erklärung hat acht Punkte: Danach will Israel seine Besatzung des Westjordanlands „in einer bestimmten Zeitperiode schrittweise beenden und israelische Siedlungen evakuieren“. Jedes evakuierte Gebiet werde der palästinensischen Autonomiebehörde übergeben, soweit dort Recht und Ordnung herrschten. Sobald Recht und Ordnung auch im Gazastreifen errichtet seien, werde ein Prozess beginnen, durch den Israel „Westjordanland und Gazastreifen als eine politische Einheit“ sehen könne.
Weiter stellt dieses Dokument fest: „Beide Seiten erklären den Konflikt für beendet und sind darauf aus, die breite Unterstützung dafür zu gewinnen“ und alles dafür zu tun, um „jeden Aspekt von Terrorismus und Gewalt von jeder Seite“ zu bekämpfen.
Komisch. Beim Schreiben fällt mir auf, daß sowohl Ahmedinijad-Nasrallah als auch Abbas-Olmert Worte von sich geben. Nichts als Worte. Welche Worte in Taten umgesetzt werden, weiß man noch nicht… man kann nur hoffen, daß es die richtigen sind. Wie selektiv man doch liest. “Nu, das sind nur Worte.” “Oha, immerhin schon Worte.”
So, und morgen ist Shabat. Abends habe ich wieder die Familie hier, und dann geht der Streß wieder richtig los…
PS: Lesenswert: ein Kommentar in der JPost über die Versuchung, A. nicht ernst zu nehmen. Auch und gerade für Europäer, auf die er ja abzielt, interessant. Ein paar weithin unterschätzte Tatsachen über die Rolle bzw negative Rolle des Holocaust bei der Gründung des Staats Israel und über die Rolle der Araber bei der Vernichtung der Juden. Damit man A.s Version der Geschichte (schuldlose, friedliebende Araber bekommen landräuberische Juden aufs Auge gedrückt, weil Europa nach dem Holocaust schlechtes Gewissen hatten) nicht einfach so glaubt. Ich weiß, es gibt auch in Europa genügend Leute, die das glauben. Es widerspricht aber der historischen Wahrheit. In dieselbe Schublade gehört der Europa entlastende Vorwurf, daß in Israel die Bestialität der Nazis wieder aufgelebt sei. Also, vielleicht macht sich ja jemand die Mühe und liest es.
PPS: Und noch ein Kommentar zu A.s Besuch in Columbia, von einem Alumnus.


