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Schaf im Schafspelz September 9, 2007, 20:22

Posted by Lila in Kunst, Uncategorized.
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Ich habe im Laufe der letzten Monate so viele Jobs oder Jöbchen angeboten bekommen, daß ich nicht alle annehmen kann. Natürlich ist dabei beileibe kein richtig festes, vollangestelltes, wohldotiertes Arbeitsverhältnis, sowas gibt es für Leute meiner Profession in Israel gar nicht mehr. Es handelt sich um einen Kurs hier, zwei Lehrstunden dort, eine Vortragsreihe in Puse und eine in Muckel. Ich sage natürlich erstmal zu, dann bibbere ich, ob ich das auch wirklich alles machen muß. Mein Lebenslauf sieht inzwischen reichlich gescheckt aus, weil ich manches nur ein Jahr lang mache.

Ich habe ein tolles Angebot angenommen, an einem Weiterbildungszentrum für KindergärtnerInnen. In Israel gibt man ja bekanntlich seinen Nachwuchs “in fremde Hände”, d.h., man glaubt, daß eine kompetente Kindergärtnerin, ein gut ausgestatteter Kindergarten und eine Gruppe in etwa Gleichaltriger für Kinder wichtig sind. Darum verlangt man von zukünftigen KindergärtnerInnen Abitur, ein vierjähriges Studium an einer Pädagogischen Hochschule und einen akademischen Abschluß, B.Ed. genannt - genau wie von Lehrern für alle Altersstufen. Oberstufenlehrer machen vielleicht einen B.A. oder B.Sc. statt B.Ed., kommt auf den Studiengang an.

Genau wie Lehrer haben Kindergärtner ein Anrecht auf ein bezahltes Sabbatical alle sieben Jahre, das sie zu einer vom Staat bezahlten Weiterbildung nützen. Sie können statt Sabbatical auch einen Tag pro Woche zur Fortbildung wählen. Ein abgeschlossener Kurs gibt ihnen Punkte, und je mehr Punkte, desto höher das Einkommen. (Immer noch lächerlich niedrig, unsere Gehälter für Lehrkräfte sind einfach nur ein Witz und liegen unter dem Minimum…. das sei fairerweise dazu gesagt).

Außerdem stehen allen Lehrern und Kindergärtnern Lernzentren mit wohlausgerüsteten Bibliotheken für didaktisches Material zur Verfügung, mit kompetenten Beratern und Werkstätten, in denen man eigene Ideen umsetzen kann. Ich hab da schon öfter von erzählt, denn an der PH, an der ich ein paar gute Jahre lang arbeiten konnte, waren solche Zentren mit Schwerpunkt Mathe (uff), Natur und Biologie, Frühe Kindheit, Englisch und Ivrit.

Dieses Jahr haben diese Zentren, die ebenfalls Fortbildungen anbieten, beschlossen, sich auf mehrere Themen zu konzentrieren: Schulvorbereitung, mathematische Erziehung (uff) und - Kunst. Auf geheimnisvollen Wegen hat mein Name sich durch die Institutionen geschlängelt, und ich bin von zwei solcher Zentren angeworben worden. Ich fühle mich in diesem Grenzgebiet zwischen Kunst und Erziehung sehr wohl (interessanterweise gibt es in Israel kein Studienfach Kunstpägdagogik für weiterführende akademische Grade - ich habe ein komplettes Programm für einen solchen Studiengang in der Schublade, und daß ich ihn nicht längst an der Uni vorgelegt habe, dafür gibt es keine rationale Begründung!). Ich hatte sofort den Kopf voller Ideen. Und so habe ich zugesagt, obwohl einer der Kurse auf einen Wochentag fällt, an dem ich schon eher halbherzig was anderes zugesagt habe.

Bei der anderen Stelle habe ich heute angerufen und gefragt, wie viele Leute sich eingeschrieben haben. Bedauernd meinte die Leiterin, “nur vier Leute”, und ich bemühte mich, mir meine Erleichterung nicht anmerken zu lassen. Ich meinte, wenn es bis nächste Woche nicht mindestens 10 oder 12 Leute sind, kann ich den Kurs nicht geben - wie gut, daß ich nun ein viel besseres Angebot habe! Das habe ich natürlich nicht gesagt. Die Leiterin hat sehr viel Verständnis gezeigt, aber ja. Also ich hoffe, das geht gut.

Dann war ich heute in der großen, feinen Stadt, in der einer der Kurse stattfinden soll. Alle waren begeistert von mir, auch die Große Chefin, die mir manche Tür öffnen könnte… und ich bin auch lange genug in Israel, um sofort gemeinsame Bekannte aufweisen zu können. Ah, du bist aus Kibbuz Ramat Chaim, da kennst du doch bestimmt Arale und Berale? Kenn ich, aber wenn du Arale und Berale kennst, dann kennst du bestimmt auch Moshik und Rafik? Kannte sie. Dann zeigte sie mir die Arbeitshefte, mit denen bisher die Kunstkurse für Kindergärtnerinnen abgehalten wurden, und vor meinen professionellen Augen taten sich Abgründe auf.

Nicht nur, daß diese Arbeitshefte von einer mir aus der PH bekannten Frau geschrieben wurden, die mich im Lehrerzimmer anno dazumal als “junge Nichtskönnerin” abtat (das könnte sie heute nicht mehr, ich bin sichtbar gealtert, weiß aber immer noch nicht viel). Sie enthalten genau DIE Art Arbeitsanweisungen, die ich wie nichts anderes auf dem Kieker habe. Auf dem Titelbild: ein Selbstporträt von van Gogh, düster und pessimistisch. Daneben: eine von einem kleinen Mädchen sorgsam abgemalte Kopie dieses Selbstporträts, darüber in großen Buchstaben ihr Name.

Was soll das, Kinder einfach van Gogh nachmalen zu lassen? Seit wann wird kindliche Kreativität durch Nachmalen befördert? (Kunststudenten, die ihre Technik perfektionieren wollen oder in Stilen experimentieren - das ist was anderes, die müssen Meister kopieren - aber Kinder???) Was versteht ein Kindergartenkind von van Goghs innerer Welt? Ich will doch hoffen, nichts. Außerdem entsteht ein Selbstporträt, wenn jemand sich im Spiegel betrachtet und malt, was er sieht. Wenn ich das platt abmalen lassen, verliere ich gerade den Kick eines Selbstporträts, der ja daraus besteht, daß der Maler sich soeben selbst in die Augen sieht. Daß das kleine Mädchen ihren eigenen Namen groß schreibt, ist das einzige Zeichen einer selbständigen Äußerung an diesem gräßlichen Beispiel komplett fehlgeleiteter Arbeit mit Kunst.

Ein weiteres Beispiel: der Sonnenaufgang von Roy Lichtenstein, bekanntlich “mit Absicht” in Comicmanier, als Antwort auf die ekstatischen Lichtspiele von Lorrain oder Monet. Also recht sophisticated, auch wenn er das natürlich als Manier ziemlich strapaziert hat, wenn ihr mich fragt. Ein Kind kann den kulturellen Hintergrund für die Entscheidung der Pop-Art-Künstler, die Welt zu Comics gerinnen zu lassen, nicht nachvollziehen. Soll es auch nicht. Aber ein Kind mit Wachsmalstiften dransetzen, daß es diesen Sonnenaufgang nun nachmalt??? Häää??? Wat soll dat denn????

Mit Wachsmalstiften kommen natürlich nur krumme, bunte, farblich vibrierende Sonnenuntergänge raus. (Schöner als der Lichtenstein, wenn ihr mich fragt, aber was weiß ich schon?) Das Kind kann sich dann mit der glatten, künstlichen Perfektion des Originals vergleichen und denken, “blöd, ich kann wirklich nicht malen, ich wußte es doch”. Und da haben wir dann wirklich was erreicht!

Was statt dessen? Künstlerische Betätigung und Kunstbetrachtung TRENNEN. Den Kindern viele interessante Materialien geben. Sie experimentieren lassen: Handabdruck mit Farbe, Handabdruck in Gips, Handabdruck in Sand mit Gips ausgießen - dann alle drei vergleichen. Selbstporträts (aber glücklichere) vergleichen, vielleicht selbst mal in den Spiegel gucken, aber noch keine selbst malen. (Finde ich zu früh dazu, Kindergarten). Die Sterne von van Gogh angucken, sich überlegen, wieso er die wohl so gemalt hat. Kindern dann ein Bild von Hubble zeigen: der Maler wußte mehr als seine Zeitgenossen, und man sollte niemals sagen “das sieht doch gar nicht so aus, das ist aber falsch gemalt”. Falsch gibt es nämlich nicht.

Und so weiter.

Natürlich habe ich kein Wörtchen gesagt sondern nur gemeint, hm hm hm, interessant. Ich werde die Fortbildung mit einer Frau zusammen machen, sie ein Drittel, ich zwei Drittel, die praktische Erfahrung hat, eine erfahrene Kindergärtnerin. Und ich werde still und heimlich dieses fiese, dumme Lehrbuch untergraben. Nicht offen, aber so, daß die Kindergärtnerinnen selbst es nicht mehr zufriedenstellend finden. Jawohl. Ein Schaf im Schafspelz, so werde ich Kunstbetrachtung und Kunst im Kindergarten sanft blökend umstürzen!

Und darauf, ihr Lieben, darauf freue ich mich, und daran arbeite ich gerade. Obwohl es noch mindestens zehn dringlichere Projekte mit SEHR enger Deadline gibt, die mich beißen wollen.

Morgen unterrichte ich. Danach bin ich als festlicher Teil einer Rosh-haShana-Feier für ein therapeutisches Zentrum geladen, mit einem Vortrag, “Kind, Familie, Liebe im Bild”. Am Tag danach bin ich an der Uni, muß einen endlosen Berg Papier bewältigen. Dann ist Fest, Rosh haShana, wir sind eingeladen und haben Gäste. Dann ist wieder eine große Kampfabstimmung im Kibbuz, Privatisierung in kleinen Schritten - ich muß Stunden um Stunden an der Wahlurne sitzen. Und zwischendurch noch tausend kleine Dinge machen… und weniger bloggen.