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Ja, ja, ja, September 1, 2007, 23:36

Posted by Lila in Edle Selbsterkenntnis.
91 comments

da bin ich wieder, und ich sehe, daß Rungholt prima ohne mich auskommt. Ich glaube, 113 Kommentare sind noch nie zustande gekommen, wenn ich meinen Senf dazugegeben habe… was kann ich daraus lernen? Niemand ist unersetzlich.

Ich bin, wie jedesmal nach der Rückkehr, einigermaßen matschig im Kopf und weiß nicht genau, wo ich bin, wenn ich aufwache. Als wir vor ein paar Nächten um ein Uhr nachts aus dem Flieger kletterten, überfiel uns die feuchte Hitze wie ein müdes wildes Tier, und Quarta meinte entsetzt, “Mama, ist das immer so heiß in Israel?” Ja, wir hatten es vergessen, und pellten uns aus Strickjacken und Socken. Der schöne, kühle, grüne Herbst, der in der deutschen Luft hing, hatte mir so gutgetan. Na ja, ich muß mich eben wieder dran gewöhnen, jeden Schritt vor die Tür gut zu timen, nur ja nicht zweimal zur Mülltonne tapern! sonst droht der Hitzschlag! Den Kindern macht der Übergang weniger aus.

Wir waren, was ich gar nicht mag, diesen Sommer nicht alle zusammen. Y. konnte sein neues Wichtig-Sesselchen in der Fabrik nur für eine Woche verlassen, Primus war auf Abschlußfahrt (wie alle israelischen Oberstufenschüler in Polen, sprich Auschwitz - dieses Faß Würmer mach ich heute aber nicht auf, vielleicht nie). Als mich dann noch mein lieber Bruder nach München einlud, konnte ich nicht annehmen: die Vorstellung, daß Y. in Israel, Primus in Polen, die drei jüngeren Kinder im Rheinland sind und ich allein in München, war schlimmer als Höhenangst. Verrückt, aber mein Bruder hat sich auf nächstes Mal vertrösten lassen.

Eine kurze Stippvisite in Berlin bzw Potsdam war aber drin, natürlich nur, um die Franzosen in der Nationalgalerie zu besuchen. Ich war nicht die einzige, die davon angelockt wurde… ein fürchterliches Gedränge. Wäre ich in Ohnmacht gefallen, hätte es keiner gemerkt, die Massen hätten mich einfach weitergeschoben. Oder niedergetrampelt. Also, auch das wunderbarste Kunstwerk verliert, wenn man über Dutzende Schultern spinxen muß, um es zu sehen. Aber ich will nicht meckern, ich habe mich beharrlich nach vorne geschoben und dann doch genossen.

Pissarro

Corot

Allerdings berührt es mich peinlich, wenn ich dann Kolleginnen vor den Bildern dozieren höre, “wie schon die flämischen Madonnen, die gern lesend dargestellt wurden, ist auch hier…”. Wenn ich das höre, verdrücke ich mich schnell. Und dann sage ich zu meinen Begleitern gar nichts mehr, auch nicht auf Anfrage. Oder brumme höchstens mal, “das gefällt mir”, wie ein Laie. Es ist doch schrecklich, wenn man ein Kunstwerk gar nicht mehr unbefangen sehen kann, sondern sofort den Kontext mitgeliefert kriegt. Das will ich meinen Leuten nicht antun. Müßte ich eine Gruppe führen oder einen Vortrag über die Bilder halten, nicha (meinetwegen), aber ich war strikt “prifat” da…

Es wird eine Weile dauern, bis ich wieder ins Bloggen reinkomme. Ich habe eine riesige Menge Emails, Pflichten, Telefonate, Briefe abzuarbeiten - muß mich auf das nächste Semester vorbereiten, das mit einer wahren Bugwelle von Vorbereitungen näherrollt, und mich durch meine vielen neuen Bücher pflügen, die in Deutschland treu auf mich gewartet haben.

Ich bestelle ja gern per ZVAB ganz vergessene Schätzchen, und da das Porto nach Israel fast teurer ist als das Buch selbst, lasse ich es zu meiner Mutter liefern. Dort sammeln sich dann im Laufe eines halben Jahres Stapel von Büchern. Wenn ich sie auspacke, ist das fast so wie Weihnachten mit einem Christkind, das einem die geheimsten Wünsche aus dem Hinterkopf gefischt hat - denn natürlich erinnere ich mich nicht mehr genau, was ich im Februar bestellt habe. Da mich im Moment Embleme interessieren (auch wenn ich leider kein Plätzchen gefunden habe, das verrückt genug wäre, mich darüber auch unterrichten zu lassen… zu speziell), habe ich reich bebildertes Material, das ich jetzt Bild für Bild, Spruch für Spruch durchsehe.

Eines der Rituale der Heimkehr ist die sorgfältige Inbesitznahme aller Bücher durch Eintragen meines Namens, des Datums und Anbringen eines Aufklebers. Ich verleihe nämlich meine Bücher oft, und da ist ein Aufkleber mit meiner Telefonnummer und Email-Adresse ganz nützlich. Eines Tages wird jemand einen elektronischen Piepser an Bücher kleben, der Alarm gibt, wenn das Buch länger als einen Monat in fremder Hand ist. Oh, da habe ich ja einen genialen Einfall gehabt, Bibliotheken sollten sich darauf stürzen! Aber nein, wo kämen sie denn hin, wenn keiner mehr Bußgelder bezahlen müßte…?

Die Kinder sind traurig, sich von ihrem Paradies bei der deutschen Oma verabschieden zu müssen, aber auch froh, wieder mit Idan und Ilan und Yoad und Yotam um die Häuser ziehen zu können. Morgen fängt die Schule wieder an. Wie alle Eltern bin ich einerseits betrübt, daß die Zeit der morgendlichen “bis-alle-aus-dem-Haus-sind”-Manöver wieder anfängt, aber auch erleichtert, daß wieder eine Art Ordnung und Struktur ins Leben kommt…

Ich habe übrigens während meiner Ferien jede Art von Zeitung und Nachrichtensendung so konsequent ignoriert, daß ich meinen Schwiegervater heute fragen mußte, ob Gilad Shalit noch nicht wieder zuhause ist. Leider nicht. Aber auch wenn - ich hätte es nicht mitgekriegt. Also, mal gucken, wann ich wieder die harten Tatsachen des Nahen Ostens zur Kenntnis nehmen muß - so ist es eigentlich viel schöner.