Staunenswerte Betrachtungen Juli 20, 2007, 19:11
Posted by Lila in Land und Leute.trackback
Alle Achtung, ZEIT. Der Artikel über die weltanschauliche Schlagseite der BBC war lange fällig, und er ist mutig, wenn man bedenkt, wie viele Menschen auf der Welt der BBC blind Glauben schenken.
Meine eigene weltanschauliche Schlagseite führt natürlich dazu, daß ich die folgenden Passagen zitiere:
Die Programme der BBC spiegeln in aller Regel vehementen Antiamerikanismus und eine scharf antiisraelische Einstellung wieder, sie plädieren für mehr Staat und Steuern, Steuerkürzungen und eine geringere Staatsquote werden grundsätzlich für falsch gehalten; auch legt die BBC eine einseitig proeuropäische Haltung an den Tag und neigt dazu, die Gegner, sei es gegen die Mitgliedschaft im Euro oder gegen weitere Integration der EU, erst gar nicht zu Wort kommen zu lassen. Das Weltbild der BBC ist säkular und geprägt von antichristlichen Reflexen; zugleich wird in aller Regel alles unterlassen, was Muslime verletzen oder als Kritik am Islam gedeutet werden könnte. Weshalb selbst die Auseinandersetzung mit dem totalitären Islamismus unterblieb.
Der Konsens, der bei der BBC herrscht, wird als allgemeingültig betrachtet. Aitken schreibt in seinem Buch, dass er während seiner Zeit bei der BBC umgeben war von Redakteuren, die ihre Auffassungen für so selbstverständlich und richtig hielten, dass sie gar nicht auf die Idee kamen, irgend jemand, der bei gesundem Menschenverstand sei, würde ihre Grundauffassungen nicht teilen. In der Praxis kann das zu einem “totalitären Liberalismus” führen, der abweichende Stimmen und Meinungen nicht erlaubt. Das geschah zum Teil unbewusst, war häufig aber auch eine ganz bewusste Entscheidung.
Durch die Korridore von Broadcasting House weht die Ideologie des Multikulturalismus, oft verbunden mit einem moralischen Relativismus, der sich durch Geringschätzung, wenn nicht Ablehnung des eigenen demokratischen Staates auszeichnet. Die Ideologie des Multikulturalismus wurde inzwischen selbst von der „Kommission für rassische Gleichheit“ als gescheitert und kontraproduktiv erklärt; sie habe die “Gräben in der Gesellschaft vertieft und Integration verhindert”, erklärte schon im Jahr 2004 Trevor Philips, der Vorsitzende der Kommission, selbst ein Einwanderer aus der Karibik. Er warnte davor, sehenden Auges in eine “ghettoisierte Gesellschaft abzudriften”.
Die Corporation wies stets eine gewisse Schlagseite auf. Junge Leute, die von den Universitäten kommen, sind zumeist idealistisch und links eingestellt. Doch sorgte der Ethos der Unparteilichkeit lange Zeit für ein Gegengewicht. Ein “kultureller Marxismus”, der in der BBC Fuß fasste, trug dazu bei, dass im Lauf auf der Neunziger die relative Balance verloren ging. Generelle Medientrends, Sensationalisierung, Simplifizierung und Emotionalisierung, die überall in der Industrie um sich gegriffen haben, trugen das ihre dazu bei, den Trend zu verstärken. Verächtlichkeit für Politiker wurde zu einem hervorstechenden Merkmal eines “kritischen” Journalismus, der nur ein Ziel verfolgt, nämlich zu beschädigen, unlautere Machenschaften aufzudecken und der stets das schlimmste von Politikern annimmt: Why is the bastard lying to me ist der Geist, in dem häufig Politiker-Interviews in der BBC geführt werden. Diese Art von Journalismus trägt seinen Teil dazu bei, antipolitische Trends und Verdruss an der Demokratie zu erzeugen.
Aber am besten liest man es selbst. Niemand ist objektiv, und das Unmögliche kann man auch von der BBC nicht verlangen. Aber man kann die Einseitigkeit wirklich übertreiben - besonders, wenn man sie als ausgewogen ausgibt. Sagen wir es so: auch das ehrwürdigste Medium entbindet uns leider nicht von der Notwendigkeit, selbst zu denken.
Ich bin übrigens nicht dafür, die BBC abzuschaffen. Dafür liebe ich ihre Literaturverfilmungen zu sehr.


Da scheint die BBC ja da angekommen, wo wir die ARD schon lange wissen. Es ist ein mir sympathischer Zug der Briten, daß sie gleich die Abschaffung der Anstalt diskutieren, während hierzulande die Forderung nach einer Zerschlagung der öffentlich-rechtlichen Sender fast so selten zu hören ist wie die nach der atomaren Bewaffnung Deutschlands, für die ja auch einiges spricht. (Ich weiß natürlich die Sendung mit der Maus auch zu schätzen. Dennoch.)
“Verächtlichkeit für Politiker wurde zu einem hervorstechenden Merkmal eines ‘kritischen’ Journalismus …”, da fallen einem sofort Wickert und Co. ein. Man kann, sagt der Artikel nicht schlecht, “diese Haltung, die in medialen und kulturellen Milieus auch anderer europäischer Gesellschaften nicht unbekannt ist, vielleicht am besten als Ausdruck einer ‘Kultur des Selbsthasses’ auf das eigene politische System deuten.”
Von hierher, Lila, kann ich vielleicht besser erklären, warum ich die Haltung der BBC zu Israel nicht als Antisemitismus deute. Man kann zunächst eine Parallele hervorheben: Auch der Antisemitismus ist Ausdruck bürgerlichen Selbsthasses. Aber er ist vollständig projektiv und sieht das Objekt des Hasses als Fremdes, nämlich als außerhalb des eigenen Volkes. Die Linke haßt nicht das Fremde, sondern nur die Rechte, also den politischen Gegner, mit dem sie in einer gemeinsamen Nation schon verbunden ist, und wenn sie diese Nation leugnet, dann nur im Namen eines noch Inklusiveren, nämlich der gesamten Menschheit. Linker Haß besteht nur auf der Grundlage von gedachter Verbundenheit. Die Rechte haßt ebenfalls auf der Grundlage nationaler Verbundenheit, nämlich die Linke natürlich, und so wie die Rechte sich dann als wahre Repräsentantin der Nation sieht, so sieht die Linke sich als wahre Repräsentantin der Menschheit, und ihre Zwangsbeglückungen gründen darauf. Auch wo die Linke stereotypisiert, gründet dies in politischer Gegnerschaft. Die Motivationen sind also grundsätzlich andere. Ich will nicht sagen, daß hier nicht auch ein Einfallstor für antisemitische Klischees sein kann. Aber der Grund der Opposition liegt hierin nicht, abgesehen von dem Beitrag, den Stereotype natürlich immer zur Verfestigung von Positionen leisten. Das heißt, es wird durchaus Linke geben, die sich aus irgendwelchen Gründen von der Linken lösen, um sich als Antisemiten zu erweisen. Aber die Linke im ganzen wird niemals den Universalismus fahren lassen, der sie konstituiert, und behält immer ein für sie konstitutives Potential der Kritik antisemitischer Aberrationen, für das es von rechts keine Entsprechung gibt. Diese Asymmetrie muß man einfach sehen, ob man selbst mehr rechts, links, mittig oder ganz durch den Wind ist.
Ich erinnere mich übrigens, wenn auch nicht sehr genau, Lila, daß ich vor längerem einmal einen Post von Dir zur BBC kommentiert und mich hinterher gefragt habe, ob ich in meiner Kritik an Dir nicht übers Ziel hinausgeschossen bin, weil vielleicht deutlich zu machen gewesen wäre, daß der BBC-Artikel durchaus Kritik verdiente, wenn er nicht überhaupt der falsche Anlaß war, um Deine Kritik ihrerseits zu kritisieren. Laß mich dies bei dieser Gelegenheit sagen.
Hihi, irgendwie ist es schon fast Satire, wenn die Zeit der BBC Verhaltensweisen vorwirft, die auch (aber nicht nur) für die Zeit absolut zutreffend sind. Schaun wir mal. Vielleicht weht ja wirklich ein frischerer Wind … DLF & Dradio (deren treuer Höre ich bin) verblüffen mich manchmal - auch ohne Bettina Marx ans Mikrofon zu lassen:
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/politischeliteratur/648268/
“Dazu gehört auch die These oder der Mythos von einem Palästina, das von Anbeginn ein blühendes Land gewesen sein soll, das den Arabern gehört hat und das dann im Zuge der Geschichte von Christen oder Türken oder was weiß ich von wem auch immer besetzt wurde, den Arabern immer wieder weggenommen worden sein soll und schließlich in der Kulmination des Unrechts durch die Gründung des Staates Israel nun endgültig den Arabern entwunden worden sei.”
Aber Du merkst doch deutlich die Schauer des Entsetzens, die dem Befrager der Rücken runterlaufen…
Oh ja, wem ein Herz für die Juden schlägt, der muß ein ganz gefährrrrlicher Bursche sein
Lustig.
Hilfe! Gibt es denn nur noch Medienblogs? Überall Metadiskussionen üner Medien - selbst in Blogs von richtigen, normalen Menschen abseits dieser Metaindustrie. Langsam wird es eng
Gibt es denn im Sekundus-Ticker nichts neues zu vermelden?
Korrekte Antwort: Ja. Und?
Die ganze blöde Debatte wäre schlicht hinfällig, wenn es nicht so viele Leute gäbe, die einfach unhinterfragt jeden Sch*** glauben, der ihnen von irgendwelche Honks erzählt wird.
@Fischer: Da sagste was Wahres. Das wär, glaube ich, die Lösung von einer ganzen Menge an Problemen. Oder zumindest ein erster Schritt dorthin..
So ist die BBC ? Sie wird mir immer sympathischer. Denn was muss man über die Personen schlussfolgern, die NICHT der Meinung der BBC sind?
- Sie vertreten kein sekuläres Weltbild, sondern wollen die Kirche wieder als Macht im Staat sehen
- Sie meinen, daß Politiker vernunftbegabt handeln
- Sie glauben, andere als die christliche Religion wären ’schlecht’
- Sie lieben den Nationalismus
- Sie sind Egoisten und glauben, selber alles besser zu können, als ‘der Staat’
Na da sind mir die Auffassungen der BBC doch lieber.
Aber ja, Wenn sie sich als Folge ihres Weltbilds nur anderer Feindbilder entledigten. Aber im Gegenzug nun alles, was sich gegen das Christentum wendet, und sei es mit der Bombe in der Tasche, beschwichtigen zu wollen oder zu idealisieren, kann doch auch nicht der goldene Weg sein.
Ist man denn säkular nur, wenn man den Einfluß des Christentums auf die Politik einschränken will? Ich würde sagen, da gibt es aber auch andere Gefahren…