Shir ha-maalot Juni 23, 2007, 15:54
Posted by Lila in Land und Leute.trackback
Ich habe schon öfter erwähnt, wie mich seit meinem Kommen nach Israel beeindruckt hat, daß die Psalmen hier ganz lebendig sind. Die Angehörigen im Krankenhaus, die vor der Tür warten, ziehen umstandslos ihr Büchlein raus und beten. Nach den Entführungen der Soldaten bitten die Oberrabbiner um bestimmte Psalmen. In meinem Büro hängt noch als Glücksbringer das Tehillim-Heftchen meiner Vorgängerin, in Schlüsselanhänger-Größe.
Auf Feiern und Hochzeiten werden Psalmen gesungen und gebeten. Sie wirken nicht altmodisch oder exklusiv fromm - auch bei Kibbuz-Feiern und nicht-orthodoxen Hochzeiten habe ich das schon erlebt. Ich weiß nicht, ob deutsche Christen sich zum Luthertext so selbstverständlich verhalten, obwohl der ja ein junger Hüpfer ist im Vergleich zum Urtext. Das jüdische Gedächtnis geht in Zeitschichten, wo wohl kein anderes Volk mithalten kann. Und das gilt nicht nur für Fromme.
Psalm 121, Shir ha-maalot, in der schönen Fassung von Josef Karduner.
Shir lama`alot. Esa einai el heharim:
me’ayin yavo ezriy?
Ezriy me’im A-onai,
ose shamaim ve’aretz.
Al yiten lammot raglecha
al yanum shomerecha.
Hineh,
lo yanum velo yiyshan shomer yisrael.
A-onai shomerecha
A-onai tsilecha al yad yeminecha.
yomam hashemesh lo yakeka
veyareach balailah.
A-onai yishmarecha mikol ra’ah
yishmor et nafshecha.
Adonai yishmar tsetcha ubo’echa
me’ata ve’ad olam.
Psalm 121
Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.
Woher kommt mir Hilfe?
Meine Hilfe kommt vom Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat.
Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen,
und der dich behütet, schläft nicht.
Siehe, der Hüter Israels schläft
und schlummert nicht.
Der Herr behütet dich;
der Herr ist dein Schatten
über deiner rechten Hand,
dass dich des Tages die Sonne nicht steche
noch der Mond des Nachts.
Der Herr behüte dich vor allem Übel,
er behüte deine Seele.
Der Herr behütet deinen Ausgang und Eingang
von nun an bis in Ewigkeit!



Wofür brauchen Ungläubige Psalmen?
Warum hören sich gerade Atheisten/Agnostiker gregorianische Gesänge (oder was entsprechend bezeichet wird…) an?
Aber ernsthaft - was ist schlecht an dem obigen Text? Wenn du dich besser fühlst ersetze Herr mit Mutter (viele biblische Texte leuchteten mir erst ein, als ich für “Gott” meine Mutter einsetzte, z.B. hat die Vertreibung aus dem Paradies eine gewisse Ähnlichkeit mit der Szene, als sie mich erstmalig im Bett mit jemandem erwischte
) oder auch “Natur” oder oder oder… irgendwie hofft doch jeder, daß der ganze Irrsinn irgend einer höhereren Weisheit folgt, nicht ganz und gar sinnlos ist…
Weil das lateinische Gemurmel unverständlich bleibt.
Gebete, die nicht erhört werden, zusammen mit verzerrter Realitätswahrnehmnung.
Aber ich glaube, Du hast meine Frage nicht verstanden.
Ich habe Lila da auch erst nicht verstanden. Aber es ist nicht die Rede von Ungläubigen, sondern von “nicht altmodisch oder exklusiv fromm “, bzw. “das gilt nicht nur für Fromme” - wobei *nicht fromm* nicht identisch ist mit *nicht gläubig*.
Sie schreibt nirgends, dass Atheisten Psalmen beten, so als Gimmick oder Folklore. Das fände ich dann allerdings auch recht albern und in Frage zu stellen.
Ach herrje. Shir ha maalot ist einfach so bekannt und beliebt, dass man es nicht nur als Gebet, sondern als Lied wahrnehmen kann. Einfach ein Teil der Kultur. Und diese Kultur hat eben sehr tiefe Wurzeln.
Ich prüfe nicht nach, ob Leute, die Psalmen beten, fromm sind. Aber ich habe schon absolut unfromme Leute Shir ha maalot singen gehört.
Ich habe gestern nacht noch einmal drüber nachgedacht, wie ich das aus Deutschland in Erinnnerung habe. Auch in der Mundorgel stehen fromme Lieder. Aber wer mit dem Christentum als solchem nichts am Hut hat, wird er sie auch singen? Ich weiß es nicht.
Und wer bist Du eigentlich, M, daß Du Juden das Recht auf Psalmen absprichst, die Teil ihrer Kultur sind, egal wo sie selbst persönlich stehen????? Meinst Du, Gott findet Deine Selbstgerechtigkeit besonders gut? Ich hab das irgendwie anders verstanden mit dem Balken und dem Splitter.
Lila,
und das hast du noch am Shabbes gesendet
Steht im Augsburger Bekenntnis nichts von
zufällig habe ich heute folgende psalm-zeile gefunden, die mir sehr gut gefällt:
“bakesh shalom veradfehu” [ps34:15]
http://www.bibel-online.net/buch/19.psalmen/34.html
das ist ein sehr schoener psalm. ich habe auch so ein kleines buechlein das mich fast ueberall hin begleitet. allerdings werden auch die siddurim handlicher
Also, ich fände es auch unpassend wenn jemand nur so aus Spaß an der Freud “Christ ist erstanden” sänge, mit Christentum ansonsten aber nix am Hut hätte - von der Auferstehung ganz zu schweigen ;-). Man sagt so “mit Essen spielt man nicht”, will sagen, manchen Dingen wohnt ein gewisser Ernst inne, den man nicht mutwillig ent”weihen” sollte. Ich persönlich sehe das mit Gebeten/ Psalmen auch so. Wenn ich nicht an den “Adressaten” glaube…
In der Tat liegt es in Israel etwas anders, weil es halt qua definitionem religiös ist. (Und m.W. so manchen Bürger nach Zypern zum Heiraten zwingt…) Die Diskussion, inwieweit Judentum (nur) eine Religion oder (auch) eine Volkszugehörigkeit ist (historisch, de facto, etc.), ist schwierig und sprengte hier den Rahmen.
Ich sehe, ich hab mich komplett unverständlich ausgedrückt.
Vergeßt es einfach.
“Ich sehe, ich hab mich komplett unverständlich ausgedrückt.”
Gar nicht, aber wenn man es mit Gewalt missverstehen möchte, dann hilft da kein Erkläurungsversuche.
Eran, verstehst Du mich?
In Deutschland singen zu Weihnachten auch Ungläubige “Christ ist auferstanden”. Aber wie alt sind Weihnachtslieder? Und wer singt sie als Ausdruck von etwas anderem als eben Weihnachten?
Andere religiöse Lieder werden von religiösen Menschen gesungen.
Und in Israel singt man Lieder, die so alt sind wie die Psalmen, und keiner denkt, oha Vorsicht, Frommen-Alarm. Als würde man in Griechenland die Leute abends Homer singen hören oder Pindar, ohne oha, Bildungs-Alarm.
In all dem modernen Israel, unter all den Menschen, denen das 19. Jahrhundert so fern liegt wie die Kreuzfahrer, ziehen sich Wurzeln durch, die geradewegs in die Zeit der Bibel führen. Die Sprache ist nicht veraltet. Die Bilder sind dieselben.
Aber ich hätte den Eintrag nicht mit dem Gebetsaspekt anfangen sollen. Hat die Leute auf die total verkehrte Fährte gebracht. Mea maxima culpa.
(Das hab ich übrigens geschrieben, nachdem mir auffiel, daß das Lied der Hit bei drei vollkommen säkularen Veranstaltungen war….)
Lila,
ich glaube aus dem gleichen Grund ist es auch Leute in Deutschland schwer zu erklären wieso man auch als Nichtreligiöser Mensch gegen die Gay-Parade in Jerusalem ist.
Ja, ich krieg es irgendwie nicht rübergebracht. Es ist aber auch sehr komplex. Es gibt ja wirklich politisch motivierte Gräben zwischen Religiösen und Säkularen, und zwischen tradtionsbewußten und hedonistischen Säkularen, und zwischen mehr religiösen Gruppen, als ich Farben im Haar hab. Jeder guckt den anderen ja so an, hm hm, was will der mir nun vermasseln oder vorschreiben?
Und darunter ist dann eben doch etwas Gemeinsames.
Kommt mir vor wie eine optische Täuschung, wo ich mal den Eskimo sehe (die tiefen Risse) und mal den Indianer (die tiefe Verbundenheit). Aber ich bin einfach nicht fit genug, das so zu erklären, daß man es versteht, wenn man noch nicht hier war.
Und wieso bist Du noch nicht schlafen gegangen??? Hier herrscht Arbeitslast be-ramot metorafot.
Das kriegt man glaube ich - auch nicht hin, eine Erklärung Ist das Religiösität, wenn ein Lied wie Shir lama`alot mich dazu bringt (positiv), “innig” zu werden (mir fällt kein anderes moderneres Wort ein)? Text und Musik wirken auf mich als Einheit und ich kann mich völlig auf beides einlassen und - es tut mir gut. Es läßt mich tief durchatmen, ein Gefühl wie gleichzeitig geborgen und durchgepustet - so wie “Avinu malkenu” einem Kraft gibt für die folgenden Stunden, um die Stille und das Fasten zu ertragen –
Iss doch erstaunlich, wie weitverbreitet Schlaflosigkeit ist….
die wenigsten Israelis, auch wenn sie sich “chilonim” nennen, sind Atheisten wie M. und Sheygetz sich sie vorstellen. Sie sind nur nicht orthodox.
Shir lama’alot kann ein religioes-spirituelles Erlebnis sein, gerade auch bei sog. “saekularen” Veranstaltungen.
Es gibt auch “moderne Psalmen”, wenn ich das mal so ausdruecken darf. Bei der Abschlussfeier sangen Kinder und Eltern gemeinsam: toda al col nashnata… Ich bin ziemlich sicher, dass das fuer die meisten Eltern zum persoenlichen Dankgebet wurde, fuer mich auf jeden Fall!
Ich finde das gar nicht ungewöhnlich, dass “Ungläubige” Psalmen singen. Hört man nicht auch hierzulande (Österreich) “Amazing grace” bei vielen Anlässen und aus dem Ö3 Hitradio und anderen “weltlichen” Sendern, ganz zu schweigen von Kaufhaushintergrundmusik. Ich war ganz seltsam andächtig berührt, als ich einmal im Supermarkt aus den Lautsprechern das Lied “So lasset uns anbeten, so lasset uns anbeten den König” hörte, wobei es sich in dem Lied ganz eindeutig bei dem König um den Sohn Davids, den Messias handelt.
Ich denke, dass in jedem Menschen eine Sehnsucht schlummert, solange er atmet, von seinem Schöpfer noch einmal ein unvergängliches geisliches Leben eingehaucht zu bekommen, auch wenn er mit seiner Vorstellung von Gott nichts anfangen kann. Und diese Lieder - eben auch dieser Text in dem hier vorgestellten Lied - berühren eine Saite der Seele - auch meiner Seele. Ganz besonders aber in einem Volk, dessen Idendität mit diesem Gott der Väter verknüpft ist. Das verstehe ich gut. Und es gefällt mir, dass dort die Psalmen zum “normalen” Leben dazugehören.
Vielleicht sollte man Shir Hamaalot so mal versuchen…
http://www.youtube.com/watch?v=-brM9gtbtXE
shir ha maalot seufzte ich gestern vor mich her ala ich aus dem schacharit kam, es war wieder jiskor. das ist nicht nur fuer mich immer eine schwere sache. aber wichtig fuer die seele und ein wichtiger bestandteil juedischen denkens. ich denke jiskor und schir ha maalot haben eine verbindung. trauer und - nein, nicht freude. trauer und - gewissheit auf haschem. gewissheit ist zwar ein ruhiges gefuehl aber sozusagen “nachhaltig” (um das modewort zu gebrauchen). der psalm spricht mir aus der seele und ich seufze und summe das lied vor mich hin wenn es mir nicht gut geht. ich finde die kommentare uebrigens immer noch interessant.