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Quergelesen Juni 11, 2007, 23:36

Posted by Lila in Land und Leute.
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Wieder mal hundert Sachen gleichzeitig im Kopf, tu aber nichts davon. Ist auch mal schön. Trotzdem hat sich eine Meldung in den Vordergrund gedrängt. Wenn ich meine Leser fragte, “welche zehn Länder sind die größten Waffenexporteure der Welt, und in welcher Reihenfolge - und wo steht Israel? wo Deutschland?”, dann würde das Ergebnis vermutlich nicht so aussehen.

Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri (Stockholm International Peace Reseach Institute) hat in seinem Jahrbuch 2007 eine Liste der größten Rüstungsexporteure der Welt für die Jahre 2002-2006 veröffentlicht:

Land 2002-2006 2006
1. USA 32,1 7,9
2. Russland 30,8 6,7
3. Deutschland 9,2 3,9
4. Frankreich 8,9 1,6
5. Großbritannien 4,5 1,1
6. Niederlande 3,2 1,5
7. Italien 2,6 0,9
8. China 2,1 0,6
9. Schweden 2,0 0,5
10. Israel 1,7 0,2

Alle Angaben in Milliarden US-Dollar.

Sollte mancher mal drüber nachdenken - daß das Geld, das Deutschlands Wohlstand sichert, unter anderem auch aus militärischer Technologie kommt, die dann wiederum in Krisenregionen verkauft wird…. gewissermaßen also sich die deutsche Wirtschaft Konflikte anderer zunutze macht, um Gewinn daraus zu ziehen. In der freien Marktwirtschaft erlaubt! Aber eine gute Voraussetzung zum Pazifismus-Predigen nach dem Motto: “WIR haben unsere Lektion gelernt!”? Nicht unbedingt. Es sei denn, die Lehre heißt: wenn du schon an Waffentechnologie verdienen willst, dann achte drauf, daß sie nicht im Haus neben dir gelagert oder benutzt wird. (Und dann gib den Panzern niedliche Tiernamen, dann merkt es keiner, daß es Panzer sind.)

Dazu paßt dann die nächste Meldung: Rüstungsausgaben, von derselben Stelle überprüft. Kann man noch sagen, Deutschland exportiert eben Waffen für die Wirtschaft, dann fragt sich, wofür braucht Deutschland denn so viele Waffen? Ehrlich, ich frag das nicht ironisch, ich kapier es wirklich nicht, aber vielleicht kann es mir ja mal einer erklären.

Die USA gaben im Vorjahr umgerechnet 396,2 Milliarden Euro für militärische Zwecke aus und standen damit allein für knapp die Hälfte der weltweiten Rüstungsausgaben. Danach folgten Großbritannien, Frankreich, China und Japan. Deutschland stand laut Sipri an sechster Stelle.

Gegen wen rüstet Deutschland? Gegen die Dänen, die Norddeutschland mit Pölsern zu beschießen drohen? Gegen die Käsköppe, die gedroht haben, alle Moffen ins Meer zu treiben?  Oder gar gegen die Schweizer, die unter dem Mäntelchen der Neutralität die Übernahme der Weltherrschaft tückisch vorantreiben? Kurz, es bleibt ein Rätsel.  Sechste Stelle, das ist wirklich eine Menge Geld und Waffen.

Weiterhin gelesen, und das erschreckt mich furchtbar:

Ungeachtet der neuen Waffenruhe ist es zwischen Hamas- und Fatah-Bewaffneten wieder zu Feuergefechten gekommen.

Neun Tote. Wie sollen wir je daran glauben können, daß eine Waffenruhe, geschweige denn ein Waffenstillstand oder gar ein Friedensvertrag auch eingehalten werden? Das ist zum Verzweifeln,  denn es benimmt uns jeden Spielraum. Diese Verzweifelung spiegelt sich auch in den Reaktionen auf Bradley Burstons Artikel über den neu präsentierten Friedensplan von Ayalon und Nusseibeh, den auch ich unterschrieben habe anno Knippschn. Burston bittet die Leser um Mit-Abstimmung. Ich würde gern PRO stimmen, denn der Plan legt fest, was ich für eine faire Lösung halte, grundlegend (auch wenn die Frage bleibt: warum Palästina ratzeputz ethnisch reinigen? wir haben hier doch auch eine arabische Minderheit…). Vorschläge und Kommentare lassen tief blicken, tiefer, als man es manchmal wissen will…

Aber die Frage der Umsetzbarkeit ist quälend. Im Moment scheint es nicht zu gehen. Ich mag aber auch nicht ABSTAIN oder CONT dazu sagen, denn ich bin ja prinzipiell dafür und finde, es ist die richtige Richtung.  Keine leichte Wahl.

Und dann fielen meine wirklich schon sehr müden Augen auf einen Artikel über die Menschenrechtskomission der UN.  Ya chabibi, da hat aber jemand mal die Wahrheit hingeschrieben, und es tut gut, sie zu lesen. Zu viele Leser erschrecken, wenn sie Kritik an der UN hören, weil sie zwischen hehren Idealen und schnöder Umsetzung nicht unterscheiden. Aber der “Bias” dieser Lachtruppe ist einfach unverkennbar und durch nichts zu rechtfertigen.

Zwei Beispiele für die verfahrene Situation im Rat: Die Staaten der Dritten Welt, die eine große Mehrheit haben, verurteilten in diesem Jahr gleich dreimal per Resolution das Vorgehen Israels im Libanon und in den Palästinensergebieten. Anträge der Europäer, auch palästinensische Aggressionen mit einzubeziehen, wurden abgelehnt. Als einziges Land wurde Israel gerügt. Vor dem Hintergrund, dass die USA im mächtigen UN-Sicherheitsrat jede kritische Resolution gegen Israel mit ihrem Veto unterbinden, kann man sich des Eindrucks einer “Rache” nicht erwehren.

Die westliche Ländergruppe im UN-Menschenrechtsrat war in diesem Jahr hingegen Hauptverfechter einer starken Resolution gegen den Völkermord in der sudanesischen Provinz Darfur. Doch diese wurde vehement von der afrikanischen Gruppe bekämpft, so dass im April nach langem Gezerre nur eine wachsweiche Resolution entstand. Diese drückt zwar die “tiefe Besorgnis” über die Verstöße gegen die Menschenrechte aus, nennt jedoch keine Täter und verschont die sudanesische Regierung in Khartum von direkter Kritik.

Wirklich, angesichts der Tatsache, daß die Flüchtlinge aus dem Sudan dann bei uns, den größten Menschenrechts-Verbrechern der Welt!, Zuflucht suchen, das hat schon was von einer Pointe, die das Leben eigentlich nicht geschrieben haben kann. Es stimmt aber. Und ich habe schon Leser gesehen, die mir empörte persönliche Briefe geschrieben habe, daß ich den edlen Koffi Anan schmähe. Na, der ist es ja nun nicht mehr…. als ob das an einem Menschen hinge.  Aber absurd ist es schon, wirklich. Kol ha kavod für die ARD-Website-Fritzen, daß sie das mal offen hingeschrieben haben.

Puh, ich bin so müde, mir tut der Kopf weh. Ich wünsche mir, daß die Welt morgen schöner ist, daß die Nachrichten besser und die Augen schmerzfrei sind.

Danke allen Lesern, die mir auch in schreiblosen Zeiten treu bleiben und sogar kommentieren! Ich schätze das sehr.

Grämliche Gattin Juni 11, 2007, 0:14

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
35 comments

Als ob ich es nicht schwer genug hätte… der neue Posten meines lieben Mannes bringt es mit sich, daß ich nun als Gattin fungieren muß. Bisher habe ich mich davor gedrückt, so gut ich konnte, bei Fabrik-Einladungen als einzige Nicht-Fabrik-Mitarbeiterin am Tisch zu sitzen (die meisten Kollegen Y.s haben Frauen, die ebenfalls dort arbeiten) und zuzuhören, wie der verstopfte Monsanto-Filter ihnen zu schaffen gemacht hat. Nur Armee-Abende sind schöner! Wenn alle Schlachten noch mal geschlagen werden. Aber da kontern die Gattinnen dann mit der Schlacht im Kreißsaal. Also, ich habe da schon öfter gekniffen, und wenn die Hundertschaften zusammentreffen, fällt das gar nicht auf.

Doch nun ist Y. in so erlaucht kleinem Kreise angelangt, daß es auffallen würde, wenn ich mich drücken wollte. Zum Management-Abend ging ich also klaglos mit. Der neue Fabrikchef, mit dem Y. sehr gut zusammenarbeitet, hat einen fröhlichen Abend in einem Weinrestaurant in Zichron versprochen. Ach je, leider eigne ich mich für fröhliche Abende absolut nicht. Ich bin der sprichwörtliche Sauertopf auf der Karnevalssitzung, ich hab im Leben noch nicht geschunkelt, ich singe nicht, ich verbrüdere mich nicht, ich kann nicht so tun, als wäre ich in Mitklatsch-Ekstase, es geht nicht. Der gesamte erste Teil des fröhlichen Abends, das “öffentliche Mitsingen”, ging also glatt an mir vorbei. Auf Ivrit nennt man das “Geräusche wie ein Teppich machen”.

Dabei mache ich das auf den Mitsing-Abenden im Kibbuz eigentlich gerne. Aber da ist die Musik auch besser, Gitarre und Klavier…. ich kann diese Rhythmuswurst-Karaoke-Stimmung, diese laute Musik vom Band nun mal nicht ab. Alle anderen waren entweder unempfindlicher als ich oder bessere Schauspieler. Außerdem kannten sie natürlich die Lieder alle viel besser als ich. Alle schmetterten also drauflos, von einem Vorsänger angefeuert, und das endlos! Dann gab es Essen, Wein ja sowieso, und dann wurde getanzt.

Müde und kaputt wie wir waren, haben wir natürlich trotzdem getanzt. Der neue Chef und seine Frau tanzen ausgezeichnet, man sieht doch sofort, wo ein Ehepaar gut aufeinander eingespielt und mit echtem Spaß an der Sache dabei ist. Sie hatten also einen fröhlichen Abend, ohne Zweifel. Na ja, mit Y. tanzen macht Spaß, er ist ein ausgezeichneter Tänzer, meine Stärke ist das nun mal nicht. Es war aber auch eine so bunte Musikmischung, daß nur die wackersten Tänzer alles mittanzen konnten. Wir waren so Mittelfeld. Aber insgesamt war die Stimmung bei uns so gut, daß Koch und andere Gäste gucken kamen, wer da so laut grölt und wild durch die Gegend pogt und wogt. Das waren wir, na ja, alle außer mir.

Ich mag gern chnun-Abende: Konzerte, Vorträge, Podiumsdiskussionen, Vernissagen. Das kann ich, da fühl ich mich wohl. Es ist mir richtig peinlich, wie ich bei so einem fröhlichen Abend einfach versage und wie Zappelphilipps Mutter stumm auf dem Tische herumschaue. Gräßlich. Bestimmt sagen jetzt die anderen Frauen zueinander: armer Y., was hat er auch so eine radieschentrockene Deutsche geheiratet, die nicht mitfeiert. (Slang: yevesha-kmo-znon). Y. meint dazu nur, ich spinne. Auch andere Leute haben nicht alle Lieder mitgeschmettert, und niemand MUSS mitsingen, und bestimmt bemitleidet ihn niemand. Na ja, vielleicht hat er ja Recht?

Letztendlich war es dann aber doch noch nett, mal ein Abend “draußen”, und wir sind jetzt müde ins Bett geplumpst. Morgen wieder - Arbeit. Gut, daß das Wochenende so still war. Ich warte schon aufs nächste.